Ist unsere Gesellschaft prüder geworden?

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      Prüderie hat es wahrscheinlich immer gegeben, nur hat sich der Inhalt dessen, was man unter diesem Begriff subsumiert im Laufe der Zeit stetig verändert.

      Was ich allerdings zunehmend wahrnehme, ist dass alles "rundgelutscht" wird, damit sich niemand angegriffen fühlt (Sam the Eagle aus der Muppet Show würde wohl von "Namby Pamby Liberale" sprechen :D )

      Der Gegenentwurf, die "politically incorrectness" ist dabei allerdings von der politisch Konservativen besetzt, so dass ein jeder selbst entscheiden mag, ob man diesen Begriff für sich nutzt.
      "You gotta Hank it. You can't sip whiskey, gotta drink it. If you wanna keep your woman, gotta spank it..."
      (Justin Moore : "Hank it" 2009)
      Also ich sehe das ähnlich wie @LittleSub :

      Die "formalen" Diskriminierungen werden tatsächlich abgebaut, aber dafür sind etliche neue im Sozialleben eIngeführt worden.

      Gestern war ich auf dem schwul-lesbischen Stadtfest (Offenheit!) aka Motzstraßenfest, hier in Berlin und mußte feststellen, daß die "auffälligen" Gestalten (Männer in Chaps, Nackte Oberkörper, freizüige Kleidung, etc) deutlich weniger auftreten wie vor 5 Jahren.
      Ein Gespräch beim gemeinsamen Stand der SMJG/BDSM-Berlin e.V. (<35 Jahre, oft mit Uni-Hintergrund) hat mir auch gezeigt warum ich vieles als prüder empfinde. Vieles was ich in meiner Jugend noch als normales "Kabbeln" zwischen Jungs und Mädels erlebt habe (Durchkitzeln, spaßhaftes Balgen, etc) wird heute von der Altersgruppe als "übergriffig" und "unanständig" bewertet. - Es sei denn, man macht BDSM und hat vorher darüber gesprochen... dann darf man sowas machen.

      Gleichzeitig wurde ein Stand der Quälgeister e.V. (ehemals rein schwuler SM-Verein) von BDSMlern als "unmöglich!" bezeichnet, weil die tatsächlich wie auch in all den letzten Jahren, Männer in Leder-Klamotten an einen Pfahl gebunden haben oder einen anderen Menschen in Ganzkörper-Leder- oder -Latexoutfit in einem kleinen Rollkäfig über das Fest gekarrt haben.

      Hingegen habe ich mich wieder über die Eltern gewundert, die ihre 3-5 Jährigen Kids auf dem Stand von Sling-King zwischen zwei riesigen Teddys in Leder-Harness bzw Bikini photographiert haben ... fehlte nur die namensgebene Sling.

      Und was die Diskriminierung von Schwulen und Lesben angeht ... ich bin in einem dediziert schwul-lesbischen Sportverein und da gibt es noch so einiges, bis hin zum Ausschluß von Wettkämpfen. Klar, die Begründung wird hinterher dann irgendwie verändert, daß es eben nicht als homophobe Diskriminierung ausgelegt werden kann. Für die betroffenen Sportler*innen ist es aber trotzdem unerfreulich am Wettkampftag zu hören, ihr dürft nicht mitmachen!

      Nachtrag:
      Nächster Punkt CSD - früher waren das eine Veranstaltung von sexuellen Randgruppen um auf sich aufmerksam zu machen. Heute ist es ein Loveparaden-Ersatz. Ist das nun "Offenheit", weil alle am CSD mitmachen (incl. Kirchen, Bundeswehr und Konzerne) oder wieder ein Verdrängen der Randgruppen, deren Belange doch eigentlich öffentlich gemacht werden sollten?

      Nachtrag II:
      Ehe für alle ... sehr interessant, daß etliche homosexuelle Päarchen die Schnautze davon voll haben: Sie werden jetzt nämlich auch dauernd gefragt: "Und wann wollt ihr denn Heiraten, ihr seid ja auch schon so lange zusammen!" - ein eigentlich aus deutlich prüderer Zeit kommender Gedanke, daß man nur als verheiratetes Pärchen anständig zusammen sein darf. (Und was machen de Polys jetzt !?)

      Okay, sorry, jetzt laß ich die Nachträge aber wirklich sein ;)
      Nicht Sieg sollte der Zweck der Diskussion sein, sondern Gewinn.
      - Joseph Joubert (1754 - 1824), französischer Moralist

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Moon-Beast ()

      Es ist schwierig sich mit diesem Thema zu beschäftigen ohne das Politische zu streifen, aber ich versuche es mal:

      Die Gesellschaft hierzulande hat sich seit der 68er Bewegung immer in eine progressive Richtung entwickelt und in den letzten 50 Jahren somit auch eine grundlegende gesellschaftliche Transformation in Richtung Offenheit und Toleranz erreicht, von der wir alle gerade profitieren. Grundsätzlich würde auch nichts dagegen sprechen, dass die Gesellschaft sich noch weiter öffnet, nicht nur um mit Sexualpräferenzen wie BDSM offen und tolerant umzugehen, sondern auch um wirkliche gesellschaftliche Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herzustellen, da fehlt nämlich noch einiges.
      Ich sehe es bei der derzeitigen Lage aber kritisch, ob sich die grundsätzlich positive Entwicklung der letzten Jahrzehnte aufrechterhalten lässt, da momentan eine Art gesellschaftliche Aufspaltung stattfindet. Die allgemeine Offenheit bringt in ihrem Windschatten eben immer auch Gegenbewegungen mit sich, die sich mit der vorgelebten Toleranz nicht mehr identifizieren können und sich zunehmend davon distanzieren. Diese neue Intoleranz sieht man in allen gesellschaftlichen Schichten, Millieus und Ethnien. Das hat unterschiedlichste Ursachen über die man sicherlich lange diskutieren könnte. Die langfristigen Folgen zeigen sich bei uns zur Zeit zum Glück noch nicht, aber das wird auch an unserer Gesellschaft leider nicht spurlos vorbei gehen befürchte ich.
      Ich stimme @Spawn in weiten Teilen zu.
      Ich glaube, dass wir bereits über den "Gipfel" der Toleranz hinaus sind, und das nun ein ziemlich heftiger Backlash einsetzen wird, bzw. bereits eingesetzt hat.
      Wahrscheinlichkeitsfaktor 1 zu 1. Wir haben Normalität erreicht, ich wiederhole, wir haben Normalität erreicht. Alles, womit Sie jetzt noch immer nicht fertig werden, ist folglich Ihr Problem.
      Frei nach dem Motto "Sex sells" sieht man definitiv mehr Nacktheit oder sexualisierte/erotische "Dinge" im medialen Bereich und Werbung. Ohne auch wenn Pornos und was nicht alles im Nezt für alle verfügbar ist, das hat nichts mit öffentlicher Prüderie zu tun. Die meisten arabischen Länder sind ja sehr streng was die öffentliche Verhaltensweisen von Frauen angeht - haben aber den höchsten Pronokonsum. Von daher könnte das eher zeigen: Je mehr Leute sowas Online konsumieren, desto weniger können sie es real ausleben.

      ABER

      Ich bin der Ansicht, dass viel mehr in Richtung von "sowas darf man nicht" "schau da nicht hin " - Verhalten stattfindet. Vielleicht sind die Verhaltensmuster vielfälttiger geworden, dass bspw. homosexuelle Paare sichtbarer sind und vllt. so es mehr gibt was öffentlich gezeigt wird als es in meiner Jugend der Fall war. Aber wir waren "sexier" angezogen. Töcher als Teens Bilder von mir in der "Kleidung" sahen, dann wäre man heute gleich die Schulhofschlampe oder sowas. Ich meine auch das sexuelle Aktivitäten bei uns weitaus offener waren als es heute der Fall ist.

      Jedenfalls in meinem Lebensumfeld haben sich Prüderie und Konservatismus, auch wenn es nur geheuchelt ist, weitaus mehr durchgesetzt als ich es als junge Erwachsene noch für möglich gehalten habe.
      Ich habe ein Problem mit dem Wort Prüde

      Du bist ja prüde- kam von dem Teenager, wenn ich nicht bereit war, sich um sein hormonelles Problem zu kümmern.

      Du bist ja prüde- kam von einem- ex-Freund meines Mannes, als ich es ablehnte, dass er meine körperlich recht frühreife
      11 jährige Tochter nackt fotografieren wollte. Wohl gemerkt, er war wirklich ein Künstler, ich hab ihm mit Badeanzug vorgeschlagen-
      nein, Akt musste es sein.
      (Mein Haus hat er danach nie wieder betreten)

      Ich hatte nie Probleme mit meinem Umfeld. Egal, ob ich in den 80ern meine Freundin öffentlich küsste, oder ob ich
      nun dazu stehe Mann und Freund zu haben. Ok, beruflich oute ich mich nun nicht wirklich als Domina.

      Töchterlein startet ihre Beziehungen prinzipiell als Friends with benefit. Sie lebt in einer Poly Beziehung.
      Ich hab ziemlich geschluckt- scheint aber so, also ob ich es ihr vorgelebt habe, dass so etwas funktioniert.

      Ich hab die Erfahrung gemacht, wenn ich wirklich zu meiner Neigung und zu meinem Lebensstil stehe,
      akzeptiert es mein Umfeld.
      Es gibt aber auch ein Umfeld, bei dem ich es gar nicht will, dass es alles über mich weiß.

      Also- nein, ich finde nicht, dass die Gesellschaft prüder geworden ist.
      Kann aber sein, dass es mir so vorkommt, weil es mir in vielen Dingen schlicht egal ist, wie man über mich denkt.
      Ich finde es schwierig, da ein allgemeines Urteil abzugeben. Ich denke die Gesellschaft ist vielleicht generell offener geworden und ist toleranter gegenüber den unterschiedlichen (legalen) Sexualpraktiken. Dennoch würde ich sagen, dass es davon abhängt, wie die Umgebung einen beeinflusst. Da spielen sowohl Eltern als auch Freunde eine große Rolle. Ich sehe das so, dass es sowohl früher als auch heute beide Fraktionen gab/ gibt. Früher wurde da nur nicht in aller Öffentlichkeit drüber gesprochen, heute dagegen kann jeder zu jeder Zeit darüber reden.

      Erstaunlicherweise kann ich beispielsweise mit meiner Großmutter offener über solche Themen sprechen als mit meiner Mutter, obwohl meine Großmutter eindeutig die konservativere ist. Was also sagt das aus?

      Irgendwie kann ich das nicht so richtig ausdrücken was ich sagen will, aber ich hoffe ihr versteht was ich meine :)
      Teilweise problematisierender.

      Einerseits der unsägliche (und ideologisch aufgeladene) Begriff der "Sexsucht", der bereits völlig normales, promiskes Verhalten pathologisiert*. Auf der anderen Seite eine Art "Kulturkampf", der gerade an den Fronten "Gleichstellung in Sachen Ehe" und "Sexualkunde" stattfindet und von der sex-negativen Seite her mit einer ausgeprägten Verachtung gegenüber den Bedürfnissen des Individuums geführt wird.

      Eine neue Prüderie vermag ich hier jetzt nicht unbedingt auszumachen, mir ist aber, aus meiner Vergangenheit als säkularer Aktivist, durchaus eine Zunahme der Lautstärke auf der Seite derjenigen aufgefallen, die der menschlichen Sexualität alte Fesseln wieder neu anlegen möchten, darum fällt auch die Minderheit der "kein Sex vor der Ehe"-Anhänger auch mehr auf, als es ihnen, rein zahlenmäßig, zustehen würde.

      Andererseits aber muß ich sagen, daß ich, als sehr offen nicht-monogam lebender Mensch, der auch aus seinen (sex-positiven) Vereins- und BDSM-Tätigkeiten kein Hehl macht, kaum noch Ablehnung erfahre, eher Neugier und "für mich wäre das nichts, aber ich versteh schon den Reiz".

      Die grundsätzliche Idee der Prüderie ist ja, um es mal mit sex-positiven Begrifflichkeiten auszudrücken, daß jeder Mensch als "gray" bzw. hart "demisexuelles" Wesen leben sollte und muß - und die Legitimation für sexuelle Handlungen, je nach Geschmacksrichtung, Ehe oder Ehe mit Kinderwunsch zu sein hat.

      Daß hier natürlich auch ein Unverständnis gegenüber verschiedenen Spielarten der Sexualität (ich denke da vor allem an Outercourse, der sich ja auch, beispielsweise, hervorragend mit der Kalendermethode kombinieren läßt), nicht als Argument von der "anderen Seite" verstanden wird, das hatte ich bereits mal in einer Diskussion in einem katholisch "inspirierten" NFP-Forum, ist auch schon wieder ein paar Jahre her.

      Dahinter steckt dann eh noch was anderes auch - aus meiner Sicht ist das mit der sexuellen Repression ein Versuch, die sexuellen, emotionalen und intimen Bedürfnisse des Menschen wie eine "Waffe" gegen ihn zu richten, mittels einer rigide-repressiven Moral, auf daß er sich, den Herrschenden und Mächtigen gegenüber, als bewirtschaftbares, sattes, sauberes und stilles Konsum- und Reproduktionsschaf andienen möge.

      Gut, ich räume natürlich ein, daß es hier Abstufungen und auch andere Frames gibt, die da dahinter stecken - nur stelle ich mir hier zuerst mal die zentrale Frage: cui bono?

      *Nachtrag: ja, es gibt sicherlich eine Verhaltensstörung, die als Sexsucht manifestiert, daran habe ich keinen Zweifel. Aber daß in den USA bereits Menschen, die halt ein paar Partner im Jahr haben, als "sexsüchtig" pathologisiert werden, das ist das, was ich meine mit meiner Kritik an dem Begriff. Man hat halt nicht immer eine (oder mehrere) fixe Partnerschaft(en) - und trotzdem ist man nicht aus Holz. Zumal der heutige Mensch, wenn er die pubertären Engführungen hinter sich gelassen hat qua Reifungsprozess, durchaus kompetent aufzutreten vermag in diesen Dingen. Gegeben ein fruchtbares Umfeld, man verzeihe mir die Doppeldeutigkeit.
      "In der Liebe suchen die Meisten ewige Heimat. Andere, sehr wenige aber, das ewige Reisen."
      (Walter Benjamin)

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