Tepui

      „Es gibt viele Mägde. Sie werden mich bald vergessen haben,“ sage ich und schaue zu Boden.



      Er fährt mir sanft übers Haar, dann küsst er mich.



      „Behalte mich!“ sage ich impulsiv.



      „Nein!“ antwortet er entschlossen. „Es ist seltsam. Ich bin stark und entschlossen, habe wenige Kämpfe verloren und bekleide einen Rang. Trotzdem vermagst du, eine einfache Magd, mich mit einem Lächeln und einer Träne zu erobern.“



      „Nein, Senor,“ wage ich zu widersprechen.



      „Du verstehst, was ich meine!“ sagt er.



      „Eine Magd bedarf keiner Erklärungen. Ihre Aufgabe ist es, zu gehorchen,“ gebe ich zur Antwort.



      „Siehst du!“ sagt er ärgerlich. „Du machst mich schwach! Du bist so anders als alle anderen!“



      „Dabei bin ich nur eine Magd. Behandle mich auch so, Senor!“



      „Ein Wächter muss hart durchgreifen können.“



      „Dann tun Sie es!“ sage ich.



      „Du möchtest erobert und besessen werden, nicht wahr?“



      „Ja, Senor,“ antworte ich schlicht.



      Er richtet sich neben mir auf, macht seine Wirbelsäule gerade.



      „Wie sehr du meine Schwäche verachten musst!“



      „Ja, ich verachte Ihre Schwäche,“ sage ich und schaue ihm in die Augen.



      Er blickt mich zornig an.



      „Ich liebe Sie!“ ergänze ich.



      „Ich bin ein Waffenträger. Ich darf nicht schwach sein!“



      „Trotzdem sind Sie schwach!“ meine ich.



      „Inwiefern?“



      „Sie wollen mich ja gar nicht verkaufen,“ sage ich. „Trotzdem tun Sie es.“



      „Ich will dich verkaufen!“



      „Sehen Sie mich an, Senor! Was wollen Sie wirklich mit mir tun?“



      „Dich verkaufen!“



      „Nein!« widerspreche ich. „Sie wollen mich bei sich haben. Ich soll zu Ihren Füßen sitzen. Sie wollen mich nicht verkaufen. Sie wollen sich gewisse Gefühle nicht eingestehen, die sie im Zusammenhang leuchtender und duftender Blüten befallen, aber gegenüber ihrer persönlichen Magd nicht sein dürfen?“



      Er sieht mich stirnrunzelnd an.



      „Nein, Sie wollen mich besitzen!“ rufe ich verzweifelnd.



      „Ja!“ sagt er zornig.



      „Dann nehmen Sie mich an ihre Kette!“



      „Nein.“



      „Dann verkaufen Sie mich,“ flüstere ich resigniert.



      Er betätigt den Türgong.



      „Ich hatte Don Ernesto tu Kak Aute für stark gehalten!“ klage ich. „Ich hatte gedacht, er wäre ein wahrer Herr. Ich hatte angenommen, er besitze die Kraft, einer Frau zu widerstehen ­ aber er schafft es nicht, mit einer Magd wirklich das zu machen, was er will.“



      Von der anderen Seite der Tür nähern sich Schritte, und gleich darauf wird uns geöffnet.



      „Ich möchte eine Magd verkaufen,“ sagt Don Ernesto.



      Wir treten ein und befinden uns in einem großen Raum mit Zementboden. Ein gelber Kreis ist auf die Fläche gemalt. Hinter einem kleinen Tisch sitzt ein Mann.



      „Gebt mir fünf Silberstücke für sie,“ sagt mein Senor.



      „Ein Silberstück,“ meint der Mann nach eingehender Untersuchung.



      „Zwei,“ antwortet mein Senor.



      „In Ordnung,“ sagt der Mann lächelnd und greift in den Kasten vor sich.



      Don Ernesto macht abrupt kehrt und verlässt Don Manuel. Ich knie allein im gelben Kreis.



      *



      Beim ersten Verkauf ist es immer am schlimmsten. Dennoch bleibt sicher auch beim zweiten oder dritten Mal ein Rest von Unbehagen und Nervosität. Das Schlimmste ist vermutlich die Ungewissheit, wer von den zahlreichen Besuchern der Auktion die Magd erstehen wird. Ich werde angestrahlt, vorgeführt und von der besten Seite gezeigt. Neben mir steht der Auktionator mit seiner Peitsche und ich gebe mir die größte Mühe. Ich bin nichts Besonderes, nur eine von vielen Mägden, ein bisschen mehr oder weniger hübsch vielleicht als andere. Ich hebe den Kopf im Fackellicht.



      Das erste Gebot kommt. Ich versuche an der Stimme zu erkennen, was für ein Mann sich da wohl um mich bemüht. Dann kommt das nächste Gebot. Ich lächele in die Menge, wende mich, gehe ein paar Schritte, hebe die Arme, knie nieder und befolge die Anordnungen des Auktionators, die darauf abzielen, die Vorteile der Magd herauszustellen. Die Furcht vor der Peitsche des Auktionators beflügelt die Sinne.



      „Du, Magd!“ sagt der Mann.



      „Ja, Senor,“ antworte ich.



      „Kennst du das Ritual des Verkaufs?“ fragt er.



      „Ja, Senor,“ bestätige ich ihm.



      Noch in der Schule hat man ausgiebig mit uns geprobt. Bei einer Auktion wird nichts dem Zufall überlassen. Ich habe mich mit Make-up herrichten dürfen und bin mit anderen Mägden vorhin schon in Ausstellungskäfigen den interessierten Kunden vorgestellt worden.



      Ein Gong ertönt.



      „Die Auktion hat begonnen!“ sagt er.



      Die erste Magd wird gerufen. Ich sitze auf der schmalen Bank im Gang vor der Auktionshalle. Ich trage ein raffiniert geschnittenes grünes Seidengewand, das dazu bestimmt ist, mir Stück für Stück in einer genau festgelegten Reihenfolge vom Leib gerissen zu werden, bis im entscheidenden Stadium das Abreißen der letzten Fetzen das Interesse und die Lüsternheit der Bietenden noch einmal steigern soll.



      „Eins aufrücken!“ hören wir nun.



      Wir gehorchen.



      Unter den Mägden, die heute zum Verkauf stehen, gibt es ein Pärchen an der Kette, eine Sängerin und ihre Lautenspielerin. Die Verkäufe beginnen am frühen Abend. Wenn nicht etwas Besonderes angeboten wird, läuft die Auktion gewöhnlich ziemlich langsam an. Das Publikum ist noch nicht vollzählig und die letzten Plätze füllen sich meistens erst im Verlauf der zweiten Stunde. Gegen Ende der Auktion lässt das Interesse wieder nach und die ersten Besucher brechen auf. Wir rücken immer weiter auf. Inzwischen kann ich die Rufe des Auktionators relativ gut verstehen und höre auch einzelne Zurufe aus der Menge. Das Ende des Ganges rückt näher.



      Mein Make-up wird inspiziert und noch verbessert. Dann werde ich aufgefordert, auf die Verkaufsbühne zu gehen. Ein Mann nimmt mir den Halsreif ab und schickt mich weiter. Jetzt kann ich die Leute sehen, die der Auktion beiwohnen. Die Erregung auf den Rängen erschreckt mich.



      „Hier scheint uns jemand etwas Besonderes geschickt zu haben,“ sagt der Auktionator laut und deutet mit seiner Peitsche auf mich. „Die Umrisse lassen hoffen, dass sie hübsch gewachsen ist.“



      Er blickt in die Menge.



      „Wollen wir uns das einmal näher ansehen?“ fragt er die Leute.



      Das Publikum brüllt. Ich habe Angst.



      „Wir wollen mal sehen,“ fährt der Auktionator fort.



      Er hebt einige Seidenbahnen hoch, die mein Gesicht verdecken. Ein Murmeln der Bewunderung geht durch die Menge. Ich bin eitel genug, mich darüber zu freuen.



      „Ein liebliches Gesicht,“ verkündet er, „weiblich, weich, verwundbar, ausdrucksstark. Man kann darin lesen wie in einem Buch.“



      Er zuckte die Achseln.



      Ich schiebe das rechte Bein vor, hebe es an, spreize die Zehen, drehe die Hüfte. Langsam nimmt er mir eine Seidenbahn nach der anderen ab.



      „Ein hübsches Geschöpf,“ preist er mich an.



      Die Menge ist plötzlich seltsam ruhig und angespannt. Der Auktionator beginnt zu zittern. Es wird nicht geboten. Ich verstehe das Ganze nicht. Wir vollenden die vorgesehene Vorstellung nicht, die ohnehin weitgehend vom Publikum abhängt. Deren Reaktion bestimmt die Ereignisse auf der Bühne. Der Auktionator entfernt das letzte Stück Stoff von meinem Körper, doch ohne Schwung, ohne große Schau.



      „Dies ist die Frau!“ ruft er in die Menge. „Wie lautet das Gebot?“
      Niemand meldet sich.



      „Seht!“ ruft eine Stimme im Publikum.



      Die Menge verdreht die Köpfe. Der Auktionator und ich starren ebenfalls empor. Oben am Portal zum Mittelgang steht ein Krieger in altertümlicher Rüstung und voller Bewaffnung. Genauso wie man sie beim Liebeskrieg in der Arena erblicken kann. Er spricht nicht. Er hat Schild und Speer gehoben. Über seiner linken Schulter hängt das Schwert in seiner Scheide. Er hat den Helm aufgesetzt.



      „Senor?“ fragt der Auktionator mit unsicherer Stimme.



      Der Krieger schweigt. Der Auktionator deutet auf mich und lenkt damit die allgemeine Aufmerksamkeit von der eindrucksvollen Gestalt des Kriegers ab.



      „Was wird geboten?“ ruft er laut.



      In diesem Augenblick beginnt der behelmte Krieger den Gang herabzusteigen. Wir sehen ihn näher kommen. Dann betritt er die Treppe zur Bühne hinauf. Sekunden später steht er neben dem Auktionator. Er schlägt mit dem Schaft des langen Speers auf den Holzboden.




      „Ich erhebe Anspruch auf diese Magd!“ ruft er laut.



      Er dreht sich zu mir um und ich knie nieder. Vor Angst das Bewusstsein zu verlieren, bringe ich keinen Ton heraus. Dann spricht er wieder zu der Menge.



      „Ich fordere diese Frau! Für sie kämpfe ich gegen ganz Kak Aute, gegen die ganze Welt!“



      „Ich liebe dich, Don Ernesto!“ rufe ich aus.



      Tränen schießen mir in die Augen.



      „Niemand hat dir erlaubt zu sprechen!“ ruft der Auktionator und hebt die Peitsche leicht an.



      Mein geliebter Senor stellt sich dazwischen.



      „Sie schlagen sie nicht!“ sagt er im Befehlston.



      „Nein, Senor!“ antwortet der Auktionator und weicht einen Schritt zurück.



      „Ich fordere diese Magd!“ ruft der Senor ins Publikum.



      Es kommt keine Antwort. Dann steht ein Mann auf und applaudiert. Gleich darauf folgen ein zweiter und ein dritter und ein vierter. In Sekunden ist die ganze Menge auf den Beinen und jubelt als hätte sie einer gelungenen Theatervorstellung zugeschaut. Don Ernesto steht ruhig auf der Bühne, den großen runden Schild am linken Arm, den zwei Meter langen Speer in der rechten Hand.



      „Sie gehört Ihnen, Senor,“ sagt der Auktionator mit hängenden Schultern.



      Voller Freude knie ich zu Füßen meines Senors.



      „Ich möchte nicht, dass du an der Magd Verlust machst,“ sagt mein Herr nun zu dem Auktionator. „Hier ist etwas, das eure Kosten für die Magd deckt.“



      Ich höre einen schweren Metall gefüllten Beutel auf die Dielen des Blocks fallen.



      „Das Haus ist dir dankbar, Senor!“ ruft der Auktionator.



      Er öffnet die Schnur des Beutels und stösst einen Freudenschrei aus. Mit sicheren Fingern zählt er die Münzen.



      „Hundert Silberstücke!“ ruft er.



      Die Menge ist begeistert. Ich weine vor Freude. Ich habe nicht geahnt, dass ein Mann sich so sehr nach einer Frau sehnen kann. Als ich nun den Kopf drehe und in seine Augen blicke, durchfährt mich ein Angstschauer.



      Ich erkenne, dass er trotz allem ein Herr im gorean Lifestyle ist. So sehr er mich auch begehren mag ­ für ihn bin ich nichts weiter als eine Magd. Wie seine Gefühle für mich auch aussehen mögen, er will nichts weiter als mich zu seinen Füßen haben. Er wird der Herr sein, ich die Magd, uneingeschränkt.



      *



      Ich serviere ihm Wein. Auf sein Zeichen hin breite ich das Lammfell auf der Bodenmatte aus. Im Raum brennt eine einzige kleine Lampe. Ich lege mich auf das Fell. Er zieht sich aus und hockt sich neben mir nieder. Ich sehe, dass er sich kaum noch zurückhalten kann.



      „Ich gehöre dir,“ flüstere ich und hebe die Arme. „Nimm mich.“



      „Ich empfinde für dich,“ sagt er zögerlich.



      „Seid stark, Senor,“ flüstere ich. „Ich möchte Sie nicht herausfordern oder bekämpfen, ich möchte Sie nur lieben. Ich möchte Ihnen alles geben, ohne etwas zurückzuhalten.“



      Er blickt mich an.



      „Versteht Ihr nicht, Senor?“ frage ich. „Hätte ich die Wahl, würde ich mich dafür entscheiden, deine Magd zu sein.“



      Ich habe erfahren dürfen, dass eine Frau immer wieder die Wahl zwischen Freiheit und Liebe hat. Beides sind lobenswerte Tugenden. Möge jede sich so entscheiden, wie sie es für gut hält.



      „Aber ich lasse dir keine Wahl,“ meint er.



      „Natürlich nicht, Senor. Sie sind ‚Goreaner‘.“



      „Vielleicht verkaufe ich dich doch wieder.“



      „Sie tun, was Sie tun müssen, Senor.“



      Mit zorniger Gebärde berührt er mich.



      „Wie ich sehe, wollen Sie streng mit mir sein, Senor,“ sage ich.



      „Was für ein Dummkopf bin ich doch, dass ich für eine jämmerliche Magd soviel empfinde!“



      „Ich möchte nichts anders, als Sie zu lieben und Ihnen zu dienen.“



      „Und doch bist du reizvoll.“



      Er nimmt mich, und ich explodiere in seinen Armen, erlebe die tiefsten und schönsten Ekstasen, die einer Frau nur vergönnt sein können.



      „Wie könnte ich dich so sehr lieben, wenn du nicht zugleich voll und ganz mir gehörtest?“ fragt er.



      „Ich weiß nicht, Senor,“ sage ich atemlos.



      Don Ernesto hat eingestanden, dass er seine Magd liebt! Er greift mir ins Haar.




      „Ein Mann kann nur die Frau lieben, die ganz ihm gehört. Sonst wäre er nur eine Art Vertragspartner!“ sagt er.



      „Und eine Frau kann nur den Mann lieben, dem sie voll und ganz gehört,“ antworte ich. „So gehört er ihr.“



      „Sie begehren mich sehr, Senor,“ sage ich, als er kurz darauf wieder in mich eindringt.



      Er tut es mit Bedacht und im Vollgefühl seiner Männlichkeit.



      „Weder meiner Gesundheit noch meiner Vitalität schäme ich mich,“ antwortet er. „Und du bist ein äußerst heißblütiger Puma. Beschämt dich das etwa?“



      „Längst nicht mehr, Herr,“ sage ich, während ich mich jedem seiner Stöße entgegenstemme.



      „Daran zeigen sich deine Vitalität und Gesundheit ­ und deine emotionale Freiheit,“ antwortet er.



      „Emotional mag ich zwar frei sein,“ sage ich mit strahlenden Augen, „doch wohl kaum physisch!“



      „Das ist wahr,“ bestätigt er.



      „Ich hätte mir nicht träumen lassen, jemals einen Mann kennen zu lernen, der mich so stark begehren würde,“ sage ich.



      „Du hast dir nicht träumen lassen, einem Mann zu begegnen, der deine tiefsten und verborgensten Bedürfnisse befriedigen könnte,“ antwortet er, „die versteckten, kaum verstandenen geheimen Wünsche, von denen du bis dahin kaum etwas gemerkt hattest.“



      „In Ihnen sind alle meine geheimen Träume Wirklichkeit geworden, Senor,“ bestätige ich ihm.



      „Und in dir die meinen, Magd,“ entgegnet er.



      „Ich liebe Sie, Senor!“ sage ich.



      „Still, Magd!“



      „Ja, Senor.“



      Er berührt mich voller Zärtlichkeit und ich klammere mich an ihn, ohne zu sprechen, von meinen Empfindungen überwältigt. Er liebt mich mit langsamen Bewegungen, die jederzeit schneller und fordernder werden können, wie es ihm beliebt. Es gibt tausend Methoden, eine Magd zu besitzen, und ich bin sicher, dass Don Ernesto sie alle beherrscht. Tiefe Freude erfüllt mich. Ich gehöre ihm, total und ohne Einschränkung. Ich kenne keine Worte für meine Gefühle.



      Vielleicht hat er mich deshalb zum Schweigen verurteilt, damit ich nicht auszusprechen versuche, wofür sich in keiner Sprache passende Worte finden. So versuche ich denn nicht zu sprechen, sondern konzentriere mich voll und ganz auf den Gleichklang unserer Körper im Rhythmus der Gefühle.

      * * * ENDE * * *