Unser DS

      @Phylax´und @Nero-D/s´ Beispiel folgend will auch ich einen kleinen aktuellen Einblick in unser DS geben. Ein herzliches Dankeschön auch an @rubbi fürs Ermutigen, diesen Text zu schreiben. <3


      Biamorie

      Ich führe zwei Beziehungen: Meinen Ehemann nenne ich im Folgenden der Einfachheit halber "meinen Mann" und meinen Dom @Eiskalter Engel "meinen Herrn".Letztlich sind aber beide meine Männer und Herren, in der Hinsicht, dass ich beide liebe und ihnen folge. Mit meinem Mann, der kein BDSMler ist, führe ich seit über 10 Jahren eine offene Beziehung. Wir gestehen uns auch zu, uns in andere zu verlieben. Seit ich mit meinem Herrn zusammen bin, sind die beiden meine Welt. Sexuelle Kontakte zu anderen möchte ich keine mehr. Beide liebe ich haargenau wie sie sind. Ich wünsche ich mir nicht, dass mein Mann BDSMler wäre. Er ist toll wie er ist, auch ohne BDSM. Meinen Herrn würde ich gern noch öfter sehen, aber ich finde es auch schön, immer wieder vorfreudig aufeinander zu warten. Ich vermisse es nicht, dass wir keinen gemeinsamen Alltag zu bewältigen haben, auch wenn wir bestimmt auch als Alltags-Paar gut harmonieren würden. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich zwei Lieben gleichzeitig leben darf.

      Alltagskontrolle

      Unser Kontroll-Kink ist sehr ausgeprägt. Mein Herr weiß dank Tracker immer wo ich bin, und ich setze ihn quasi am laufenden Band recht kleinschrittig darüber in Kenntnis, was ich gerade mache und was mich beschäftigt. Regelmäßig schicke ich Fotos von mir, der Umgebung und von meinem Essen. Bevor ich mich eine Weile nicht bei ihm melde (z.B. weil ich bewusst Zeit mit meinem Mann verbringe, oder ein längeres Telefonat mit einer Freunin führe), gebe ich möglichst vorher Bescheid. Wie ein besonders präsenter Life-Coach nimmt er per WhatsApp auf meinen Tagesverlauf und viele alltägliche Entscheidungen Einfluss. Er kommentiert, lobt oder zeigt sich kritisch, motiviert mich, legt mir bestimmte Verhaltensweisen nah (z.B. anfallende Arbeiten gleich zu erledigen, eine bestimmte Bettgehzeit, oder wann ich aufstehen soll) und verbietet mir andere (z.B. zeitweise, mich intim zu berühren, meine Schamhaare zu entfernen, unnötige Kleidungsstücke zu kaufen, wenn das Geld eher knapp ist, hier zu schreiben, wenn ich eigentlich ins Bett soll, damit ich am nächsten Tag fit bin). Ich habe um Erlaubnis zu fragen, bevor ich Dinge über 15€ kaufe, die nicht der Lebenshaltung geschuldet sind. Manchmal betreffen bestimmte Entscheidungen, die mein Herr trifft, auch meinen Mann. Dann frage ich diesen nach seiner Meinung, bzw. um Erlaubnis. Was mein Mann ablehnt, wird ohne Diskussion verworfen. Z.B. ein Cutting, das mein Herr und ich schön gefunden hätten. Meinen Intimpiercings hat mein Mann aber z.B. zugestimmt und freut sich jetzt auch daran.

      Zweibahnstraße

      Offenheit ist bei uns keine Einbahnstraße, auch wenn der Fokus auf meiner Offenheit gegenüber meinem Herrn liegt. Ein Beispiel: Bevor ich einen öffentlichen Beitrag für das Forum schreibe, erkläre ich meinem Herrn, worum es geht und frage ihn um Erlaubnis. Wenn ich unsicher mit dem Text bin, sende ich ihn ihm. Manchmal entdeckt er Stellen, die zu Missverständnissen führen könnten und schlägt Veränderungen vor. Die nehme ich gerne an. Der fertige Text entspricht dann noch mehr dem, was ich eigentlich sagen möchte, oder bringt es klarer auf den Punkt, als meine ursprüngliche Fassung. Auch mein Herr schickt mir manchmal einen Text zum "editieren", bevor er ihn abschickt. Wir lektorieren unsere Texte also oft gegenseitig (die Rechte Dritter bleiben dabei gewahrt). Das hat zwar keine DS-Gründe, aber ich glaube, dass die Offenheit, und der eingehende Austausch, der (nicht nur) auf diese Weise von beiden Seiten gepflegt wird, unserem DS gut tut.

      Marionettentanz

      Indem mein Herr viel für mich entscheidet, geschieht eine gewisse Formung nach seinen Vorstellungen. Trotzdem fühle ich mich nicht im negativen Sinn wie eine Marionette: Ich glaube, es gibt einen Rahmen, in dem ich mich in unterschiedliche Richtungen entwickeln kann und im Ergebnis trotzdem haargenau so bin, wie ich "gemeint bin". Diesen Rahmen zu verlassen, würde bedeuten, gegen meine Natur zu leben. Ob ich mich am Ende meines Lebens dann innerhalb des Rahmens mehr in der Ecke oben links verwirklicht habe, oder eher unten mittig ist, glaube ich, völlig egal. So lange ich mich innerhalb des Rahmens verwirklicht habe, habe ich das beste Leben gehabt, das für mich möglich war. Innerhalb dieses Rahmens (der u.a. auch durch die Beziehung zu meinem Mann definiert wird), kann mein Herr darum frei schalten und walten, ohne dass ich das Gefühl habe, mich von mir selbst zu entfernen. Im Gegenteil: Entscheidungen, die ich früher dem Zufall oder der Gewohnheit überlassen habe, oder die ich beliebig einfach irgendwie getroffen habe, entscheidet jetzt oft mein Herr. So bekommen Tätigkeiten, die früher beliebig waren, und die ich teils gar nicht bewusst als solche wahrgenommen habe, einen Sinn. Denn ich handle in seinem Sinn. Das fühlt sich gut an. Dazu kommt, dass ich den Gedanken, in gewissem Rahmen die kleine Marionette meines Herrn zu sein, zutiefst angenehm und sexy finde (leider g*** ). Damit ist für mich nichts Abwertendes verbunden, weil er mich für mein ganzes Wesen liebt und mir das beständig zeigt. So kann ich ihm "Marionette sein", und weiß mich gleichzeitig im höchsten Maß wertgeschätzt. Ich bin nicht mehr die Allerjüngste. Mittlerweile kenne ich mich ziemlich gut, und damit auch den Rahmen, in dem wir die Marionette in mir ans Licht holen und tanzen lassen können, ohne dass ich mich von mir selbst entferne. Noch besser als das Bild der Marionette trifft es vielleicht das Tamagochi, da wir die meiste Zeit medial kommunizieren. Ich mag den Gedanken, sein kleines Tamagochi zu sein. Dass ich dabei durch und durch ich selbst bleibe, bezweifelt niemand, der mich kennt.

      Kontrollgründe

      Ich empfinde mich als sehr brave Sklavin und "beichte" jede kleine Verfehlung, wenn sie mir auffällt. Insofern dient die engmaschige Kontrolle bei uns nicht dazu, die Machtposition meines Herrn zu stärken. Sie wäre auch ohne Kontrolle voll gegeben. Ich muss auch nicht bestraft werden, um nach Kräften so zu handeln, wie mein Herr es für mich vorsieht. Unser DS funktioniert auch ohne Strafen. Seit kurzem bitte ich trotzdem darum, für bestimmte Dinge bestraft zu werden. Das beschämt mich auf eine Art, die ich sehr schön finde. Womöglich hilft es, mir Gewohnheiten abzugewöhnen, mit denen ich schon lange kämpfe. Aber grundsätzlich funktioniert unser DS auch ohne Strafen. Deshalb, und weil ich meinen Herrn sowieso informiere, wenn ich (meist versehentlich) etwas gemacht habe, was nicht in seinem Sinn war, dient die Kontrolle bei uns nicht dem Zweck, Verfehlungen aufzudecken. Trotzdem ist sie uns wichtig. Mir ermöglicht sie, wie oben beschrieben, ein besonderes Gefühl von Sinnhaftigkeit. Zusätzlich mag ich die Kontrolle aus all den Gründen, die @Sonnenkind vor Kurzem in ihrem Thema "Kontrolle verius Schmerz" (sic) beschrieben hat. Ich kann es nicht schöner sagen, und verweise darum einfach auf ihre Worte. Allerdings sehe ich noch einen weiteren Umstand, der die Kontrolle für uns so wichtig macht: Ein pragmatischer. Wir leben nicht zusammen und führen beide zwei Beziehungen. Die nahezu permanente und engmaschige Kontrolle ermöglicht uns trotz der Fernbeziehung und der Pflege der Beziehungen zu unseren Lebenspartnern ein Gefühl der Nähe und Verbundenheit im Alltag und eine Form von DS, die sich sehr weitreichend anfühlt.

      Mein Wille, ein Meer

      Mein Herr hat oft mehr Weitsicht als ich. Jede Entscheidung trifft er in seinem und in meinem Sinn - auch wenn es sich für mich zunächst so anfühlt, als würde es gegen meinen Willen gehen. Im Grunde bin ich der Überzeugung, dass seine Entscheidungen weiterhin stets ein positives Ergebnis für mich nach sich ziehen werden, so wie es bisher (für mich oft verblüffend) der Fall war. Ich stelle mir meinen Willen vor wie das Meer: Die Oberfläche ist direkt sichtbar und oft sehr bewegt. Auf dem Gund ist das Wasser still, scheinbar unbewegt und von der Oberfläche aus ist es nicht sichtbar. Dieses tiefste Wasser entspricht meinen innersten Überzeugungen. Es kann sein, dass ich oberflächlich etwas will (z.B. lange mit einer Freundin telefonieren), was gleichzeitig einem etwas tiefer liegenden und insofern wichigeren) Willen wiederspricht (z.B. rechtzeitig ins Bett zu gehen, um am nächsten Morgen ausgeschlafen zu sein). An der Meeresoberfläche kann mein Herr relativ sorglos "gegen meinen Willen"
      entscheiden. Je tiefer er taucht, um so vorsichtiger und bedacher trifft er seine Entscheidungen.

      Fortsetzung folgt gleich...
      Es gibt Hunderte von Arten, niederzuknien und den Boden zu küssen. (Rumi)

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      Freiwilligkeit, Grenzverschiebungen und ein braves Irrlicht

      Wenn ich hier jetzt von Wille spreche, meine ich den "tiefen" Willen. Meinen Meeresgrund. Ich bin recht stolz und willensstark. Meinem Herrn will ich mich im bestehenden Rahmen so weit wie möglich unterordnen. Anders ginge es nicht: Ich folge freiwillig, oder gar nicht. Im Großen wie im Kleinen. Schmerzen halte ich besser psychisch aus als körperlich, so dass ich wahrscheinlich eher ohnmächtig werden würde, als dass man mich damit zwingen könnte, mich gegen meinen Willen zu verhalten. Bestimmt gibt es trotzdem Methoden, mit denen man mich brechen könnte - ich halte mich nicht für einen Übermenschen. Diese Methoden gehören für mich aber definitiv nicht in eine Beziehung, die ich führen möchte. Es ist also für meinen Herrn, aber auch generell, entweder unnötig, mich zu etwas zu zwingen, weil ich es freiwillige mache, oder aussichtlos, ohne Methoden anzuwenden, die mich ernsthaft verletzen würden, körperlich oder psychisch. Unser SM ist ohnehin so "extrem", dass es für Bestrafungen schwierig noch weiter "ausgeschöpft" werden kann. Um trotzdem Grenzen zu verschieben, holt mich mein Herr mit ins Boot, indem er z.B. argumentiert, mir gut zuredet, viel Geduld zeigt, oft abwartet und immer darauf verzichtet, unnötigen Druck aufzubauen. So war mir schon vieles aus freiem Willen möglich, was ich niemals erwartet hätte. Widerstand zeige ich nur, wenn etwas tatsächlich meine Grenzen berührt (z.B. echtes Unvermögen oder tiefe Ängste). Da ich meinem Herrn stets freiwillig folge, und mir das auch bewusst ist, bin ich innerhalb meiner sehr weit gesteckten Grenzen sehr brav.
      Es gibt Hunderte von Arten, niederzuknien und den Boden zu küssen. (Rumi)

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      Danke für dieses ausführlichen Einblick in deine Beziehung Frl. Irrlicht. Es ist wirklich interessant zu lesen und hilft mir über den eigen Tellerrand zu blicken :yes:

      Ich wünsche euch weiterhin viel Glück und Erfolg :blumen: