Tepui

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      Ich habe wohl gerade nicht aufgepasst wohin ich gehe.



      Der junge Pemón, der in das Tuch geschleudert wurde, hat meine Aufmerksamkeit erregt. Und so bin ich nun mitten durch das Spielfeld gelatscht.



      Der Lederball trifft mich voll in den Rücken. Aber dabei bleibt es nicht. Im nächsten Augenblick hämmert eine kleine Frau zornig darauf herum. Sie lässt meinen Rücken erst in Ruhe, nachdem ich mich umdrehe. Nun hämmert sie auf meiner Brust weiter herum. Erst nach einer ganzen Weile hört sie auf und beginnt mich lautstark auszuschimpfen.



      In gewisser Weise bin ich schon froh, dass Worte weniger gefährlich sind als Pfeile und Dolche, sonst hätte sie bestimmt wenig von mir übrig gelassen. Jedenfalls ist sie es bald leid und schließt den Mund. Die Blicke und das Raunen der Zuschauer lassen erkennen, dass sie ganze Arbeit geleistet hat. Zornig blickt sie mich an. Sie trägt einen kurzen Rock und ein T-Shirt. Um ihren Hals hängt in mehreren Schlingen eine lange Perlenkette. Sie sieht recht hübsch aus und ihr Temperament hätte bestimmt einen weiblichen Panther in den Schatten stellen können. Die Kleidung ist ziemlich verschlissen. Ihre ganze Art und ihre spitze Zunge lassen jedoch erkennen, dass sie eine bedeutsame Persönlichkeit im Dorf zu sein scheint.



      *



      Ronaldo hat sich bereit erklärt mich in den mittelamerikanischen Dschungel zu führen, zu einem Tepui wenige Tagesmärsche von seinem Dorf entfernt. Ronaldo heißt in seiner Sprache eigentlich Primok, was übersetzt ‚Libelle‘ heißt, aber für den Kontakt mit Weißen hat er sich einen spanischen Namen zugelegt. Wir sind erst einen halben Tag von Park-Rangern in deren Jeep mitgenommen worden, dann führt mich Ronaldo durch das Pflanzendickicht und drei Stunden später haben wir sein Dorf erreicht. Er bewohnt einen von etwa zwei Dutzend Pfahlbauten.



      Am Abend habe ich an einem Festessen der ganzen Dorfgemeinschaft teilgenommen. Danach hat mich Ronaldo eingeladen, in seiner Hütte zu übernachten. Heute wollte ich mir das Dorf der Pemón näher anschauen. Dabei habe ich mich eher wie ein Elefant im Porzellanladen benommen.



      Später erfahre ich, dass meine temperamentvolle Kritikerin die Tochter des Dorfvorstehers ist und noch unverheiratet. Es obliegt dem Bewerber um ihre Gunst, sie für die Hochzeit gut einzukleiden. Der Mann, der ihr Festkleidung schenkt, muss schon eine gehörige Portion Mut mitbringen, denke ich mir.



      *



      Sie wirft den Kopf in den Nacken und wendet sich ab.



      „Du hast ihr den Schuss verdorben“, sagt Ronaldo zu mir, der dazu getreten ist.



      „Das tut mir leid“, antworte ich ihm.



      „Sie hat eine spitze Zunge“, sagt er.



      „Du hast Recht. Wer ist sie?“



      »Meru – Wasserfall-, die Tochter Apoks – Feuer-.«



      Im Weggehen fragt er beiläufig: „Ein hübsches Ding, nicht wahr?“



      „Ja“, sage ich. „Hast du die Absicht, ihr ein Festgewand anzubieten?“



      „Ich bin doch nicht verrückt“, antwortet er. „Apok wird sie nie loswerden.“



      Ich denke mir: ‚An dieser Einschätzung der Lage ist etwas dran.‘



      Am darauffolgenden Tag eröffnet mir Ronaldo in aller Frühe: „Ich wollte mit dir auf die Jagd gehen, weil ich etwas Wichtiges zu besprechen habe.“



      Ich schaue ihn erstaunt an, so dass er nachsetzt: „Mein Anliegen ist sehr ernst.“



      „Oh“, mache ich.



      „Bei meiner Sache geht es um Meru, die Tochter Apoks.“



      Nur zu gut erinnere ich mich an das Temperamentbündel, das ich beim Ballspielen gestört habe. Ich begleite also Ronaldo in den Wald.



      „Was ist mit Meru?“



      „Ich liebe sie.“



      „Das ist bedauerlich,“ sinniere ich.



      „Liebst du sie auch?“



      Ronaldo schaut mich an.



      „Nein, ich finde nur, es ist bedauerlich für dich.“



      „Oh“, sagt er und fügt hinzu: „Das ist nicht unwahrscheinlich, aber es fällt schwer, solche Dinge zu steuern.“



      „Da hast du recht.“



      „Außerdem liebt Meru mich auch.“



      „Bist du dir sicher?“



      „Aber ja“, sagt er mit feinem Lächeln. „Als ich das Festkleid in das Haus ihres Vaters brachte, warf sie den Nachttopf nach mir.“



      „Das ist in der Tat ein gutes Zeichen“, sage ich stirnrunzelnd.



      „Ein andermal prügelte sie mit einem Stock auf mich ein und nannte mich einen Tunichtgut.“



      „Es liegt auf der Hand, dass sie an dir sehr interessiert ist,“ kommentiere ich seine Erklärung.



      „Nur seltsam, dass ein so hübsches Mädchen so wenige Freier hat“, sagt Ronaldo nachdenklich.



      „Ja, sehr seltsam,“ brumme ich.



      „Tuna – Wasser -, der mein Freund ist, meint, es käme einem Sprung in eine Grube voller Anakondas gleich, sich mit einer solchen Frau einzulassen. Meinst du das auch?“



      „Ja“, sage ich rundheraus.



      Genau genommen war Tunas bildhafter Vergleich noch sehr sanft – wie es nun mal zu einem Indio passt.



      „Ich bin nur leider sehr schüchtern“, fährt Ronaldo fort.



      „Das kann ich mir kaum vorstellen“, antworte ich. „Du scheinst mir sehr mutig zu sein.“



      „Nicht bei Frauen,“ sagt er.



      Es vergeht eine schweigsame Zeit. Wir haben Brüllaffen entdeckt und pirschen uns an.



      „Ich will Meru haben!“ sagt er plötzlich und tritt auf einen trockenen Ast.



      In den Bäumen wird es lebendig.



      „Die Affen sind fort“, sage ich enttäuscht.



      „Ich bin schüchtern. Du musst mir helfen.“



      „Gern, ich helfe dir. Aber die Affen sind verschwunden.“



      „Ich wusste doch, dass ich mit dir rechnen kann.“



      „Die Affen sind fort.“



      „Ja, ich weiß“, meint er.



      „Was soll ich tun?“ lenke ich ein.



      „Ich bin zu schüchtern dazu.“



      „Wozu bist du zu schüchtern?“



      „Ich bin zu schüchtern, sie aus ihrem Elternhaus zu entführen.“



      „Ich soll sie für dich entführen?“ frage ich.



      „Natürlich“, antwortet er. „Mach dir keine Sorgen. Niemand hat etwas dagegen.“



      „Was ist mit Meru?“



      Er runzelt die Stirn.



      „Nun ja, wegen Meru bin ich mir nicht so sicher“, räumt er ein. „Sie ist manchmal ziemlich launisch.“



      „Vielleicht solltest du sie selbst entführen“, schlage ich vor.



      „Dazu bin ich zu schüchtern.“



      „Möglich wäre es – am besten im Schutz der Nacht…“ schlage ich vor.



      „Aber dann siehst du ja nicht, was du tust“, sagt Ronaldo.



      „Sie soll bei hellem Tage entführt werden?“



      „Natürlich. Das ist doch die beste Zeit zum Mädchenentführen.“



      „Das wusste ich nicht“, sage ich. „Immerhin bin ich hier noch neu. Gibt es dabei nicht öfter Probleme? Ich meine, die Brüder der Braut könnten dich mit ihren Speeren von hinten überfallen.“
      „Meru hat keine Brüder.“



      „Da haben wir ja Glück. Und was ist mit ihrem Vater? Ich hoffe, der ist wenigstens schwach und unfähig.“



      „Apok ist ein großer Jäger“, antwortet Ronaldo. „Er kann einen Brüllaffen mit einem Blasrohr ins Auge treffen.“



      „Wenn nun Apok etwas dagegen hätte, dass ich seine Tochter entführe?“



      „Warum sollte er etwas dagegen haben?“



      „Ach, ich weiß nicht. War nur so ein Gedanke.“



      „Keine Sorge“, sagt Ronaldo beruhigend. „Es ist alles arrangiert.“



      „Arrangiert?“



      „Ja.“



      „Dann weiß Apok also, dass ich seine Tochter entführen soll?“



      „Selbstverständlich“, bekräftigt Ronaldo. „Man würde doch wohl kaum wagen, Apok ohne seine Erlaubnis die Tochter wegzunehmen!“



      „Nein, soweit ich Apok bisher kenne, wäre das sicher nicht angebracht.“



      „Es wäre nicht höflich.“



      „Stimmt“, sage ich.



      Außerdem möchte ich keinen Pfeil in den Kopf bekommen. Der Gedanke, dass der hart schauende Apok sein Blasrohr auf mich richten könnte, ist beängstigend genug.



      „Weiß Meru, dass sie entführt werden soll?“ frage ich.



      „Aber ja“, sagt Ronaldo, „wie könnte sie sonst zur rechten Zeit fertig sein?“



      „Ich habe mir das nicht klar überlegt“, erwidere ich.



      „Schon gut“, meint Ronaldo großzügig.



      „Nun, dann wollen wir zum Dorf zurückkehren. Die Brüllaffen sind fort und ich freue mich auf den Mate-Tee.“



      „Ach, mein Freund“, sagt Ronaldo traurig, „leider haben wir keinen Mate-Tee.“



      „Aber noch vor kurzem hattest du doch sehr viel.“



      „Stimmt, aber jetzt gibt es ihn nicht mehr.“



      „Du hast dir Meru mit dem Tee erkauft?“



      Ronaldo sieht mich entsetzt an.



      „Ich habe Apok ein Geschenk gemacht“, sagt er.



      „Oh“, mache ich.



      „Außerdem haben wir keinen Zucker.“



      „Wenigstens haben wir die Leopardenfelle von unserem letzten Jagdausflug.“



      „Apok mag Leopardenfell.“



      „Oh.“



      Wir trotten ins Dorf zurück. Wie es das Glück so will, begegnet uns Meru.



      „Ah“, sagt sie. „Ihr ward auf der Jagd.“



      „Ja“, sagt Ronaldo.



      „Wie ich sehe, brecht ihr unter der Last eurer Beute beinahe zusammen“, meint sie.



      „Nein“, antwortet ihr Ronaldo.



      „Ich verstehe“, sagt Meru. „Ihr habt draußen viele Tiere getötet und das Fleisch als euer Eigentum gekennzeichnet. Später schickt ihr die Jungs los, damit sie für uns alle Fleisch abschneiden.“



      Ronaldo lässt den Kopf hängen.



      „Du willst doch nicht behaupten, dass du ohne Fleisch ins Dorf zurückgekehrt bist?“ fragt sie ungläubig.



      „Ja.“



      „Das glaube ich einfach nicht! Ein großer Jäger wie Primok bringt kein Fleisch?“



      Ronaldo tritt von einem Fuß auf den anderen und schaut zu Boden.



      „Ob sich mein Vater wohl irrt?“ fragt sie.



      Ronaldo hebt verwirrt den Kopf.



      „Er behauptet, Primok wäre ein großer Jäger! Ich halte das für die Wahrheit. Nur ist Primok nicht besonders schlau und lässt das Fleisch draußen liegen, wo die Leoparden es sich holen können.“



      Wieder senkt Ronaldo den Kopf.



      „Was für ein Glück, dass du ein Pechvogel ohne Frau bist! Stell dir vor, wie verlegen sie jetzt sein müsste! Sie wendet sich an ihre Gäste: ‚O nein, Primok hat schon wieder vergessen, das Fleisch mitzubringen.’ ‚Nicht schon wieder!’ rufen sie. ‚O ja’, sagt sie. ‚Er ist ein großer Jäger. Er vergisst bloß immer seine Beute mit nach Hause zu bringen. Er ist nicht gerade klug. Er überlässt das Fleisch den Leoparden.’“



      „Glaubst du wirklich, daß sie damit rechnet, entführt zu werden?“ frage ich Ronaldo leise.



      „Aber ja“, antwortet Ronaldo. „Siehst du nicht, daß sie mich liebt?“



      „O doch, das sieht man sofort.“



      Meru wendet sich an mich. Mit schneller Bewegung zieht sie ein Messer.



      „Ich glaube nicht, dass du mich entführen wirst“, sagt sie. „Ich werde dich in Streifen schneiden!“



      Ich weiche einen Schritt zurück, um nicht von dem Messer getroffen zu werden. Ronaldo springt ebenfalls zur Seite. Wieder wirft Meru den Kopf in den Nacken, macht kehrt und entfernt sich.



      „Sie ist manchmal ein bisschen launisch“, sagt Ronaldo entschuldigend.



      „O ja“, antworte ich.



      „Aber sie liebt mich.“



      „Bist du sicher?“



      „Ja. Sie kann ihre Gefühle nicht verbergen.“



      Er stößt mich mit dem Ellbogen kumpelhaft an.



      „Ist dir nicht aufgefallen, dass sie mit dem Messer nicht zugestoßen hat?“ fragt er geheimnisvoll.



      „Ja“, sage ich, „sie hat daneben gestochen.“



      „Wenn Meru mich nicht liebte, hätte sie getroffen.“



      „Ich hoffe nur, dass du recht hast.“



      „Tuna hat sie nicht verfehlt.“



      „Oh.“



      „Er lag sechs Wochen in seiner Hütte.“



      „Dein Freund Tuna?“



      „Ja,“ erwidert Ronaldo. „Vor Jahren hatte er um sie gefreit.“



      *



      Es ist nicht einfach, an einer Hütte aus Zweigen und Blättern anzuklopfen.



      „Sei gegrüßt, Apok!“ rufe ich.



      Ein kupferrotes Gesicht schiebt sich aus dem dämmrigen Inneren. Es ist ein sehr breites Gesicht mit hohen Wangenknochen und beinahe schwarzen, funkelnden Augen, ein Gesicht, das von kurz geschnittenem blauschwarzem Haar gerahmt wird.



      „Ah“, Apok zeigt ein breites Grinsen, „du musst der junge Mann sein, der meine Tochter entführen will.“



      „Ja“, sage ich.



      Er scheint guter Stimmung zu sein. Womöglich hat er viele Jahre lang auf diesen Augenblick gewartet.



      „Sie ist noch nicht fertig“, sagt Apok und zieht entschuldigend die Achseln hoch. „Du weißt ja, wie Mädchen sind.“



      „Ja“, erwidere ich.



      Ich blicke über die Schulter auf Ronaldo, der mir aus einigen Metern Entfernung moralische Unterstützung zukommen lässt. Er lächelt und winkt mir ermutigend zu. So warte ich also gelassen mehrere Minuten lang vor der Hütte. Eine zweite Gestalt kommt ans Licht, eine Frau, Wan –Honig-, die Frau Apoks, Mutter von Meru. Sie lächelt zu mir empor, verneigt sich etwas und reicht mir eine Schale Mate-Tee.



      »Danke«, sage ich und trinke den Tee, während sie wieder nach innen geht.



      Nach kurzer Zeit kehrt sie zurück und ich gebe ihr die Schale. Sie lächelt, nickt und verschwindet wieder in der Hütte.



      Ronaldo schleicht langsam näher heran. Er scheint beunruhigt zu sein.



      „Es sollte nicht so lange dauern, ein Mädchen zu entführen“, flüstert er.



      Ich nicke.



      „Es sollte nicht so lange dauern, ein Mädchen zu entführen!“ rufe ich.



      Erwartungsvoll zieht sich Ronaldo wieder zurück.



      In der Hütte hören wir plötzlich streitende Stimmen. Es wird lautstark geschimpft. Ich erkenne Merus Stimme, wie auch die von Apok und Wan. Sie äußern sich in ihrer Muttersprache, von der ich bisher nur wenige Worte verstehe. Mehrmals höre ich das Wort, das Mate-Tee bedeutet und schließe darauf, dass Apok nicht die Absicht hat, Ronaldo seinen Tee und die anderen Geschenke zurückzugeben. Nach einer Weile taucht Apoks Kopf am Eingang auf.



      „Sie will nicht entführt werden“, verkündet er mürrisch.



      „Na, das war’s dann“, sage ich achselzuckend und wende mich an Ronaldo. »Sie will nicht entführt werden. Kehren wir zu deiner Hütte zurück.«



      „Nein, nein!“ ruft Ronaldo. »Jetzt musst du in die Hütte stürmen und sie gewaltsam heraustragen.“



      „Ist Apok bewaffnet?“ frage ich.



      „Was macht das für einen Unterschied?“ will Ronaldo wissen.



      „Ich dachte mir, dass da ein Unterschied wäre“, antworte ich.



      Ich komme nicht vom Gedanken an das Blasrohr los.



      „Nein“, sagt Ronaldo und ruft: „Apok!“



      Apok kommt wieder ins Freie.



      „Sieht so aus, als müsste deine Tochter gewaltsam entführt werden“, sagt Ronaldo.



      „Ja“, meint Apok, und die Antwort zusammen mit der Mimik beruhigt mich.



      „Dann los!“ sagt Ronaldo zu mir. „Rein in die Hütte! Hol sie!“



      „Na gut“, sage ich.



      „Sie hat ein Messer“, warnt mich Apok.



      „Mach schon!“ drängt Ronaldo.
      „Wir wollen doch nichts überstürzen“, sage ich. „Bist du sicher, dass du Meru in deiner Hütte haben willst? Vielleicht solltest du dir das alles noch einmal überlegen.“



      „Aber wir lieben uns doch“, sagte Ronaldo.



      „Warum gehst du dann nicht in die Hütte und holst sie selbst?«



      „Ich bin zu schüchtern“, sagt Ronaldo und läßt den Kopf hängen.



      „Vielleicht hört sie auf die Stimme der Vernunft“, sage ich hoffnungsvoll.



      Apok bricht in brüllendes Gelächter aus. Im nächsten Augenblick wälzte er sich wiehernd auf dem Boden. Rothäutige Jäger lassen sich ihre Gefühle oft sehr deutlich anmerken. Nach wenigen Sekunden ist er wieder zu sich gekommen und wischt sich die Tränen aus den Augen. Ich trete vorsichtig in den Eingang. Drinnen steht Meru. Sie trägt Festkleidung und ist traditionell geschminkt. Neben ihr steht ihre Mutter Wan und strahlt stolz ihre Tochter an.



      Ich ducke mich. Das Messer saust an meinem Kopf vorbei und verfehlt Ronaldo draußen nur knapp.



      „Du trägst mich nicht mit Gewalt hier fort!“ ruft sie.



      „Sieht beinahe so aus“, meine ich.



      Sie greift nach einer schweren Eisenpfanne, die sich auf meinem Kopf nicht sehr angenehm angefühlt hätte.



      „Hör mal“, sage ich, „ich bin hier, um dich zu entführen! Alle Arrangements sind getroffen.“



      „Ich habe nichts arrangiert“, entgegnet sie.



      Das scheint mir für den Moment ein guter Einwand zu ein.



      „Sie sagt, sie habe nichts arrangiert“, rufe ich zu Ronaldo hinaus.



      „Darauf kommt es nicht an!“ ruft Ronaldo zurück.



      „Darauf kommt es nicht an“, gebe ich an sie weiter.



      „O doch!“ ruft sie.



      „Oh doch, meint sie!“ verständige ich Ronaldo.



      „Es kommt nicht darauf an. Sie ist nur eine Frau!“



      „Du bist nur eine Frau“, gebe ich ihr Ronaldos Argument weiter, das mir in der Situation stichhaltig zu sein scheint.



      Im nächsten Augenblick stürzt sie sich mit der riesigen Pfanne auf mich. Ich nehme ihr das Utensil ab, um mir keine Beulen zu holen. Daraufhin weicht sie in die hinterste Ecke der Hütte zurück und sieht sich um. Sie findet nichts, das als Waffe geeignet wäre. Offensichtlich hat Apok vorgesorgt gehabt und seine Waffen aus der Hütte genommen, ehe Ronaldo und ich auftauchen. Er kennt seine Tochter eben sehr gut.



      „Würdest du mir bitte den Fleischhammer geben, der da hinter dir liegt?“ fragt Meru.



      Entgegenkommend reiche ich ihr das Gerät, gegen das ich mich wohl wehren kann. Das Werkzeug, das aus einem Stück geschnitzt ist, wird dazu benutzt, Fleischstücke vor dem Braten mürbe zu klopfen.



      „Vielen Dank“, sagt Meru und mustert mich, den Hammer in der Hand.



      „Wenn du nicht entführt werden willst, warum trägst du dann Festkleidung?“ frage ich.



      „Ist sie nicht hübsch?“ fragt Wan lächelnd.



      „O ja, auf ihre Art ist sie hübsch,“ antworte ich der Mutter.



      Meru musterte mich mit geneigtem Kopf.



      „Ich bin kein gewöhnliches Mädchen, das sich so einfach entführen lässt“, stellte sie fest.



      „Das habe ich schon gemerkt.“



      „Wo ist Primok?« will sie wissen.



      Sie müsste wissen, dass er dicht vor der Hütte steht.



      „Er ist draußen - vor der Hütte«, informiere ich sie.



      „Warum entführt er mich nicht selbst?“



      „Ich wünschte, er würde es tun. Aber er ist zu schüchtern.“



      „Auch egal, ich komme jedenfalls nicht mit.“



      „Sie sagt, sie kommt nicht mit!“ rufe ich zu Ronaldo hinaus.



      Einen Augenblick lang herrscht Stille. Dann höre ich Ronaldo sagen:



      „Na schön, mir soll’s recht sein.“



      Meru schaut verwirrt. Ich atmete auf und wende mich zum Gehen.



      „Moment!“ sagt sie. „Willst du mich nicht entführen?“



      „Wenn es an mir läge, könntest du für alle Ewigkeit in der Hütte deines Vaters wohnen.“



      „Ja“, sagt Ronaldo draußen, „mir ist es auch recht, wenn sie nicht mitkommen will.“



      „Ich gebe dir deine Geschenke zurück, Primok«, sagt Apok lauter, als eigentlich nötig wäre.



      „Du darfst sie behalten“, sagt Ronaldo großzügig.



      „Nein, das kommt nicht in Frage!“ ruft Apok.



      Ich hoffe insgeheim, dass er die Geschenke doch zurückgeben konnte. In Ronaldos Hütte haben wir gute Verwendung für den Mate-Tee und die Felle.



      „Ich freue mich schon auf die Lieder, die man im Festhaus über Meru singen wird!“ sagt Ronaldo laut. „Niemand wollte sie haben!“



      „Wie kannst du mich entführen?“ fragt Meru laut. „Du hast ja kein Kanu.“



      „Schau doch mal heraus!“ ruft Ronaldo. „Hier ist ein Kanu!“



      Ohne den Fleischhammer loszulassen, steckt Meru den Kopf ins Freie.



      Ja, da lag ein Kanu, das sich Ronaldo wohl eben ausgeliehen haben muss.



      „Ho! Ho!“ ruft Meru verächtlich. „Du willst ein Mädchen entführen, und leihst dir fremde Kanus! Was für ein Schuft du doch bist! Eine Beleidigung!“



      „Ich werde mir ein Kanu schnitzen, da ich jetzt länger im Dorf bin – nicht mehr so oft bei den Weißen,“ sagt Ronaldo. „Wärst du damit zufrieden?“



      „Vielleicht“, antwortet Meru.



      „Möchtest du noch Tee?“ fragt mich Wan.



      „Ja, bitte.“



      Wenigstens bekomme ich eine kleine Portion des Tees zurück, den Ronaldo Apok geschenkt hat.



      „Du erwartest doch nicht von mir, dass ich mich auf Versprechen allein verlasse!“ ruft Meru.



      „Natürlich nicht“, sagt Ronaldo und macht Anstalten zu gehen.



      „Was machst du da?“ fragt Meru.



      „Ich gehe“, antwortet Ronaldo. „Ich kehre in meine Hütte zurück.“



      „Dann muss ich mich wohl mit dem Versprechen zufrieden geben«, sagt Meru.



      „Du könntest ihr einen kräftigen Schlag auf den Kopf geben“, riet mir Apok. „So habe ich es mit Wan gemacht.“



      Wan nickt mit strahlendem Lächeln.



      „Ein guter Gedanke“, überlege ich.



      „Schützt denn niemand ein Mädchen davor, entführt zu werden?“ ruft Meru laut.



      Noch immer hält sie den Fleischhammer in der Hand. Wenn sie damit richtig zuschlägt, kann sie einen Mann bewußtlos schlagen.



      „Will mich denn niemand retten?“ klagt Meru.



      Apok sieht sich um, besorgt dass jemand sich einmischen könnte. Das Schauspiel hat inzwischen mehrere Zuschauer gefunden.



      „Tuna!“ ruft Meru. „Willst du mich nicht retten?“



      Ein Mann, der in der Nähe steht, schüttelt energisch den Kopf. Es sieht so aus, als würde er mir sogar alles Gute wünschen für mein wagemutiges Unternehmen.



      „Komm schon!“ sage ich zu Meru. „Bald wird es dunkel.“



      Und damit habe ich recht. Sie schleudert den Fleischhammer nach mir und ich springe zur Seite. Das Ding wirbelt an mir vorbei und trifft Ronaldo mit dem Stiel an der Stirn. Dann huscht sie in die Hütte und ich eile ihr nach. In der Hütte fasse ich sie, hebe sie an und lege sie mir über die Schulter. Mit kleinen Fäusten hämmert sie mir auf den Rücken.



      „Hörst du wohl damit auf?“ drohe ich.



      „Ich will nicht!“ ruft sie.



      „Oh.“



      Ich stelle sie wieder auf die Füße, mache kehrt und verlasse die Hütte.



      „Sie sagt, sie will nicht“, sage ich zu Ronaldo.



      „Geh wieder zu ihr!“ drängt mich Ronaldo, dem ein Horn auf der Stirn wächst.



      „Unsinn!“ antworte ich. „Hör mal, Ronaldo, von dieser Sache habe ich langsam genug. Ich glaube ernsthaft, dass sich Meru nicht von mir entführen lassen will.“



      Bedrückt blickt mich Ronaldo an.



      „Davon bin ich ehrlich überzeugt. Du musst sie dir schon selbst schnappen,“ setze ich nach.



      „Dazu bin ich zu schüchtern.“



      „Dann sollten wir nach Hause gehen, denn ich habe genug Tee getrunken und mich vor genügend Geschossen geduckt, dass ich für mehrere Tage meine Ruhe haben will.“



      „Stimmt“, sagt Ronaldo bedrückt, „ich hätte dir das nicht zumuten dürfen.“



      „Es war keine Zumutung“, lenke ich ein. „Gern hätte ich ein Mädchen für dich entführt, aber es ist eine Sache, ein Mädchen aus der Hütte ihrer Eltern zu holen und eine andere, sich an Meru heranzumachen.“



      „Meru ist doch ein Mädchen.“



      „Da bin ich nicht so sicher.“



      „Meinst du, sie ist womöglich ein Panther-Wesen?« fragt Ronaldo besorgt.



      Der Aberglauben seines Volkes lässt diese Möglichkeit durchaus zu.



      „Denkbar wäre es.“



      „Das würde natürlich vieles erklären“, sagt Ronaldo nachdenklich. Dann richtete er sich auf. „Aber es kann nicht sein. Ich kenne Meru seit vielen Jahren. Als Kinder haben wir zusammen Vogeleier gesucht und Händchen gehalten. Außerdem ist sie Apoks Tochter.“



      „Du hast wohl recht. Sie ist nicht wirklich ein Panther.“



      „Aber oft führt sie sich wie ein Panther auf.“



      „Ja.“



      „Manche Mädchen sind eben so“, stellt Ronaldo fest.



      „Ist dir schon mal ein anderes Mädchen begegnet, das so ist wie Meru?“



      „Eigentlich nicht.“



      Meru kommt vor die Hütte und mischt sich in unser Gespräch.
      „Wohin wollt ihr Faulpelze?“ fragt sie.


      „Nach Hause“, antwortet Ronaldo.


      Wir machen uns auf den Rückweg zu Ronaldos Hütte.


      „Primok ist ein Faulpelz!“ ruft uns Meru hinterher. „Primok kann im Festhaus nicht singen! Primok kann kein Kanu steuern! Primok ist ein schlechter Jäger.“


      „Ich werde zornig“, sagt Ronaldo zu mir.


      „Pemón werden nicht zornig.“


      „Manchmal doch“, sagt Ronaldo.


      „Das wusste ich nicht.“


      „Primok ist ein Faulenzer! Primok ist ein schrecklich dummer Jäger. Was für ein Glück für mich, nicht Primoks Frau zu sein! Die arme Frau, die mal in Primoks Hütte wohnen wird! Es freut mich, dass ich nicht in seine Hütte muss! Ich würde um nichts in der Welt in seiner Hütte wohnen wollen!“


      „Jetzt habe ich aber genug!“ sagt Ronaldo plötzlich.


      „Man hat ja schließlich seinen Stolz“, bestärke ich ihn.


      Knurrend wie ein wild gewordenes Tier macht er auf dem Absatz kehrt und eilt so schnell er kann auf Apoks Hütte zu.


      Ich gehe weiter auf Ronaldos Hütte zu. Hinter uns wird Jubelgeschrei laut. Als ich Ronaldos Hütte erreicht habe, drehe ich mich um. Eine große Menge nähert sich – an ihrer Spitze kommt Ronaldo. Er zerrt eine vorgebeugte, stolpernde, schreiende Gestalt hinter sich her. Seine Hand hat sich in ihr Haar verkrampft. Sie trägt Festkleidung. An der Öffnung zu seiner Hütte wirft er sie sich über die Schulter, trägt sie hinein und wirft sie auf die Felle zu seinen Füßen. Zornig blickt sie zu ihm auf. Sie versucht aufzustehen, aber er stößt sie zurück.


      „Du trägst Festkleidung!“ sagt er zu ihr. „Willst du etwa zu einem Fest?“


      Der Zorn steht ihm im Gesicht. Sie antwortet ihm nicht.


      „Nein“, fährt er fort, „du gehst nicht zu einem Fest. Du brauchst kein Festgewand zu tragen. Zieh es aus, alles!“


      „Primok!“ ruft sie protestierend aus.


      „Sofort!“ befiehlt er.


      Sie gehorcht eilig und hockt auf den Fellen in seiner Hütte. Nacktheit ist unter Indios nichts Ungewöhnliches. Doch selbst für sie ist es wohl etwas Besonderes, ein Mädchen nackt zu sehen, das so hübsch ist wie Meru. Ronaldo hat eine Menge Gaffer.


      „Primok!“ ruft sie. „Was hast du vor?“


      „In dieser Hütte kann nur einer der erste sein!“ ruft er und versetzt ihr einen leichten Schlag.


      Frauen und Männer des Dorfes scharen sich um den Eingang und ermuntern Ronaldo in seinem Tun.


      „Primok gebietet in seiner Hütte!“ ruft Meru schließlich und neigt erschaudernd den Kopf. „Primok ist der erste in seiner Hütte.“


      Er tritt vor sie hin.


      „Du bist in dieser Hütte der erste“, schluchzt sie. „Ich bin deine Frau. Deine Frau wird dir gehorchen.“


      Die Männer und Frauen brüllen begeistert und stampfen mit den Füßen. Einige beginnen zu singen. Meru hat sich mit ihrem Temperament und ihrer spitzen Zunge anscheinend viele Feinde gemacht. So verfolgen nun alle begeistert, was sich in der Hütte zwischen dieser stolzen Frau und Ronaldo abspielt, der in diesem Augenblick über sich selbst hinauswächst.


      „Jetzt kommst du mir nicht mehr in meine Hütte“, sagt Merus Vater Apok.


      Er tätschelt ihr den Kopf und wendet sich ab.


      „Vater!“ ruft sie.


      „Säuselt da der Wind?“ fragt er, ohne sich umzudrehen. „Ja, es ist wohl der Wind.“


      Und er entfernt sich.


      Er hat recht: sie darf nun nicht mehr einfach in die Hütte ihres Vaters zurückkehren. Sie hat Ronaldo/Primok als Gefährten akzeptiert. Die Menge beginnt sich zu zerstreuen. Ronaldo sieht sich um und schließt den Eingang mit einer Matte. Ich nehme wortlos meine Hängematte, knüpfe sie los und verlasse die Hütte nun ebenfalls mit einem feinen Lächeln um die Lippen.


      Ich wende mich zum Versammlungshaus und knüpfe dort meine Hängematte diagonal in einer Ecke an zwei Pfähle. Inzwischen ist es dunkel geworden und ich lege mich schlafen nachdem ich den Reißverschluss des Gaze-Oberteils zugezogen habe.


      Kaum wird es hell, erwacht auch der Regenwald. Wenige Minuten später kommen die ersten Frauen in das Versammlungshaus und beginnen mit Reinigungsarbeiten. Sie fegen den Boden mit Reisigbesen, so dass die Luft voller Staub ist. Schnell verlasse ich das Haus Richtung Fluss, um mich zu waschen. Draußen muss ich mehrfach laut nießen.


      Zurückkommend sehe ich, dass man meine Hängematte abgehängt und zusammengerollt in die Ecke gelegt hat. Die Frauen schmücken das Versammlungshaus für ein Fest, an dem die ganze Dorfgemeinschaft wie gewöhnlich teilnimmt. Ich wende mich also zu Ronaldos Hütte. Vor der Hütte treffe ich auf Meru, die mit einem Krug von dem kleinen Fluss kommt.


      „Hallo, guten Morgen, Meru,“ spreche ich sie an.


      Sie schaut mich kurz an und verschwindet dann im Innern der Hütte. Ich setze mich also draußen neben den Eingang auf einen Stein und warte. Eine halbe Stunde später kommt Ronaldo aus dem Wald mit einem jungen Brüllaffen und zwei Papageien über der Schulter.


      „Guten Morgen, mein Freund, hast du gut geschlafen?“


      „Sehr gut, Ronaldo,“ gebe ich lächelnd zurück.


      „Du hast noch keinen Mate-Tee!“ stellt er fest.


      Er wirft die Tiere in die Hütte und ruft:


      „Meru, bring’ uns Tee!“


      „Hol ihn dir selbst!“ schallt es aus dem dämmrigen Inneren.


      Mit einem Sprung ist er in der Hütte.


      „Primok!“ ertönt es protestierend von drinnen, dann ist Ronaldo schon wieder bei mir mit zwei Tee-Schalen in der Hand.


      Er setzt sich zu mir und sagt lächelnd:


      „Der Tee ist fertig.“


      Meru kommt in diesem Moment mit einer verbeulten Metallkanne ins Freie und schenkt uns Tee ein. Dann geht sie wieder zurück in die Hütte, um dem Affen das Fell abzuziehen und die Vögel zu rupfen. Danach bringt Ronaldo die Tiere zum Versammlungshaus, das inzwischen prächtig aussieht. Auch andere haben Nahrungsmittel gebracht, die dort nun fertig zubereitet werden. Wan, die Frau Apoks, führt die Aufsicht. Sie lächelt glücklich in sich hinein.


      Am frühen Nachmittag hat Meru wieder ihr Festgewand an und sich alle freien Körperstellen mit kupferroter Pflanzenfarbe bestrichen. Auch Ronaldo hat seine Haut kupferrot eingefärbt mit schwarzen Mustern und ist nun traditionell gekleidet.


      Ich begleite das Brautpaar zum Festhaus. Dort sind schon alle anderen Dorfbewohner versammelt. Keiner der Anwesenden hat T-Shirt, Rock oder Shorts an, wie sonst. Es wird gegessen und getrunken. Ich höre unverständliche Lieder auf Pemón und sehe Tänze bei Flöten und Trommelmusik. Meru genießt es sichtlich, im Mittelpunkt zu stehen. Drei Tage dauert das Fest bevor der Alltag wieder einzieht.


      *


      Eine Woche nach Beginn des Hochzeitsfestes meines indianischen Freundes Ronaldo gehe ich vom kleinen Fluss, an dem das Dorf liegt, zu dessen Hütte. Meru ist mit den morgendlichen Reinigungsarbeiten beschäftigt, als ich in den Eingang der Hütte trete.


      „Hallo Meru, wie gefällt es dir in Primoks Hütte?“


      „Hallo Hernano, die Nächte sind die schönste Zeit…“ antwortet sie verträumt.


      Ich muss schmunzeln.


      „Aber auch die Tage müssen sein, denn sonst könntest du die Nächte nicht als die schönste Zeit bezeichnen.“


      „Primok ist ein guter Jäger und schöner Kurai –Mann-…“


      „Ach – wusstest du das schon länger oder hat er dich so schnell überzeugt?“


      Sie wirft den Kopf hoch.


      „Ich bin keine Werik –Frau-, die sich so einfach entführen lässt!“


      „Das habe ich gemerkt.“


      „Ich habe auf Primok gewartet. Er ist mir vertraut seit meiner Kindheit. Er ist die Sehnsucht meiner Jugend.“


      „Ach, warum dann das Theater?“


      „Primok musste beweisen, dass er mich verdient!“


      „Aha, andere Kurai des Dorfes sind aber vielleicht erfolgreicher auf der Jagd – und du hast alle früheren Freier durch deine Art vertrieben.“


      „Andere Kurai sind nicht Primok!“


      „Und darüber wurde Primok so mutlos, dass er sich nicht mehr traute, um dich zu freien…“


      „Er hat mich aber doch entführt - eigenhändig!“


      „Ja, nachdem du ihn gehörig auf die Palme gebracht hast…“


      In diesem Moment kommt Ronaldo in die Hütte.


      „Ist der Tee fertig, Werik –Frau-?“


      „Sofort, Primok.“


      Sie wendet sich der Blechkanne zu, die auf einem gusseisernen Feuergefäß steht und gießt ihm, dann mir, Tee ein.


      „Draußen liegt Arbeit für dich,“ erwähnt Ronaldo beiläufig, während er seinen Tee schlürft.


      Meru schaut durch den Eingang hinaus und stößt einen spitzen Schrei aus.


      „Primok! Ein Wasserschwein!“


      „Ja, rufe dir Hilfe dazu und verteile das Fleisch gerecht im Dorf!“


      Schnell ist Meru draußen und läuft von Hütte zu Hütte. Bald wird es lebhaft vor Ronaldos Hütte.


      Während Meru mit Hilfe anderer Frauen dem Wasserschwein das Fell abzieht und die Eingeweide entfernt, frage ich Ronaldo:


      „Wann denkst du, könnten wir zum Tepui aufbrechen?“


      „Morgen, mein Freund! Morgen leihe ich mir das Kanoa –Einbaum- von meinem Freund Tuna und dann reisen wir ab.“


      *


      Wir haben Tunas Kanoa mit dem nötigsten Hausrat, Angelschnüren, zwei Speeren und Seilen beladen. Zu unserer Ausrüstung gehören auch verschiedene Fruchtsorten und Mate-Tee. Ich habe zwei Wurfzelte beigesteuert. Zwei Zelte mit der neuesten Technik, bei denen man nur einen Verschluss lösen muss, damit sie sich entfalten. Meru setzt sich wie selbstverständlich in den Bug und nimmt ein Paddel zur Hand, während wir das Boot in den Fluss schieben, der nirgendwo tiefer ist als etwa siebzig bis achtzig Zentimeter.


      „Setz’ du dich in die Mitte, mein Freund. Du bist im Regenwald unser Passagier,“ erklärt mir Ronaldo.


      „Okay,“ sage ich und vertraue auf Ronaldos Erfahrung, der nun im Heck Platz nimmt.


      Nach wenigen Metern haben wir den Dschungel erreicht und die Vegetation schließt sich über unsren Köpfen.



      „Unsere Brüder, die Tiere, haben sich an die Pflanzenwelt angepasst. Du wirst sie mit ungeübtem Auge zu spät sehen. Ein im Wind schwankender Ast entpuppt sich zum Beispiel als Giftschlange. Wir werden also viel Lärm machen während der Fahrt, um unseren Brüdern unser Kommen zu melden. Meru wird uns Brüder, die auf der Jagd sind, anzeigen. Achte trotzdem darauf, wenn ich dir etwas zurufe!“

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      „Das werde ich, Ronaldo!“ bestätige ich.



      Wir sind vier Stunden unterwegs, als Ronaldo und Meru näher ans Ufer steuern. Der Platz kann noch nicht weit vom Dorf entfernt sein.



      „In zwei Stunden wird es dunkel,“ sagt Ronaldo. „Wir wollen hier lagern.“



      Wir steigen ins Wasser und ziehen das Boot zwischen den Bäumen an Land. Während ich die Zelte entfalte und an den Bäumen befestige, sammelt Meru verwelkte Blätter und trockene Äste. Dann säubert sie eine Bodenfläche von etwa zwei Meter Durchmesser, damit das Feuer, das sie nun entzündet, nicht auf das trockene Unterholz übergreift. Den nachmittäglichen Platzregen haben wir aufgrund der dichten Vegetation über uns schadlos überstanden.



      Ronaldo hat sich währenddessen mit Speerfischen beschäftigt und bringt fünf kleine Fische ans Feuer, die Meru filetiert und brät. Nach dem Essen wird es innerhalb weniger Minuten Nacht und ich lege mich schlafen. Meru und Ronaldo halten wechselweise das Feuer über die ganze Nacht in Gang.



      Am anderen Morgen fahren wir weiter den Fluss hinauf. Mehrfach müssen wir Stromschnellen über Land ausweichen und erst am späten Nachmittag schlagen wir ein neues Lager auf. Am dritten Tag unserer Reise schließlich wird das Dämmerlicht des Regenwaldes am Nachmittag noch etwas dunkeler. Dann öffnet sich die dichte Vegetation. Vor uns liegt ein kleiner ovaler See in den ein Wasserfall hineinstürzt, der aus den Wolken über uns zu kommen scheint. Dahinter liegt eine vom Algenbewuchs grün gefärbte Felswand, die sich ebenfalls in den Wolken verliert. Am Fuß der Felswand steigt der Boden schräg an. Dort gibt es nur einige bodendeckende Pflanzen.



      Ronaldo und Meru steuern das Flussufer an und wir ziehen das Kanoa an Land. Schnell ist das Boot entladen und die Beladung mittels der Seile zu drei Bündeln verschnürt. Das Boot wird unter Ästen und großen Blättern verborgen und wir marschieren los mit Ronaldo an der Spitze.



      Er führt uns zu einem Felsüberhang, der sich zu einer kleinen Höhle öffnet. Hier schlage ich unser Nachtlager auf, während er wieder auf die Jagd geht. Meru sammelt am Rand des Regenwaldes Früchte und Kräuter.



      Ich versuche am Rand des Regenwaldes Feuerholz zu suchen und trockene Blätter. Schnell habe ich einen Arm voll zusammen und bringe das zur Höhle. Dort versuche ich mit meinem Feuerzeug ein Feuer zu entzünden, was mir nicht gelingen will. Keine Flamme entzündet sich, nur ein paar Funken sprühen. Ronaldo kommt dazu und lächelt über meine Bemühungen.



      „Dein Feuerzeug ist hier der hohen Luftfeuchte ausgesetzt gewesen, mein Freund. Wir machen es auf die traditionelle Art.“



      Und schon nimmt er sein Reibholz und entzündet das von mir gesammelte trockene Laub. Als er dann mein Feuerholz hinein schiebt, entsteht in der Höhle dichter Rauch. Lächelnd nimmt er mein Holz wieder aus dem Feuer.



      „Es war wohl noch nicht trocken genug…“ sage ich entschuldigend.



      „Mach dir nichts draus,“ kommentiert er die Situation. „Meru kommt gleich mit Feuerholz, dann essen wir zu Abend.“



      Wenige Minuten später betritt Meru die Höhle mit einem Korb voll Früchten und einem Arm voll Feuerholz. Bald danach essen wir und Ronaldo beginnt zu erzählen, während Meru leise summt und einzelne Verse auf Pemón singt.



      „Nach der Überlieferung der Pemón war ihr Kulturbringer ein Gott namens Chiricavai, der nach einem Erdaufenthalt zu den Sternen zurückkehrte, doch irgendwann wieder auf der Erde auftauchen soll. Die Tepui heißen Haus oder Sitz der Götter, wegen ihrer Form und Größe. Nur wenige Menschen haben sie bisher erstiegen und fanden oben eine ganz andere Natur vor, als hier unten bei den Pemón –Menschen-.

      Im Übrigen – was sind wir denn? Die Weißen denken, ihnen gehört die Welt, sie könnten sich alles nehmen für kurzfristigen materiellen Gewinn. Damit zerstören und vergiften sie aber die Natur, die die Lebensgrundlage nachfolgender Generationen ist. In der Konsequenz zerstört sich die Menschheit damit selbst, schafft sie sich ab und überlässt den Planeten irgendeinem unserer Brüder, der die Zerstörung überlebt.“



      „Vor langer Zeit haben andere Wesen diesen Planeten bevölkert. Dann geschah eine kosmische Katastrophe, der diese Wesen auslöschte und uns den Weg bereitete. Du bist der Überzeugung, dass diesmal der Mensch sich selbst auslöscht?“



      „Ja, das ist offensichtlich. Es passiert allerdings schleichend, und darum wird es nicht wahrgenommen. Auch weil starke wirtschaftliche Interessen daran interessiert sind, dass sich nichts ändert. Das Schlimme ist, dass es alle Menschen betrifft, also auch diejenigen, die im Einklang mit der Natur leben.“



      „Du sprichst von den Pemón?“



      „Ich bin überzeugt, dass alle „native People“ auf dem ganzen Planeten im Einklang mit der Natur leben, nicht nur die Pemón! Auch eine kleine Gruppe der Weißen hat das erkannt und hat den Begriff des ‚Nachhaltigen Wirtschaftens’ ins Gespräch gebracht. Damit lassen sich nur nicht diese Gewinne erzielen, wie bisher – aber man investiert in die Zukunft des Planeten.“



      „Was sind deiner Meinung nach die Unterschiede in den Denkprozessen? Wo müsste sich etwas ändern?“



      „Schau mal: Den Menschen gibt es - laut der Wissenschaft – seit etwa sieben Millionen Jahren. Anfangs in nur kleinen Gruppen als Teil der sie umgebenden Natur. Sie mussten sich genauso wie andere unserer Brüder vor Raubtieren – die auch unsere Brüder sind – in Acht nehmen und konnten daher keine große Zahl erreichen. Für die Koordination bei der Jagd entwickelten sie die Sprache und konnten so ihr Wissen an die nachfolgende Generation weitergeben. Irgendwann entwickelten sie über Felsbilder eine Schrift. Es entstand ein riesiger Wissenspool in Schriftform. Neugierige Menschen, getrieben von dem Wunsch, das Leben leichter zu machen, entdeckten Naturgesetze und welche Möglichkeiten sie den Menschen bieten.“



      „Aber das ist doch der Lauf der Dinge – die Evolution…“



      „Ja, und für sich genommen auch noch nichts Verwerfliches. Einige Menschen – die mit dem größten Wissen – führten ihre Familien, Gruppen, Völker an. Auch das ist nicht verwerflich. Sie bekamen von den Mitgliedern ihrer Familie, Gruppe, ihres Volkes Verantwortung übertragen zum Wohle des Ganzen zu entscheiden – wie bei Apok. Irgendwer kam auf die Idee, die damit übertragene Macht auf seine Nachkommen zu vererben, ob sie nun mit der Macht umgehen können oder nicht. Es entstanden die verschiedenen Gesellschaftsgruppen – mit dem Übergang zur Ackerbau- und Handwerkerkultur.“



      „Ah, du meinst, die Menschen, die in die höhere Position hineingeboren wurden, wurden eigensüchtig, begannen ihre Untergebenen und die Natur auszubeuten?“



      „Ja, das muss die Geburt dessen gewesen sein, dass die Menschen, die heute den Bezug zur Natur verloren haben, sich nicht mehr als zugehörig, sondern als darüber stehend begreifen. Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil von ihr. Der Mensch ist in vielen Bereichen das stärkste Lebewesen auf der Erde und als solches hat er Verantwortung für die Natur zu tragen! Die Verantwortung, die Natur zu erhalten für alle Zeiten!“



      „Und wie denkst du dir die Ausübung der Verantwortung?“



      „Ganz sicher nicht als ein ‚Zurück zur Natur’, mein Freund! Native People wie die Pemón und andere sollen ihre Lebensberechtigung in ihrer Nische behalten und das Land, das sie bewohnen soll vor dem Gewinnstreben der großen Konzerne geschützt werden. – Aber die Zivilisation sollte ihren Müll als Rohstoff begreifen, nur das Nötigste der Natur entnehmen. Sie sollte Pflanzen und Tierpopulationen nicht zerstören, ihren Bedarf an Naturressourcen zurückfahren auf ein Maß, dass die Erde verkraftet.“



      „Das sehe ich genauso. Aber wir sind als Einzelne zu schwach gegen die weltumspannende wirtschaftliche Macht der großen Konzerne.“



      „Wenn alle so denken würden, gäbe es die Naturschutzorganisationen nicht, mein Freund. Es gilt, sie zu unterstützen durch Mitarbeit oder Spenden – und bei sich selbst im Kleinen damit zu beginnen umzudenken.“



      „Das ist nicht einfach…“ sinniere ich.



      „Das ist richtig, mein Freund. Aber gemeinsam mit Gleichgesinnten lässt sich beginnen, glaub’ mir! So, und nun wollen wir schlafen. Wir brauchen Kräfte für den Aufstieg morgen!“



      „Du willst den Fels außen hochklettern?“



      Ronaldo lacht laut auf.



      „Nein, mein Freund. Sag’ mir, wozu bist du hier?“



      „Nun, ich hörte von den Tafelbergen und wollte sie einmal sehen.“



      „Rein touristisch also?“



      „Nein, natürlich nicht. Ich interessiere mich schon für die Natur und deine Erklärungen eben waren hochinteressant für mich. Ich habe vor, zu fotografieren und alles in Buchform zu veröffentlichen. Ob es ein Bildband wird oder mehr, das muss ich noch sehen. Aber ich denke, je mehr ich von eurer Lebensphilosophie erfahre, desto eher wird mein Projekt ein Textband.“



      „Das ist eine sehr gute Idee, mein Freund. Du solltest dafür aber gerne längere Zeit bei uns verbringen, um unsere Art mit der Natur zu leben tiefer zu verinnerlichen und sie umso besser den Menschen durch dein Buchprojekt näher zu bringen. Aber jetzt sollten wir wirklich schlafen.“



      *
      Als ich am nächsten Tag wach werde, sind Ronaldo und Meru damit beschäftigt aus frisch gebackenem Fladenbrot aus Maismehl mit eben erst gefangenen und frisch filetierten Fischen mit gesammelten Kräutern Snacks zuzubereiten, da während des Aufstiegs nichts gekocht oder gebraten werden kann. Ronaldo begleitet mich zum Fluss zurück, wo ich mich wasche, während er auf die Tiere in der Umgebung achtet.



      Wir füllen alle verschraubbaren Behälter mit Wasser und bringen sie zur Höhle zurück. Dort packen wir wieder unsere Rucksäcke und Ronaldo führt uns eine Strecke am Fuß der Felswand entlang. Schließlich zeigt er uns einen Einschnitt, in den wir einsteigen. Es geht erst beinahe hundert Meter über Geröll schräg bergauf. Wir müssen Acht geben, wohin wir treten. Die Felswände rechts und links des Einschnittes sind nur etwa zehn Meter entfernt und verlieren sich senkrecht nach oben im Himmel.



      Dann macht der Spalt einen Knick nach halblinks. Es scheint erst einmal nicht weiter zu gehen. Wir rasten kurz, dann wirft Ronaldo sein Seil über einen Felsvorsprung fünf Meter über unseren Köpfen.



      „Halte bitte das eine Ende hier fest, mein Freund, damit ich hochklettern kann,“ sagt er zu mir.



      Ich halte das Seil also fest. Am anderen Ende des über den Felsvorsprung baumelnden Seiles hangelt er sich hoch. Dann zieht er sich über den Felsvorsprung und sagt::



      „So, binde nun einen Rucksack nach dem anderen an das Seil. Ich ziehe erst unser Gepäck hoch.“



      Gesagt, getan. Nach dem Gepäck hangele ich mich am Seil hoch und dann folgt zum Schluß Meru. Nun ist es auf dem Felsversprung sehr eng geworden. Hier zieht sich eine leicht schräge Spalte von etwa anderthalb Meter Höhe und vielleicht zehn Metern Tiefe durch den Fels. Wir schnallen uns die Rucksäcke wieder auf die Rücken und bewegen uns auf allen vieren langsam vorwärts. Nach etwa einer Stunde – nach meinem Zeitgefühl eine kleine Ewigkeit – in der es leicht aufwärts ging, erreichen wir den Eingang einer größeren Höhle. Hier setzen wir uns und essen etwas von unserer Verpflegung.



      „Dies hier ist der Beginn eines Höhlensystems, das wir zum Aufstieg nutzen können. Trotzdem müssen wir morgen noch einmal hinaus und eine enge Spalte hinauf klettern, um dann durch ein zweites Höhlensystem fast das Gipfelplateau zu erreichen. Das letzte Stück ist dann noch eine enge Felsspalte, die mit Geröll gefüllt ist. Der Anstieg darin ist nicht steil, aber wegen des Gerölls ist trotzdem Vorsicht geboten,“ erklärt Ronaldo den weiteren Weg.



      Wir gehen, klettern und kriechen von Halle zu Halle dieses Höhlensystems bis Ronaldo in einer Höhle sagt, dass wir hier zelten sollten. Wir essen mit Heißhunger unsere Fischbrote und legen uns schlafen.



      Am nächsten Tag habe ich in dem zweiten Höhlensystem manchmal den Verdacht, dass einige Durchgänge von menschlicher Hand zubetoniert wurden.



      „Ronaldo? Schau mal hier. Dieses Wandstück ist viel härter als die Umgebung…“



      „Das? Da war beim letzten Mal noch ein schmaler Durchgang in einen kleinen Höhlenraum, der aber keinen weiteren Durchgang besitzt. Eine Sackgasse sozusagen…“



      „Aber wer nimmt die Kletterei denn mit Zementsäcken und Wasserkanistern auf sich, um einzelne Höhlenräume zu zu betonieren?“



      „Das kann ich mir auch nicht erklären, mein Freund. Vielleicht entdecken wir oben des Rätsels Lösung.“



      Mit Stirnrunzeln folge ich Ronaldo und Meru weiter nach oben. Durch Felsspalten an der Höhlendecke scheint eine Luftzirkulation zu bestehen. Unterwegs schweifen meine Gedanken ab. Ich erinnere mich an unser gestriges Gespräch. Der Mensch in der westlichen Zivilisation muss wohl längst wesentliche Dinge vergessen haben, die den Pemón noch bewusst sind.



      ‚Vielleicht teilt sich die Natur nur denen mit, die zum Zuhören bereit sind. Wie auch immer…’ denke ich mir.



      Ob der Mensch nun im Grundsatz ein chemischer Mechanismus ist, oder mehr als das. Ob er ein bewusstes Wesen ist, dessen Empfindungen wie Glück und Schmerz, Freude und Trauer, Erkenntnis und Bewusstsein, das aufeinander Einwirken von Kohlenstoff und Sauerstoff, dem Austausch von Gasen, dem Öffnen und Schließen von körpereigenen Ventilen übersteigt. Ob der Mensch das einzigste Wesen auf der Erde ist, das Glück und Schmerz, Freude und Trauer verspürt oder auch Tiere oder vielleicht sogar Pflanzen, Wesen, die die Pemón ihre Brüder nennen. Fest steht, dass insbesondere die Native People ihre Welt auf eine tiefgründige, vielschichtige Weise erleben, die von der Welterkenntnis der technisch orientierten Mentalität weit entfernt ist.



      Der Mensch in der westlich orientierten Zivilisation stellt sich die Welt im Wesentlichen tot – ohne eigenes Bewusstsein – vor. Animistisch denkende Menschen sehen sie als durch und durch lebendig an. Der eine gebraucht zur Erklärung eines Organismus das Schlagwort von der blinden Maschine, der andere das des beseelten, das heißt fühlenden, Lebewesens.



      Sicher übertrifft die Realität alle Metaphern des Menschen, die nur dünne Strohhalme sind, mit denen wir staunend an den Toren granitener Rätsel zu kratzen versuchen. Dem Animisten jedenfalls liegt seine Welt am Herzen. Sie ist sein Freund. Er würde sie nicht töten, ob nun schleichend über Gifteintrag in die Umwelt oder durch das Zünden apokalyptischer Bomben.



      Über diese Gedanken wird es hell. Wir verlassen das Höhlensystem und wir haben die angekündigte Felsspalte mit dem sanft ansteigenden Geröllfeld erreicht. In gut einem halben Kilometer Länge steigen wir so die letzten fünfzig Meter bis zum Gipfelplateau hinauf. Dabei müssen wir noch eine Spalte überwinden, in der ein Wildwasserbach tief unter uns rauscht. Mit den beiden Speeren, die Ronaldo vor unserem Aufstieg zum Fischen nutze, und unseren Seilen schaffen wir das schließlich auch.



      Das Gipfelplateau bietet sich sehr zerklüftet dar. In den Spalten wachsen zumeist fleischfressende Pflanzen, die Insekten vertilgen. Ich gehe fotografierend eine große Stecke über das Plateau, als ich ein Loch im Boden entdecke, das einem Cenote auf Yucatan sehr ähnelt. Ich rufe Ronaldo herbei.



      Er schüttelt den Kopf.



      „Das gab es seit meinem letzten Besuch hier auch noch nicht.“



      „Könnte es sich nicht um eine Höhle handeln, deren Decke vor kurzem eingestürzt ist?“



      „Nein, dann gäbe es keinen Pflanzenwuchs drinnen. Unten am Boden lägen die Trümmer der Felsdecke. Mehr wäre nicht zu sehen.“



      „Es sieht so aus, als hätte die Höhle – wenn es denn eine war – schon immer eine Öffnung zum Plateau hin gehabt. Der Boden fällt schräg ab vom rechten Rand des Loches dahinten und verliert sich hier links in der Dunkelheit. Die Bruchstücke der Decke könnten hinuntergerollt und gerutscht sein.“



      „Das wäre möglich, mein Freund. Und Vögel könnten Pflanzensamen mitgebracht haben, die hier oben keimen konnten.“



      „Der Regenwald wächst doch auch auf einer ganz dünnen Humusschicht.“



      „In der Höhle muss trotzdem ein besonderes Mikroklima herrschen, Hernando.“



      „Wollen wir die Höhle erkunden?“



      „Wir haben Nachmittag, mein Freund. Wir sollten hier unser Lager aufschlagen, essen und schlafen. Morgen sind wir dann ausgeruht genug für die Erkundung einer unbekannten Höhle, zu der wir uns Zeit lassen müssen. Wir dürfen nicht hinein stürmen in der Art der Weißen – wie die Bulldozer!“



      „Du hast Recht, Ronaldo. Also schlagen wir unter diesen Steinbögen dort unsere Zelte auf, schlage ich vor…“



      „Ja, dort können wir regengeschützt Feuer machen.“



      Gesagt, getan. In wenigen Minuten habe ich unsere Zelte entfaltet, während Ronaldo mit seinem Blasrohr drei kleine Singvögel erlegt hat, die Meru dann zubereitet. Danach lasse ich mich mit meinem Freund noch auf ein Gespräch über seine naturnahe Lebensphilosophie ein, die mir zunehmend vorbildhaft erscheint im Vergleich zu meiner westlich geprägten.



      *



      Es ist noch dunkel, als ich wach werde. Ich öffne den Zelteingang und schaue in den klaren Himmel. Die Sterne funkeln. Der Mond steht voll am Horizont. Ganz in der Nähe höre ich Meru stöhnen, unterbrochen von kleinen spitzen Schreien. Dann ist es dort ein paar Minuten ruhig bis das Geräusch des Reißverschlusses ertönt. Ronaldo verlässt sein Zelt.



      „Wo willst du hin?“ frage ich leise.



      „Ich möchte mich umschauen und gleichzeitig etwas für das Frühstück erjagen.“



      „Das ist eine gute Idee. Ich glaube, ich gehe zurück und schöpfe etwas Wasser.“



      „Lass’ das lieber sein, bevor es Tag ist, Hernando. Du könntest auf Geröll ins Rutschen geraten und dir den Fuß verstauchen. Im schlimmsten Fall könntest du abstürzen.“
      Ich ergebe mich also in mein Schicksal und bleibe in meinem offenen Zelt sitzen. Meru muss wohl wieder eingeschlafen sein. Dort ist alles still.



      Plötzlich tritt von der Seite eine vollständig verschleierte Gestalt in mein Blickfeld. Sie hebt sich im fahlen Mondlicht klar vom nachtblauen, sternenübersäten Hintergrund ab. Die Gestalt ist ganz in untypische, altmodisch mediterrane Gewänder gehüllt mit verschleiertem Kopf. Ich habe den Eindruck, dass sie mir winkt.



      Verwirrt stehe ich auf und gehe auf die Erscheinung zu. Da trifft mich etwas am Kopf. Mir wird schwarz vor Augen.



      Als ich erwache, liege ich in einem Zimmer auf einem hölzernen Gestell in einer Kollektion aus Decken und Fellen. Ich habe keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin. Der Raum ist an drei Seiten von Wänden aus behauenem Sandstein begrenzt. Eine Wand mit einer Tür besteht aus Holzfachwerk mit weiß verputzten Zwischenräumen. Dieser Wand gegenüber befindet sich ein breites schmales Fensterband in der Felswand. Es ist geschlossen. Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Draußen erkenne ich einen riesigen Höhlenraum, der im hinteren Bereich keine Decke hat. Dort dringt helles Tageslicht hinein. Eine undurchdringlich erscheinende üppige Vegetation scheint von dort herab zu steigen zu einem Niveau weit unterhalb meines Fensters.



      Ratlos schaue ich mich weiter um. Von mir aus gesehen rechts ist eine schmale Tür in der Wand. Das weitere Mobiliar meines Zimmers besteht aus zwei Hockern mit Armlehnen, einem Tisch, mehreren Truhen an den Wänden und einem Gestell mit einer flachen Schüssel und einem Krug. Dort liegen auch ein paar Tücher bereit. Über den Truhen hängen schön gemusterte Wandbehänge an den Felswänden. Neben der Tür hängt ein Tierfell an der Fachwerkwand und darüber zwei gekreuzte Speere.



      Ich bin hungrig und in plötzlicher Erkenntnis fasse ich mir vorsichtig an den Kopf. Ja, am Hinterkopf ertaste ich eine weiche geschwollene Stelle, die bei Berührung ziemlich schmerzt. Die Welt vor dem Fenster muss die Höhle sein, die ich entdeckt habe. Man hat mir nichts von dem genommen, was ich am Körper trage. Meine Uhr zeigt 11:15. Also müssen wohl etwa sechs Stunden vergangen sein. Wer war wohl die Frauengestalt, die mich in der Frühe aus meinem Zelt gelockt hat?



      Die Tür zu meinem Zimmer öffnet sich leise und eine Frau betritt mein Zimmer. Sie trägt einen Poncho und darunter einen kurzen Rock. An den Füßen trägt sie Sandalen, deren Schnürung bis zu den Waden hinauf geht. Die Frau deutet leicht einen Knicks an und sagt:



      „Don Hernando, Donna Martinez lädt Sie ein, mit ihr zu speisen. Möchten Sie mir bitte folgen?“



      Ich nicke ihr zu, worauf sie sich umdreht und mir die Türe freimacht. Neugierig folge ich ihr, nachdem ich die Tür zu meinem Zimmer wieder geschlossen habe. Es geht durch einen Gang an dessen Wänden sich Sandstein und Fachwerk mit Türen abwechseln. Beleuchtet wird der Gang durch Fackelimitationen: Metallstäben, die schräg aus dem Sandstein schauen. An deren Spitzen befinden sich Glühbirnen, die flackernde Flammen imitieren.



      Schließlich betreten wir einen Raum mit mehreren niedrigen Tischen und Hockern, wie ich sie aus dem Raum kenne, in dem ich wach wurde. Dort sitzen und essen mehrere Männer, deren Kleidung aus halblangen Jeans, Hemden mit Stehkragen, Westen und verschiedenfarbigen Umhängen besteht. Die Umhänge sind wie Anzugjacken geschnitten, nur dass ihnen die Ärmel fehlen.



      Wir gehen auf eine Trennwand zu. Meine Begleitung öffnet eine dünne paraventartige Abtrennung und lässt mich durch.



      „Nehmen Sie bitte Platz, Don Hernando. Donna Martinez wird bald hier sein. Darf ich Ihnen vorab etwas bringen?“



      „Ein Tee wäre nett,“ bestelle ich.



      Ich setze mich also auf einen der Hocker und die Frau bringt mir einen kleinen Teller auf dem eine Schale mit Tee steht und ein kleines Gebäck liegt. Sie stellt alles vor mich auf den Tisch, auf dem nur ein schmaler weißer Tischläufer liegt. Sie nimmt die Schale hoch und führt sie an die Lippen, während sie in die Knie geht. Dann reicht sie mir den Tee.



      Ich habe wohl etwas komisch geschaut, denn in diesem Moment ertönt ein helles Lachen. Eine Frau im Sari steht im Eingang zu diesem separierten Raum. Das Tuch verhüllt auch ihr Gesicht. Dunkle Augen und einen schmalen Nasenrücken kann ich erkennen.

      Unwillkürlich stehe ich auf und neige leicht meinen Kopf, um die Hinzutretende zu begrüßen. Sie schaut mich kurz an und sagt dann an die Frau, die mich her geführt hat, gewandt:



      „Du kannst jetzt auftragen, Evita.“



      Diese antwortet mit gesenktem Blick: „Sofort, Senora,“ und lässt uns allein.



      Die verschleierte Frau deutet auf meinen Hocker und sagt:



      „Setzen Sie sich ruhig.“



      Ich nehme also wieder Platz, während Donna Martinez ihr Gewand rafft und sich mir gegenüber niederlässt. Evita bringt auch ihr einen Tee und legt Teller und Besteck vor uns hin. Zwischen uns stellt sie eine Kerze und zündet sie an.



      „Nett, dass Sie gekommen sind“, beginnt Donna Martinez das Gespräch.



      Ich antworte zurückhaltend: „Gern geschehen.“



      „Sie sind sicher etwas erstaunt über den Ablauf ihres Besuchsbeginns an diesem Ort.“



      „In der Tat,“ gebe ich zurück und befühle die Beule am Hinterkopf.



      „Es tut mir sehr leid, aber wir mussten sichergehen, dass niemand von diesem Ort erfährt. Übrigens muss dieser Ort hier nicht unbedingt auf dem Tepui liegen, den Sie bestiegen haben. Wir haben Fluggerät.“



      „Ah,“ mache ich und schaue verständnislos.



      „Ja, wir möchten von unserer Organisation noch nichts in den Hauptmedien lesen, verstehen Sie?“



      „Ah – nein…“



      „Ist auch nicht schlimm im Moment. Sie werden bald verstehen. – Ah, die Vorspeise..“



      Evita bringt etwas, dessen Geschmack entfernt an Kürbissuppe erinnert und legt ein großes Fladenbrot dazu, das Donna Martinez teilt und mir eine Hälfte reicht. Ich versuche ruhig zu erscheinen. Allerdings schlägt mein Herz heftig. Ob mein Gegenüber etwas davon spürt?



      „Langen Sie ruhig zu,“ sagt sie. „Sie könnten mir übrigens helfen.“



      „Ich?“



      „Ich möchte Ihnen unsere Organisation während des Essens gerne näher bringen,“ beginnt Donna Martinez einen längeren Vortrag.



      Sie erzählt mir fast das Gleiche, das mir tags zuvor auch Ronaldo erklärt hat zur Natur und der natürlichen Ordnung der Lebewesen. Sie ergänzt:



      „Menschen kann man nun wieder unterscheiden in starke und schwache Charaktere, in Verantwortungsbewusste und Verantwortung scheuende, in Menschen, die gern Verpflichtungen übernehmen zum Wohle aller und Egoisten, die in ihre Tasche arbeiten. Und ebenso in Menschen, denen es ein Bedürfnis ist zu dienen und anderen, die gerne bestimmen. Aus all dem ist der Mensch gemacht.

      Einige haben mehr von dieser, andere mehr von jener Eigenschaft - und einen entsprechenden Anteil anderer Eigenschaften.“



      Ich höre ihr gebannt zu.



      „Unsere Community versteht sich als Keimzelle neuer Menschen, als Gegenentwurf zu der westlichen Mentalität und versucht Schläfer in westliche Konzerne, Organisationen und Verwaltungen zu bringen, um diese von innen zu verändern – zum Wohle der Natur, des Planeten.“



      „Wann rechnen Sie mit einem Erfolg ihrer Bemühungen,“ muss ich jetzt einwerfen.



      „Nun, da muss man schon in großen Zeiträumen denken und so lange bleiben wir eine Parallelwelt.“



      „Aha. Und sie machen das alles völlig selbstlos? Keine eigennützigen Motive?“



      „Senor Hernando! Was würden Sie tun, wenn Sie erkennen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, dass es den Planeten in den Untergang führt? Mit gutem Willen rottet sich die Menschheit selbst aus und mit ihr viele andere Lebensformen. Andere werden dann in Millionen Jahren den Platz des Menschen einnehmen. Es gibt aber auch das Szenario, dass die Erde zerstört wird und ein weiterer Asteroidengürtel in absehbarer Zeit die Sonne umkreist. Wir haben nun einmal nur diesen einen Planeten.

      Dieser Ort hier – wie auch andere – wird von einem Rat geleitet, der gemeinsam Beschlüsse fasst und seinen Ratsvorsitzenden beauftragt, mit Hilfe einer kleinen Verwaltung die Ratsbeschlüsse zu realisieren. In diesem Rat sitzen – wie würden Sie flapsig dazu sagen – ‚Alphatiere’. Ich gehöre dazu.“



      „Das war mir gleich klar, wenn ich sehe, wie sich Evita Ihnen gegenüber verhält,“ stelle ich fest. „Und wobei soll ich Ihnen nun helfen?“



      „Tragen Sie gern Verantwortung? Übernehmen Sie gern Verpflichtungen? Könnten Sie sich vorstellen, mitzuarbeiten?“



      „Ijoah,“ dehne ich.



      „Kommen Sie, schlagen Sie ein! Sie können Evita gerne haben. Sie macht Sie mit der Örtlichkeit vertraut und wärmt ihre Felle.“



      „Sie wärmt was…?“



      „Seien Sie doch nicht so begriffsstutzig. Sie gehört Ihnen. Dafür führen Sie einen Auftrag für mich aus.“



      „Okay,“ antworte ich.



      Inzwischen ist das Essen beendet. Nach einer weiteren Schale Tee steht Donna Martinez auf. Ich erhebe mich aus Höflichkeit ebenfalls. Evita öffnet den Durchgang zum allgemeinen Gastraum. Die dort anwesenden Männer stehen wie auf Kommando auf, heben die rechte Hand in Höhe der linken Brust und neigen leicht den Kopf, während Donna Martinez vorbei geht. Evita und ich folgen ihr. Draußen wendet sich Donna Martinez zu mir:



      „Würden Sie mir bitte zu meiner bescheidenen Bleibe folgen.“
      Ich nicke und sie geht ein kurzes Stück weiter und eine Treppe hinunter, dann wieder etwa die gleiche Strecke zurück, so dass wir jetzt etwa unter dem Gastraum sein müssen. Hier öffnet sie eine Tür und lässt uns in einen luxuriös eingerichtetes Appartement eintreten. Sie steuert auf eine Art Schrein an der rechten Seitenwand zu. Dort sehe ich einen mit Moos eingefassten Stein in einer flachen goldenen Schale liegen.



      „Dies ist mein Kueka. Das bedeutet „Heiliger Stein“ in der Sprache der Native People hier. Jedes Ratsmitglied ist gleichzeitig Chef seines Hauses und besitzt somit seinen eigenen Kueka. Der Kueka dieses Ortes befindet sich in der Halle des Rates. Der Kueka symbolisiert für uns die Verbindung zur uns umgebenden Natur und hat damit einen hohen symbolischen Wert. In anderen Weltgegenden, in anderen Sprachen, haben diese Steine andere Namen mit immer der gleichen Bedeutung. Ich war vor längerer Zeit zum Beispiel im Himalaya. In der dortigen Sprache nennt man ihn ‚Norbu’.“



      Evita hat in der Zwischenzeit unaufgefordert Tee zubereitet und reicht uns nun mit der bekannten Geste jedem eine Schale Tee.



      Donna Martinez fährt fort:



      „Wir werden uns jetzt gegenseitig die Treue schwören. Ich werde mich um alle Ihre Probleme kümmern und Sie sich um meine.“



      Dann tunkt sie ihren Zeige-und Mittelfinger in ihren Tee und spritzt ein paar Tropfen über den Stein. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo ich hier hinein geraten bin und beschließe, mich erst einmal anzupassen und die Augen offen zu halten. Also tunke ich nun ebenfalls die Finger in meinen Tee, bespritze den Stein und sage:



      „Ihre Probleme sind die Meinen.“



      Sie neigt nun leicht ihren Kopf in meine Richtung und hebt ihren Schleier leicht an, wie ich es schon beim Essen gesehen habe. Dann trinkt sie ihre Schale leer und ich mache es ihr nach.



      Nun muss ich aber doch noch eine Frage loswerden:



      „Wo ist eigentlich Ronaldo und seine Frau?“



      „Der Pemón Primok steht in meinen Diensten. Er ist mit seiner Werik Meru in sein Dorf zurückgekehrt. Vielleicht sehen Sie sich irgendwann wieder. Vielleicht brauche ich Sie an anderer Stelle.“



      „Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“



      „Haben Sie sich schon einmal mit alten Waffen beschäftigt? Also, ich meine Bogenschießen, oder Armbrust, mit Speerwurf beschäftigt, oder mit Schwert- oder Degenfechten, mit Steinschleuder, Bola. Es gibt hunderte Varianten.“



      „Nein, damit kann ich nicht dienen, Senora…“



      „Haben Sie Interesse den Umgang mit solchen Waffen zu lernen?“



      „Ja, aber was sollte das nützen? Wollen Sie eine Privatarmee gründen? Sollen wir mit Steinschleudern gegen Bulldozer und Gigantbagger vorgehen?“



      Wieder lässt sie ihr glockenhelles Lachen vernehmen.



      „Nein, Senor Hernando. Sie haben doch sicher schon einmal von ostasiatischer Kampfkunst gehört und wissen, dass neben der Unterweisung in der Kampftechnik der Charakter gebildet wird. Eigenschaften, wie Ehre, Respekt, Treue, Achtung, Verantwortungsbewusstsein sagen moderne Europäer heute noch den Rittern des frühen Mittelalters nach. Mit Aufkommen des Schießpulvers und der Landsknechtshorden ging das alles verloren.

      Ich möchte, dass Sie sich mit alten Waffen vertraut machen und die auswählen, die Ihnen am meisten liegt. Dann lassen Sie sich von einem unserer Waffenmeister ausbilden und ganz allmählich erwerben Sie ritterliche Charakterzüge. Anlagen dazu sind in Ihnen angelegt. Das habe ich erkannt. Später dann sende ich sie zu verschiedenen Aufträgen in die Welt. Ihr Gehalt beziehen Sie von mir.“



      „Und wie hoch ist mein Gehalt?“



      „Wären Sie mit einem Anfangsgehalt von einem Gold-Tarsk im Monat zufrieden?“



      „Was ist das in Dollar?



      „Etwa zweitausend.“



      „Gut. Ich bin ihr Mann.“



      „Ich habe nichts anderes erwartet, Don Hernando.“



      Dann verabschiedet sie sich von mir und Evita führt mich zu meinem Zimmer zurück. Dort angekommen frage ich sie:



      „Donna Martinez sagte beiläufig, dass ich dich haben könnte. Was meinte sie damit?“



      „Don Hernando, Donna Martinez sprach davon, dass gemäß dem Grundsatz ‚Survival the fittest’ der Mensch im Laufe der Evolution – auch mit Hilfe von Sprache und Schrift, und damit verbundener Gruppenkoordination – zum stärksten Lebewesen auf der Erde wurde. Stärke bedeutet in diesem Zusammenhang nicht bloße Körperkraft, sondern mentale Stärke. Die Gruppen, zu denen sich die Menschen zusammen fanden, wurden und werden vom dominantesten Gruppenmitglied geführt. Das Paar ist die kleinste Gruppeneinheit. Und zumeist ist der Mann in solchen Kleingruppen der dominante Part, der die Verantwortung übernimmt, zum Wohle der Kleingruppe zu entscheiden.“



      „Aber es gibt Ausnahmen – siehe Donna Martinez…“



      „Ja, den Kleingruppen übergeordnet sind die ‚Häuser’. In den Häusern leben mehrere Kleingruppen und arbeiten zusammen zum Nutzen aller. Es wird Handel und Handwerk betrieben, zum Beispiel. An der Spitze solcher ‚Häuser’ stehen dominante Personen, die meist die Idee zur Gründung und Unterhaltung der Häuser hatten und andere dafür begeistern konnten, gemeinsam für das selbe Ziel zu arbeiten.“



      „Und über allem steht die Community?“



      „Ja, zwischen den ‚Häusern’ und der Community stehen die Orte und über allen steht die Community.“



      „Aha. – Und wenn ich mich jetzt von dir verabschieden würde, wohin würdest du gehen?“



      „Ich diene. Es ist mein Wunsch - ein unbewusster Trieb vielleicht, oder meine innere Überzeugung - einem dominanten Menschen zu dienen, ihm zu gefallen, ihn von Zeit zu Zeit den Alltag vergessen machen. Dafür erhalte ich Schutz und Geborgenheit, Zuneigung – vielleicht sogar Liebe, wenn ich das Glück habe, meinen Liebesherrn zu finden. Oder Strafe, wenn ich Missfallen sollte…

      Wohin würde ich gehen? Ich bewohne mit drei weiteren Frauen gleicher Neigung ein Zimmer, wie ihres. Wir dürfen es nur verlassen, um Aufträge auszuführen. Ich würde dorthin zurückkehren und mich morgen früh wieder bei Ihnen melden – wenn ich darf.“



      „Donna Martinez hat dich also zu meiner persönlichen Magd oder Leibeigenen bestimmt?“



      „So ist es, Don Hernando,“ bestätigt sie mir mit gesenktem Blick.



      „Aber ich könnte mir durchaus selbst eine Magd aussuchen?“



      „Das steht Ihnen frei – und auch die Anzahl Mägde steht Ihnen frei…“



      „Wenn ich nun bestimmen würde, dass du die Nächte bei mir schläfst?“



      „Dann würde ich dem Herrn in der Nacht dienen so gut ich kann.“



      „Hattest du schon andere Dienstherren?“



      „Einen festen noch nie, mein Herr.“



      „Du gefällst mir, Evita. Geh’ und hole deine persönlichen Sachen.“



      Evita beginnt zu zittern und kniet im nächsten Moment vor mir.



      Überrascht von dem plötzlichen Gefühlsausbruch, streiche ich ihr durch das Haar, fahre zart mit den Fingerrücken über ihre Wange und hebe ihr Kinn an. Ich schaue in tränennasse Augen.



      „Evita – meine Evita,“ sage ich sanft. „Steh’ auf, lauf und komm’ mit deinen Sachen zu mir zurück!“



      Sie springt auf, ruft „Sofort, Senor“ und ist geschwind durch die Tür verschwunden.



      Fünf Minuten später klopft es an meine Tür. Ich stehe vom Tisch auf, wo ich gerade meine Fotos durchsehe und öffne die Tür. Evita steht da mit einer zweirädrigen Karre und darauf eine Truhe. Ich lächele sie an und öffne die Tür bis zum Anschlag. Sie lächelt schüchtern zurück und fährt ihre Truhe in mein Zimmer.



      „Ich habe noch gar nicht geschaut, was alles hier in den Truhen ist. Ich glaube, ich schiebe sie etwas zusammen, damit deine Truhe Platz findet.“



      „Don Hernando, befiehl und ich mache das für dich!“



      „Ach was, Evita. Überlass’ mir das Grobe, das Kraft erfordert und kümmere du dich um Ordnung, Sauberkeit, Bedienen und all die leichten Tätigkeiten.“



      „Wie der Senor befiehlt.“



      Ich lächele.



      „Genau so, Evita! Wir werden ein gut aufeinander abgestimmtes Team werden. Dann wirst du mir meine Wünsche quasi von den Augen ablesen können.“



      Evita schaut zu Boden und flüstert:



      „Genau das ist mein Ziel, Senor.“



      Ich zerre die Truhen an der rechten Seite näher zusammen und prüfe, ob sich die Deckel noch problemlos öffnen lassen. Dann fahre ich Evitas Truhe an die freigewordene Position. Ich prüfe, ob auch ihr Deckel problemlos zu öffnen ist. Danach wende ich mich zu ihr um. Sie hat sich zwischenzeitlich auf den Boden gekniet und auf ihre Fersen gesetzt.



      „Hm,“ sage ich. „Wo finde ich hier im Raum flache Kissen?“



      Evita steht auf, öffnet eine Truhe und reicht mir ein Kissen.

      „Meint der Senor ein solches?“

      „Ja, Evita, nur größer.“

      Sie greift noch einmal in die Truhe.

      „Ist dies das richtige?“

      „Ja, das meine ich.“

      Ich nehme ihr das Kissen aus der Hand, während sie das Kleine zurücklegt. Dabei sehe ich, dass noch mehr in der Truhe liegen.

      „Gib mir noch ein zweites, Evita.“

      Ich lege nun ein Kissen neben meinen Hocker und das zweite in die Nähe der Tür auf den Boden. Evita schaut meinem Tun verständnislos zu.

      Ich setze mich nun auf den Hocker, von dem ich eben aufgestanden bin, schaue sie an und frage sie:

      „Darfst du in Gegenwart von Senores und Senoras auf Hockern sitzen, oder ist dir nur erlaubt auf dem Boden zu sitzen?“

      „Ich muss tun, was der Senor befiehlt! Aber wenn der Senor Besuch bekommt und ein anderer Senor oder Senora sieht mich auf einem Hocker sitzen, macht das keinen guten Eindruck.“


      „Gilt das ebenso für das Sitzen auf dem Fußboden, beziehungsweise auf einem Kissen?“
      „Ich habe noch keine Magd auf einem Kissen knien oder sitzen gesehen. Auch mir war das nie erlaubt.“



      „Dann erlaube ich dir das hiermit in meiner Wohnung, Evita. Komm’ zu mir!“



      Mit zwei schnellen Schritten ist sie an meiner Seite und setzt sich auf dem Kissen auf ihre Fersen. Dann schaut sie mit einem eigenartigen Blick zu mir auf, bei dem jeder harte Mann weich werden könnte und haucht:



      „Danke, Senor! Vielen Dank.“



      „Du siehst, auch ich muss noch einiges lernen… Dieser Ort hier… Kannst du ihn mir kurz beschreiben?“



      „Dieser Ort heißt Kak-Aute, was in etwa ‚Haus im Himmel’ auf Pemón bedeutet. Wir beziehen für fast alles, was wir benötigen Rohstoffe und stellen daraus die Waren selbst her, die wir brauchen. Je ein Haus ist so für die Herstellung von verkaufsfertigem Fisch und Fleisch zuständig, ein anderes für die Herstellung von Brot, von Mehl, von Stoffen, von Kleidung und so weiter. Das Haus der Donna Martinez ist für die Pressearbeit zuständig.“



      „Halt, warte mal,“ unterbreche ich Evita. „Du sagst Pressearbeit. Donna Martinez sagte doch, die Community scheut die Presse…“



      „Ja, die Community möchte nicht in der Presse genannt werden, aber den Menschen sollte schon die Schönheit der Natur nahe gebracht werden und dass sie schützenswert ist.“



      „Ah – ich bin Naturfotograph und bin hergekommen, weil ich von den Tepui gehört habe. Ich wollte die Pflanzen- und Tierwelt auf und um den Tepui fotografieren und sie in einem Bildband veröffentlichen – vielleicht auch mit Text.“



      „Hm, Don Hernando. Könnte die Information über die Tepui sie nicht gezielt erreicht haben – um ihr Interesse zu wecken?“



      „Du meinst, es wäre möglich, dass die Community gezielt gerade MEIN Interesse geweckt hat?“



      „Möglich wäre das, Don Hernando. Donna Martinez sagte, sie zeigten Anlagen zu ritterlichem Verhalten.“



      „Das kann auch Schmeichelei gewesen sein…“



      „Hm, ja, Don Hernando.“



      „Führe mich jetzt durch den Ort und lass’ mich mir einen groben Überblick verschaffen, Evita!“ sage ich und stehe auf.



      Evita erhebt sich ebenfalls, wobei sie etwas schwankt. Ich stütze sie ab und sage:



      „In Zukunft will ich wissen, wenn dir die Füße einschlafen!“



      „Ja, Senor.“



      Neugierig, was sich hinter der schmalen Tür in der Seitenwand befindet, öffne ich diese und sehe eine enge Toilettenzelle. Ich schließe die Tür wieder. Dann machen wir einen Rundgang durch das Höhlensystem, vorbei an Wohnungen Büros, Werkstätten, Geschäften und Manufakturen. Nach etwa drei Stunden sage ich:



      „Ich bekomme langsam Hunger. In meinem Zimmer gibt es keine Möglichkeit der Essenszubereitung. Gibt es dafür nur solche Gasträume, wie der, in dem wir Mittag gegessen haben?“



      „Kleinere Wohnungen sind auch mit Bad und Küche ausgestattet. Häuser, wie das der Donna Martinez beschäftigen einen Küchenmeister. Essen können Sie kostenlos in dem genannten Gastraum oder gegen Bezahlung in einer Taverne. Eine Waschgelegenheit haben Sie auf ihrem Zimmer. Möchten Sie mehr, dann gehen Sie in eines der Badehäuser.“



      „Ah, gut. Dann wollen wir erstmal zu meinem Zimmer zurückgehen, damit ich mich den hiesigen Gepflogenheiten entsprechend kleide.“

      Zurück in meinem Zimmer sucht mir Evita Hose, Hemd, Weste und Umhang aus einer Truhe, dann gehen wir in den Gastraum und ich schaue, was der Küchenmeister gerade vorrätig hat. Dann lasse ich mir die offiziellen Essenszeiten sagen und danach gehen wir zu meinem Zimmer zurück.



      *



      Am nächsten Morgen wache ich mit der begehrenswertesten Frau im Arm auf, die ich bisher kennen gelernt habe. Sie schlummert noch mit einem feinen Lächeln im Gesicht. Auch ich schließe noch einmal die Augen und lasse den vergangenen Abend vor meinem inneren Auge Revue passieren. Da beginnt sich Evita zu regen.

      Sie stemmt sich hoch.

      Ich fasse ihre Handgelenke.

      Sie dreht sich zu mir um und schaut mich erschrocken an.

      „Habe ich meinem Herrn missfallen?“

      „Nein, Mein Mädchen! Ganz und gar nicht! Komm’, kuschele dich noch ein paar Minuten an mich!“

      Sofort presst sie sich wieder an mich. Ich fahre mit dem Zeigefinger hauchzart die Konturen ihrer Augenbrauen nach, über Nasenrücken und Mund. Sie versucht, den Finger mit der Zunge zu berühren. Ich lächele und streichele nun ihren Hals und über ihre oben liegende Schulter. Dann fahre ich mit den Fingerspitzen sanft über ihre Seite von der Achselhöhle zur Hüfte. Kreise auf ihrem vibrierenden Bauch. Sie öffnet den Mund. Ich streiche ihr Haar zurück und beginne ein Zungenspiel, während sie meinen Oberschenkel zwischen ihre Beine nimmt. Nun kann ich mich auch nicht mehr zurückhalten.

      Ich drehe Evita auf den Rücken und dringe in sie ein. Sie schließt die Beine in meinem Rücken und drückt in meinem Rhythmus unsere Körper zusammen. Bald stöhnt sie stoßweise und liegt dann schlaff unter mir, den Kopf zur Seite gedreht und Tränen in den Augen. Ich nehme den Zipfel des Kopfkissens, um sie zu trocknen. Dann liegen wir noch mehrere Minuten still neben einander, bis ich sage:

      „Du wolltest aufstehen? Dann los, mein Mädchen!“



      *



      In den vergangenen vier Wochen habe ich die verschiedensten Waffen ausprobiert. Aber ich kann mich für keine Waffengattung so recht begeistern. Ja, ich lerne den Umgang mit allen Waffen kennen, damit ich damit umzugehen weiß, wenn ich sie einmal in die Hand bekomme und mich damit verteidigen müsste.

      Stattdessen gehe ich täglich zwei Stunden zu einem alten Chinesen, der mich in ostasiatischer Kampfkunst ausbildet. Dieser unblutige Kampfstil liegt mir eher. Nichtsdestotrotz verlangt er hundert Prozent Konzentration und Härte neben der Förderung ritterlicher Tugenden, die hier so geschätzt werden.

      Ein Jahr danach habe ich mich schon einige Gürtelgrade höher gearbeitet, als Donna Martinez mich beim Essen anspricht.

      „Hallo, Don Hernando. Wie ich höre, macht Ihnen der Aufenthalt bei uns Spaß.“

      „Hallo, Donna Martinez. Ja, in der Tat!“ gebe ich lächelnd zur Antwort.

      „Und wie weit ist ihr Buchprojekt gediehen?“

      „Möchten Sie mein Manuskript einmal sehen?“

      „Sehr gerne, Don Hernando! Wie sie wissen, interessiert es mich sehr.“

      „Evita.“

      „Ja, Senor.“

      „Du hast gehört?“

      „Ja, ich bin sofort mit dem Stick zurück!“

      Wenige Minuten später kann ich Donna Martinez den Memory-Stick mit meinem Manuskript aushändigen. Sie lässt das Manuskript gegenlesen und legt es dem Rat vor.

      Dort wird der Vorschlag Donna Martinez’ schließlich angenommen, das Buch durch den Rat unter meinem Namen zu veröffentlichen. Das Honorar wird dem Vorschuß gegen gerechnet und der verbleibende Betrag auf das Konto ihres Hauses überwiesen. Fünfzehn Prozent fließen weiter auf das Konto des Rates von Kak-Aute und schließlich steigt mein Lohn bei Donna Martinez um zehn Prozent auf einhundertundzehn Silber-Tarsk pro Monat.
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      -2-

      „Könnte ich mal allein mit dir sprechen, Peter?“ fragt mich Marion während einer Vorlesungspause.



      „Na klar, Marion,“ habe ich ihr betont lässig geantwortet.



      Marion Müller studiert wie ich an der Universität zu Köln Geologie. Ich bin vier Semester über ihr und betreue sie und vier weitere Studenten als Tutor an drei Nachmittagen in der Woche. Marion ist ein nicht sehr großes Mädchen mit hübschem kleinen Busen, schmalen Fußgelenken und reizenden Kurven.



      Allerdings gibt sie sich große Mühe, dem strengen Äußeren ihrer Professorinnen nachzueifern, ohne wirklich von ihnen anerkannt zu werden. So hat sie also zu meiner Gruppe gefunden, um sich fachlich zu verbessern. Marion hat sehr dunkles, beinahe schwarzes Haar, das sie zu einem engen Knoten am Hinterkopf zusammen gesteckt hat. Ihre Haut zeigt sich hell, ihre Augen dunkelbraun.



      Ich heiße Peter Franck. Ich habe blondes Haar und blaue Augen, eine helle Haut und bin siebenundzwanzig Jahre alt. Ob sie etwas ahnt von den Gefühlen, die in mir erblüht sind seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe, als sie vor einigen Monaten um Aufnahme in meine Gruppe gebeten hat? Für mich ist sie aufregend schön.



      Es fällt schwer, solche Dinge zu erklären. Nicht dass sie ausgesprochen attraktiv wäre. Dazu gibt sie sich zu unnahbar. Oder ist es gerade das, was sie für mich anziehend macht? Oft habe ich davon geträumt, ihren nackten Körper in den Armen zu halten. Es kostet mich während der Übungsstunden Mühe, mir diese Gedanken aus dem Kopf zu schlagen.



      Mehrfach habe ich sie schon gebeten, mich ins Kino oder in ein Restaurant zu begleiten, aber sie hat bisher immer abgelehnt. Ein- oder zweimal habe ich sie während der vergangenen Monate in wechselnder männlicher Begleitung gesehen. Heute Abend nun hat sie mich überraschend angerufen und vorgeschlagen, gemeinsam auszugehen. Ohne weitere Erklärung.



      Sie wolle mit mir reden. Gespannt und ein wenig verwirrt nehme ich die U-Bahn. Wir besuchen erst eine Vorstellung im Rex, dem Kino, das ihrem Vater gehört. Sie sitzt schweigsam und seltsam verkrampft neben mir. Danach gehen wir immer noch schweigsam nebeneinander in die Altstadt.



      "Magst du in unsere Studentenkneipe?" frage ich sie.



      Sie nickt. Nun sitzen wir uns an einem kleinen Tisch in einer Ecknische gegenüber. Sie hat mich allein sprechen wollen. Sie wirkt ziemlich zerstreut.



      Bisher habe ich sie noch nie so erlebt. Normalerweise gibt sie sich intellektuell, zurückhaltend, gefasst, abweisend.



      Jetzt sieht sie mich an.



      Wir sind ja eigentlich nicht befreundet, eher nur miteinander bekannt. Noch weiß ich nicht, warum sie um die Zusammenkunft gebeten hat.



      Ich lege meine Hand auf ihre.



      „Nicht“, kommentiert sie die Geste. „Ich mag das nicht. Versuche nicht mir männlich zu kommen. Ich mag die Männer nicht. Und ich gefalle mir nicht einmal selbst.«



      „Dann verstehe ich nicht, was dieses Gespräch soll.“



      Ich schiebe meinen Stuhl vom Tisch ab, um aufzustehen zu können.
      „Nein,“ sagt sie schnell. „ Bitte geh’ nicht. Ich muss dringend mit dir sprechen, Peter.“



      Ich schaue ihr in die Augen. Ich bin neugierig und sie ist hübsch.



      „Warum willst du mich sprechen?“ frage ich. „Bisher hast du mich doch kaum beachtet.“



      „Es gibt Gründe. Ich hatte so eine unterschwellige, unerklärliche Furcht vor dir, Peter.“



      Ich lache leise und frage sie:



      „Wieso denn das?“



      „Du hast so etwas an dir,“ sagt sie leise. „Ich weiß eigentlich nicht, was es ist. Eine Art Ausstrahlung, eine Männlichkeit.“



      Sie hebt schnell den Blick.



      „Versteh’ das richtig. Ich finde so etwas abstoßend.“



      „Schon gut, Marion.“



      „Aber ich fühle mich irgendwie weiblich dabei, irgendwie schwach. Ich möchte aber nicht weiblich sein, nicht schwach. Ich möchte stark sein, selbstbewusst mein Leben in der Hand haben.“



      „Tut mir leid, wenn ich vielleicht etwas gesagt oder getan habe, das dich beunruhigt.“



      „Das ist es nicht. Es geht eher um etwas, das nur fühlbar ist. Dass du nämlich anders bist. Anders als die anderen.“



      „Inwiefern?“



      „Na, eben ein Mann.“



      „Das ist doch blanker Unsinn!“ ereifere ich mich. „Du musst doch Duzende von Männern kennen. Ich seh’ dich doch immer mal mit einem.“



      „Keiner ist wie du.“



      „Wovor hast du Angst?“ will ich wissen. „Dass ich dir die Anweisung geben würde, in die Küche zu gehen und zu kochen?“



      „Nein,“ antwortet sie lächelnd.



      „Oder dass ich dich ins Schlafzimmer schicken würde, dich auszuziehen?“



      „Bitte, Peter,“ sagt sie und senkt errötend den Blick.



      „Entschuldige,“ sage ich.



      Innerlich muss ich allerdings bei dem Gedanken lächeln. Das Bild, das sich in meinen Gedanken formt, der niedlichen Marion zu befehlen, das Schlafzimmer meiner kleinen Studentenwohnung zu betreten und sich dort auszuziehen, ist erregend.



      „Es gibt verschiedene Gründe, warum ich mit dir sprechen wollte,“ beginnt sie nach einer kurzen Pause wieder.



      „Ich höre...“ dehne ich.



      „Du musst erstmal wissen, ich mag dich wegen deiner Ausstrahlung nicht.“



      „Na schön.“



      „Und wir Frauen haben vor Männern mit dieser Ausstrahlung keine Angst mehr.“



      „Gut.“



      Aber sie spricht nicht weiter, sondern senkt den Kopf.



      Heute Abend trägt sie Kleidung, die ich an ihr noch nie gesehen habe. Normalerweise hält sie sich an die „Uniform“, die in ihren intellektuellen Studentenkreisen stillschweigend vorgeschrieben ist - Hosen verschiedener Art, Blusen und Jacken. Solche Imitation männlicher Kleidung wird interessanterweise oft gerade von solchen Individuen getragen, die am lautesten darauf bestehen, dass sie Frauen sind. Dabei scheinen gerade diese Personen am allerwenigsten feminin zu sein. Aber solche Erörterungen überlässt man am besten den Psychologen.



      „Du siehst heute Abend sehr hübsch aus,“ bemerke ich, um das Gespräch in Gang zu halten.



      Marion trägt ein schulterfreies weißes Satinkleid und dazu eine kleine silberfarben paspelierte Handtasche. Handgelenke und Hals liegen frei. Sie hat hübsch geformte Arme und zarte, schmale Hände. An den Füßen trägt sie goldfarbene Pumps mit schmalen goldenen Riemchen.



      „Vielen Dank,“ flüstert sie.



      Ich mustere sie. Sie hat aufregende Schultern. Ihr Busen ist sicher sehr hellhäutig.



      „Das ist aber bestimmt nicht das übliche Ausgeh-Outfit,“ fahre ich fort.



      „Ich weiß nicht, was mit mir los ist,“ erwidert sie niedergeschlagen und schüttelt den Kopf. „Ich musste mit jemandem sprechen.“



      „Warum aber gerade mit mir? Da du mich doch anscheinend abstoßend findest…“



      „Dafür gibt es Gründe. Zum Beispiel bist du anders als die anderen. Was die anderen sagen und denken, weiß ich. Ich aber brauche jemanden, der in seinem Denken auf eigenen Beinen steht, der objektiv sein kann. In unserem kurzen Gespräch ist mir bereits klar geworden, dass du nicht in Worten denkst, sondern in greifbaren, realitätsbezogenen Begriffen.“



      „Es gibt viele tausend Menschen, die in realistischen Kategorien denken - fest verwurzelt mit der Welt, ihrer Natur und ihren Versprechungen,“ sage ich. „Diese Menschen verabscheuen Schlagworte und Sprüche jeder Art. Und wer die Welt beherrscht, kann gar nicht anders denken. Er mag zwar leere Worte verwenden, um die Massen zu lenken, doch innerlich kann er sich nicht dermaßen einengen lassen, sonst wäre er gar nicht erst in seine Machtposition aufgestiegen.“



      „Ich bin den Umgang mit Menschen gewöhnt, die nur in Schlagworten denken“, sagt sie.



      „Die akademische Welt ist oft ein Tummelplatz für Leute, die nicht anders können. In den Kreisen gelten nicht dieselben Erfolgs- und Versagenskriterien wie beim praktischen Denken. Macht der Flugzeugkonstrukteur einen Fehler, stürzt die Maschine ab. Veröffentlicht der Historiker aber ein dummes Buch, wird er womöglich in den Himmel gehoben.“



      Sie senkt den Blick.



      „Wir wollen bestellen,“ weicht sie aus.



      „Ich dachte, du wolltest mit mir sprechen.“



      „Bestellen wir!“



      „Na schön. Was möchtest du trinken?“



      Ich bestelle unsere Getränke. Der Wirt ist aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Sie bleibt wieder eine ganze Weile stumm. Es hat den Anschein, als hielte sich an ihrem Glas fest.



      „Peter“, bricht es schließlich aus ihr heraus. „Ich habe dir schon gesagt, dass ich nicht weiß, was mit mir los ist. Und das stimmt wirklich. Und ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll.“



      Ich hebe mein Glas und schaue sie über den Rand an. Es hat sicher keinen Sinn, sie zur Eile anzutreiben. Ich bin neugierig.



      „Vor einigen Monaten fing es an«, sagt sie und wirft mir einen schnellen Blick zu. »Mich überkamen ungewöhnliche Gefühle und Sehnsüchte.“



      „Welcher Art?“



      „Na, es sind Gefühle, die vor Jahrzehnten als feminin galten, als die Menschen noch an das Weibliche glaubten.“



      „Das tun viele auch heute noch“, antworte ich ihr. „Ihre offizielle Einordnung, welchen politischen Wert diese auch haben mag, ist eine Perversion, nicht nur der Realität, sondern auch der Biologie.“



      „Glaubst du das wirklich?“



      „Und ob,“ erwidere ich. „Ich an deiner Stelle würde mir aber keine großen Sorgen machen über die Dinge, die die Leute für wahr halten, sondern mehr über das, was wirklich die Wahrheit darstellt. Wenn du tief verwurzelte weibliche Begierden hast, dann hast du sie eben. So einfach ist das. Sollen sich doch die, die so etwas nie selbst erfahren haben, darüber streiten, ob es so etwas wie eine Weiblichkeit überhaupt gibt. Und die, die die Frage eindeutig beantworten können, weil sie sie nämlich an sich erfahren haben, sollten sich lieber anderen Problemen zuwenden.“



      „Aber ich habe Angst vor meiner Weiblichkeit,“ wendet sie ein. „Ich erlebe schlimme Träume.“



      „Was für Träume?“



      „Ich traue mich kaum, sie jemandem zu erzählen. Schon gar nicht einem Mann, so schrecklich sind sie.“



      Ich schweige, denn ich will sie nicht unter Druck setzen.



      „Ich habe oft geträumt, ich wäre Sklavin und müsste einen metallenen Halsreif tragen. Ich müsste einem Manne dienen.“



      „Ich verstehe…“ dehne ich.



      Meine Hände umklammern die Tischkante. Einen winzigen Augenblick lang sehe ich alles nur verschwommen. Ich habe nie geahnt, dass man eine so plötzliche Lust empfinden konnte, eine solche erstaunliche, verrückt machende Begierde nach einer Frau. Ich wage nicht mich zu bewegen.



      „Es ist, seit ich in deiner Gruppe bin. Ich wollte mir eine andere suchen, aber ich schaffe es nicht. Ich besuchte einen Psychologen,“ fährt sie fort, „aber der reagierte als Mann. Er sagte mir, solche Gedanken wären ganz normal und natürlich.“



      „Aha.“



      „Danach ging ich zu der Praxis einer Psychologin - und die reagierte sogar zornig. Sie nannte mich eine lüsterne Hexe.“



      „Das war ja psychologisch nun wirklich nicht klug,“ sage ich lächelnd. „Aber anscheinend berührte deine Geschichte eine empfindliche Stelle in ihr. Oder sie fühlte sich irgendwie bedroht - von etwas, das mit gewissen theoretischen Standpunkten wohl nicht vereinbar war.“



      Ich mustere mein Gegenüber.



      „Es gibt auf diesen Gebieten eine große Bandbreite von Auffassungen, besonders in der Psychologie. Wenn man sich gründlich umsieht, findet man bestimmt jemanden, der einem genau das sagt, was man hören will.“



      „Aber ich möchte die Wahrheit wissen,“ sagt sie heftig. „Egal wie sie aussieht.“



      „Vielleicht ist die Wahrheit aber gerade das letzte, was du hören willst.“



      „Wie das?“



      „Nun ja, nehmen wir einmal an, die Wahrheit liefe darauf hinaus, dass du tief im Innern deiner Seele wirklich eine Sklavin bist.“



      „Nein!“ ruft sie und senkt verlegen die Stimme als andere Gäste zu uns herüber schauen. „Du bist abscheulich!“



      „Dass du tief im Innern Sklavensehnsüchte hast, käme also gar nicht in Frage?“



      „Natürlich nicht.“



      „Es passt politisch nicht ins Bild.“



      „Ja!“ sagt sie. „Aber abgesehen davon kann es nicht stimmen. Es darf nicht stimmen! Ich darf nicht einmal an die Möglichkeit denken!“



      „Aber du bist sehr schön und sehr weiblich.“



      “Ich will nicht an die Weiblichkeit glauben. Ich bin mindestens genauso gut, wie die Männer,“ sagt sie.



      „Das bestreitet aber doch keiner! Weiblichkeit hat nichts mit Wertlos sein zu tun! Hast du das schon deinen Hormonen gesagt -die in deinem wunderhübschen kleinen Körper so überreichlich vorhanden sind -, dass du dich dafür entschlossen hast deine Weiblichkeit zu verdrängen?“



      „Ich weiß, dass ich feminin wirke“, sagt sie abrupt. „Ich nutze das, um Männer um den Finger zu wickeln. Damit sie tun, was ich möchte. Ich weiß, das ist falsch und abscheulich, aber ich kann nicht anders. Ich schäme mich ja so. Ich möchte eine richtige Frau sein, aber ich bin zu schwach, zu feminin.“



      „Weiblich sein hat nichts mit Schwäche zu tun und Maskulin sein für sich genommen nichts mit Stärke. Es ist nicht falsch, man selbst zu sein.“



      „Außerdem habe ich Angst“, fährt sie fort. „Hast du schon einmal von dem Planeten Gor gehört?“



      „Ja,“ antworte ich. „Eine fiktive Welt aus einer Romanserie.“



      Plötzlich muss ich lachen.
      „Du hast die Romane gelesen und sie haben eine Saite in deinem Inneren angesprochen. Daher deine Träume. Dein Unterbewusstsein visualisiert deine Sehnsüchte, die so ganz anders sind als sich die heutige Umwelt präsentiert. Die Gesellschaft verlangt die vermännlichte Frau, die Karriere macht und dazu ihre Ellenbogen benutzt.“



      „Deine Worte sind ausgesprochen tröstlich, Peter,“ sagt sie sarkastisch.



      „Außerdem - sollten wirklich die Sklavenhändler über dich herfallen, würdest du bestimmt irgendwann einen Herrn finden, der dich freundlich behandelt.“



      „Die Goreaner behandeln ihre Sklaven sehr streng,“ bemerkt sie erschaudernd.



      „Du solltest die Romane wirklich verbrennen und mehr in die Fachbücher schauen! Gor ist eine fiktive Welt. Es mag Leute in der Szene geben, die danach leben. Aber wir leben hier auf der Erde. Es gibt keine erzwungene Versklavung mehr. Also sind die Romane nicht Eins zu Eins ins tägliche Leben zu übertragen!“



      „Kann ich dir erzählen, was ich geträumt habe, Peter?« fragt sie.



      „Ja.“



      „Ich habe wiederholt geträumt, dass ich Sklavin wäre, dass mein einziges Kleidungsstück ein Halsreif wäre und dass ich einem Mann dienen müsste.“



      „Ich weiß, das hast du eben gesagt.“



      „Alle Träume hatten etwas Gemeinsames,“ fährt sie fort, „das ich dir eigentlich nicht zu sagen wage.“



      „Und das ist?“



      Sie hebt den Blick. „Der Mann, dem ich dienen muss, ist immer derselbe.“



      „Ach?“



      „Ich mag im Augenblick nicht näher darauf eingehen,“ sagt sie und senkt den Blick wieder.



      Es vergehen einige Sekunden, dann schaut sie mich wieder an.



      „Wir wollen zahlen. Bringst du mich nach Hause, Peter?“



      „In Ordnung, Marion.“



      Dann hebe ich die Hand, um den Wirt herbeizurufen.



      „Ich übernehme die Hälfte“, sagt sie.



      „Ich erledige das schon,“ widerspreche ich.



      „Nein!“ braust sie auf. „Ich will nicht von einem Mann abhängig sein!“



      „Na schön,“ sage ich. „Um eins kommt man bei allem Diskutieren nicht herum: Du bist eine sehr reizvolle, aufregende junge Frau.“



      „Du bist schrecklich!“ erwidert sie und senkt lächelnd den Blick.



      „Und dein Outfit heute Abend,“ fahre ich fort, „ist wie du selbst entzückend weiblich, ob es dir gefällt oder nicht.“



      Sie blickt an sich herunter und streift unbewusst das Kleid glatt. Es ist eine sehr natürliche Geste. Ich finde mein Gegenüber sehr aufregend. Unwillkürlich frage ich mich, ob es so etwas wie natürliche Sklaven gibt.



      „Bisher habe ich dich nie in wirklich weiblicher Kleidung gesehen,“ fahre ich fort. „Wie kommt es zu diesem plötzlichen Sinneswandel?“



      „Die Träume…“



      „…haben dich sexuell erregt,“ ergänze ich im Hinausgehen.



      „Woher willst du das wissen?“ gibt sie sich empört. „Ich habe nichts davon gesagt.“



      „Das brauchst du auch nicht. Dein Gesicht, deine Stimmlage, die Art und Weise also, wie du den Traum erzähltest, haben es mir verraten.“



      „Ich hasse dich!“ ruft sie aus. Passanten grinsen.



      Wir gehen nebeneinander über den Altermarkt zur Aachener Strasse und dann diese entlang bis zu den Ringen. Dort folgen wir den Ringen nach rechts. Sie ist schweigsam. Ich beobachte sie und stelle mir vor, wie sie als Sklavin aussehen würde, mit Halsreif auf den Fliesen kniend. Wie seltsam erscheint es mir in diesem Augenblick, dass die irdische Gesellschaft solchen entzückenden, begehrenswerten Geschöpfen jemals die Freiheit gegeben hat. Ihr Platz ist zu Füßen eines Mannes.



      Marion spürt meinen Blick, sieht mich aber nicht offen an. Stattdessen wirft sie den Kopf in den Nacken. Es ist eine hübsche Geste, die Bewegung einer jungen Frau, die sich dem Blick des Mannes ausgesetzt weiß.



      „Woran denkst du“ fragt sie schließlich als wir das Rex, das Kino erreicht haben, das ihrem Vater gehört.



      „Ich habe mir eben vorgestellt, wie du dich auf einer Versteigerung machen würdest.“



      Sie hat gerade das Portal aufgeschlossen. Nun fährt sie zu mir herum.



      „Wie kannst du es wagen, so etwas zu mir zu sagen!“ ruft sie.



      „Wäre dir eine unehrliche Antwort lieber gewesen?“



      „War ich denn hübsch?“ fragt sie.



      „Sensationell!“



      Sie errötet und lächelt.



      »Peter, hättest du mich gekauft?“



      „Was gab es denn noch zu kaufen?“ frage ich lächelnd zurück.



      In einem Aufwallen des Zorns schlägt sie mich ins Gesicht.



      „Ungeheuer!“ faucht sie und wendet sich zornig ab.



      „Ich bin keine Sklavin!“ zischt sie. „Ich bin keine Sklavin!“



      Und wirft ungewollt heftig das Portal ins Schloss, nachdem sie durch geschlüpft ist.



      Die letzte U-Bahn ist schon lange weg. Ich werde mir also ein Taxi für den Heimweg suchen müssen.



      *



      Auf der Heimfahrt habe ich einen schlechten Geschmack im Mund. Ich fühle mich irgendwie elend. Der Abend ist so gar nicht in meinem Sinne verlaufen. Es hat keine Vereinbarung auf einen weiteren gemeinsamen Abend gegeben. Marion ist eine intelligente Frau. Wie sehr muss mein törichter Vorstoß sie beleidigt haben! Wie schockiert muss sie sein. Warum habe ich keine Rücksicht auf ihre Gefühle genommen? Liegt mir denn nichts an ihrem Verstand? Stattdessen habe ich das Gespräch auf das Körperliche gelenkt!



      Hoffentlich habe ich nicht alles zunichte gemacht, das sich zwischen uns entwickeln mag. War ich denn nicht stark genug, um auch rücksichtsvoll, liebevoll, sanft, zärtlich und feminin zu sein? Ich kann nur hoffen, dass sie mich noch mag, dass sie mir noch Gelegenheit geben würde, ihr zu gefallen. Und plötzlich geht mir mit ungeahnter Heftigkeit auf - vermutlich weil ich bisher noch keine so aufregende Frau gefunden habe -, dass in unserer westlichen Gesellschaft der Mann einer Frau zu Gefallen sein muss, dass er - um in Kontakt mit ihr zu treten - zu sein und zu tun hat, was die Frau sich wünscht, weil sie sonst unnahbar bleibt.



      Die Frauen der heutigen Zeit sind eine völlig neue Spezies und unterscheiden sich in besonderer Weise von den Frauen der Vergangenheit, so frei und unabhängig sind sie. Sie diktieren die Bedingungen und der Mann muss darauf eingehen, wenn er sich der Frau nähern will. Aber ist das nicht recht so? Gewiss haben doch die Frauen das Recht zu fordern, dass die Männer ihre Wünsche erfüllen. In unserer Gesellschaft sind es die Frauen, die den Ton angeben und die Männer, die nach der Pfeife tanzen.



      Wenn die Frauen sich aus irgendeinem Grund wünschen, dass wir wie Freunde sind, dann müssen wir uns eben große Mühe geben, so aufzutreten. Die Entscheidung fällt durch sie, indem sie ihre Gunst gewähren - oder eben nicht.



      Das Taxi kommt bei mir zuhause an. Ich zahle dem Fahrer ein kleines Vermögen und schließe die Haustüre auf. In dieser Nacht schlafe ich nicht besonders gut.

      Was hat Marion veranlasst, sich mit mir zu treffen? Sie plagen Träume. Darin muss sie sich einem Mann hingeben und sie hat Gefallen daran. Ganz gegen die political correctness der modernen westlichen Gesellschaft hat sie Gefallen daran und es macht ihr Angst. So sehr, dass sie Psychotherapeuten aufsuchte. Es sei in allen Träumen immer der gleiche Mann, der ihr ihre Weiblichkeit spüren lässt. Um mir das zu sagen, wollte sie sich mit mir treffen. Nur weil ich eine besondere Aura ausstrahle, wie sie meint? Oder weil ich dieser Mann bin, den sie in den Träumen sieht?

      *

      Professor Daniels hält mich nach Ende seiner Vorlesung über Gesteinsformationen und Gebirgsfaltungen auf:

      „Herr Franck, haben Sie ein paar Minuten Zeit?“

      „Ja, Professor?“

      „Sie machen demnächst ihr Examen. Haben Sie sich schon ein Thema überlegt?“

      „Ich bin mir noch nicht schlüssig…“

      „Meinen Zweig der Geologie mögen Sie anscheinend. Sie haben exzellente Bewertungen. Sie sollten ein Urlaubssemester – oder zwei – beantragen und eine Studienreise machen.“

      „Haben Sie einen Tipp, Professor?“

      „Schauen Sie in ihre Bücher! Wählen Sie ihr Reiseziel danach, was Ihnen liegt, was sie vor Ort erforschen möchten und wissenschaftlich aufarbeiten können. Fragen Sie vielleicht auch in der Gruppe, die Sie leiten, ob jemand Ihnen assistieren möchte. Diese praktische Arbeit bringt denjenigen im Studium sehr voran! Dann lassen Sie sich von Studiosus Reisen ihre Tour organisieren.“
      „Okay, Herr Professor. Ich werde mich informieren.“


      Am Abend nach diesem Gespräch wälze ich meine Bücher. Bilder von Tafelbergen, die aus grüner Wildnis in die Wolken ragen, fesseln mich. Vor Jahrmillionen ist das eine Hochebene gewesen. Die einzelnen Gesteinsschichten müsste man dort anschaulich sehen können.


      Am nächsten Nachmittag, in meiner Tutorstunde, bringe ich das Gespräch auf mein Vorhaben. Großes Interesse kann ich nicht erkennen. Marion druckst herum, aber ich dringe nicht weiter in sie. Der verpatze Abend steckt mir noch in den Knochen. Dann sprechen wir über die Themen meiner Studenten und ich zeige ihnen, wie sie an die Problemlösungen herangehen müssen.


      Nach der Tutorstunde spricht mich Marion an, als die Anderen außer Hörweite sind:


      „Ich möchte mich entschuldigen, Peter. Ich habe übertrieben reagiert.“


      „Ist schon okay, Marion. Ich werde nicht mehr davon sprechen, wie eine Frau auf Gor behandelt wird. Ist sowieso fiktiv. Wir leben hier schließlich in der westlichen Zivilisation auf der Erde!“


      „Peter, als weibliches Wesen behandelt zu werden, macht mir zugleich Angst, und fesselt mich auch. Ich möchte vor diesen Fantasien davon laufen und doch möchte ich sie festhalten. Verstehst du das? – Aber weshalb ich dich jetzt eigentlich sprechen wollte: Hältst du eine solche Exkursion, wie du sie vorhast, für Frauen zu anstrengend oder gefährlich?“


      „In der heutigen Zeit ganz sicher nicht mehr, Marion. Viele Wissenschaftlerinnen sind selbst bei Arktis-Expeditionen dabei.“


      „Dann werde ich ebenfalls Urlaubssemester beantragen! Sagst du mir Bescheid, was deine Recherche bei Studiosus ergibt?“


      „Das kann ich gerne machen,“ antworte ich und verabschiede mich leichten Herzens von ihr.


      *


      Drei Monate später sitze ich im Flugzeug nach Venezuela. Neben mir sitzt Marion, die mich kurz vor der Reise bei ihren Eltern als Exkursionsleiter vorgestellt hat. Es ist ein Nachmittag bei Kaffee und Kuchen geworden. Ihre Mutter hat mich sehr umsorgt und ihr Vater hat mir zum Abschluss des Nachmittages, als ich sagte, dass ich nun aufbrechen müsse, das Wohl seiner Tochter sehr ans Herz gelegt.


      Wir haben uns anfangs einen Film angesehen. Dann haben wir mehrere Stunden geschlafen. Nun lese ich etwas auf meinem E-Book-Reader, während Marion noch schläft. Der Ruck, der beim Aufsetzen auf der Landebahn des Flughafens von Caracas durch das Flugzeug geht, weckt Marion aber doch. Es dauert dann noch etwa zwei Stunden, bis wir das Flughafengebäude verlassen können. Ich halte nach dem Bus Ausschau, der uns zu dem Youth-Hostel bringen soll, wie in den Papieren von Studiosus angegeben.


      Bald darauf checken wir dort ein. Nach europäischer Zeit haben wir jetzt Abend. Hier ist es jedoch erst Vormittag. Da wir im Flugzeug lange, wenn auch nur leicht geschlafen haben, versuche ich jetzt erst einmal Kontakt zu unserem Guide aufzunehmen. Ich rufe die angegebene Telefonnummer von dem Telefon an der Rezeption an und vereinbare ein Treffen. Der Mann, der sich Ronaldo nennt, will in etwa zwei Stunden nach dem Mittagsimbiss ins Hostel kommen.


      Dann treffen wir den Mann, der nicht viel älter als wir zu sein scheint. Er erzählt, dass er zur indigenen Volksgruppe der Pemón gehört und in einem Dorf in der Nähe eines Tepui wohnt. Das kommt mir gerade recht. Dann kann ich mit Genehmigung des Dorfvorstehers dort sicher mein Basislager für meine wissenschaftlichen Arbeiten aufschlagen.


      „Wie weit ist es denn, von hier zu deinem Dorf,“ frage ich.


      „Oh, etwa 150 Kilometer. Mit dem Auto der Park-Ranger dauert es mindestens fünf Stunden und dann müssen wir zu Fuß etwa drei Stunden durch den Regenwald gehen. Ihr seit Geologen. Da habt ihr sicher empfindliche Instrumente dabei und größeres Gepäck?“


      „Wir haben drei große Rucksäcke mit all unseren Sachen und dazu zwei kleinere Rollenkoffer.“


      „Die Rollenkoffer sind etwas unpraktisch in der Wildnis, Pedro. Aber ich hätte da eine Alternative: Einen Tragschrauber.“


      „Ein Tragschrauber? Was ist denn das?“


      „Kennst du nicht diese Leichtbaufluggeräte für zwei Personen, die im Freien sitzen unter einem Rotor?“


      „Das ist ein Tragschrauber? Aber das Gerät ist doch viel zu klein für unsere Zwecke!“


      „Das stimmt! Du hast sicher mal einen Antrieb gesehen, den man Mantelschraube nennt?“


      „Ja, das ist ein Rotor, der nicht frei schwingt, sondern sich in einem Ring dreht, wie die Schaufeln eines Düsentriebwerks.“


      „Nun stelle dir ein Fluggerät vor, etwas größer als gewöhnliche Tragschrauber, mit geschlossener Kabine und angetrieben von drei Mantelschrauben.“


      „Ein etwas ungewöhnlicher Hubschrauber, bestimmt.“


      „Na ja, jedenfalls bringt euch das Gerät in einer Stunde zum Tepui, nach ‚Kak-Aute’.“


      „Wohin?“ Ich muss unwillkürlich grinsen.


      „Übersetzt heißt das soviel wie ,Haus im Himmel’. Der Name entstammt meiner Muttersprache, dem Pemón.“


      „Aha. Und wann können wir fliegen?“


      „Heute Abend gegen 19:30 Uhr denke ich. Ich frage den Besitzer des Fluggerätes und sage euch heute Nachmittag noch genau Bescheid.“


      „Okay.


      „Bis später.“



      „Bis später dann. Vielen Dank auch.“



      *



      Um 19:00 steigen wir zu dritt in einen Mietwagen, den Ronaldo kurzfristig organisiert hat, und verlässt mit uns die Stadt.



      Draußen, auf einer Grasfläche mit spärlichem Baumbewuchs steht schon das beschriebene Fluggerät, das mich irgendwie an Bilder des amerikanischen Tarnkappenbombers erinnert. Es ist nur ein ganzes Stück kleiner und wird nicht von Düsentriebwerken angetrieben. Die Pilotenkanzel vorne wird hochgeklappt als wir ankommen und zwei Männer steigen aus, die sich kurz mit Ronaldo besprechen. Dann wenden sie sich uns zu.



      „Hallo, guten Abend. Sie sind also die Geologen, die sich für Tepuis interessieren?“ sagt der Eine mit einem breiten Lächeln.



      „Guten Abend,“ grüße ich zurück. „Ganz recht. – Und Sie können uns nach ‚Kak-Aute’ bringen?“



      „Richtig, das können wir. Ihr Gepäck verstauen sie bitte hier.“



      In der Zwischenzeit hat der Andere hinten zwei Klappen geöffnet, die den Blick in einen Laderaum freigeben. Dort legen wir unser Gepäck ab, wobei ich Marion helfe ihren Rucksack und den Rollenkoffer hineinzuheben. Der zweite Mann fixiert unser Gepäck mit Gummiseilen und schließt danach die Klappen. Dann öffnet er eine Tür hinter der Pilotenkanzel und lässt uns einsteigen. Wir setzen uns in zwei der drei Sitze dort.



      „Schnallen Sie sich bitte während des Fluges an,“ rät uns der Erste Mann noch, dann schließt er die Tür und die beiden Männer klettern in die Pilotenkanzel und schließen das Glasverdeck über sich, setzen ihre Helme auf und schließen Sauerstoff-Masken vor ihren Gesichtern.



      Dann wird der Motor hochgefahren und die drei Mantelschrauben, von denen wir nur die beiden draußen rechts und links von uns sehen können, beginnen sich zu drehen. Schließlich hebt das Fluggerät ab und staunend sehe ich, dass sich beide Schrauben verdrehen, so dass die Ringe mit den Schrauben im Inneren schräg gestellt sind. Gleichzeitig beginnt der Geradeaus-Flug.



      Das Fluggerät macht den typischen höllischen Krach eines Hubschraubers. Eine Unterhaltung ist so kaum möglich. Aber Ronaldo hat gesagt, der Flug dauert nicht lange.



      Plötzlich werde ich schläfrig. Ich versuche dagegen anzukämpfen. Marion, neben mir, legt ihren Kopf an meine Schulter und ist wohl schon eingeschlafen. Das kommt mir in unserer Situation seltsam vor. Ich versuche, nicht zu atmen. Die Augen tun mir weh. Plötzlich kann ich nicht länger. Krampfhaft stößt meine Lunge die verbrauchte Luft aus. Ich muss wieder einatmen. Ich versuche die aufsteigende Müdigkeit durch Kopfschütteln zu vertreiben. Meine Augen tränen.



      Es wird dunkel um mich herum. Dann verliere ich das Bewusstsein.



      *



      Irgendwann wird die Kabinentür geöffnet. Langsam und schmerzhaft kehre ich ins Bewusstsein zurück. Ich spüre, wie Marion hinaus gehoben wird. Dann greifen auch bei mir zwei Männer zu und zerren mich heraus. Wir befinden uns im Innern eines garagenähnlichen Raumes. Der Boden besteht aus Zement. Marion liegt flach ausgebreitet auf dem Rücken. Auch mich legt man auf dem kalten Boden ab. Eine Minute später dreht man mich auf den Bauch, zieht mir die Hände auf den Rücken und fesselt sie zu meinem Erstaunen mit Handschellen. Ich kann fünf Männer erkennen. Die beiden Piloten und drei weitere Männer, wovon einer einen Umhang trägt.



      „Weckt die Magd“, befiehlt dieser.



      Einer der Männer fasst in Marions Haar und zerrt sie grob hoch, was sie mit einem schmerzhaften Aufschrei begleitet.



      „Wer sind Sie?“ ruft sie in kniender Position.



      „Einer Magd steht Neugier nicht an!“ sagt der Mann mit Umhang.



      „Ich bin eine freie Frau! Ich bin keine Leibeigene!“ ruft Marion aus.



      „Au!“ schreit sie sofort darauf, denn die Hände des Mannes, der sie hält, zerren ihren Kopf zurück.



      Ihre schlanken Hände legen sich nutzlos um seine muskulösen Unterarme.



      „Magd, du solltest dich rechtzeitig daran gewöhnen, freie Männer als ‚Herr’ anzureden!“ sagt der Wortführer.



      „Ich bin aber keine Magd!“ Und wieder schreit sie auf, so hart zerrt der Mann an ihrem Haar. Dann fügt sie leise hinzu: „...Herr.“
      „Schon besser“, sagt der Mann. „Auf eine Weise bist du Magd, auf eine andere Weise noch nicht. Im natürlichen Sinne bist du Magd von Geburt. Erspare dir die Reaktion, meine Liebe. Ich habe Recht. Das ist jedem bekannt, der solche Dinge kennt. So etwas weiß man bei einer Frau auf einen Blick. Und falls es dich irgendwie beruhigt: bei dir offenbart sich es sich so klar und deutlich wie bei kaum einer anderen. Deine Unterwürfigkeit tritt beinahe offen zutage.“



      „Nein!“ ruft sie. „Nein!“



      „Die moderne Gesellschaft bietet sehr wenig Gelegenheit, solche Bedürfnisse zu befriedigen und zu erfüllen“, fährt er fort. „Andere Kulturen - das wirst du feststellen - sind in dieser Beziehung toleranter und großzügiger.“



      „Nein!“ ruft Marion wieder aus.



      Sie starrt ihn entsetzt an.



      „Sei unbesorgt“, spricht er weiter. „bald bist du mit Haut und Haaren Magd und weiter nichts.“



      Er lächelt sie an.



      „Du darfst jetzt antworten: ‚Ja, Herr’.“



      „Ja, Herr“, flüstert sie.



      Ich versuche mich aufzurichten, aber ein Fuß drückt mich wieder zu Boden.



      Marion bekommt einen Weinkrampf.



      „Entspanne dich, kleine Magd,“ sagt der Mann beruhigend.



      „Ja, Herr“, antwortet sie und holt tief Luft.



      Am Boden spüre ich plötzlich einen frischen Luftzug. Irgendwo ist eine Tür geöffnet worden. Ich spanne die Muskeln an. Im nächsten Moment spüre ich einen Fuß auf meiner Kehrseite.



      „Dass du mir nichts Törichtes versuchst“, sagt eine Stimme – ich erkenne daran den Piloten des Fluggerätes.



      Marion wird hochgezogen und weggeführt.



      Gleich darauf hört das Ziehen auf. Ich höre das leise Zufallen einer Tür. Nun wendet sich der Wortführer zu mir um.



      „Sie haben sie behandelt wie eine Hündin!“ sage ich zornig.



      „Das ist sie auch im übertragenen Sinn - eine Leibeigene“, antwortet er. „Haben Sie es noch nie an ihr bemerkt?“



      „Was machen Sie mit ihr?“



      „Sie wird ihrer Bestimmung zugeführt“, erklärt er.



      „Und was ist mit ihrem Recht auf Glück?“ frage ich.



      „Das ist unwichtig“, gibt er zurück. „Aber falls es dich interessiert - keine Frau ist wirklich glücklich, solange sie nicht wahrhaftig unterworfen und beherrscht wird.“



      Ich schweige.



      „Befreit man eine Frau“, ergänzt er, „wird sie versuchen, denjenigen zu vernichten. Versklavt man sie aber, kriecht sie vor ihrem Herrn auf dem Bauch und erfleht sich die Gnade, ihm die Sandalen zu lecken.“



      „Wahnsinn!“ rufe ich. „Das ist doch absolut falsch!“



      Der Mann lächelt den hinter mir stehenden Wächter an.



      „Er redet wie ein typischer Mann aus der modernen Zivilisation, nicht wahr?“



      „In der Tat“, erwidert der andere.



      Ich bekomme plötzlich Angst.



      „Was - was haben Sie mit mir vor?“ frage ich.



      Man zerrt mich auf die Knie hoch, zwei Männer halten meine Hände auf dem Rücken.



      „Was sollen wir mit dir anfangen?“



      Der Mann betrachtet mich, wie ich hilflos vor ihm knie.



      „Da seht - ein weichgespültes Männlein!“ sagt er. „Gibt es für ein Männlein wie dich denn überhaupt eine Hoffnung?“



      „Ich verstehe nicht, was Sie eigentlich meinen,“ stammele ich.



      „Wie sehr ich deinen Typ verachte!“ ruft er aus. „Narren, Feiglinge, Schwächlinge, von anerzogenen Schuldgefühlen geplagt, verwirrt, selbstgefällig, sinnlos lebend, Vorspiegelungen nachhängend, weich - Männlein, die sich die Ur-Privilegien ihres Geschlechts wegnehmen gelassen haben, des Geburtsrechts ihrer eigenen Männlichkeit, Kreaturen, die sich die Bedürfnisse des eigenen Blutes nicht einzugestehen wagen, Männlein, die zu schwach, zu verängstigt, zu beschämt sind, um als Männer aufzutreten.“



      Seine Worte gehen mir durch und durch, denn ich habe geglaubt, in meiner Männlichkeit etwas Besonderes zu sein. Oft hat man mich verspottet, weil ich angeblich zu maskulin wäre. Dieser Mann spricht nun aber über mich, als ahne ich bisher nicht einmal, was wahre Männlichkeit bedeutet. Ich bin erschüttert. Ich beginne zu zittern. Was mag diese biologische Männlichkeit sein, in der Fülle ihrer Durchdachtheit und Stärke? Ich ahne bereits, dass eine solche Männlichkeit keine bloße Vorspiegelung ist, wie man mich gelehrt hat, sondern eine Art Auslese in der langen, harten Evolution - wie das Wesen des Adlers und des Löwen.



      In diesem Moment geht mir auf, dass meine Vorstellung von Männlichkeit, so fortschrittlich ich sie gefunden habe, einer unterdrückten, verzerrten Realität entspringt, einer Realität, die von einer anti-biologischen Kultur gefürchtet und ausgemerzt geworden ist. Ich bin Produkt einer Gesellschaft, in der die Adler nicht fliegen können. Ich senke den Kopf. Löwen gedeihen nicht in einem Land voller Umweltgifte.



      „Schau mich an!“ fordert der Mann.



      Ich hebe den Kopf.



      „Ich weiß nicht recht, ob es für ein fehlgeleitetes Wesen wie dich überhaupt Hoffnung gibt,“ sinniert er.



      „Ist er nicht ein typisches verweichlichtes Männlein?“ fragt der Mann gleich darauf in die Runde.



      „Ja, ja“, antworten die umstehenden Männer.



      „Aber darüber hinaus ist etwas in seiner Mimik, das Hoffnung gibt, wenn er sich auch weich und schwach darstellt.“



      „Ja?“ fragt einer der Männer.



      „Ob seine Männlichkeit doch nicht ganz verschüttet ist? Ob sie geweckt werden kann? Oder ob eine Freie Frau wohl Gefallen an ihm finden könnte?“ fährt der Wortführer fort.



      „Vielleicht,“ lächelt einer der anderen.





      Mein Wächter stößt mich an und führt mich nun durch die gleiche Tür aus diesem Raum in ein System von Gängen, die von behauenen Felswänden begrenzt sind. Nach einer Weile erreichen wir einen Gang, dessen Wände abwechselnd aus Fels und Fachwerk bestehen. In jedem Fachwerk kann ich eine Tür erkennen. Er öffnet eine Tür und stößt mich hindurch. Es ist ein fensterloser Raum, schwach erleuchtet durch eine Glühbirne. An der hinteren Wand befindet sich ein Ring an einem Steinanker. Dort ist der Boden eine Handbreit tiefer. Eine Stufe führt dorthin hinab. Mein Wächter führt mich dorthin, schneidet mir die Hosen vom Körper und lässt mich niederknien. In dieser Position befestigt er meine Handschellen am Ring.



      „Was soll ich hier?“ frage ich.



      Er antwortet nur: „Das wirst du sehen!“



      Dann geht er und schließt die Tür hinter sich.



      *



      Wieviel Zeit vergangen ist, weiß ich nicht. Meine Uhr, Kettchen und Ringe hat man mir genommen. Vorhin habe ich mich erleichtern müssen und konnte es nicht anders, als an dem Platz, wo ich festgemacht bin. Plötzlich öffnet sich die Tür und eine Frau betritt meine Zelle. Ich erkenne einen Halsreif um ihren Hals. Sie trägt einen schmalen Rock und darüber einen Poncho, der in der Taille von einem Schnurgürtel zusammen gehalten wird.



      Sie hat ein Tablett in der Hand, das sie naserümpfend neben der Tür abstellt.



      Sie geht zu einem Wasserhahn an der Seitenwand, an dem ein Schlauch angeschlossen ist, der daran in Schlingen aufgehängt wurde. Mit dem Schlauch in der einen Hand, dreht sie den Wasserhahn mit der anderen Hand auf und spritzt den Boden unter mir sauber. Das Wasser verlässt die flache Wanne, in der ich knie, durch ein Loch in der Seitenwand.



      Verlegen versuche ich mich von ihr abzuwenden, denn ich habe außer meinem Hemd nichts an.



      „Ich protestiere auf das Schärfste gegen diese Behandlung hier!“ sage ich laut.



      „Du bist nur ein fehlgeleitetes Männlein. Allenfalls auf gleicher Stufe wie ich stehend, sagte man mir,“ antwortet die Frau. „Ich bringe dir zu essen.“



      „Ich verlange, zuerst eine verantwortliche Person zu sprechen!“



      „Kein Essen?“



      „Zuerst das Gespräch!“



      „Okay, ich sage Bescheid,“ lenkt sie ein und verlässt das Zimmer mit dem Tablett.



      *



      Ich muss zwischenzeitlich eingeschlafen sein. Ein schmerzhaftes Hungergefühl weckt mich wieder. Eine unbestimmte Zeit später höre ich wieder den Schlüssel im Türschloss, dann betritt die Frau das Zimmer wieder. Auch diesmal hat sie ein Tablett, mit einem Teller darauf, in der Hand. In ihrer Begleitung ist der Mann, den ich schon als Wortführer der kleinen Gruppe kennen gelernt habe.



      „Hallo,“ grüßt er mich. „Ich bin gekommen, um dir die Freiheit zu geben.“



      Mit einer Kopfbewegung in Richtung der Frau, ergänzt er: „Sie wird dir zu essen geben, dann wirst du angekleidet und parfümiert und einer Frau zu ihrem Vergnügen übergeben. Du wirst deiner Herrin dienen und alles tun, damit sie mit dir zufrieden ist! – Anderenfalls… Wir haben hier Kaimane, die ich dir auf dem Weg zu deiner Herrin gern zeigen will!“



      Ich bäume mich in meinen Fesseln auf.



      Er runzelt die Stirn und sagt: „Oder bist du bereit, um deine Freiheit zu kämpfen? Zu zeigen, dass mehr in dir steckt, als das, was die westliche Zivilisation aus dir gemacht hat?“



      „Ich bin bereit!“ sage ich mit fester Stimme.



      „Okay, so soll es sein.“



      Er verlässt das Zimmer und die Frau nähert sich mir mit dem Teller. Sie füttert mich löffelweise mit einer Art Müsli. Kaum ist sie damit fertig, kommt der Mann mit einer anderen Frau zurück, die Kleidungsstücke auf dem Arm trägt. Der Mann löst mich von dem Wandring und führt mich zu einem Hocker. Meine Füße versagen mir ihren Dienst. Ich ziehe eine kurze Hose an, während die beiden Frauen mir Ober- und Unterschenkel massieren, um die Blutzirkulation anzuregen. Dann führt mich der Mann durch mehrere Gänge bis wir ein zweiflügeliges Tor erreichen. Ich habe immer noch die Hände auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt.
      Wir gehen durch das Tor und befinden uns in einem kleinen Raum. Nach dem Verschließen des Tores nimmt er mir die Handschellen ab.



      „Gleich wird diese Tür geöffnet,“ sagt er und deutet auf die schmale Tür vor uns. „Dahinter ist eine kleine Arena. Dort wartet eine Aufgabe auf dich, die einem Mannbarkeits-Ritus der indigenen Bevölkerung gleichkommt. Überstehst du die Aufgabe, bist du als Mann voll akzeptiert!“



      „Was für eine Aufgabe ist das?“



      „Oh, da gibt es verschiedenes, was junge Indios an der Schwelle des Erwachsenseins überstehen müssen. Zum Beispiel: In einen Baumstamm mit Termiten hineinkriechen…“



      Er schaut mich aufmerksam an. Ich gebe mir keine Blöße.



      „Okay, dann wollen wir mal,“ sage ich, meine Handgelenke massierend.



      Er öffnet die Tür zur Arena, lässt mich hindurch treten und schließt die Tür hinter mir wieder, nachdem er mir lächelnd auf die Schulter geklopft hat. Ich schaue mich um. In drei Metern Höhe erkenne ich rund um die Arena Zuschauerränge, die nur spärlich besucht sind. An den Wänden der Arena sind verschiedene Waffen und Gerätschaften in Halterungen befestigt. Aber gegen wen muss ich denn nun antreten?



      Da öffnet sich eine Klappe in der Seitenwand und ein Kaiman schiebt sich langsam in die Arena. Seine Augen mustern mich tückisch. Erschrocken weiche ich zurück, bis ich die verschlossene Tür im Rücken fühle. Panik will sich in mir breit machen.



      ‚Ich muss diesen Test bestehen,’ fährt es mir durch den Kopf. ‚Wenn indianische Jugendliche so oder so ähnlich ihre Männlichkeit beweisen, dann kann ich das auch!’



      Meine Augen fliegen über die Waffen und Gerätschaften an der ovalen Wand. Ich entscheide mich für einen Dolch und eine Stange mit einem Ring an der Spitze. Daran ist ein Strick befestigt, der in einer Schlinge endet. Langsam und vorsichtig – das Reptil im Blick behaltend – gehe ich auf die Dinge zu und nehme sie an mich.



      Das Reptil ist nun in der Arena und liegt faul herum.



      Ich versuche seine Schnauze in den Ring zu bekommen, um sie mit der Schlinge zu verschließen. Das Reptil faucht und versucht nach dem Ring zu beißen. Ich muss mehrfach auf Seite springen, um mich vor den Zähnen zu retten. Dann habe ich es geschafft. Nun muss ich zu dem Tier hin und den Rest des Strickes um das Maul binden. Mir zucken Gedanken durch den Kopf ‚Die Füße fesseln…’, aber der Schwanz peitscht hin und her. Dem möchte ich nicht zu nahe kommen…



      Da sehe ich einen Speer an der Wand. Ich sprinte dorthin und werfe den Speer auf das Reptil, aber er prallt ab und landet im Sand.



      Jetzt fehlt er mir.



      Da hängt ein Säbel!



      Ich greife ihn mir und stürze mich damit auf den peitschenden Schwanz, bringe dem Reptil aber nur Fleischwunden bei, was es nur noch wilder macht. Den Speer, den ich schnell wieder an mich gebracht habe, stoße ich dem Reptil in den Leib. Der Stiel bricht ab, aber die messerscharfe Spitze steckt fest im Körper. Seine Bewegungen werden schwächer. Ich schaffe es, das Reptil auf den Rücken zu drehen und grabe ihm den Dolch zwischen die Rippen.



      Von den Rängen ertönt Klatschen. Die Tür geht wieder auf. Der Mann betritt die Arena und sagt lächelnd:



      „Ich wusste gleich, dass Sie nicht wirklich verweichlicht sind. Ich grüße Sie, Don Pedro! Mein Name ist Don Marco. Wären Sie bereit, ihre Schaffenskraft in unsere Dienste zu stellen? Für die Natur, die natürliche Ordnung der Lebewesen und den Planeten einzutreten? Einer Frau, der das ein Bedürfnis ist, ihren von der Natur zugewiesenen Platz zuzuweisen?“



      „Ich glaube, ich brauche noch eine Menge Informationen, bevor ich Ihnen diese Frage definitiv beantworten kann, Don Marco.“



      „Die sollen Sie haben! Ich führe sie zuerst zu Uéi, einer Pemón, die hier als Ausbilderin arbeitet. Ihr Name bedeutet ‚Sonne’.“



      Ich folge Don Marco. Er führt mich durch die Gänge in einen bewachten abgeschlossenen Bereich der unterirdischen Siedlung. Der Wächter an der Tür geht aus der lässigen Haltung in eine kerzengerade Stellung, als er uns erblickt und hebt die rechte Hand in etwa in Höhe des Herzens vor die linke Brust. Dann öffnet er den einen Flügel der doppelflügeligen Gangtür. Schließlich öffnet Don Marco eine Tür linker Hand, lässt mich eintreten und schließt sie hinter uns wieder. Wir befinden uns in einer Art Schulzimmer. Acht junge Frauen sitzen auf dem Boden. Eine andere Frau steht vor der Gruppe mit einem Gerät in der Hand, mit dem sie das jeweils nächste Bild anwählen kann, das an die Wand geworfen wird. Sie referiert gerade über Blumensteckkunst. In einer Ecke des Raumes liegen Blumen und Gräser neben acht Vasen. Bei unserem Eintritt macht sie einen Knicks in unsere Richtung und ihre Schülerinnen neigen ihre Oberkörper tief. Don Marco bewegt kurz seine Hand zu einem sparsamen Wink und sagt: „Weitermachen.“



      Wie ich vermutet habe, müssen die Schülerinnen Arrangements stecken lernen. Nach etwa zwanzig Minuten, in denen wir uns im Hintergrund niedergelassen haben, schickt die Ausbilderin ihre Schülerinnen fort. Don Marco ergreift das Wort:



      „Uéi, setze dich zu uns.“



      „Ja, Senor.“



      Sie kniet vor uns nieder und setzt sich auf die Fersen.



      „Dies hier ist Don Pedro. Er ist erst ganz kurz bei uns. Erzähle ihm, was du bei deiner Reise nach Europa mit Männern erlebt hast. Zur Essenszeit führst du ihn in meinen Gastraum. Dort kümmert sich jemand anders um ihn. Du kannst dann zu deiner Arbeit zurückkehren.“



      „Ja, Senor Marco.“



      Während sich Don Marco erhebt, neigt Uéi ihren Oberkörper zu ihm gewandt, wie vorhin beim Eintreten ihre Schülerinnen.



      „Wir sehen uns,“ sagt er zu mir, dann verlässt er das Schulzimmer.



      „Don Pedro, ich soll Ihnen von meiner Reise nach Europa berichten. Ich war vor anderthalb Jahren eine Woche dort, im Auftrag meines Herrn. Ich musste dort Hosen tragen und andere Kleidung, die mich kaum von den Männern auf der Straße unterschied. Aber das ist nicht alles. Die Männer, denen ich dort begegnet bin, benahmen sich so merkwürdig. So asexuell, als wäre ich keine Frau und sie keine Männer – ich kann sie nur verachten!“



      Ich blicke sie bedrückt an.



      „Es gibt unter ihnen so wenige richtige Männer,“ ereifert sie sich. „Ich kann das nicht verstehen. Ist das denn so schwer? Warum haben so viele männliche Europäer ihre Männlichkeit aufgegeben und genießen ihre Verstümmelung auch noch? Ganz sicher gibt es dafür komplexe historische Gründe. Es ist jedoch interessant, in welch groteske Form sich die Biologie durch die dortige Kultur zwängen lässt!“



      „Nicht alle Männer sind so!“ gebe ich zu bedenken.



      „Das stimmt natürlich, Senor! Aber der Großteil, denen ich dort begegnete, sind geknechtet von ihrer Maschinen-Kultur, von Weltanschauungen, Propaganda und den Frauen. Ihre Ketten sind unsichtbar und so tun sie, als gäbe es sie nicht. Aber sie müssen trotzdem ihr Gewicht spüren. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Ihre Ketten dort sind ihre Abhängigkeit von der Gunst der Frauen, die sie gewähren oder auch nicht.“



      Ich höre Uéi mit unangenehmem Druck in der Magengegend zu.



      „Statt dass die Frauen um den Schutz durch die Männer buhlen, dürfen sie sich glücklich schätzen, wenn eine Frau ihnen die Gunst erweist, sie schützen zu dürfen. Oder es kommt sogar zu einer Umkehrung: Die Frau nimmt sich einen Mann, der ihr dann dient. Der europäische Mann hat die Bezeichnung ‚Mann’, die er im Munde führt, längst nicht mehr verdient! Ich verachte sie!“



      „Das sind harte Worte, Uéi,“ spreche ich in die sich ausbreitende Stille hinein.



      „Aber sie entsprechen meinem Eindruck und den sollte ich Ihnen schildern, Don Pedro. An Ihrer Reaktion entnehme ich, dass Sie aus Europa stammen. Ich sagte ja schon, nicht alle sind so. Es gibt Ausnahmen. Haben Sie eine Ahnung, warum das so ist in Europa?“



      „Es kam vor fünfzig Jahren zu einem friedlichen Aufstand. Feministinnen propagierten Frauenrechte mit dem Ziel der Gleichberechtigung…“



      „Mit dem vorgetäuschten Ziel der Gleichberechtigung, sage ich Ihnen, Don Pedro! Über die Erziehung wurden aus Jungen, die Männer werden sollten, Männlein. Bald besetzen die Frauen in Europa alle Schaltstellen der wirtschaftlichen und politischen Macht. Ist das erstrebenswert? Die Menschen werden zu Räderwerken in einer großen Maschine, die sich nivellierte Gesellschaft nennt. Diese Maschine ist zu ihrem Selbstzweck programmiert, nicht mit der Absicht, dass sie ihren menschlichen ‚Bestandteilen’ dient. Die Menschen werden gegen ihre Instinkte erzogen, damit sie der Maschine dienen…“



      „Was kann ein einzelner Mensch, wie ich, dagegen tun?“



      „Sie können nicht die fehlgeleitete Gesellschaft umkrempeln, aber sie können dort eine Keimzelle gründen, die sich dagegen stemmt! Sammeln Sie Gleichgesinnte! Sammeln Sie die wenigen echten Männer um sich! Aus dieser Keimzelle kann ein Autana entstehen, was auf Pemón ‚Baum des Lebens’ heißt!“



      „Das ist eine große Aufgabe!“



      „Eine Aufgabe für echte Männer, Don Pedro! Und eine Aufgabe, in die Sie als Europäer ihr Herzblut einfließen lassen können!“



      „Da hast du Recht, Uéi. Ich habe da noch eine Frage, bevor du mir den Weg zum Gastraum zeigst.“



      „Ja, Senor?“



      „Wird hier eine junge Frau namens Marion Müller gefangen gehalten?“ frage ich.



      „Mägde haben keine Namen“, antwortet sie, mich prüfend anschauend. „Wenn es ihrem Herrn nicht gefällt, sie zu benennen.“



      „Sie hat sehr dunkles, beinahe schwarzes Haar, das sie meist am Hinterkopf zusammen gesteckt hat. Ihre Augen dunkelbraun. Sie ist sehr hübsch. Etwa 160 Zentimeter groß und kaum fünfzig Kilogramm schwer.“



      „Ach, diese exquisite kleine Schönheit!“



      „Oh ja“, sage ich tief einatmend.
      „Ich wünschte, ich hätte sie als Schülerin bekommen.“



      „Wo ist sie?“



      „Keine Ahnung, ob sie sich noch in Kak-Aute befindet oder in einem anderen Ort. Sie wird sich sehr schnell in eine hervorragende Magd verwandeln!“



      Ich betrachte Uéi stumm und stöhne auf.



      „Du weißt nicht, wohin sie geschickt wurde?“ frage ich.



      „Nein - solche Informationen erhalte ich nicht.“



      Bedrückt schüttele ich den Kopf. Marion, diese hilflose kleine Schönheit, befindet sich nun unter der totalen Macht von Männern - sie kann überall auf der Erde sein! Ich zucke unwillkürlich mit den Schultern.



      „Ich sollte Sie nun zum Gastraum führen, Don Pedro.“



      „Okay,“ sage ich und erhebe mich.



      Nun steht auch Uéi auf und führt mich durch die Gänge.

      .

      .

      .

      .


      -3-



      Man führt mich aus der Garage weg, in der das Fluggerät geparkt ist. Mit einem Seitenblick kann ich sehen, dass Peter gefesselt auf dem Bauch am Boden liegt. Einer der Männer hat seinen Fuß auf Peter’s Rücken gestellt und hält ihn so in der Position. Mit einer Hand in meinen Haaren steuert mich der Mann, dem ich ausgeliefert bin durch die Gänge und über ein paar Treppen. Dann erreichen wir ein Zimmer. Eine Seitenwand ist voll verspiegelt. Ein Stuhl und eine Liege stehen darin und verschiedene Gerätschaften, sowie ein Sideboard mit vielen Schubladen.



      Als ich hineingeführt werde, werden wir von einem Mann erwartet.



      „Hallo, Don Ernesto, hier bringe ich dir etwas zum klassifizieren,“ sagt mein Begleiter. Und dann: „Ausziehen, kleine Magd. Ganz!“



      Ich versteife mich, will mich aufrichten unter seinem Griff, aber er fasst nur fester zu.



      „Au!“



      „Wie heißt das?“



      „Ja, Herr.“



      Ich beginne mich zu entkleiden. Beim Büstenhalter zögere ich. Sofort spüre ich wieder seinen Griff im Haar.



      „Auch den Slip!“ höre ich dann und spüre gleich wieder seine Faust in meinem Haar.



      „Ich protestiere!“ rufe ich empört aus. „Die Polizei wird sich für Sie interessieren!“



      Im gleichen Moment spüre ich seine flache Hand auf meinem Hintern. Es brennt höllisch. Ich schiebe nun meinen Slip etwas tiefer und hebe das linke Bein, um das Bein aus dem Slip zu nehmen. Kurz darauf will ich den Slip auf die anderen Kleidungsstücke am Boden fallenlassen. Mein Führer nimmt ihn mir schnell aus der Hand und schaut ihn sich an.



      „Sehe ich richtig? Du bist nass?“ sagt er lachend. „Auf die Liege mit dir! Arme über den Kopf, Hände zusammen, Beine auseinander!“ Er gibt mir einen Stoß in Richtung Liege.



      Mit Tränen in den Augen gehorche ich. Der andere Mann fühlt den Puls, ermittelt den Blutdruck und entnimmt mir etwas Blut. Dann kommt er an das untere Ende der Liege.



      „Sie ist von roter Seide,“ sagt er nach kurzer Untersuchung.



      Worauf mein Begleiter sagt: „Hoch mit dir! Auf die Waage!“



      Und wenig später: „An die Maßleiste!“



      Ich mache wortlos, was mir gesagt wird. Dann nimmt man noch meine Rumpfmaße, meine Halsweite, den Handgelenk- und Fußgelenkumfang. Don Ernesto trägt alle Werte auf einer Karteikarte ein.



      „Steck‘ deine Kleidung in diesen Beutel!“ höre ich als nächstes.



      Ich gebe meinem Begleiter den Beutel mit meiner Kleidung. Dieser verabschiedet sich danach von Don Ernesto, gräbt seine Faust wieder in meine Haare und verlässt mit mir den Raum. Wieder gehe ich durch die Gänge, hart geführt von dem Mann. Schließlich erreichen wir eine Tür, die er öffnet. Er gibt mir einen Stoß, der mich in den Raum hinein stolpern lässt. Ich falle auf die Knie und kann mich mit den Händen gerade noch abstützen, bevor ich der Länge nach auf dem Boden gelegen hätte.



      Der Mann hat die Tür in der Zwischenzeit geschlossen, geht an mir vorbei und setzt sich auf einen niedrigen Hocker an einem Tisch in der Größe und Höhe eines Couchtisches. Darauf stehen eine Schale und ein Krug aus Ton. Auch ein kleines Tellerchen mit einem Teesieb sehe ich dort stehen. Ich folge seinen Bewegungen furchtsam mit meinen Blicken.



      Er mustert mich ungeniert, so dass ich verlegen den Blick senke.



      „Beine auseinander!“ befiehlt er nun.



      Verschämt komme ich mit dem rechten Bein seinem Befehl nach, so dass ich mich von ihm weg drehe.



      „Dreh dich zu mir! Jeder Freie kann dich anschauen, wie es ihm gefällt!“



      „Ja, Herr,“ flüstere ich und drehe mich zu ihm hin.



      „Du bist bloß ein Weibchen meiner Art, mehr nicht, kleine Magd!“



      „Ja, Herr.“



      „Hinter dir auf dem Podest steht ein Wasserkocher. Geh‘ hin und schalte ihn ein!“



      „Ja, Herr.“



      Ich stehe auf und tue, was mir befohlen wurde. Dann lasse ich meinen Blick durch den Raum wandern. An den Wänden rechts und links stehen Truhen und darüber hängen Wandbehänge mit Tier- und Pflanzenmotiven. Der Gangwand gegenüber ist eine halbhohe Felswand mit Fenster. Draußen ist es inzwischen stockfinster. Hier an der Gangwand steht eine Regalwand mit Geräten und Behältern darauf. Die Truhenreihe an der linken Wand, die im Gegensatz zu der Felswand rechts eine Fachwerkwand ist, wird von zwei Türen unterbrochen.



      Er hat meinen Blick bemerkt und lächelt mich aufmunternd an.



      „Ich sehe, du interessierst dich für unsere Wohnung.“



      Er öffnet die erste Türe, von der gangseitigen Wand aus gezählt.



      „Komm zu mir, kleine Magd.“



      Ich gehe zu ihm und schaue in das Zimmer, das er mir geöffnet hat und sehe ein Bad mit Toilette, Waschplatz, geräumige Dusche und einen Schminkplatz. Vor dem Schminkplatz liegt ein Kissen. Der Schminktisch ist gerade so hoch, wie eine Treppenstufe. Dahinter und hinter dem Waschplatz hängt je ein dreiflügeliger Spiegel. Der Waschplatz ist ein Tisch mit großer tönerner Schale und Wasserkrug. In dem Fach darunter liegen gefaltet mehrere flauschige Tücher. Auch zwei Truhen kann ich hier erkennen. Dann schließt der Mann die Tür und öffnet mir die andere.



      Dieser Raum hat ebenfalls ein Fenster und Truhen an der Wand zum Bad hin. An der Wand zum Wohnzimmer sind Kleiderhaken installiert. Den Boden bedecken dicke Felle und über den Truhen hängen Wandbehänge mit Paarszenen. Den Großteil des Raumes nimmt ein großes Bett ein. Vorne an dem Rahmenbalken sind zwei Ringe angebracht.



      Der Mann sieht meinen erstaunten Gesichtsausdruck und sagt lächelnd:



      „Ja, wir leben nicht schlecht hier.“



      In diesem Moment pfeift der Wasserkocher.



      „Geh und schalte ihn aus! Dann schaust du, ob das Teesieb sauber ist. Du findest frischen Tee in dem Spankästchen unter dem Wasserkocher. Dann hängst du das Sieb in den Krug und überbrühst es mit Wasser!“



      Während ich gehorche, setzt er sich wieder in den Sessel.



      „Nimm deine Position wieder ein,“ sagt er dann.



      Also knie ich mich wieder breitbeinig ihm zugewandt hin.



      „Während der Tee zieht, will ich dir etwas erklären: In der Natur besetzen die männlichen Vertreter vieler Spezies ein Gebiet und erheben Anspruch auf alle weiblichen Vertreter ihrer Art in diesem Revier. Andere männliche Wesen müssen den Revierchef besiegen, wollen sie die Frauen haben oder sich ein eigenes Revier suchen. Bei den Menschen war das über Jahrmillionen nicht viel anders. Das wirkte nach bis in die vorindustriellen Gesellschaften. - Ah, der Tee ist fertig. Nimm das Sieb heraus und lege es auf dem Teller ab! Dann gieße mir die Schale etwa halb voll. Du nimmst die Schale mit Daumen und Zeigefinger beider Hände hoch und führst sie an deine Lippen! Dann gibst du sie mir!“



      Ich mache das von meiner Position aus und muss die Arme ausstrecken, um ihm den Tee zu reichen. Er nimmt mir die Schale ab, steht auf und geht zu so einer Art Schrein an der fachwerkartig errichteten Gangwand.



      „Komm her zu mir!“



      Ich stehe auf und nähere mich dem Schrein. Dort liegt ein Stein in einer Schale. Trockenes Moos vollendet das Arrangement.



      „Dies ist mein Kueka. Das bedeutet ‚Heiliger Stein’ in der Sprache der Pemón hier. Er symbolisiert die Verbindung zu der uns umgebenden Natur. Jeder Freie, dem ein Haus gehört, besitzt solch einen Stein. Es heißt, dass der Stein den Mann findet. Wir wissen, dass wir Teil der uns umgebenden Natur sind und da wir gleichzeitig die dominante Spezies auf diesem Planeten sind, haben wir die Verpflichtung, die Natur und damit den ganzen Planeten zu erhalten und zu schützen. Wir dürfen die Natur verantwortungsvoll nachhaltig nutzen, aber niemals ausbeuten.

      Dies steht im Gegensatz zu der westlichen Kultur, ich weiß. In der westlichen Kultur besteht die Überzeugung, dass der Mensch über der Natur steht und sie zu seinem Nutzen ausbeuten darf. Dass man die Natur und den Planeten damit vergiftet und letztlich zerstört – ja, sich selbst damit die Lebensgrundlage nimmt, wird für kurzfristigen wirtschaftlichen Gewinn in Kauf genommen…“



      Er taucht zwei Finger in seinen Tee und spritzt ein paar Tropfen auf den Stein, dann geht er wieder an seinen Platz und setzt sich. Ich folge ihm und gehe von selbst in die gelernte Position. Ein freudiges Lächeln huscht kurz über sein Gesicht.



      „Wie heißt du,“ fragt er mich.



      „Marion Müller,“ antworte ich.



      „Das ist nicht richtig,“ sagt er da.



      Ich schaue ihn bestürzt an.



      „Eine Magd besitzt nichts! Noch nicht einmal einen Namen, eine Identität. Wenn es dem Herrn gefällt, schenkt er seiner Magd einen Namen, den sie solange trägt, wie es ihm gefällt.“



      „Ja, Herr,“ sage ich. „Darf ich etwas fragen?“
      „Nur zu, kleine Magd.“



      „Du sagst, der Mann übernimmt die Verpflichtung, für das Wohl der Frau zu sorgen, er entscheidet verantwortungsbewusst und schützt die Frau, die sich ihm unterwirft und ihm dient…“



      „Das habe ich zwar nicht direkt so gesagt. Ich sprach eben globaler von der uns umgebenden Natur und dass wir Teil der Natur sind. Du hast diese Information auf das Paarverhältnis herunter gebrochen, und – du hast damit Recht!“



      „Dann möchte ich in dieser Kultur leben, nicht mehr in der modernen westlichen…“



      „Don Marco hat ein Auge dafür, meine Kleine. Er hat das gleich erkannt!“



      „Ja, Herr.“



      „Deine persönlichen Sachen wurden hierher gebracht. Den Inhalt deiner Kulturtasche findest du im Schminktisch. Mach dich jetzt für die Nacht fertig!“



      Ich gehe ins Bad und untersuche den Schminktisch. Da ich außen keine Türen oder Schubläden finde, hebe ich die Tischplatte an und tatsächlich: Ich finde meine Zahnbürste, Zahnpasta, die Pille und andere Utensilien. Hinter mir ist ein Geräusch. Ich drehe mich zur Tür um und sehe meinen Herrn dort stehen. Ich frage:



      „Wo finde ich Handtücher und Kosmetiktücher, mein Herr?“



      „Schau in die Truhen, kleine Magd. So orientierst du dich am schnellsten,“ antwortet er, dreht sich um und geht.



      Als ich im Bad fertig bin, lösche ich das Licht und schließe die Tür. Im Wohnzimmer ist es inzwischen auch dunkel, aber die Tür zum Schlafzimmer steht offen und Licht fällt dort heraus. Ich gehe zur Schlafzimmertüre und schaue hinein. Mein Herr liegt auf dem Bett auf einen Ellenbogen gestützt und schaut zu mir. Sofort senke ich den Blick.



      „Komm zu mir,“ fordert er mich auf.



      Ich trete langsam an sein Bett und knie mit gesenktem Kopf davor nieder. Mir ist zitterig zumute und ich sage nichts. Ich spüre, dass er mich betrachtet. Dann legt er sich rücklings auf die Decken, verschränkt die Hände im Nacken und schaut zur Decke, wie ich verstohlen blickend sehe. Er sagt nichts, was mich unsicher macht.



      „Herr,“ beginne ich schließlich.



      „Ja,“ antwortet er, dreht sich zu mir, stützt sich wieder auf einen Ellenbogen und betrachtet mich, wie ich vor dem Bett knie.



      „Ich weiß nicht, was ich tun oder sagen soll,“ jammere ich leise.



      Meine Unterlippe zittert. Ängstlich hebe ich meinen Blick und schaue ihn an.



      Sanft lächelnd winkt er mich zu sich.



      Schüchtern krieche ich auf das Bett. Er nimmt mich in seine Arme und drückt mich rücksichtsvoll neben sich nieder. Ich bin verkrampft. Ich versuche, ihn mit den Lippen zu berühren, aber er legt mir die Hand über den Mund. Erschrocken sehe ich ihn an.



      „Weißt du, was deine Aufgabe ist?“ fragt er.



      „Ich soll meinem Herrn mit meinem Körper gefallen.“



      „Das siehst du zu eng,“ widerspricht er mir. „Du musst mir mit der Fülle deiner Fraulichkeit zu Gefallen sein, in der Absolutheit deiner Unterwerfung.“



      „Ein goreanischer Herr begehrt und besitzt mich also voll und ganz?“



      „Ja.“



      „Das hatte ich mir erhofft,“ flüstere ich.



      „Was?“



      „Nichts, Herr.“



      „Du bist nun nichts anderes als ein Besitzstück.“



      „Ja, Herr.“



      „Leg’ dich hin,“ befiehlt er mir, „auf den Rücken, das Gesicht nach oben. Und dann schau mich an, kleine Magd!“



      Hastig komme ich dem Befehl nach.



      „Frauen wie du benutzen ihre Schönheit im westlichen Kulturraum oft zum eigenen Vorteil. Sie öffnen sich damit manche Tür, nehmen auf diese Weise manche Hürde. Schönheit erleichtert in der westlichen Welt das Leben, fördert die Karriere, erringt Reichtum und wirft andere Frauen aus dem Rennen.“



      „Ja, Herr.“



      „Hier liegen die Dinge anders.“



      „Ja, Herr.“



      „Hier gehört deine Schönheit voll und ganz deinem Herrn, wie du selbst auch.“



      „Ja, Herr.“



      Er hockt sich nun neben meinen nackten Körper und beugt sich über mich. Ich presse meinen warmen, weichen Körper an ihn und küsse ihn inbrünstig. Er wandert mit seinen Fingern kaum fühlbar über meinen Körper. An einigen Stellen erzittere ich. Ich habe dort das Gefühl, dass mir ein Schauer den Rücken herunter läuft. Er streicht zärtlich über meine Schamlippen und versenkt seine Finger in mir. Ich drücke mich mit kreisenden Bewegungen des Beckens dem entgegen. Da drückt er meine Beine auseinander und dringt in mich ein. Mit kurzen harten Stößen bringt er mich hoch – und zieht sich aus mir zurück.



      Dann massiert er sanft meine Brüste und schließt seinen Mund um meine Nippel, die er zwischen seine Zähne nimmt, während seine Hand die Haut an den Innenseiten meiner Oberschenkel streichelt.



      „Bitte, Herr.“



      Er hat ein Einsehen und dringt wieder in mich hinein. Ich muss stöhnen, mich gehen lassen und er lässt es zu. Danach liegen wir noch eine Zeitlang schweigend nebeneinander. Schließlich flüstere ich mit Tränen in den Augen:



      „Ich kann nichts dagegen tun, dass ich in den Armen meines Herrn vergehe.“



      Und ich drücke mich an ihn.



      „Du sollst auch gar nichts dagegen tun,“ antwortet er. „Du musst dir darüber klar werden, dass du von nun an Besitz bist.“



      „Herr?“



      „Ja,“ sagt er. „Du musst dir darüber klar werden, dass du endlich den wahren Platz in der vorgegebenen Ordnung einnimmst. Männer sind die Herren, Frauen ihre Mägde. Die westliche Kultur hat euch gelehrt, männlichen Werten nachzuhängen. Das erzeugt bei beiden Geschlechtern Depressionen und Frustrationen. Frauen mit normalem Hormonhaushalt finden es schwierig oder unmöglich, in diesen widernatürlichen Werten ihr Glück zu finden. Auch dem Mann wird die Erfüllung seiner normalen biologischen Rolle dadurch erschwert.“



      „Ja, Herr.“



      „Weißt du, wer letztendlich dein bester Ausbilder sein wird?“



      „Nein, Herr!“



      „Du selbst,“ erklärt er mir. „Die Magd, begierig, dem Herrn zu gefallen, voller Phantasie und Intelligenz ihre Bewegungen und Gefühle steuernd, liebevoll bestrebt, sie zu verbessern und zu verfeinern. Du wirst weitgehend selbst dafür sorgen, dass du eine hervorragende Magd wirst.“



      „Herr?“



      „Die Magd steckt tief in dir drinnen. Du hast mir eben mehr als bewiesen, dass du eine Magd aus innerer Überzeugung bist. Kämpfe nicht dagegen an. Lasse den Dingen ihren Lauf, lasse deine Sehnsucht spontan und frei, süß und ungehindert sich entwickeln. Du bist nun mal, was du bist.“



      „Ja, Herr.“



      „So, dann wollen wir schlafen. Geh’ und lösche das Licht!“



      Ich rutsche aus dem Bett, das ich ziemlich nass gemacht habe. Mein Herr wirft das nasse Zeug auf den Boden. Ich schaue verschüchtert, aber er sagt nichts. Also schalte ich das Licht aus und tappe Richtung Bett. Er fasst mich und leitet mich ins Bett, ohne dass ich anstoße. Dann wirft er die Decke über mich und ich schlafe an ihn gekuschelt ein... lange nachdem ich seine regelmäßigen Atemzüge höre.



      *



      Als ich am Morgen wach werde, erfüllt ein Halbdämmer den Raum. Von meiner Position kann ich durch das Fenster nur Felsen draußen erkennen. Ich drehe mich um und schaue in die ruhigen Züge eines Mannes, eines echten Mannes. Eines Mannes, wie ich ihn in Deutschland kaum gefunden hätte. Ich kuschele mich eng an ihn.



      Nach kurzer Zeit beginnt sich seine Hand über meinen Körper zu bewegen. Ich liege still und halte den Atem an. Die Hand wandert tiefer, berührt mich an den Schamlippen und sucht nach meiner Klitoris.



      „Ohhh,“ stöhne ich. „Ja.“



      Mein Herr öffnet die Augen und schaut mich an.



      „Gefällt dir das?“



      „Muss ich auf eine solche Frage antworten?“



      „Ja, du musst jede Frage deines Herrn offen und ehrlich beantworten!“



      „Ja, Herr,“ sage ich. „Es gefällt mir.“



      Ich schließe die Augen.



      „Ja, es gefällt mir, Herr. Jetzt sollten wir schnell wieder einschlafen!“



      „Wir sollten was?“ fragt er lachend und begehrt mit seiner Zunge Einlass in meinen Mund.



      „Ja, Herr. Schnell wieder einschlafen! Damit wir gleich noch einmal so aufwachen. Und noch einmal und noch einmal…“



      Mein Herr lacht.



      „Steh’ auf, kleine Magd und bereite mir das, was man in Europa ein kontinentales Frühstück nennt!“



      „Ein… was, Herr?“



      „Nun, das was du in Europa morgens in Hotels auf dem Frühstückstisch findest! Neben dem Wasserkocher findest du einen Tischgrill, darunter einen kleinen Kühl- und Gefrierschrank. Ich weiß, eine voll ausgerüstete Küche ist das nicht. Für Hauptmahlzeiten gehen wir in Don Marco’s Gastraum oder eine Taverne. Ich bin einer der Wächter von Kak-Aute und unterstehe Don Marco direkt, der der Vorsitzende des Rates und damit in etwa der Bürgermeister des Ortes ist. Mich kannst du mit einem Ortspolizisten vergleichen. Wir arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb im wöchentlichen Wechsel, gefolgt von einer Freiwoche. Während meiner Arbeitszeit wirst du die Wohnung sauber halten. In deiner Freizeit beschäftigst du dich ebenfalls innerhalb der Wohnung. Außerhalb der Wohnung hältst du dich in meiner Begleitung!“



      Ich stehe auf und suche mir zusammen, was ich zu dem gewünschten Frühstück arrangieren kann. Ich koche Wasser, bereite Tee, koche Eier in frischem Wasser, presse Orangen aus um Saft zu gewinnen, backe Fladenbrot auf. Ich finde dicke Fleischscheiben und ein Beerenmus. Das platziere ich alles auf dem Tisch und stelle zwei Schalen für den Tee und zwei Teller, sowie Besteck über Eck dazu.



      In der Zwischenzeit ist mein Herr ins Bad gegangen und kommt nun dazu. Er schaut sich mein Arrangement an und lächelt.



      „Das hast du schön gemacht, kleine Magd. Aber die Teller und die Schalen stellst du aufeinander an meinen Platz! Auch das Besteck kommt auf meinen Platz.“



      Ich schaue ihn erstaunt ängstlich an und ändere das Arrangement wie gewünscht.



      Er nimmt die Teeschale, die ich ihm gefüllt reiche, wendet sich um und geht zu seinem Stein in dem Wandschrein. Nachdem er ihn bespritzt hat, kommt er zurück, setzt sich auf seinen Hocker und winkt mir, mich an meinen Platz zu knien. Dann beginnt er zu frühstücken. Ich folge mit den Augen den Bissen, wie sie in seinem Mund verschwinden. Mein Herr schaut amüsiert. Dann schneidet er von einer dicken Fleischscheibe ein Stück ab und hält es mir vor den Mund. Ich nehme es vorsichtig mit den Lippen an.
      „Was ist deine Aufgabe, kleine Magd?“ fragt er.



      „Meinen Herrn stolz zu machen, dass er mich besitzt, ihn nach der Arbeit zu entspannen. – Ganz allgemein: Meinen Herrn zu erfreuen mit meinem Körper, meinen Werken, meinen Worten und Gedanken.“



      „Das hast du schön gesagt, kleine Magd! Und du weißt, dass du davon noch meilenweit entfernt bist?“



      Ich schaue erschrocken zu ihm auf.



      „Keine Angst, meine Kleine. Du musst nicht von Beginn an perfekt sein. Du musst nur den Willen haben, mit der Zeit immer perfekter zu werden. – Wir sind Menschen! Wir können niemals hundertprozentig perfekt sein. Aber wir müssen perfekt werden wollen!“



      „Ja, Herr.“



      „Du hast zwei Gedecke aufgetragen…“



      „Ja, Herr.“



      „Das zeigt mir, dass deine Gedanken sich nicht zentral mit Meinem Wohl beschäftigen, sondern dass du ebenso an dich denkst.“



      „Ja, Herr.“



      „Das musst du zurückdrängen und ablegen! Fasse Vertrauen in deinen Herrn, dass er sich auch um das Wohl seines Geschöpfes kümmert!“



      „Ja, Herr.“



      „Gut, was möchtest du frühstücken?“



      „Ein Brot mit dem Beerenmus, ein Ei und ein Becher Orangensaft, wenn ich das darf, mein Herr.“



      Er arrangiert alles auf einem Teller und reicht ihn mir. Dann füllt er einen Becher mit Saft und reicht auch ihn mir. Ich schaue ihn dankbar lächelnd an und beginne nun selbst zu frühstücken.



      Ich bin noch nicht ganz fertig, da sagt mein Herr: „Ich beginne jetzt durch den Ort zu patrouillieren. Heute Mittag bin ich zurück. Dann gehst du mit mir in Don Marco’s Gastraum essen. In der Zwischenzeit wirst du die Wohnung und die ganze Einrichtung säubern. Die schmutzige Wäsche, Wohntextilien und Kleidung, verpackst du in einen großen Beutel, den du in der Nähe der Wohnungstür abstellst.“



      „Ja, Herr.“



      „Dann bis nachher, meine Kleine!“



      „Bis nachher, mein Herr.“



      Er umarmt mich und gibt mir einen Kuss, während seine linke Hand über meinen nackten Körper wandert.



      *



      Geführt von Uéi erreiche ich den Gastraum von Don Marco. Dort sitzen ein halbes Dutzend Männer auf Hockern vor niedrigen Tischen und essen ein Gericht aus Kartoffeln, Mais und einer fleischigen Keule. Über alles gießt jeder eine braune Soße, soviel er mag. Ich setze mich auf einen freien Platz an einen Tisch, an dem schon zwei andere Männer essen und wenig später tritt eine braunhäutige Schönheit an mich heran. Sie hat schwarzes Kraushaar, das in vielen dünnen Zöpfchen beginnend noch auf der Kopfhaut geflochten ist und eine aufregend schlanke Figur. Bekleidet ist sie mit einem schwarzen Poncho, der von einer kunstvoll geflochtenen rot-gelben Schnur gegürtet ist und Riemchen-Sandalen. Sie knickst vor mir und fragt:



      „Darf ich dem Senor das Standart-Essen bringen?“



      „Wie heißt du?“ frage ich zurück.



      „Ich bitte um Entschuldigung. Rosa, wenn es dem Senor gefällt.“



      „Okay, Rosa. Ja, bring’ mir das Essen!“



      Etwa fünf Minuten später stellt Rosa Besteck und den Teller mit dampfendem Essen vor mich.



      „Was darf ich dem Herrn dazu zu trinken anbieten?“



      „Einen Fruchtsaft, Rosa,“ sage ich mit einem Seitenblick auf die Getränke, die meine Tischgenossen vor sich stehen haben. Dann beginne ich zu essen. Die anderen Männer im Gastraum sitzen nach ihrem Essen noch ein wenig zum Reden beieinander, als sich eine Trennwand öffnet und Don Marco in Begleitung eines Gastes mit exotischer Kleidung aus dem angrenzenden Raum heraus kommt. Er trägt ein langes Gewand und ein Kopftuch, wie ein nordafrikanischer Beduine. Don Marco nickt mir zu und verlässt mit dem fremden Gast den Raum.



      Etwa zehn Minuten später, als die anderen Männer einer nach dem anderen aufbrechen, bin ich auch mit dem Essen fertig. Ich bleibe sitzen und warte noch ein wenig, weil ich nicht weiter weiß. Don Marco sagte doch heute Vormittag, irgendjemand würde sich um mich kümmern… Rosa bringt mir noch einen Tee, der mir die Wartezeit ein wenig verkürzt. Ich hänge meinen Gedanken nach, als schließlich Don Marco wieder den Gastraum betritt.



      „Hallo, Don Pedro. Ich hoffe, das Essen meines Küchenmeisters hat Ihnen geschmeckt,“ vermutet er lächelnd.



      „Aber ja, sehr gut sogar,“ lächele ich zurück.



      Er setzt sich zu mir und lässt sich ebenfalls einen Tee bringen. Rosa füllt meine Schale noch einmal nach.



      „Sie sind Geologe, Don Pedro?“



      „Noch nicht, Don Marco. Ich befinde mich in der Endphase meines Geologie-Studiums. Mein Professor hat mir zu dieser Reise geraten, um eine wissenschaftliche Abhandlung zu schreiben, die Teil meines Examens wird.“



      „Sie brauchen dafür Gesteinsproben aus verschiedenen Schichten des Tepui, die sie chemisch behandeln?“



      Ich nicke.



      „Und wie machen sich professionelle Fotos, exakt ausgeleuchtet, für ihre Arbeit?“



      „Sie würden das Ganze auflockern, veranschaulichen – und hätten einen Aha-Effekt, der mir sicher von Vorteil wäre bei der Bewertung… Warum fragen Sie?“



      „Wir haben seit vier Monaten einen deutschen Naturfotografen im Ort, der ein Fotobuch über die Pflanzen- und Tierwelt auf einem Tepui realisieren will. Donna Martinez kümmert sich um sein Projekt, das natürlich etwas in die Länge gezogen wird, da Don Hernando nebenbei die Feinheiten eines Herrn im gorean Lifestyle erlernt, was ich Ihnen ebenfalls ans Herz legen würde! – Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Erlernen Sie den Umgang mit einer alten Waffe und den spirituellen Bezug dazu. Welche das sein wird, das dürfen Sie in den nächsten Tagen selbst entscheiden. Dann klettern Sie beide unter Führung unseres Mitarbeiters, des Pemón Ronaldo halbtags auf und im Tepui herum. Sie beide erhalten dadurch die Fotos, die Sie brauchen – und Sie, Don Pedro, hätten einen professionellen Fotografen dabei, der das Beste aus den Bildern herausholt.
      Während Ihres Aufenthalts wohnen Sie natürlich als unser Gast hier in Kak-Aute in einem eigenen Zimmer und ich gebe Ihnen eine Magd dazu, die sich im Ort auskennt.“



      „Das Angebot ist verlockend, Don Marco! Was muss ich denn dann für Sie tun?“



      „Für mich persönlich nichts, Don Pedro. Für die Community! Und zwar – was sagen Sie dazu, ein sterbendes Dorf in Deutschland mit finanzieller Anschubhilfe der Community wieder zu beleben?“



      Ich schaue wohl gerade nicht besonders intelligent drein. Don Marco lacht.



      „Don Pedro, auch in Deutschland gibt es Verstädterung. Die Menschen streben in die Metropolen auf der Suche nach Arbeit und Einkommen und die Dörfer bleiben leer zurück. Die älteren Mitbürger sterben aus und die Erben veräußern ihren Besitz unter Wert. Natürlich ist auch die Infrastruktur ausgedünnt. Hier wäre eine Aufgabe für Sie, wie Uéi es andeutete.“



      Ich mache ein nachdenkliches Gesicht.



      „Sie brauchen sich jetzt noch nicht zu entscheiden! Sie sind noch mehrere Monate hier. Danach kümmern Sie sich erst um ihr Examen! – Und wenn Sie wollen, greift Ihnen die Community unter die Arme!“



      „Okay, Don Marco. Der Fahrplan gefällt mir! Ich hätte da noch eine Frage: In meiner Begleitung befand sich eine Studentin, namens Marion Müller…“



      „Die Kleine befindet sich in Obhut der Community. Sie zeigte Anlagen zu einer Magd, die wir herausbilden wollen. Die Kleine befand sich in Ihrer Begleitung und sie fühlen sich für Sie verantwortlich? Oder sind da noch andere Gefühle dahinter?“



      Lächelnd antworte ich: „Sowohl, als auch, Don Marco.“



      „Ich verspreche Ihnen, dass die Kleine Sie bei Ihrer Rückkehr nach Deutschland begleiten wird! Vielleicht ergibt sich ja schon eine frühere Zusammenführung.“



      Er zuckt dabei mit den Schultern.



      „Rosa!“ ruft er dann.



      Die Serviererin kommt an unseren Tisch und knickst so tief, dass ihr Knie fast den Boden berührt.



      „Senor?“



      „Ausziehen! Grundstellung!“



      Rosas Augen werden einen Sekundenbruchteil groß. Sie hebt den Poncho über den Kopf und lässt ihn zu Boden gleiten. Dann kniet sie sich hin und setzt sich auf die Fersen. Dabei öffnet sie die Beine weit und senkt den Kopf. Ich lasse meine Augen über ihren Körper wandern.



      „Gefällt sie Ihnen?“



      Ich lächele.



      „Sie gehört Ihnen, solange Sie mögen!“



      „Gern, Don Marco.“



      „Du darfst dich wieder anziehen, Rosa! Räume ab und folge uns dann!“



      „Ja, Senor.“



      Als Rosa wieder aus der Küche kommt, stehen wir auf und ich folge Don Marco durch die Gänge. Rosa geht zwei Schritte hinter uns her. Wir erreichen eine Etage tiefer eine luxuriös eingerichtete Wohnung. Don Marco sagt beim Eintritt:



      „Elinor.“



      Eine Frau mit langen roten Haaren und heller Haut, eindeutig eine Europäerin oder Nordamerikanerin, kommt aus einem Nebenraum, tritt vor Don Marco, vollführt einen tiefen Knicks, nimmt die rechte Hand, die er ihr entgegen hält, küsst den Handrücken und drückt ihre Stirn gegen den Handrücken.



      Ich staune. Don Marco schaut auf und lächelt.



      „Diese Magd begann von selbst, sich so zu verhalten. Niemand hat es ihr antrainiert. Es ist ihr ein Bedürfnis. Es ist keinesfalls ein Rollenspiel! Und wissen Sie auch, warum?“



      „Nein, Don Marco…“



      „Elinor, sprich du!“



      Dieses unglaubliche Geschöpf wendet sich nun mir zu, deutet einen Knicks an und senkt den Blick.
      „Ich grüße Sie, Senor. Ich habe meinen geliebten Herrn vor ein paar Jahren in den Oststaaten kennen gelernt und war fasziniert. Ich wurde Ihm als Guide zur Seite gestellt von meiner damaligen Firma. Mein späterer Herr lud mich nach Feierabend öfter zu Eventbesuchen ein und an Wochenenden zu kleineren Ausflügen in die Umgebung. Es tat mir wohl, in seiner Nähe zu sein. Er war immer zuvorkommend und rücksichtsvoll, bedrängte mich nie. Er bestimmte bald, was wir unternahmen und ich ließ es zu. Unsere Beziehung gewann über Wochen eine große Nähe und Gefühlstiefe, beschreibbar etwa mit dem griechischen Wort ‚Agape’, nicht ‚Eros’. Dann musste mein Herr wieder in seine Heimat. Es hinterließ ein riesiges Loch in meiner Seele. Wir hielten Kontakt übers Internet und er erzählte mir von einem völlig anderen, dem gorean Lifestyle. Ich fuhr im Urlaub zu Ihm und ich bekam einfühlsam Einblick in diesen Lebensstil. Als ich nach vier Wochen wieder zurück in die Staaten musste, an meinen Arbeitsplatz, da stellte er mich vor die Wahl, unter Ihm leben zu wollen oder mein altes Leben weiterzuführen. Natürlich entschied ich mich für meinen geliebten Herrn – und würde das immer wieder tun.
      Ich weiß, wie sich eine Magd zu benehmen hat, aber mein Herr hat, um mit seinen Worten zu sprechen ‚mir alle Zeit der Welt gegeben’ mich hinein zu finden. Und – Sie können mir glauben, Senor: Wenn eine Frau das Bedürfnis verspürt zu dienen, dem Mann zu dienen, der sich einfühlsam um sie bemüht, dann ist der genannte Zeitraum kürzer, als wenn er sie sich unterwirft!“


      „Alle ihre Gesten, die Sie sehen, kommen aus ihrem Herzen, Don Pedro. Keine Ausbilderin wurde vorgeschaltet. Sie war sich selbst die beste Ausbilderin. – Und ich denke, die kleine Magd in Ihrer Begleitung bei der Ankunft in Kak-Aute, ist sich ebenfalls ihre beste Ausbilderin. Sie ist ein Naturtalent.“


      „Wo ist sie, Don Marco?“


      „Keine Chance, Don Pedro. Wir haben den Fahrplan besprochen und weichen keinen Deut davon ab!“


      „Ich habe die Verantwortung für Marion!“


      „Es zeigt mir, dass Sie auf einem guten Weg sind, Don Pedro! Starkes Verantwortungsbewusstsein und Pflichtgefühl unter Vernachlässigung der eigenen Gesundheit zum Wohle des Ganzen, zeichnet einen guten Herrn aus! Zusammen mit anderen Eigenschaften, wie zum Beispiel Achtung, Respekt, Ehrenhaftigkeit, Ehrlichkeit, Offenheit. Bilden Sie diese mittels des besprochenen Fahrplanes weiter heraus und nehmen sie dann die kleine Magd wieder mit zurück nach Deutschland! Bis dahin garantiere ich Ihnen, dass wir genauso gut auf sie achten, als wären Sie an ihrer Seite!“


      Er gibt Elinor einen Wink und sie geht zu einem Krug, schüttet zwei Schalen halb voll Tee und bringt sie uns. Nacheinander führt sie jede Schale an ihre Lippen und reicht die Eine zuerst Don Marco, die Zweite dann mir. Don Marco geht zu einem Schrein an der Zimmerwand, taucht seine Finger in den Tee, murmelt etwas und sagt dann:


      „Dieser Stein ist unsere Verbindung zur Mutter Natur. Mit dieser Zeremonie ehren wir die Natur, von der wir ein Teil sind. In Gegenwart dessen, werden Schwüre geleistet und Verträge geschlossen. Ich möchte, dass sie diese Zeremonie hier unter Zeugen wiederholen, wenn sie gewillt sind, unsere Vereinbarung einzuhalten, Don Pedro.“


      Ich ziehe etwas die Augenbrauen hoch und benetze den Stein ebenfalls mit ein paar Tropfen.


      „Nun lassen Sie uns die Schalen leeren! Auf eine gemeinsame Zukunft zum Wohle der Natur und der Erde!“


      „Zum Wohl der Natur und der Erde!“ wiederhole ich und trinke meine Schale leer.


      „Rosa wird sie nun zu ihrem Zimmer bringen, Don Pedro. Was Sie tun in Bezug auf unsere Vereinbarung bleibt in Ihrem Ermessen. Sie sind verantwortlich! Rosa wird Ihnen alle Fragen beantworten können. Sie wird Ihnen auch sagen können, wo Sie mehr erfahren können. Sie gehört Ihnen!“


      Ich schaue Rosa an, die nun knickst und sich zur Tür wendet. Ich strecke Don Marco die Hand hin, die er ergreift und kurz schüttelt. Im Hinausgehen sagt er noch lächelnd:


      „Der goreanische Gruß hält die Menschen aus Respekt auf Distanz. Man hebt die rechte Hand in Höhe des Herzens auf der linken Brustseite. Aber das lernen Sie noch alles…“


      Ich nicke ihm zu und er schließt die Tür. Zu Rosa gewandt, sage ich:


      „Dann wollen wir mal. Zeige mir meine Wohnung, Rosa!“


      „Gern, mein Herr.“


      Unterwegs frage ich Rosa, noch unter dem Eindruck der Erzählung Elinors stehend:


      „Ist das, was Elinor eben erzählte, eigentlich die Regel, Rosa? Entdecken alle Frauen die Magd in sich auf diese Weise?“


      Rosa schaut mich lange an.


      „Senor, das nenne ich den Idealfall! Die überwiegende Mehrheit der Frauen entdecken da etwas in sich, was sie lange nicht wahrhaben wollen und unterdrücken. Dann lernen sie einen Mann kennen, von dem sie annehmen, dass er zu ihnen passt und dieser nutzt den Charakterzug der Frauen schamlos zu seinem Vorteil aus – ganz in der Tradition der westlichen Kultur.“


      Ich schaue Rosa an, die dann fortfährt:


      „Ich stamme aus Haiti. Ich wurde als Fünfzehnjährige mit einem doppelt so alten Mann verheiratet, der trank und mich schlug. Irgendwann lief ich weg. Für meinen Lebensunterhalt ging ich abends mit anderen Männern nachhause. Das ging vielleicht drei Jahre so, dann lernte ich einen Mann kennen, der mich aufnahm. Ich kochte und wusch für ihn, hielt seine Wohnung sauber. Er hatte Internet und war auf verschiedenen Sexseiten unterwegs. Er zeigte mir, was er sah und spielte das mit mir nach. Es begann harmlos. Ich hatte inzwischen großes Vertrauen zu dem Mann. Ich war naiv…“


      Ich nehme Rosas Hand. Sie schaut mich erschrocken an und entzieht sich mir.


      „Rosa, keine Angst!“


      „Senor, was dann folgte war schlimm. Er war nie zufrieden. Immer mehr, immer härter, immer…“


      Ihr stehen Tränen in den Augen.


      „Anfangs hat er mit mir gekuschelt, mich nach den Sessions immer beruhigt. Auf einmal war er verschwunden…“


      Ich lege ihr den Arm um die Schultern. Sie schluchzt einmal laut auf und sinkt dann auf die Knie, ihre Stirn an meine Hand pressend.


      „Ich sollte Sie nicht mit meiner Vergangenheit belästigen, Senor.“


      „Steh’ auf, Rosa. Du belästigst mich nicht damit! Ich habe dich schließlich gefragt und du hast mir ein Beispiel aus dem Leben genannt… Wie kamst du dann mit der Community in Kontakt und hierher?“


      „Wissen Sie, Senor. Ich hatte ein schlimmes Bild von den Männern. Ich dachte, das ist normal so. Ich ging in ein Internet-Café und suchte mir einen neuen Herrn. Ich wollte weg von Haiti. Da entdeckte ich zufällig die Seite der Community, neben anderen Gor-Seiten. Ich meldete mich an, las die Beiträge, kommentierte hier und da und lernte auf diese Art einen Herrn kennen, der mich nach Venezuela einlud. So kam ich hierher.“


      „Der Mann wurde dein Herr?“


      „Nein, er bot mir an, den gorean Lifestyle real kennen zu lernen. Ich solle her kommen und hier arbeiten und lernen. Er meinte, alles weitere würde sich dann sicher ergeben.“


      „Ah.“


      „Ich kam zu der Ausbilderin Uéi und nach mehreren Monaten fragte der Küchenmeister von Don Marco nach einer Küchen- und Servierhilfe. Ich wohne hier in einem Zimmer mit drei anderen Mägden. Die Nächte schlafe ich dort oder bei diesem oder jenem Herrn, der sich Entspannung wünscht.“


      „Don Marco hat gesagt, ich könne dich haben, das heißt wohl für immer.“


      „Ja, Don Pedro, solange ich Ihnen gefalle.“


      „Mein Herz hängt wohl an einer anderen Magd, die für mich im Moment unerreichbar ist.“


      „Ich hörte das aus den Gesprächen heraus, Don Pedro. Ich will mich trotzdem bemühen, Ihnen perfekt zu dienen – bis die andere Magd ihre Ausbildung beendet hat und Sie Kak-Aute verlassen. Ich hätte einen großen Wunsch für danach… Nein, das ist nicht richtig!“


      „Was ist nicht richtig, Rosa?“


      „Ich möchte dazu jetzt nichts sagen, Don Pedro. Das wäre nicht gut. Lassen wir die Zeit entscheiden. – Wir sind da.“


      Wir haben eines der vielen Wandstücke aus Fachwerk erreicht, in denen sich eine Tür befindet. Ich öffne und sehe mich in einem Zimmer stehen mit geräumigem Bett, Tisch und Hockern. Truhen stehen an den Wänden. Darüber hängen textile Wandbehänge. Eine Waschgelegenheit, ein Regal auf dem ich einen Wasserkocher ausmache und rechter Hand eine Tür, die ich als erstes öffne. Es ist eine Toilette, vielleicht gerade achtzig Zentimeter im Quadrat. Der Wohnungstür gegenüber befindet sich ein Fenster, durch das ich Felswände, dichte grüne Vegetation und einen grün schimmernden Teich erkennen kann. In einiger Entfernung sehe ich ein kleines Stück Himmel.


      Neugierig öffne ich die Truhen, eine nach der anderen, und finde Hausrat und Wohntextilien. Auch Kleidung finde ich – und meine Ausrüstung, was mich freut.


      Ich wende mich zu Rosa um, die sich neben den Tisch gekniet hat und mich unschlüssig anschaut.


      „Ich glaube, der heutige Tag war etwas viel für mich. Diese Fülle an Information hat mich zerschlagen. Es ist zwar erst Nachmittag, aber ich mache heute nichts mehr.“


      „Senor?“


      „Ja.“


      „Darf ich mich dann zurückziehen? Oder darf ich meine persönlichen Sachen hier bei Ihnen einräumen?“


      „Ich mag im Moment nur allein sein, Rosa. Komm morgen früh zur Frühstückszeit wieder zu mir.“


      Einen solch traurigen Gesichtsausdruck habe ich noch nie gesehen, wie ihn Rosa jetzt zeigt. Aber sie bleibt gefasst und erhebt sich. Sie geht rückwärts auf die Tür zu.


      „Rosa?“


      „Ja, Senor?“


      „Geh deine persönlichen Sachen holen.“


      Sie kommt mit drei schnellen Schritten auf mich zu und fällt vor mir zu Boden, umfasst meine Knie und legt ihren Kopf einen Moment darauf.


      „Danke, Senor! Vielen Dank!“
      Ich lächele.



      „Nun geh, Rosa! Bis gleich.“



      „Bis gleich, Senor!“ antwortet sie, springt auf und ist in wenigen Sätzen durch die Tür, die offen stehen bleibt.



      Noch immer lächelnd, stehe ich aus dem Hocker auf und schließe die Wohnungstür. Es dauert jedoch kaum zehn Minuten, dann klopft es an die Tür. Ich öffne und lasse Rosa an mir vorbei, die mir im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange drückt. Sie fährt eine Truhe auf einer zweirädrigen Karre ins Zimmer, die sie an einen freien Platz bugsiert.



      Dann lege ich mich aufs Bett. Ich fühle mich irgendwie schlapp. Der heutige Tag war zuviel. Wenig später bin ich eingeschlafen.



      *



      Als ich am nächsten Morgen erwache, muss ich mich erst einmal orientieren. Ich sehe Rosa vom Tisch aus kniender Position aufstehen und zum Wasserkocher gehen. Sie füllt den Krug auf dem Tisch, hängt das Teesieb hinein und schüttet den Rest Wasser in die Waschschüssel. Dann füllt sie kaltes Wasser aus dem Krug nach.



      Ich setze mich auf und stelle die Füße neben das Bett. Rosa kommt zu mir und kniet sich neben mich auf den Boden.



      „Senor, das Wasser für deine Morgentoilette ist bereit und der Tee zum Begrüßen des neuen Tages ist auch gleich soweit.“



      „Vielen Dank, Rosa. Guten Morgen. Wo hast du denn geschlafen?“ frage ich und ziehe die Stirn in Falten.



      „Ich freue mich, dass dem Senor gefällt, was ich mache. Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten einer Magd, die dafür keinen Dank ihres Herrn erwartet. – Der Senor war gestern so schnell eingeschlafen, dass er keine Anweisung mehr geben konnte, wo ich schlafen darf. Also habe ich mir aus den Fellen am Boden zu Füßen des Senors ein Lager bereitet.“



      „Ja, entschuldige, Rosa. Ich war gestern nicht mehr aufnahmebereit,“ antworte ich murmelnd und gehe zur Waschschüssel.



      „Senor, du brauchst dich für dein Handeln bei deiner Magd nicht entschuldigen. Eine Magd erwartet nichts von ihrem Herrn und ist darum weder enttäuscht noch verärgert, wenn der Herr ihr nichts gewährt. Alles was der Herr seiner Magd gewährt – auch ob oder ob nicht – entscheidet der Herr. Die Magd dagegen freut sich für alles, was der Herr ihr gewährt, ob für den Augenblick positiv oder negativ gesehen, denn dadurch lernt die Magd, sich auf ihren Herrn einzustellen.“



      „Ich sehe, ich muss noch viel lernen während meines Aufenthalts in Kak-Aute, Rosa,“ sage ich und gehe zu der Truhe, in der ich gestern Abend meine Ausrüstung gefunden habe.



      Ich krame etwas und finde meinen Kulturbeutel, den ich an die Waschschüssel stelle. Dann frage ich, wo ich angemessene Kleidung finde und Rosa zeigt mir die Truhe. Ich ziehe die kurze Hose, die man mir gestern gab und das Hemd aus, und eine neue Hose, Hemd und Weste an. Danach setze ich mich an den Tisch. Rosa schüttet eine Schale halb voll Tee, führt sie an die Lippen und reicht sie mir.



      „Was möchte der Senor frühstücken?“



      „Welche Möglichkeiten haben wir denn hier, Rosa?“



      „Brot, Beerenmus, verschiedene Wurstsorten, Senor.“



      „Bring einfach alles auf den Tisch, Rosa.“



      Sie nimmt aus Kästen im Regal und aus einem Minikühlschrank, was sie findet und bringt alles auf den Tisch. Zwei flache Teller aufeinander und eine weitere Teeschale stellt sie vor mich, sowie ein Messer, eine zweizinkige Gabel und einen kleinen Löffel.



      „Du magst nichts frühstücken, Rosa?“ frage ich mit verständnisloser Miene.



      „Die Magd kümmert sich um das Wohl des Herrn, Senor. Sie ist bestrebt, ihrem Herrn zu gefallen mit ihrem Körper, ihren Werken, Worten und Gedanken. Der Herr dagegen wird so viel Verantwortungsbewusstsein besitzen, dass er über sein Wohl hinaus, das Wohl seiner Magd, seines Besitzes, der uns umgebenden Natur – des ganzen Planeten im Auge hat, bei allem was er tut. Jedenfalls innerhalb des für ihn überschaubaren Bereichs.“



      „Oh… Sind die Männer einer solchen Verantwortung denn gewachsen?“



      „Nicht alle Männer, Senor. Wahre Herren schon. – Außerdem: Was der Herr alleine nicht schafft, das schafft er in der Gemeinschaft mit anderen Herren. Einer hat eine Idee und sucht zur Verwirklichung Mitstreiter. Der Ideengeber führt die Gruppe – das ‚Haus’ an – die anderen folgen. Es gibt autokratische Hausherren und auch kooperative. Eine Anzahl Häuser bilden zusammen einen ‚Ort’, eine Anzahl Orte bilden die Community.“



      „Ah, so ist die Gemeinschaft aufgebaut. – Niemand ist allein.“



      „Das ist richtig, Senor. Auch lässt die Community niemanden allein!“



      „Ich stelle fest, dass wir viel voneinander lernen können, Rosa. Was möchtest du denn frühstücken?“



      „Was du mir gewährst, Senor.“



      Ich schiebe ihr Teller und Teeschale hinüber und sage:



      „Nimm dir selbst, was du magst. Damit ich durch Beobachtung lerne, Rosa.“



      *



      Nach dem Frühstück lasse ich mich von Rosa durch den Ort führen. Bei Begrüßungen anderer Herren deutet Rosa jedes Mal einen Knicks an. Als wir in den Gängen einem Mann mit schwarzem Umhang begegnen, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht und sie knickst so tief, wie gestern bei Don Marco.



      Im Weitergehen frage ich Rosa, wer dieser Herr denn ist.



      Sie antwortet mit Freude im Gesicht:



      „Das war Don Ernesto, der Chef der Wächter des Ortes. Er untersteht Don Marco direkt. Don Ernesto hat mich schon oft in seine Decken geholt.“



      „Ah, du hast ihn gern, stimmt’s?“



      „Ja, Senor.“



      ‚Ich bin noch weit von einem echten Herrn entfernt,’ denke ich mir. ‚So ähnlich wird’s bestimmt auch Marion ergehen.’ Ich nehme mir vor, spätestens wenn ich Kak-Aute mit Marion Richtung Deutschland verlasse, Rosa an Don Ernesto weiter zu geben. Warum sie wohl nicht schon jetzt ihm dient?



      Rosa zeigt mir die Waffenschulen, dann gehen wir wieder zurück. Wir haben verschiedene Dinge gekauft, die wir in mein Zimmer bringen, dann ist es Zeit zum Mittagessen. Also gehen wir zu Don Marcos Gastraum. Danach ruhen wir etwa eine Stunde in meinem Zimmer, wobei ich Rosa zu mir aufs Bett nehme zum Kuscheln.



      Nach Ende der Mittagspause gehe ich alleine zu den Waffenschulen, während sich Rosa um mein Zimmer kümmert. Ich vereinbare Probestunden in jeder Waffengattung und probiere als erstes das Bogenschießen. Man erklärt mir den Aufbau des Kompositbogens und ich höre, dass Anfänge dieses Bogens schon vor über dreitausend Jahren nachweisbar sind. Auch was einen guten Pfeil ausmacht, bekomme ich erklärt. Dann soll ich versuchen, eine Zielscheibe aus kreisförmig gebundenem Stroh zu treffen, was mir leidlich gelingt. Der Herr erklärt mir, dass ich mich in Gedanken mit dem Pfeil verbinden soll. Ich soll mental zum Pfeil werden, ihn ins Ziel bringen. Und wirklich: Meine Trefferquote ist ein wenig höher. Er empfiehlt mir Meditationstraining. Dann würde ich bald jedes anvisierte Ziel treffen, auch bewegliche Ziele, wie Tiere im Urwald.



      Hm, ich versuche mich heute noch mit dem Speerwurf und dem Blasrohr mit dem gleichen Ergebnis. Immer wird mir Meditation empfohlen, um die Waffe sicher ins Ziel zu bringen. Meine Gedanken wären zu sehr mechanisch, der mentale Teil sei unterentwickelt. Ich nehme mir vor, morgen Hieb- und Stichwaffen kennenzulernen. Außerdem kommt mir der ostasiatische Kampfsport in den Sinn. Dieser hat wohl eine Entwicklung von über fünftausend Jahren hinter sich und ist daher – besonders in seiner Heimat – spirituell überfrachtet, dachte ich bisher. Woher das kommt, dass man das hier auf quasi alle Waffen ausdehnt, frage ich einen der Ausbilder.



      „Schauen Sie sich die Entwicklung seit der Erfindung des Schießpulvers an,“ sagt er. „Mit der Entwicklung dieser heutigen Distanzwaffen, die eine hohe Zerstörungskraft entwickeln können, in Verbindung mit der westlichen Philosophie, dass die Welt im wesentlichen den Gesetzen der Mechanik gehorcht und der Mensch alles beherrscht, hat er die Ehrfurcht vor der Natur verloren.
      Die Menschen früherer Jahrtausende und die heutigen ‚Barbaren’ kannten noch keine Naturgesetze, für sie ist der Mensch, die Pflanze, das Tier, der Stein, die Luft, alles beseelt. Er versuchte sich in seinen Gedanken zu versenken, durch Meditation eins mit der Natur zu werden und entdeckte, wie viel mehr ihm dadurch gelang. Meditation ist in der westlichen Kultur inzwischen als Randgebiet der Medizin und Psychologie anerkannt. Man hat erkannt, dass man einfach nicht an ihr vorbei kommt.“



      Mit diesen Gedanken beende ich den heutigen Tag und gehe zu meinem Zimmer zurück.



      Rosa hat während des Tages das Zimmer sauber gemacht und mit Blumengestecken versehen. Als ich herein komme, sitzt sie auf ihren Fersen am Boden neben dem Bett.



      „Hallo Rosa,“ sage ich. „Wunderbar hast du den Raum dekoriert!“



      „Es freut mich, dass es meinem Herrn gefällt,“ antwortet sie mir glücklich lächelnd. „Möchte mein Herr im Badehaus entspannen, nach dem langen Tag?“



      „Ja, Rosa, das ist eine gute Idee, aus der ein tägliches Ritual werden könnte,“ sage ich. „Du hast mir das Badehaus zwar heute im Vorbeigehen gezeigt, aber sag mal… Dürfen dort auch Mägde hinein?“



      „Es gibt dort ja Mägde, die sich um die Entspannung der Senores kümmern, habe ich dir heute gesagt, Herr. Aber wenn du unbedingt mich dabei haben willst, statt die Dienste der Bademägde in Anspruch zu nehmen, muss ich dich natürlich begleiten, Senor.“



      „Ich nehme an, dass Tücher, Öle und Shampoos dort vorhanden sind? Ich muss nichts mitnehmen?“



      „Nein, Senor. Es ist alles im Eintrittspreis enthalten.“



      „Dann komm‘ mit, Rosa. Wir gehen ins Badehaus.“
      Wir verlassen meine Wohnung und gehen mehrere Etagen abwärts bis etwa auf das Niveau der Höhle, die ich von meinem Fenster aus überblicken kann. Hier befindet sich der Eingang zur ‚Blauen Grotte’. Wir betreten das Foyer und ich zahle zehn Kupfer-Tarsk. Dafür erhalte ich einen der nummerierten Schlüssel und Badelatschen in meiner Größe. Der Schlüssel passt auf einen Spint, in dem ein frisches Badetuch liegt. Ich ziehe meine Kleidung aus und schlinge mir das Tuch um die Hüften. Rosa legt ihren Poncho und die geflochtene Schnur, die sie um die Hüften trägt, dazu. Nun trägt sie nur noch den Halsreif, der sie als Küchenmagd Don Marcos ausweist.



      ‚Ich muss mir noch einen Halsreif für sie besorgen,’ geht mir durch den Kopf.



      Dann gehen wir zum Wasserbecken. Es ist mit kobaltblauen Kacheln ausgelegt. Eine breite Treppe führt in knietiefes Wasser. Dann wird das Wasser mit jedem Schritt schnell tiefer. Bald stößt sich Rosa vom Boden ab und schwimmt in kraftvollen Zügen auf eine Wandöffnung zu, zu der hin die Felsdecke immer niedriger wird. Ein dicker lichtdurchlässiger Vorhang schließt den Luftraum des Bades vom See draußen ab. Rosa holt Luft und taucht ab. Unter Wasser gibt es keine Abtrennung.



      Ich tauche nun auch ab und komme jenseits des Vorhangs wieder hoch. Rosa kann sehr gut schwimmen. Ich bleibe in der Nähe des Höhleneingangs und bald kommt Rosa auf mich zu, lächelt und taucht wieder ab, um ins Innere des Bades zurück zu kehren. Ich folge ihr und halte mich am Rand des Beckens. In einer Ecke sind Wirlpool-Düsen angebracht, die einen künstlichen Strudel erzeugen. Dort drehe ich ein paar Runden und als Rosa auf mich zu schwimmt, entferne ich mich aus dem Strudel Richtung Treppe. Dann gehe ich in einen der angrenzenden Nischen und lege mich dort auf eine Liege. Eine Bademagd nähert sich mir. Sie trägt ihr blondes Haar lang und hat ihre Schläfenhaare zu Zöpfen geflochten, die am Hinterkopf zu einem Zopf zusammen geführt wurden. Ihre Augen sind wasserblau. Sie trägt ein Tablett mit mehreren bauchigen gläsernen Fläschchen in den Händen.



      Ich lächele sie an und schüttele den Kopf.



      „Du darfst das Tablett gerne meiner Magd geben,“ sage ich, da Rosa in diesem Moment dazu tritt.



      Rosa übernimmt das Tablett und stellt es neben der Liege ab. Sie öffnet eine Flasche, lässt etwas in ihre hohle Hand laufen und beginnt beim Nacken, mich zu massieren. Sie beugt sich über mich und ihre Hände massieren das Badeöl kräftig in meine Haut.



      „Nicht so fest,“ murmele ich.



      „Ja, Senor,“ antwortet sie mir.



      Die Bewegung und die Massage machen mich müde.



      Danach gehe ich mit Rosa noch ein wenig im Badehaus herum. Es gibt mehrere dieser Massagenischen, dazwischen Bänke zum Ausruhen und auch einen künstlichen Wasserfall zum Duschen. Das schaumige Wasser in dem Becken wird abgesaugt und gereinigt, bevor es in den natürlichen Wasserkreislauf zurückgeführt wird.



      Nun liege ich nachdenklich auf einer der Bänke auf meinem Handtuch und träume. Rosa habe ich an meine Seite befohlen. Ich genieße ihre nackte weiche Haut an meiner und zeichne gedankenverloren mit dem Finger zart die Konturen ihres Gesichtes nach. Bald tauche ich mit meinem Blick tief in ihre Augen, während meine Finger sich sanft ihrer Körpermitte nähern. Ich fahre mit der Zunge über ihre Lippen, die sie öffnet und mir Einlass gewährt. Kurze Zeit darauf legt sie ihr Bein zwischen meine Beine und reibt ihren Unterleib mit kreisenden Bewegungen an meinem Oberschenkel.



      Ich drehe mich um. Sie rutscht von mir herunter und schaut mich an. Ich drehe mich weiter und lege mich auf sie. Sie öffnet die Beine und beginnt ein heftigeres Zungenspiel, während ich in sie eindringe.
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      Ich, Marion, will meinem Herrn gefallen und kümmere mich deshalb gründlich um selbst die hinterste Ecke der Wohnung. Die schmutzigen Textilien habe ich in einen großen Beutel verpackt und sehe auf der Uhr, dass mir noch etwa eine halbe Stunde bleibt bis mein Herr zurückkommt. Jetzt habe ich etwas mehr Zeit mich umzuschauen. Die Bücher, die ich heute Vormittag abgestaubt habe, sehen seltsam antik aus. Das Papier ist etwas dicker als ich es gewohnt bin und ungebleicht. Der Einband besteht aus einem Lederrücken und dünnen Holzdeckeln. Genauso wie das Holz des Spankästchens, in dem der Tee aufbewahrt wird. Der Buchtitel ist teils in das Leder hinein geschnitten, teils mit einem heißen Metall hinein gebrannt worden.



      In diesem Moment öffnet sich die Tür und mein Herr betritt seine Wohnung.



      „Hallo, kleine Magd. Interessieren dich meine Bücher?“



      Schnell lege ich das Buch, das ich in der Hand halte auf den Tisch laufe zu ihm und begrüße ihn mit einem tiefen Knicks.



      „Hallo, mein Herr,“ lächele ich ihm von unten in die Augen. „Ich habe deine Bücher eben abgestaubt. – Sie sind so anders, als die, die ich kenne. Sie sehen aus wie antike Bücher.“



      „Ja, meine Kleine. Paperback sind sie sicher nicht. Bleichmittel verwenden wir nicht bei der Papierherstellung. Leder wird in der modernen westlichen Welt auch nicht mehr verwendet. Diese Bücher bekommen dadurch etwas Kostbares. – Aber nun folge mir zum Mittagessen! Der Ort ist ruhig. Es ist Siesta. Jetzt kann ich mir eine Essenspause erlauben.“



      „Der Wäschebeutel, Herr?“



      „Den nehme ich nachher mit, wenn wir vom Essen zurückkommen, kleine Magd.“



      Also folge ich meinem Herrn zum Gastraum. Uns begegnen unterwegs tatsächlich nur zwei Herren. Dann betritt mein Herr den Gastraum, hält mir die Türe auf und lässt mich durch. Drinnen geht er zum nächsten Tisch und lässt sich dort auf einem Hocker nieder. Wir sind wohl die letzten Gäste des Küchenchefs von Don Marco. Ich knie mich neben ihn. Eine Magd schaut über die halbhohe Schwingtüre und kommt heran.



      „Mag der Senor das Standardessen oder hat er einen besonderen Wunsch,“ fragt sie, nachdem sie meinen Herrn mit einem Knicks begrüßt hat.



      „Wenn dein Herr noch etwas da hat vom Standartessen, dann bring mir eine große Portion, Rita. Dazu zwei Orangensaft mit Sprudel und vorher zwei Schalen Koka-Tee.“



      „Zwei Schalen, Senor?“



      „Ja, meine Kleine soll ihn für mich kosten,“ antwortet er.



      „Sofort, Senor.“



      Rita gibt die Bestellung an die Küche weiter und wenig später kommt sie mit einem Krug Tee und zwei Schalen zurück, knickst tief und stellt alles vor meinem Herrn auf den Tisch. Mein Herr stellt beide Schalen auseinander und schaut mich lächelnd an. Ich schaue in den Krug und hebe und senke das Teesieb ein paar Mal, um zu sehen, ob der Tee fertig ist. Dann fülle ich eine Teeschale, nehme sie auf, führe sie an meine Lippen und reiche sie meinem Herrn. Er nimmt seine Schale und sagt:



      „Schenke dir auch einen Tee ein!“



      Weiter sagt er:



      „Und nun probiere diese Teesorte, meine Kleine.“



      Ich trinke vorsichtig in kleinen Schlucken, finde aber keinen großen Unterschied. Er schmeckt wohl ein wenig anders als der Mate-Tee.



      Dann kommt schon das Essen. Mein Herr stellt seine Schale ab und beginnt zu essen. Dabei beobachtet er mich ab und zu. Als ich meine Teeschale leer habe, gibt er mir auch etwas auf den zweiten Teller, den er unter seinem Teller hervor zieht. Dazu darf ich Orangensaft trinken, der zur Hälfte mit kohlensäurehaltigem Wasser versetzt ist. Zum Schluss fülle ich meinem Herrn die Teeschale nach und darf mir auch eine weitere Schale einschenken.



      Mein Blick wird klarer. Mein Herz schlägt schneller. Ich bekomme unter dem Blick meines Herrn ein Kribbeln im Unterbauch. Da fasst mein Herr mich zwischen die gespreizten Schenkel.



      „Oh,“ entfährt es mir. „Oh, Herr, ja.“



      Rita tritt dazu und räumt den Tisch ab. Dann ist sie wieder hinter der Schwingtüre verschwunden.



      „Du bist nass, meine Kleine,“ stellt mein Herr fest.



      „Herr, lass’ uns schnell nachhause gehen…“ flüstere ich mit gesenktem Blick.



      „Du schämst dich, kleine Magd? Du bist ein durch und durch emotionales Geschöpf, dessen brauchst du dich niemals schämen! Leb’ deine Gefühle aus, wo immer du bist!“



      „Aber Rita…“



      „Rita ist so wie du, meine Kleine,“ antwortet er und streicht mir sanft mit den Fingerrücken über die Wange.



      „Aber wenn nun ein anderer Mann dazu kommt…“



      „Die anderen Herren kennen euch ebenfalls und verstehen das.“



      „Aber das ist unhöflich. Damit verletzt man den ‚guten Geschmack’,“ erwidere ich kleinlaut, weil mir die Argumente auszugehen drohen.



      Mein Herr fasst wieder zu, ertastet den Kitzler und massiert ihn. Ich richte mich in der knienden Haltung auf und schließe unwillkürlich meine Oberschenkel ein Stück.



      „Ahh!“



      „Beine auseinander!“ befiehlt mein Herr.



      Schwer atmend und zögerlich komme ich dem Befehl nach.



      „Du musst hier in Kak-Aute deine westliche Erziehung ablegen, meine Kleine! Hier gelten andere Werte. Einer davon ist, dass du deine Emotionen auslebst, immer und überall wo dein Herr es von dir verlangt – ohne Rücksicht auf Andere, denn du verletzt keine Gefühle. Alle anderen wissen um die Emotionen und wenn du irgendwo ein kopulierendes Paar hörst oder siehst, dann ist das eben so. Ein Herr wird sich, was er braucht, bei seiner Magd holen. Ein Magd wird, was sie braucht, alsbald von ihrem Herrn erhalten.“



      „Ja, Herr,“ japse ich, kaum noch fähig für einen klaren Gedanken, aber mein Herr quält mich weiter. Er lässt sich nicht beirren, massiert mich und redet weiter:



      „Du bist gegen deine Instinkte erzogen worden. Die westliche Gesellschaft aus der du kommst, hat kein Interesse an den psychobiologischen Bedürfnissen der Frau. Die große Maschinerie ‚Gesellschaft’ ist wie zu ihrem Selbstzweck programmiert, nicht mit der Absicht, ihren menschlichen Bestandteilen zu dienen.“



      „Ich möchte aber kein Teil einer Maschine sein,“ maule ich.



      „Leg dich auf dem Rücken über den Tisch!“



      Ich komme der Aufforderung nach und öffne die Beine. Mein Herr öffnet seinen Gürtel und kniet sich zwischen meine Beine. Mit einem Ruck dringt er in mich ein, so dass ich aufschreie.