Tepui

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      Dann gehe ich durch die Tür, die Don Emiliano hinter mir schließt. Er führt mich einen Gang entlang in einen Nebenraum, dessen Tür er ebenfalls hinter sich verschließt.



      „Ausziehen! Ganz!“ kommt knapp sein erster Befehl.



      Ich öffne erschreckt meine Kleidung und lasse sie zu Boden gleiten.



      „Knie nieder!“ ist sein nächster Befehl, der mich mit gesenktem Blick in die Knie zwingt.



      „Sieh hoch,“ sagt er jetzt, „knie gerade. Lege deine Hände auf deine Schenkel. Kopf hoch. Spreize deine Knie.“



      Schnell knie ich aufrecht vor Don Emiliano, meinen Kopf hocherhoben, meine Hände liegen auf meinen Oberschenkeln, meine Knie sind weit gespreizt. Seine Stimme hat etwas absolutes, etwas das keinen Widerspruch duldet. Ich senke meinen Blick.



      „Du trägst noch keinen Halsreif,“ stellt er fest.



      „Neiiiin,“ dehne ich die Antwort. Dann sage ich mit fester Stimme, zu ihm aufblickend: „Noch nicht, Senor.“



      Er nimmt eine Spritze aus einer Schale. Ich bekomme einen gehetzten Blick.



      „Keine Angst, Ana. Nur eine Vorsichtsmaßnahme. Eine kleine Impfung,“ erklärt er mit sanfter Stimme.



      Dann sticht er mich. Ich beiße die Zähne zusammen. Kurz darauf wird mir schwarz vor Augen. Als ich wieder zu mir komme ist alles stockfinster um mich herum. Ich versuche meine Umgebung mit den Händen zu untersuchen und muss feststellen, dass sie in Fäustlingen stecken, die sich auf der Haut meiner Wange anfühlen, als bestünden sie aus Leder. Um meine Handgelenke liegen Metallbänder, zwischen denen sich eine Kette spannt, die mir etwas Bewegungsfreiheit lässt.



      Am Hals und auch an den Knöcheln spüre ich kühles Metall. Ich befühle es und stelle fest, dass die Knöchel in ähnlicher Weise mit einer Kette zwischen Metallbändern gefesselt sind, die etwas Bewegungsfreiheit zulassen. Dann muss das am Hals wohl ein Halsreif sein. Auch daran hängt eine längere Kette, die in der hölzernen Seitenwand in einem Ring endet.



      Ich taste weiter umher und fühle, dass ich auf einer flauschigen Unterlage sitze. Etwas entfernt erspüre ich ein Teil, in das runde Vertiefungen eingelassen sind. In einer befindet sich eine Flüssigkeit, in der anderen etwas festes. Soll ich etwa aus Näpfen essen? Wo kann ich mich waschen? Wo ist eine Toilette? Ich versuche aufzustehen, stoße aber schon als ich aufrecht knie an die Decke des Raumes. Was ist das hier für ein Verlies? Wo bin ich hier hin geraten? Was hat man mit mir vor?



      Die Zeit vergeht. Wieviel Uhr es ist kann ich nicht abschätzen. Ich bekomme Hunger. Aber aus den Näpfen essen und trinken? Das kommt überhaupt nicht in Frage! Ich habe nie geahnt, wie undurchdringlich schwarz Dunkelheit sein kann. Schwarz und schmerzhaft still.



      Ich habe bisher auch nicht gewusst, dass Dunkelheit Angst machen kann. Bestimmt ist die Kombination von Dunkelheit und Stille der Auslöser.



      Das hier ist jetzt gerade nicht mehr lustig. Beklemmung steigt in mir auf. Eingebildete Atemnot. Bloß jetzt nicht panisch werden! Hoffentlich muss ich mich nicht erleichtern. Ja, was mache ich denn dann bloß? Ich taste mich wieder durch die Dunkelheit. Die Wand vor mir hat metallene Beschläge. Ich meine auch ein Schlüsselloch zu fühlen. Ah, da steht ein Eimer gleich unterhalb des Schlüsselloches.



      Ich ziehe mich wieder auf die flauschige Decke zurück, ziehe meine Beine an und versuche mich mit der Decke zu bedecken. Wenn man an Eimer und Decke denkt, fängt die Blase an zu drücken…



      Bin ich wirklich ganz alleine hier? Meine Gedanken formen Bilder. Jetzt nicht an Krabbeltiere denken! NICHT AN KRABBEL… AAAH… Was war das gerade? Eine Spinne? Ein Käfer?



      ‚Komm‘ schon, du Weichei!‘ mache ich mir Mut. ‚Entspanne dich. Es ist dunkel. Dunkelheit tut nichts. Käfer tun auch nichts.‘



      Was raschelt da so? Da atmet jemand! Mein Herz stockt. Dann registriere ich erleichtert, es ist mein Atmen, das ich höre. Es ist mein Rascheln, als ich mein Bein gestreckt habe.



      Es ist so still. Mich fröstelt. Ich habe Hunger. Ich muss mal.



      Ich will um Hilfe rufen. Irgendwer wird sich doch um mich kümmern!



      ‚NEIN, ich kapituliere jetzt nicht! Ich gebe doch nicht auf, wegen ein bisschen Dunkelheit und Stille! Oder ein paar Spinnen. NEIN!‘

      Hysterisches Gelächter will sich Bahn brechen.



      Ich liege hier herum. Eingekerkert. Nicht lustig. Mit soviel Hoffnung bin ich hierher gekommen. Und jetzt? Dunkelhaft. Keine Schulter zum Anlehnen und…


      So muss es wohl sein, wenn man blind ist! Ich kann absolut nichts sehen. Stattdessen höre ich spaßige Dinge: Mein Bauch gluckst. Mein Herz ist verdammt laut. Es klingt ein bisschen so wie unheilverkündendes Urwaldgetrommel.



      Darüber muss ich wohl eingeschlafen sein. Auf dem Bauch liegend, werde ich wach. Es ist immer noch stockfinster. Mein Hunger ist übermächtig. Ich krieche zu den Näpfen und versenke meinen Mund darin. Es erscheint mir wie ein Festmahl. Dann lecke ich den Boden der Näpfe. Schließlich krieche ich wieder zurück auf meine Decke. Mir wird klar, dass was, wann und ob ich überhaupt esse, von jemand anderem abhängt.



      Ich überdenke meine Situation. Mein eigener Wille, meine eigenen Gefühle und Wünsche haben scheinbar ihre Bedeutung verloren. Eine Erkenntnis formt sich in meinem Gehirn: Ich selbst bin wohl unwichtig geworden. Natürlich habe ich einen Wert, schließlich bin ich hier und lebe. Aber das ist nicht dasselbe, wie wichtig zu sein. Bin ich überhaupt jemals wichtig gewesen? Mein Vater hat mich einem älteren Mann übergeben, für den nur meine Körpermitte wichtig gewesen ist. Der Mann danach wollte auch nur seinen Spaß mit mir. Dafür bin ich ihm wichtig gewesen, und dann?



      Es ist schwer, diese Wahrheit zu begreifen. Zitternd kauere ich mich zusammen und versuche meine Gedanken zu ordnen. In der Dunkelheit fahre ich mit den Händen in den Fäustlingen über die Ketten, die mich halten. Sieht so das Leben einer Magd im gorean Lifestyle aus, über das ich im Internet viel diskutiert habe, als ich noch auf Haiti gelebt habe?



      Meine Rechte kommen mir in den Sinn. Ich sollte wütend sein, gegen die Tür hämmern und rufen. Ich sollte verlangen, mit jemandem zu sprechen, dass man mich wieder nach Haiti zurückbringt. Hm, dort lebe ich in Armut, ständigem Daseinskampf. Hier bekomme ich, was ich zum Leben brauche! Täglich sind die Näpfe gefüllt…



      Man neigt gerne dazu zu denken, dass die Normen, die einem vertraut sind, überall gelten. Doch das ist ein gewaltiger Irrtum. Ich habe immer wieder mal von Fällen von Zwangsarbeit und Sklaverei gelesen. Hier in Kak Aute bin ich auch fremdem Willen unterworfen. Den Unterschied macht die Ausbeutung! Im gorean Lifestyle werden keine Frauen ausgebeutet!



      Aber gilt das allgemein? Die Menschen sind verschieden. Es gibt solche und solche!



      Die in Haiti geltenden Normen widersprechen der Natur, nach denen jedes Lebewesen seine Daseinsberechtigung und damit einen gewissen Wert hat. Sie fördern menschliches Leid und soziales Chaos. Menschen, die ihren produktiven Wert verloren haben, fallen aus der Gesellschaft heraus.



      Während ich hier liege und über meine Lage nachdenke und über die Natur, komme ich zu dem Schluss, dass meine Hilflosigkeit und Einkerkerung einem natürlichen Geburtsvorgang gleichkommt. Auch ein Neugeborenes muss durch einen beklemmend engen Tunnel um ans Licht zu kommen! Ja, so muss es sein! Ich befinde mich in einem Übergangsstadium hin zu etwas Besonderem. Es ist schwer, eine derartige Wahrheit zu begreifen. Diese Gedanken beruhigen, geben mir ein vages Gefühl von Sicherheit. Dies alles stellt bestimmt eine Art von Lektion dar. Die erste Lektion, die eine Magd zu lernen hat. Ich soll mich erstmal an reale Ketten und deren Bedeutung gewöhnen, an das Gefühl, sie zu tragen.



      Ich weiß nicht, wie lange ich in dem niedrigen Raum angekettet gewesen bin. Ein paar Mal bin ich eingeschlafen und wieder wach geworden. Jedesmal habe ich neue Nahrung gefunden. Darüber bin ich sehr dankbar.



      Ich habe schnell jedes Gefühl für den Kalender verloren.



      Irgendwann erwache ich von einem Geräusch. Ja, richtig, ich habe ein wirkliches Geräusch gehört! Meine Sinne haben mir keinen Streich gespielt! Die Tür öffnet sich mit einem quietschenden Geräusch. Fahler Lichtschein fällt in meine Zelle oder Zwinger.



      Instinktiv lege ich meine Hände in den Fäustlingen auf meinen Körper. Ich bin verängstigt und nackt. Gleichzeitig höre ich das Geräusch sich öffnender Türen neben meiner. Ich kneife meine Augenlider zusammen, denn das Licht blendet mich etwas. Dann ertönt eine Stimme. Es ist eine männliche Stimme.



      Furcht erfüllt mich. Ich kann nicht eindeutig bestimmen, was diese Furcht auslöst. Vielleicht ist es das Fehlen jeglicher Unsicherheit, die im Ton mitschwingt. Ihr Tonfall ist voller Selbstvertrauen und Kraft. Meinte der Urheber der Stimme etwa, er wäre ein ‚richtiger Mann‘? Ein Mann von der Sorte, wie es ihn schon lange nicht mehr gibt? Kein Macho, der Frauen zu seinem alleinigen Spaß missbraucht. Kein Waschlappen, der sich leicht lenken lässt mit den Waffen der Frau. Wenn ja, welche Konsequenz ergibt sich daraus für mich?



      „Sei still,“ sagt der Mann.



      Nicht, dass ich in meiner Verfassung überhaupt gewagt hätte, einen Ton von mir zu geben. Ich kämpfe gegen die Gefühle in meinem Inneren an.



      „Den Kopf zu Boden,“ sagt er nun.



      Ich beuge mich vor und tue, was er mir sagt. Der Mann stellt seine Laterne an der offenen Tür ab, bückt sich und kommt zu mir herein. Neben mir geht er in die Hocke und sagt:



      „Halt still! Sieh nicht zu mir auf!“
      Dann streicht er mein Haar im Nacken nach vorne und öffnet meinen Halsreif. Ich bin nun nicht mehr an die Wand gefesselt!



      „Auf alle Viere!“ kommt sein nächster Befehl.



      Ich komme hoch auf Fäuste und Knie.



      „Auf deine Füße!“ sagt er nun. „Die Hände bleiben dabei auf dem Boden!“



      Ich versuche es ihm recht zu machen. Ich habe das Gefühl eine Zerrung bekommen zu müssen. Außerdem wird mein Stand unsicher.



      „Beuge die Knie bis der Rumpf ungefähr waagerecht ist! Komm ruhig mit den Fersen etwas hoch! Sieh mich nicht an!“



      Ich korrigiere meinen Stand entsprechend der Anweisung, stehe dadurch sicherer und auch das zerrende Gefühl in der Beinmuskulatur ist weg.



      „So jetzt mache einen Schritt zur Tür hin! Erst rechter Arm und rechtes Bein, dann linker Arm und linkes Bein.“



      Ich tue, was mir befohlen wird und mache einen unbeholfenen Schritt.



      „Ich sehe, man muss dir das Gehen nicht noch beibringen. Jetzt gehe nach draußen! Du wirst in dieser Stellung bleiben, bis du etwas anderes hörst! Sieh niemanden an!“



      Ich habe soviel Furcht, dass ich mich in den Hand- und Fußketten verheddere und umkippe, als ich versuche, dem Befehl zu folgen. Der Mann zeigt Geduld mit mir. Er hilft mir auf und langsam mit zitternden Gliedern verlasse ich den Zwinger.



      Draußen blicke ich nicht auf. Dennoch bin ich mir der Anwesenheit von zwei weiteren Männern bewusst. Einer von ihnen greift mir in den Nacken und dreht mich nach rechts. Ich bleibe unbeweglich in der neuen Position. Den Kopf behalte ich weiterhin unten. Langsam gewöhnen sich meine Augen an das Licht. Ein klein wenig hebe ich meinen Kopf und sehe vor mir schlanke Fußknöchel, ebenso wie meine mit einer Kette verbunden. Die anderen Türen, die ich gehört habe, sind also auch Zwingertüren gewesen, und sie haben weitere Frauen freigegeben. Ich erinnere mich. Mit mir müssen sich nun vier Frauen hintereinander auf allen Vieren außerhalb der Zellen befinden, in Begleitung dreier Männer.



      Schritte nähern sich. Ich senke meinen Kopf noch tiefer. Der Mann geht an mir vorbei. Irgendwo hinter mir höre ich rasselnd eine Kette zu Boden fallen. Das Geräusch lässt mich kurz das Atmen vergessen.



      „Ganz ruhig,“ sagt eine Stimme mit weichem Ton in meiner Nähe.



      Ich höre, wie das Kettengerassel näher kommt. Zweimal entsteht eine kurze Pause. Dann höre ich, wie Metall zuschnappt. Dann ist der Mann bei mir. Ich spüre den Drang aufzuspringen und wegzurennen. Doch, wohin soll ich rennen, noch dazu mit gefesselten Beinen.



      „Ganz ruhig, kleine Süßigkeit,“ wiederholt die Stimme in beruhigendem Ton.



      Dann fühle ich auch schon, wie mir ein neuer Halsreif angelegt wird. Danach geht der Mann zu der Frau vor mir. Ich spüre, dass von meinem Halsreif je eine Kette nach vorn und nach hinten reicht.



      Noch einmal höre ich das Schnappen von Metall, dann sagt die Stimme etwas lauter:



      „Haltet die Köpfe weiterhin unten! Kniet euch hin und setzt euch auf die Fersen. Die Knie weit gespreizt. Den Rücken gerade. Die Schultern nach hinten. Haltet die Hände seitlich, so dass die Ketten fest gegen eure Bäuche drücken!“



      Dann geht er von einer zur anderen und korrigiert hier und da die Stellung. Jetzt erläutert er:



      „Euer Kopf ist in Gehorsam gebeugt! Euer Bauch liegt unter der Fessel!“



      Das ist ganz sich symbolisch gemeint. Mehrere Minuten lassen sie uns in der Position, wie als sollte sich dieser Eindruck in unsere Seelen einbrennen. Die Kette lenkt meine Aufmerksamkeit auf meinen Bauch, weich und leicht gewölbt. Und darüber liegt die Kette, die ihn hält und das Bild beherrscht. Es ist nicht nur Unbehagen, was ich fühle, sondern diese Position fühlt sich für mich irgendwie natürlich an. Wir müssen sein, was wir sind. Ohne jede Einschränkung. Auch die Symbolik der gespreizten Knie ist eindeutig und fühlt sich richtig an. Meine Schenkel brennen wegen dieses Ausgeliefertseins. Würde mich jetzt einer der Männer dort berühren, ich würde laut aufstöhnen!



      Die Männer unterhalten sich mit gedämpften Stimmen etwas abseits, aber ich meine, ihre Blicke auf meinem Körper zu spüren. Wir knien ohne aufzublicken, ohne zu sprechen. Man hat es uns verboten. Wir warten… Offensichtlich sind wir nicht wichtig… Immer bewusster wird mir meine Hilflosigkeit und ich werde von Gefühlen durchströmt, die mich beunruhigen, die bis in mein tiefstes Inneres reichen.



      Dann sind die Männer wieder bei uns.



      „Ihr dürft eure Köpfe jetzt heben und zu uns aufschauen!“ sagt der Mann, der eben schon das Wort geführt hat.



      Ich sehe zu dem Mann auf. Er schaut zu den anderen hinüber. Ich bin wohl nicht wichtig genug, um angesehen zu werden. Aber ich sehe ihn mir an. Mit gierigen Blicken. Mir erscheint er unglaublich gut aussehend. Wie lange habe ich jetzt auf meine Körpermitte verzichten müssen! Meine Hände stecken immer noch in diesen Fäustlingen.



      Wie es wohl wäre, in seinen Armen zu liegen? Ich kämpfe gegen den Gedanken an, will ihn zurückdrängen in die Tiefen meiner Seele. Doch es will mir nicht gelingen. Was ist nur mit mir los? Bin das wirklich noch ich?



      Wieder blicke ich zu dem Mann neben mir auf und plötzlich schaut er auf mich herab. Mein Herz bleibt stehen. Schnell senke ich meinen Blick. Noch nie vorher habe ich mich so gefühlt wie jetzt. Noch nie bin ich in einer solchen Situation gewesen.



      Der Mann neben mir beugt sich zu mir herunter und dreht meinen Kopf sanft herum, so dass ich ihn anblicken muss. Er legt seinen Finger auf meine Lippen. Ich soll nicht sprechen.



      „Du hast keinen Namen,“ sagt er.



      Ich verstehe nicht, was er meint. Aber sein Finger liegt auf meinen Lippen. Ich schaue zu ihm auf.



      „Möchtest du gefüttert werden?“ fragt er.



      Panik steigt in mir auf.



      „Du darfst antworten,“ sagt er und löst seinen Finger von meinen Lippen.



      „Ja,“ flüstere ich.



      „Möchtest du leben?“ fragt er als nächstes.



      „Ja,“ sage ich.



      Er schaut mich abschätzend an. Es scheint, als mustere er jeden Zentimeter meines Körpers. Ich strecke meine Wirbelsäule durch, richte mich kerzengerade auf den Knien auf und bettele:



      „Gnade, bitte hab Mitleid mit mir!“



      Sein Gesicht bleibt ausdruckslos. Ich sinke wieder in mich zusammen.



      „Man wird kein Mitleid mit mir haben, nicht wahr?“ hauche ich.



      „Nicht auf die Weise, die du im Sinn hast!“ erwidert er mir. „Solltest du gut genug sein, dann wird man dir irgendwann Gnade erweisen.“



      „In deine Position!“ befiehlt er mir nun.



      Ich beeile mich, die vorhin angewiesene Haltung wieder einzunehmen. Wie dumm ich mich gerade benommen habe!



      Und wieder streift sein abschätzender Blick über meinen Körper. Ich schäme ich. Nur ein Tier sollte so gemustert werden! Und ich bin ein Mensch! Meine Hände rutschen instinktiv tiefer, um irgendwie meine Blöße zu bedecken.



      „Nein!“ kommt sein nächster Befehl.



      Ich hebe die Hände wieder in die vorherige Position seitlich hinter den Hüften, damit die Kette über den Bauch gespannt wird. Tränen laufen über meine Wangen. Aus irgendeinem Grund will ich, dass er zufrieden mit mir ist. Ich wage es nicht, zu ihm aufzuschauen.



      „Ihr dürft wieder eure Köpfe heben,“ höre ich sagen.



      Ich hebe meinen Kopf und sehe ihn an. Er hält mir seinen Handrücken vor den Mund. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Was erwartet man nun von mir?



      „Ich weiß nicht, was ich tun soll,“ flüstere ich.



      „Was für ein verschüchtertes kleines Ding du doch bist,“ stellt er fest. „Was glaubst du denn, sollst du tun?“



      „Ich weiß es nicht.“



      „Was WILLST du denn tun?“ fragt er da. „Du wirst meine Hand küssen, liebevoll und zärtlich! Es ist die Hand von der du alles empfängst!“



      Ich sehe furchtsam zu ihm auf.



      „Hast du verstanden?“



      Ich nicke stumm.



      „Zuerst wird die Hand zu dir kommen, dann wirst du dich der Hand nähern!“



      „Ja,“ flüstere ich.



      Sanft berührt er mit dem Handrücken meine Lippen. Mir ist deutlich bewusst, dass er es auch anders hätte machen können, er hätte meinen Mund blutig schlagen können. Deutlich habe ich wieder das Bild meines ersten Mannes vor Augen, dem ich auf Haiti weggelaufen bin. Dieser Mann hier geht sanft mit mir um. Durchströmt von unglaublichen Gefühlen, die ich selbst kaum verstehe, küsse ich seine Hand.



      Dann zieht er sie zurück und hält sie einige Zentimeter vor meinen Kopf. Es ist natürlich eine Sache, eine Handlung aufgezwungen zu bekommen, und eine andere, sich aus eigenem Antrieb zu ihr vorzubeugen, sich ihr zu nähern und sie auf diese intime Weise zu berühren. Ich ringe mit mir selbst.



      Schließlich beuge ich mich ein wenig vor und recke ihr meine Lippen entgegen. Dann küsse ich die Hand des Mannes liebevoll, inbrünstig. Mit der Zunge fahre ich über den Handrücken, sanft, sinnlich und liebkosend. Der Mann zieht seine Hand zurück und ich blicke hinauf zu ihm. Tief in meinem Herzen weiß ich, was ich bin.



      Der Mann geht davon und unterhält sich mit den Anderen. Ich schätze, man gibt uns Zeit nachzudenken, um die Bedeutsamkeit der Geste in ihrer Gänze zu erfassen. Ich bin bereit. Hätte er nur mit dem Finger geschnippt, ich hätte alles für ihn getan.



      Dann höre ich die Männer zurück zu uns kommen. Ich sehe auf und erkenne den Mann, dessen Hand ich eben geküsst habe. Neben ihm stehen die anderen Beiden, die sich mit uns hier in dem Gang vor den Zellen befinden. Freude glimmt auf. Doch nun streckt mir einer der beiden Anderen seine Hand entgegen. Sie verharrt wenige Zentimeter vor meinem Mund. Sein Blick ist ernst. Das erschreckt mich, also beuge ich mich hastig der Hand entgegen und küsse sie gehorsam, während wieder Tränen meine Augen füllen. Das Gleiche wiederholen sie bei der Frau neben mir.
      Ich habe seine Hand geküsst. Ich habe geglaubt, dass es etwas Besonderes sei, doch es ist bedeutungslos gewesen. Doch eben weil es bedeutungslos gewesen ist, bedeutet es auf besondere Weise ALLES. Hier in Kak-Aute bin ich offensichtlich jemand, für den es sich gehört, so zu handeln. Es ist unwichtig, wessen Hand es ist.



      Dann nehmen die Männer wieder Aufstellung neben uns. Er, dessen Hand ich zuerst geküsst habe, steht nun wieder neben mir. Ich sehe zu ihm auf. Oh, welche Gefühle mich durchströmen. Er legt den Finger an seine Lippen und sagt mir so, still zu bleiben.



      „Auf alle Viere!“ ertönt es nun von vorne.



      Wir nehmen die Position auf Fäusten und Zehenballen wieder ein. Wir warten auf die nächste Anweisung. Da spüre ich, wie der Mann neben mir mit seinen Fingerspitzen leicht über meinen Rücken streift. Ich zucke heftig zusammen und blicke zu ihm auf.



      Wieder hält er seinen Finger vor seine Lippen. Weiß er denn nicht, was eine solche Berührung in mir auslöst? Ich schaue wieder nach unten. Dann spüre ich seinen Finger. Diesmal nicht wie zufällig auf meinem Rücken, sondern zielgerichtet, neugierig. Sanft forschend fährt er an meiner Seite entlang. Ich keuche. Beinahe hätte ich das Gleichgewicht verloren. Weiter fährt der Mann mit seinem Finger über meinen Körper.



      „Oh,“ stöhne ich plötzlich.



      „Du könntest dich als zufriedenstellend erweisen,“ kommentiert er das. „Vielleicht lässt man dich leben.“



      „Los!“ kommt nun wieder die Stimme von vorn.



      Wir setzen uns in Bewegung. Ich kann die Berührungen des Mannes so schnell nicht vergessen. Ich habe mich den Berührungen körperlich und emotional vollkommen hingegeben. Es geht durch eine Tür und einen langen Gang entlang. Ab und zu fühle ich einen leichten Schlag auf meiner Kehrseite, der mir wohl sagen soll ‚Nicht nachlassen. Weiter gehen.‘ In den Augen dieser Männer sind wir wohl Wesen, die keine Geduld verdienen.



      Der Weg durch die Gänge und über Treppen, mal hinauf, mal hinunter, scheint endlos zu sein. Öfter begegnen uns Passanten, doch wir dürfen nicht aufschauen. Nach einer Ewigkeit, ich kann mich kaum mehr aufrecht halten und auch die Anderen schwanken verdächtig, kommen wir wieder vor einer Tür an und werden eingelassen. Mir scheint, dass ich hier vor Tagen – oder sind es schon Wochen her? – schon einmal eingelassen wurde, als Don Genaro mich in der Schule des Ortes abgegeben hat. Sind wir etwa im Kreis gelaufen? Müssen wir üben, auf allen Vieren zu gehen? Sollen wir auf diese Weise lernen, was wir sind?



      *



      Wir werden einen Gang entlang geführt, bis der vordere Mann eine andere Tür öffnet.



      „Hinein mit euch!“ hören wir nun.



      Dieser Raum ist klein. Die Einrichtung besteht aus halbhohen Käfigen, deren Gitterstäbe allenfalls eine Handbreit auseinander stehen. Die Hälfte der Bodenfläche bedeckt eine flauschige Decke. Die Männer lösen uns nun von der langen Kette und befestigen kurze Ketten an unseren Halsreifen. Dann führen sie uns einzeln in die Käfige. Hier gibt es wenigstens Licht. Flackernde Wandlampen erhellen den Raum. Die Ausstattung der Käfige wird von einer niedrigen Plastikwanne vervollständigt, in dem sich ein Granulat befindet.



      Nachdem die Männer die Käfige verriegelt haben, löschen sie das Licht und verlassen den Raum. Es dauert nicht lange bis ich in einen tiefen Schlaf falle.



      Irgendwann werde ich wach. Ein dringendes Bedürfnis hat mich geweckt. Ich taste in der Dunkelheit nach der Wanne, bewege mich rückwärts darüber, spreize dafür die Beine und erleichtere mich. Dann lege ich mich wieder auf das Fell. Lange kann ich nicht einschlafen. Es ist mir unangenehm, mich nachher nicht reinigen zu können. Dann übermannt mich doch wieder der Schlaf.



      Als das Licht wieder aufflammt, werde ich wach und sehe, dass sich auch die Frauen in den Käfigen neben mir zu regen beginnen. Die Käfigtüren werden geöffnet.



      „Auf alle Viere! Raus mit euch!“ hören wir jetzt.



      Einer der Männer öffnet die Tür gegenüber der, durch die sie den Raum betreten und verlassen, und sagt: „Kommt zu mir, meine Täubchen.“



      Es ist der Mann, der gestern zumeist an meiner Seite gegangen ist! Er macht den Durchgang frei und wir schlüpfen in den Nebenraum. Er nimmt nun einen Schlauch, öffnet die Wasserzufuhr und greift einen Gegenstand, der aussieht wie ein Schwamm an einem Stiel. Damit säubert er unsere Kehrseite. Dann stellt er ihn fort und macht uns von den Schultern nach hinten nass. Danach hängt er auch den Schlauch weg und lässt sich etwas in die hohle Hand tropfen. Damit reibt er uns komplett ein. Welche Gefühle da wieder in mir aufsteigen, als er mich damit massiert…



      Schließlich werden wir wieder abgespritzt und danach reibt er uns mit einem großen flauschigen Tuch trocken. Ich stöhne auf dabei und will mich an ihn drücken.



      Währenddessen hören wir Arbeitsgeräusche in dem Raum mit den Käfigen und dann kommt einer der anderen Männer und füllt Schalen mit unserem kargen Frühstück, das wir mit Heißhunger essen. Nach dem Frühstück sollen wir den Raum durch eine andere Tür verlassen. Wir kommen in einen Raum mit unterschiedlichem Bodenniveau und einigen Gerätschaften.



      „Zur Empore!“ sagt der Mann



      Auf Händen und Zehenballen bewegen wir uns zu dem höheren Bodenniveau.



      „Umdrehen! Mit den Beinen auf die Empore und mit den Armen soweit wieder nach vorne, dass ihr im Liegestütz seid!“



      Wir folgen auch diesem Befehl.



      „Nun drückt euch hoch, kommt runter und wieder hoch! Ich zähle! – Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben… Hey du, drück dich hoch, sagte ich!“



      Die Frau neben mir liegt bäuchlings auf dem Boden, die Hände neben sich aufgestützt. Tränen laufen ihr über die Wange.



      „Ich kann nicht mehr, Herr!“



      „Du kannst nicht, oder du willst nicht? Hoch mit dir!“



      Sie drückt ihre Arme und Knie durch, merklich zitternd und schaut ihn weinend an.



      „Und weiter geht’s! Eins, zwei…“



      Meine Nachbarin liegt schon wieder flach auf dem Boden. Da ertönte ein Klatschen. Wir halten inne und schauen zu dem Mann hoch. Er beugt sich über sie und ein roter Fleck ziert ihre Kehrseite. Geduld ist nicht die Stärke dieser Männer. Er fasst sie an den Schultern und hebt sie mühelos an, bis sie steht.



      „Dort hinten stehen zwei kleine Fünf-Liter-Eimer unter dem Wasserhahn. Fülle sie und bringe sie mir! Ihr anderen: Grundstellung!“



      Es ist das erste Mal, dass eine von uns auf zwei Beinen gehen darf. Aber es ist ein zweifelhaftes Privileg! Wir Anderen setzen uns wie auf unsere Fersen, wie wir es gestern gelernt haben, während meine Nachbarin zur rückwärtigen Wand geht und die beiden Eimer am Wasserhahn füllt.



      „Bis zwei Finger breit unter dem Rand,“ sagt der Mann noch.



      Unsere Leidensgenossin nickt ergeben.



      „Wie heißt das?“



      Er brüllt sie an. Ich bekomme große Augen.



      „Ja, Herr!“ sagt sie kleinlaut.



      „Ich höre nichts!“



      Wieder hört er sich laut und unbeherrscht an.



      „Ja, Herr!“ ruft sie nun unter Tränen.



      Dann bringt sie die beiden Eimer Wasser zu ihm.



      „Hebe die Arme vom Körper ab, bis auf Schulterhöhe. Mit den Eimern!“ befiehlt er ihr laut.



      Sie versucht es mit zitternden Armen, die das Wasser in Bewegung bringen. Ganz in die Horizontale schafft sie es nicht. Er lässt sie einige Minuten so stehen. Dann zückt der Mann einen Block und macht sich Notizen.



      „Bring‘ die Eimer wieder zu ihrem Platz und komm zurück!“ heißt es nun.



      Sie stellt die Eimer beim Wasserhahn ab. Als sie wieder bei uns ist, sagt der Mann:



      „Auf alle Viere! Folgt mir!“



      Er führt uns zurück zu dem Raum mit unseren Käfigen. Nachdem er uns wieder in die Käfige gesteckt hat, schließt er die Käfigtüren ab und verlässt den Raum mit der Frau, die eben Probleme gemacht hat, nachdem das Licht gelöscht ist. Vorher habe ich bemerkt, dass das Granulat erneuert ist und eine neue Decke auf dem Boden liegt.



      Ich lege mich mit im Nacken verschränkten Armen auf die Decke und starre in die Dunkelheit. Meine Gedanken wandern zu der Frau. Was jetzt wohl mit ihr passiert? Ob sie weiterleben darf, und wenn ja, wie?



      Bis auf gelegentliches Rascheln ist es in den Nachbarkäfigen ebenfalls ruhig. Wir hängen wohl alle unseren Gedanken nach. Was wohl in den nächsten Tagen noch alles auf uns zukommen wird?



      Eine von uns beginnt in die Dunkelheit hinein zu sprechen:



      „Das soll ein Lehrgang sein, der uns zeigt, wie wir unseren Herren besser dienen können…“



      „Das ist menschenverachtende Schinderei!“ sagt die Andere.



      „Man will sicher unsere körperlichen Grenzen ausloten…“ antworte ich nach einiger Zeit in die Stille. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt sprechen darf, da der Mann keine Erlaubnis erteilt hat, bevor er uns verlassen hat.



      „Aber wozu? Was lernen wir daraus?“



      „Du lernst, dich einzuschätzen,“ schlage ich vor.



      „Gut, dann weiß ich, wozu mein Körper kräftemäßig in der Lage ist. Bin ich Leistungssportler?“



      „Nein, denke ganzheitlich! Du bestehst aus Körper und Geist. Beim Körper setzen sie an, um deine mentale Leistungsfähigkeit zu ermitteln – und vielleicht zu steigern?“



      „Und warum?“



      „Ich weiß es,“ ruft da die Andere. „Es geht darum, dich dazu zu bringen, alles zu tun, was befohlen wird, auch wenn dir der Befehl im Moment sinnlos erscheint!“



      „Und du all deine Kraft in die Befolgung des Befehls legst!“ antworte ich zustimmend.



      „Das geht aber nur, wenn ich vollstes Vertrauen in den Herrn habe, dass seine Strategie letztendlich aufgeht!“



      „Und? Hast du Vertrauen in die Männer hier?“ frage ich dazwischen.



      „Ich kenne sie doch noch gar nicht! Und ich gebe doch mein Gehirn nicht ab! Selbstloses Handeln ist selbstzerstörerisch!“



      „Du gehorchst also nur unter der Bedingung, dass du seine Prinzessin bist? Dass er dir das gefälligst zu zeigen hat…“



      „Das ist doch so! Ich kann doch niemandem bedingungslos vertrauen auf dieser Welt!“
      „Das Motiv hinter deinen Argumenten ist Eifersucht. Du willst den Mann allein für dich! Das ist auch eine Form von Besitzdenken! Bist du Besitz? Bist du Eigentum?“



      „Ja, aber das bedeutet doch nicht, dass ich mich aufgeben muss!“



      „Vertraut nicht auch ein Hund bedingungslos seinem Herrn?“ setze ich nach.



      „Aber das ist doch etwas ganz anderes!“ ereifert sie sich.



      „Was bist du denn hier? Du bewegst dich auf allen Vieren, gehorchst Befehlen, lässt dich füttern und säubern – wie ein Tier! Du bist nichts anderes. Du bist auf die Stufe eines Tieres zurück geworfen. In dir toben tierische Emotionen, sobald ein Mann in deiner Nähe ist! Du willst ihn zufriedenstellen, ihn auf dich stolz machen! Was also bist du hier?“



      Stille beantwortet meinen kleinen Vortrag. Nach einer Weile rede ich weiter:



      „Dadurch entsteht ein Vakuum an Selbstverantwortung, das ist richtig. Aber dieses Vakuum füllen die Männer mit ihrer Verantwortung für dich, mit ihrer Fürsorge! Du lässt dich fallen, du lässt dich treiben, aber du wirst aufgefangen und geführt!“



      „Das sind doch Traumphantastereien!“ braust sie wieder auf. Ein Geräusch ist zu hören, als ob jemand gegen die Gitterstäbe schlägt.



      „Merkst du etwas?“ frage ich mit ruhiger Stimme.



      „Was?“ kommt die kurze Gegenfrage mit aggressivem Ton.



      „Du wirst zunehmen aggressiver, ärgerlicher! Ich zeige dir gerade, wie es in dir aussieht: Du kannst nicht wirklich loslassen, dich nicht fallenlassen. Du kannst dein Leben nicht aus der Hand geben! Du verpasst damit die tiefgehenden Emotionen, zu denen du in deiner Position fähig wirst.“



      Danach ist es eine ganze Weile still. Schließlich flüstert sie:



      „Ich kann nicht…“



      „Komm, wir schlafen erst einmal!“



      Ich kuschele mich nun in meine Decke und bin bald weg geschlummert.



      *



      Das plötzliche Aufflammen der Wandlampen weckt mich. Blinzelnd erkenne ich den Mann, wie er auf die Käfige zu kommt und mit einer Gerte die Metallstäbe zum Singen bringt. Schnell sind wir alle vier wach und sitzen auf den Decken.



      „Guten Morgen, ihr Täubchen! Auf alle Viere!“



      „Guten Morgen, Herr,“ kommt es aus mehreren Kehlen.



      Ich schlage die Decke auseinander, unter dem ich die Zeit der Dunkelheit nackt verbracht habe. In den Augenwinkeln erkenne ich, dass die anderen Beiden es mir gleich tun. Ein Käfig ist in dieser Schlafensperiode leer geblieben. Wo man die Insassin hingebracht hat, weiß ich nicht. Ich traue mich aber auch nicht zu fragen.



      „Raus mit euch auf allen Vieren!“



      Ich erhebe mich weisungsgemäß auf alle Viere, eine Position, die uns klarmacht, dass wir nicht mehr als Tiere sind. Heute hat der Mann eine Gerte dabei! Im Stillen frage ich mich, ob der Grund im Ungehorsam unseres Gruppenmitglieds liegt, das nun nicht mehr unter uns weilt.



      Wir verlassen die Käfige nachdem er alle Türen geöffnet hat.



      „Setzt euch auf die Fersen! Hände auf die Oberschenkel ablegen!“



      Schnell haben wir die befohlene Position eingenommen. Der Mann kontrolliert die korrekte Haltung und korrigiert sie penibel.



      „Habt ihr mir nichts zu sagen?“ fragt er lauernd.



      Eine nach der anderen zuckt mit niedergeschlagenem Blick die Schultern.



      „Schaut mich an!“



      Wir schauen zu ihm auf.



      „Habe ich euch erlaubt zu sprechen?“



      Wir schütteln die Köpfe.



      Er weist mit der Gerte auf mich.



      „Du! Hast du während der Ruheperiode geredet? Oder du? Oder du?“



      Er bewegt die Gerte von einer zur anderen in unserer Reihe. Wir senken betreten die Köpfe. Also hat man uns reden gehört!



      „Schaut mich an! Ihr dürft reden! – Du!“ Er zeigt mit der Gerte wieder in meine Richtung. Ich flüstere:



      „Hab Erbarmen, Herr. Wir standen unter dem Eindruck der Trennung von unserem vierten Gruppenmitglied. Da wir im Ungewissen über deren weiteren Verbleib sind, ergab sich Gesprächsbedarf.“



      „Du bist intelligent! Das ist gut!“ kommentiert er meine Antwort. „Und du weißt zu flehen. Beides erspart dir viele Unannehmlichkeiten in deinem Leben!“



      Er mustert uns eine Weile. Wir schlagen die Blicke nieder. Plötzlich höre ich ein sirrendes Geräusch mit Klatschen zum Abschluss. Erschreckt schaue ich auf. Er hat sich wohl selbst in die Handfläche geschlagen.



      „Habe ich euch nicht gesagt: Schaut mich an!?“



      Er schaut von einer zur anderen. Dann wendet er sich wieder mir zu.



      „Über was habt ihr geredet?“



      „Über das Befolgen von Befehlen. Über Vertrauen und Verantwortung.“



      „Ein grundsätzliches Gespräch also. Zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?“



      Ich kann nicht für die anderen Beiden sprechen, da unser Gespräch ergebnislos geendet ist. Aber ich denke, ich beziehe sie mit ein. Ich sage also:



      „Wir gehorchen Befehlen, werden gefüttert und gesäubert, wir gehen auf allen Vieren – wie Tiere. Wir sind auf die Stufe der Tiere zurück geworfen, Lebewesen, die ihre aktuellen Gefühle spontan ausleben, ohne jedes moralische Tabu. Wir sind ihnen gleich, sobald wir uns darein fallenlassen und von kulturellen Schranken loslassen können. Dazu müssen wir unsere Selbstverantwortung aufgeben. Davor haben viele Angst. Sie sehen ein Vakuum entstehen und fürchten in dieses schwarze Loch, in diese Leere hinein zu fallen. Aber die Männer, denen wir gehorchen, entscheiden mit Verantwortungsbewusstsein, die diese angenommene Leere füllt. Sie sorgen für uns und kümmern sich. Im Gegenzug müssen wir ihn nur zufriedenstellen, ihn stolz darauf machen uns zu besitzen.“



      Der Mann schaut mich still an. Kein Muskel regt sich in seinem Gesicht. Dann wendet er sich an die anderen neben mir:



      „Und du? Wie siehst du das?“



      „Ich fühle, dass sie die Wahrheit spricht. In mir tobt ein Sturm, wenn ich nur in der Nähe eines Mannes bin. Ich möchte meinen Gefühlen so gerne freien Lauf lassen, von der Selbstkontrolle ablassen! – Ich bin noch nicht soweit…“



      Sie schlägt die Augen nieder.



      „Und du? Was hast du zu sagen?“ fragt er die dritte.



      Sie schlägt nur die Augen nieder und bleibt stumm. Der Mann schaut uns eine Weile stumm an, zückt seinen Notizblock und notiert sich etwas. Dann sagt er an die anderen Beiden gerichtet:



      „Ihr beiden: Zurück in eure Käfige!“



      Sie erheben sich wieder auf alle Viere und trotten zurück hinter die Gitterstäbe. Er verschließt die Türen und wendet sich dann an mich:



      „Auf alle Viere und mitkommen!“



      Er befestigt eine kurze Kette mit einer Handschlaufe an meinem Halsband und öffnet die Tür zum Gang. Ich gehe neben ihm her, als er nun auf den Gang hinaus tritt und ihn ein Stück entlang geht. Wir kommen an eine Tür, hinter der sich ein weiterer Gang öffnet. Nach einigen Minuten erreichen wir einen Raum in dem etwa ein Dutzend Frauen auf dem Boden in Grundstellung um eine Frau sitzen, die einen Vortrag hält. Der Raum hat Spiegelwände und eine Tafel. Ich staune. Dies ist ein Schulzimmer!



      Als wir eintreten geht die Frau, die ich für die Lehrerin halte, auf die Knie und beugt ihren Kopf in Richtung des Mannes. Ihre Schülerinnen machen es ihr gleich.



      „Uéi, sieh mich an!“ sagt der Mann.



      Während die anderen Frauen in dieser unterwürfigen Stellung verharren, geht die Lehrerin in Grundstellung.



      „Hier bringe ich dir jemanden für die Fortgeschrittenen-Ausbildung! Sie hat die Grundausbildung mit Bravour bestanden.“



      Dann dreht er sich um und verlässt den Raum.



      Uéi, wie die Lehrerin wohl heißt, steht wieder auf, sieht zu mir und deutet an einen Platz am linken Ende ihrer Schülerinnen. Ich gehe auf allen Vieren dorthin und schaue Uéi –Sonne- an. Sie lächelt und sagt:



      „Grundstellung!“



      Sofort setze ich mich auf meine Fersen, mache einen geraden Rücken und lege die Hände auf meine Oberschenkel.



      „Ich bin Uéi. Das heißt Sonne auf Pemón. Ich bin hier die Erste. Du wirst ab sofort mir gehorchen! Wie heißt du?“



      Gehorsam erwidere ich:



      „Ich habe keinen Namen.“



      „Du bist also noch ganz frisch bei uns?“



      „Ich denke, ja. Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist. Meine aktive Grundausbildung war jedenfalls sehr kurz.“



      Sie nickt kaum merklich und fragt weiter:



      „Wie war früher dein Name?“



      „Ana.“



      „Gut, dann heißt du ab jetzt Ana,“ entscheidet Uéi. Dann sagt sie:



      „Ihr werdet in Grundstellung verharren bis ich zurück bin!“ und verlässt den Raum.



      Nach einigen Minuten ist sie zurück. Sie lächelt und beginnt ihren Unterricht. Im Folgenden habe ich den Eindruck, dass ihr prüfender Blick auf mir länger verweilt, als auf ihren anderen Schülerinnen.



      *
      Als der Mann uns am Morgen mit der einen Frau verlassen hat, müssen wir geraume Zeit in den Käfigen zurückbleiben. Dann kommt er wieder und führt die Frau an der Kette, die er am Abend vorher von uns getrennt hat.



      Nun sollen wir üben unsere Decken korrekt zu falten. Wir geben uns Mühe und er scheint zufrieden zu sein. Nur bei der Frau, die die Nacht woanders verbracht hat, kräuselt sich seine Stirn. Er tritt die Decke wieder auseinander.



      „Neu falten!“ brüllt er sie mit einer Lautstärke an, die alle erschreckt zurückweichen lässt, während er sich zu ihr herunter beugt.



      Sie bricht in Tränen aus und beginnt mit zitternden Händen die Decke neu zusammen zu legen. Dann schaut sie zu ihm hoch. Fast gleichzeitig jedoch zerstört er ihr Werk erneut mit einem Tritt. Ob sie die Nacht unter ähnlichem Drill verbracht hat, weil sie ‚so nah am Wasser gebaut hat‘. Gestern war sie noch rebellisch gewesen.



      „Streck‘ deine Hände über den Kopf! Handgelenke aneinander!“ ist sein nächster Befehl.



      Sie gehorcht und er fesselt ihre Hände mit einer Leine, die er aus seiner Tasche zieht. Dann löst er eine Leine von der Wand und ein Haken senkt sich von der Decke. Er hängt die Handfessel hinein und zieht sie in stehende Position bis nur noch ihre Zehen den Boden berührten. Die Rippen treten aus ihrem Brustkorb.



      Jetzt befestigt er die Leine wieder und zieht ihr die Gerte in unserer Gegenwart mehrfach über den Hintern.



      „Du wirst deinen Eigensinn verlieren, wirst du?“ brüllt er mit zähnegefletschten Lippen nahe an ihrem Gesicht.



      „Ja, Herr,“ flüstert sie.



      „Ich höre dich nicht!“ brüllt er sie wieder an, während er sie weiter schlägt.



      Sie holt tief Luft, soweit das in ihrer Position möglich war und ruft aus: „Ja, Herr.“



      Der Mann stoppt sein Tun und löst sie nun wieder von der Leine. Die Frau sinkt auf alle Viere und bildet ein Häufchen Elend auf dem Boden.



      Er versetzt ihr einen Tritt und brüllt: „Hoch mit dir und deine Decke falten!“



      Aufschluchzend kommt sie in Grundstellung hoch und legt ihre Decke nun noch einmal zusammen. Jetzt gibt sich der Mann zufrieden und scheucht uns auf allen Vieren zu den Waschgelegenheiten. Dabei nutzt er die Gerte, um uns durch leichte Berührung anzutreiben. Nach der Morgenhygiene müssen wir die benutzten Tücher ähnlich korrekt falten und auf die Decken legen. Auch das wird von ihm kontrolliert.



      Dann dirigierte er uns durch Antippen der rechten oder linken Schulter mit der Gerte in den Raum nebenan und darin herum, bis wir auf diese Signale automatisch reagieren.



      Nun geht er zu einem Werkstattregal und entnimmt ihm eine Handvoll Schnüre. Nacheinander fesselt er uns die Unterarme an die Oberarme und die Unterschenkel an die Oberschenkel. Dazu wickelt er die Schnüre mehrfach in einer Acht hin und her und zum Schluss dreht er die Schnüre um die Achten, damit die Gliedmaßen nicht zu eng gebunden sind. Er erklärt dabei, dass das ein Abschnüren von Blutgefäßen verhindern soll. Während der Arbeit spricht er in richtig sanftem Ton. Allerdings beobachten die zwei anderen Männer das Geschehen von der Tür aus. Sie sind etwas später hinzu gekommen.



      Jetzt legt er uns auf unsere Rücken und nimmt als erstes die Frau in seine Arme, die die vergangene Nacht von uns getrennt gewesen ist.



      Nacheinander werden wir alle drei von den Männern hilflos benutzt. Immer notiert sich der eine Mann etwas über unsere Reaktion. Nach der Behandlung legt er uns eine nach der Anderen in ein Kissenpolster und deckt uns mit einer flauschigen Decke zu. Eine halbe Stunde später löst er endlich unsere Fesseln und scheucht uns in der gleichen Art in unser Zimmer zurück, wie er uns vorhin heraus dirigiert hat.



      Dort stehen inzwischen drei Schalen mit verschiedenen Gemüsen. Wir dürfen essen. Während der ganzen Zeit bleiben die Männer dabei und schauen uns zu. So geht es eine unbestimmte Zeit lang. Schließlich hat keine von uns mehr das Bedürfnis nach eigenverantwortlichem Handeln.



      Irgendwann sollen wir ihm wieder an einer Kette in den Gang folgen. Diesmal geht es in einen anderen Raum. Dort müssen wir uns auf unsere Fersen setzen. Dann kommt eine Frau, die einen Halsreif trägt wie wir. Jedoch hat sie einen kurzen Rock und einen Poncho an. Sie beginnt, uns theoretische Kenntnisse zu vermitteln und lässt sie uns praktisch miteinander üben.



      Wir lernen verschiedenes über häusliche Tätigkeiten wie Kochen, Nähen, Waschen, Putzen. Immer wenn ein Unterrichtstag beendet ist, kommt der Mann und führt uns an der Kette in unseren Schlafraum zurück. Dann stehen dort Schalen mit Essen bereit und wir machen uns mit Heißhunger darüber her. Nach dem Essen werden wir in unsere Käfige geschickt und er löscht das Licht.



      In der folgenden Zeit kommen noch Lektionen in Sitte, Manieren in Theorie und Praxis hinzu. Zum Beispiel wird uns beigebracht, wie man am Tisch ehrerbietig, geschickt, unaufdringlich und meist auch leise serviert. Ein anderes Beispiel ist wie man sich bewegt und läuft, anmutig kniet, dass man ein herunter gefallenes Ding besser durch Niederkauern als durch Bücken aufhebt.



      Dann kommt unsere Lehrerin zu Ausdrucksübungen des Gesichts und des Körpers, denn darüber zeigt sich Anmut und Schönheit einer Magd, erklärt sie. Ein bedeutender Teil unserer Ausbildung ist weiterhin intimer und erotischer oder sexueller und sinnlicher Natur und erstreckt sich von Make-up, Körperschmuck, Kosmetik und Parfüms bis zu psychologischen und physischen Techniken, normalerweise eine Kombination von beiden, zur Befriedigung unserer Herren.



      Um das Gelernte in Anwesenheit Uéis demonstrieren zu können, kommt immer ein Mann hinzu. Anfangs ziere ich mich etwas. Aber auch diese Schamgrenze ist schnell genommen, und der jeweilige Mann scheint es sichtlich zu genießen als Probe-Herr im Unterricht herhalten zu müssen.



      Viele erlernte Bewegungen gehören zum Ritual, zu der Symbiose von Herr und Magd. Es sind solche Kleinigkeiten, wie Hand-, Finger- oder Hüftbewegungen. Wir lernen aber auch die Bewegungen der Männer zu verstehen, ihr Interesse und ihre Wünsche aus diesen Winzigkeiten abzulesen. Es ist im Grunde kein Geheimnis, dass die Magd bei zunehmender Übung die Stimmungen und Wünsche ihres Herrn vorauszuahnen in der Lage ist. Dabei erkennen wir, dass wir Macht über die Gefühle der Männer haben, wenn wir das erlernte Wissen anwenden können.

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      Ich, die ich in einem früheren Leben einmal Ana geheißen habe, bin hier in Kak Aute noch namenlos - eine Nummer nur. Nur Uéi und andere Instrukteurinnen sind von dieser Praxis abgewichen und haben mich, aus praktischen Gründen, bei meinem alten Namen gerufen. Später, wenn ich einem Mann gehöre, wird er mich rufen wie es ihm beliebt, hat sie mir erklärt. Bei den Wächtern heiße ich nur ‚Täubchen‘, ‚Kleine‘, ‚Süßigkeit‘ und was ihnen sonst noch spontan einfällt.



      Ja, die Männer, mit denen ich es in der Schule zu tun habe, sind Wächter – Sicherheitspersonal eben. Die Schule leistet sich eine eigene Sicherheitstruppe, nicht vergleichbar mit den Männern, die dem Ortsvorsteher unterstehen und draußen in den Gängen patrouillieren, sind aber innerhalb der Schule mit vergleichbaren Befugnissen ausgestattet.



      Eines Tages werde ich von einem dieser Männer aus dem Unterricht geholt und durch die Gänge der Schule geführt. Er fesselt mir die Hände vor dem Bauch und befestigt eine Leine daran. Seit einigen Wochen darf ich mich schon auf zwei Beinen fortbewegen. Der Mann geht zügig. Ich habe Mühe, ihm zu folgen. Mehr als einmal spannt sich die Leine und ich habe das Gefühl kurzfristig das Gleichgewicht zu verlieren. Dann stoppt der Mann vor einer Tür. Die Leine hängt zwischen seiner Hand und meiner Fessel locker zu Boden. Ich schaue erwartungsvoll auf die geschlossene Tür.



      „Denke daran, dass du weiterleben willst,“ erinnert mich der Wächter.



      Ich nicke. Sprechen hat er mir nicht erlaubt. Nun löst er die Leine und meine Fessel. Er sagt:



      „Auf alle Viere!“



      Sofort gehe auf Hände und Knie. Er umschlingt mit der Leine meinen Hals und bindet einen Knoten. Er schaut zu mir herunter.



      „Du bist eine hübsche kleine Hündin.“



      Anscheinend soll ich in Kürze auf allen Vieren durch diese Tür geführt werden. Der Wächter drückt auf einen Knopf, aber nichts passiert. Das scheint nicht ungewöhnlich zu sein, denn der Mann wirkt in keiner Weise ungeduldig oder beunruhigt.



      Unvermittelt zieht er die Leine nach oben. Sie schließt sich um meinen Hals und ich muss mich aufrecht hinknien, um atmen zu können. Ängstlich starre ich den Mann an. Dann bewegt er die Leine und tritt einmal kurz darauf, so dass ich, der Leine folgend, mich einmal um meine Achse rollend auf dem Boden des Ganges wälze. Ich blicke ihn bestürzt an. Wie gut er mich mit der Leine beherrschen kann…



      Zuletzt liege ich mit angezogenen Knien auf dem Bauch. Nun stellt er einen Fuß locker auf meinen Rücken und hält mich so in der Position am Boden. Dann zieht er an der Leine, so dass ich den Kopf heben und ihn ansehen muss, um nicht gewürgt zu werden.



      „Kapierst du die Leine jetzt?“ fragt er.



      Ergeben nicke ich. Ich habe eine zusätzliche Lektion gelernt. Er hat wohl gedacht, dass ich sie bräuchte. Dann lässt er den Druck nach, löst die Leine und bindet eine andere Schlinge. Diese ist jetzt keine Würgeschlinge mehr. Er lässt mich wieder auf alle Viere hochkommen. Ich soll also tatsächlich auf allen Vieren durch diese Tür gehen. Ich bin eine Magd, ein Tier – oder wie man hier sagt, eine ‚kajira‘ -, die auf die Fürsorge ihrer Herren angewiesen ist, und genauso soll ich hinter der Tür wohl auftreten: als Tier.



      Als ich unruhig werde, sagt der Mann:



      „Bald, kleine Süßigkeit. Bald.“
      Ich habe nun einen noch deutlicheren Begriff davon, was ich bin. Dankbar schaue ich zu dem Wächter auf. Er scheint zu wollen, dass ich weiterlebe.



      Unerwartet ertönt hinter der Tür ein Tonsignal. Ich schrecke zusammen. Der Wächter öffnet die Tür und sagt:



      „Los, meine Kleine!“



      Also hebe ich mich an und gehe auf Händen und Zehenballen neben dem Mann durch die Tür.



      Ich höre die Stimme des Schulleiters.



      „Ah, da ist sie ja. Vielen Dank, Franco. Du kannst dich wieder deiner Arbeit widmen.“



      Ich gehe sogleich an der Tür auf die Knie und berühre mit meiner Stirn die Matte. Meine Hände platziere ich neben meinem Kopf mit den Handflächen flach auf dem Boden. Ich trage ein Hemd aus durchsichtigem Gewebe, das mir im Stehen bis zu den Oberschenkeln reicht. Es ist eine Auszeichnung der Schule für gute Leistungen. Das Oberteil wird über der rechten Schulter mit einer Schleife befestigt.



      „Auf deinen Bauch!“ weist mich Don Emiliano jetzt an.



      Sofort komme ich diesem Befehl nach. Es ist hier unvorstellbar, dass eine Magd dem Befehl eines Mannes nicht augenblicklich Folge leistet. Nun liege ich also ausgesteckt auf meinem Bauch, auf den Matten im Arbeitszimmer des Schulleiters. Natürlich liegt man nicht einfach so auf dem Bauch herum. Man dreht den Kopf auf die linke Seite und legt die Arme neben den Körper, mit den Handflächen nach oben. Dies und noch viele Stellungen und daraus resultierende Bewegungen werden uns so lange gelehrt, bis wir uns dessen nicht mehr bewusst sind, bis sie ins Unbewusste übergegangen sind.



      Ich bin eine kajira. Ich habe eine handfeste Bestimmung an diesem Ort. In Haiti habe ich keine Bestimmung gehabt. Vielleicht hat keine Frau auf der Erde wirklich eine Bestimmung. Rollen und Masken ersetzen das wahre Ich. Sie überlagern wie die Häute einer Zwiebel das, was man im tiefsten Inneren seiner Seele ist. Die Gesellschaft redet uns natürlich ein, wir seien real, doch was wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen, ist nur ein Bild. Das Bild, das die Umwelt von uns hat, oder das Bild, das wir der Umwelt von uns vermitteln wollen. Wenn jemand stattdessen seinen Charakter, sein inneres Selbst im Spiegel sehen würde, manch einer würde zutiefst erschrecken!



      Nicht jeder will hinter Masken verschwinden oder sich verstecken. Wir alle scheinen ein Leben lang auf etwas zu warten, scheinen uns beständig auf einem Weg zu einem imaginären Ziel zu befinden. Die Realität scheint uns gleich hinter der nächsten Biegung unseres Lebensweges zu begegnen. Unsere Eltern und Lehrer haben uns in jungen Jahren beständig, was das Dasein und die Wahrheit hinter den Dingen betrifft, auf ‚morgen‘ vertröstet. So haben wir die endlose Spirale unseres Lebensweges betreten. Wann aber ist das Ende der Fahnenstange erreicht? Kann es sein, dass selbst die Älteren darauf keine Antwort wissen, selbst endlos auf dem Weg sind? Haben sie sich geschämt, es zuzugeben? Der schöne Schein kann Menschen verschlingen. Wie viele merken überhaupt nicht, dass sie in ihrer Rolle aufgegangen sind, so dass nichts mehr von ihrem echten Selbst übrig ist.



      Ich bin hier. Ich bin an einem Ort angekommen, der mir eine mentale und gefühlsmäßige Echtheit in Aussicht stellt. Darin gibt es hier kein Vertun. Ich muss nicht mehr in irgendwelchen Bars herumlungern und mit irgendwelchen Typen nachhause gehen, nur um ein Dach über den Kopf zu haben und Essen zu bekommen. Ich bin mir unlängst selbst begegnet. Hier bin ich endlich etwas, etwas Echtes, etwas hoch Emotionales. Hier spüre ich, dass ich lebe, mit jeder Faser meines Körpers, mit jeder gefühlten Emotion.



      Verstummt ist nun der Schrei der Seelenpein, die ich bei den Männern in Haiti gefühlt habe. Hier brauche ich nicht mehr in einer Bedeutungslosigkeit und Nichtigkeit zu vegetieren. Hier bin ich frei, das zu sein, was ich fühle, das ich bin. Hier gibt es eine Wirklichkeit zum Anfassen wie Gras oder Baumrinde. Ich bin nicht mehr losgelöst von meinem Selbst!



      „Sie bäuchelt gut,“ höre ich eine fremde Stimme anerkennend sprechen.



      Ich wage es nicht aufzublicken, um zu sehen, wer mich da gelobt hat, denn man hat es mir nicht erlaubt.



      „Befindet sie sich schon lange bei Ihnen?“ fragt der Fremde.



      „Nein, noch nicht lange,“ erwidert Don Emiliano ihm. „Aber sie hat ausgezeichnete Leistungen gezeigt!“



      Die Stimme des Anderen kommt mir nicht bekannt vor. Er gehört sicher nicht zum Personal der Schule.



      „Sind Sie interessiert?“ lässt sich Don Emiliano wieder vernehmen.



      „Sie soll aufstehen und sich drehen,“ verlangt der Andere.



      Ich höre ein Fingerschnippen. Schnell, aber anmutig, erhebe ich mich und drehe mich vor den Männern um die eigene Achse. Dabei lege ich meine Hände in den Nacken.



      „Interessant,“ kommentiert der Fremde das.



      „Beuge deinen Rücken!“ sagt Don Emiliano jetzt.



      Das heißt nicht, dass ich mich vorbeugen soll! Ich setze den linken Fuß leicht vor und beuge den Oberkörper nach hinten, die Hände weiterhin im Nacken.



      „Ja, sehr interessant,“ sagt der Fremde.



      „Sie haben die Papiere gesehen und die Berichte gelesen…“ hilft Don Emiliano dem Mann auf die Sprünge.



      „Lassen Sie mich noch einmal darüber nachdenken,“ meint der Mann vorsichtig.



      „Wenn Sie mir gestatten, würde ich gerne noch hervorheben, dass sie besondere Qualitäten hat.“



      „Was für Qualitäten?“



      „Qualitäten, die über das hinausgehen, was sich ihren Augen darbietet. Dinge, die man nicht sehen kann. Sind solche Qualitäten für Euch von Interesse?“



      Der Andere antwortet mit fröhlicher Stimme: „Sind solche Qualitäten nicht immer von Interesse?“



      „Aber gewiss,“ antwortet der Schulleiter erwartungsvoll.



      „Sie soll uns etwas zeigen,“ meint der Fremde.



      „Präsentiere dich!“ befiehlt Don Emiliano.



      Ich drehe mich leicht seitlich. Die rechte Schulter zeigt in Richtung der Männer. Ich lege die Hand auf meine Schulter und ziehe die Schleife auf. Man hat mir beigebracht, das Hemd elegant abzustreifen, nicht einfach zu Boden fallen zu lassen. Dann trete ich anmutig aus dem Stoff. Anschließend wende ich mich dem Fremden zu, knie mich vor ihn, Stirn und Handflächen berühren wieder den Boden.



      „Sie sieht gut aus in dieser Position,“ sagt der Mann.



      „Beginne!“ lässt sich Don Emiliano wieder vernehmen.



      Ich erhebe mich wieder und trete näher an den Fremden heran. Wenige Zentimeter vor der Reichweite seiner Arme weiche ich wieder zurück. Dieses Spiel wiederhole ich mehrfach. Manchmal scheinbar unwillig, oder als ob ich schüchtern wäre. Dann wieder auf aufreizende, scheinbar freche Weise, aber immer nur ein wenig und betont spielerisch. Denn es darf nicht zu echt wirken, sonst wird es falsch verstanden und man riskiert eine Bestrafung. Es ist vielmehr eine symbolische Herausforderung, die eindeutig als solche zu erkennen sein muss.



      Schließlich bewege ich mich sinnlich lasziv vor dem Fremden, wie eine Einladung, die dargebotene Sinnlichkeit zu genießen. Ich knie mich in der Vorwärtsbewegung vor ihn und hebe bittend die Hände, dann weiche ich wieder zurück und drehe mich mit ausgebreiteten Armen. Es gibt unendlich viele Bewegungen, und sie müssen fließend ineinander übergehen.



      Ich habe diese Bewegungen im Geheimen vor dem Spiegel geübt, denn sie haben Bedürfnisse in den dunkelsten Winkeln meiner Seele geweckt. Manchmal habe ich mich über mich selbst gewundert und bin erschreckt über mich selbst gewesen. Sind sie tatsächlich ein Teil meiner Natur? Auch hier und jetzt vor dem Fremden zeigt sich diese Seite meiner Natur wieder. Hier bin ich fernab meiner Heimat mit all ihren Zwängen, ihrem Chaos, ihren Lügen, ihrer Armut. Hier kann ich ‚ich selbst‘ sein, aus mir herausgehen, befreit meine Natur genießen. Hier brauche ich sie nicht verstecken hinter der verlogenen Moral. Ich kann sein was ich bin, ohne eine Rolle spielen zu müssen.



      „Ah…“ höre ich.



      Ich lege mich auf den Boden und bewege mich dort. Dies ist der Höhepunkt einer solchen Vorführung! Dann beende ich sie vor dem fremden Besucher im Raum.



      Ich habe während meiner Vorstellung mehrfach zischende Laute gehört, das scharfe Einatmen, die leisen Laute des Erstaunens. Ich weiß inzwischen: Eine Magd kann eine gewisse Macht über Männer haben, auch wenn die wirkliche Macht auf Seiten der Männer liegt.



      Mit Beendigung der Vorführung liege ich auf dem Rücken, das linke Knie etwas weiter angewinkelt als das rechte, die Arme neben meinem Körper, die Handflächen nach oben. Ich drehe meinen Kopf nach rechts und blicke zu dem Fremden hinüber, ehe ich wieder geradeaus zur Zimmerdecke blicke. Das Schimmern von Schweiß bedeckt meinen Körper und ich atme schwer.



      „Sie ist wirklich schön,“ sagt der Mann anerkennend.



      „Sie ist in der Ausbildung viel schöner geworden,“ hebt Don Emiliano die Leistungen der Schule hervor.



      Ich liege da und fühle ihre Augen auf mir ruhen. Mein Haar umspielt meinen Kopf. Meine Brüste heben und senken sich. Ich versuche immer noch zu Atem zu kommen.



      „Ist sie temperamentvoll?“ fragt der Mann.



      „So steht es in den Papieren,“ antwortet Don Emiliano. „Sie hat bereits gelernt zu flehen.“



      Er erhebt sich und nähert sich mir.



      „Nimm die Knie herunter!“



      Ich gehorche sofort, woraufhin er meinen Knöchel mit dem Fuß zur Seite drückt, so dass ich mit gespreizten Beinen da liege. Der Fremde nähert sich mir. Ich sehe auf, wende meinen Blick aber schnell wieder ab.



      „Habt ihr Interesse?“ fragt Don Emiliano wieder.



      „Ich nehme sie,“ bestätigt der Fremde.



      „Zieh dich wieder an!“ befiehlt Don Emiliano mir.



      Ich erhebe mich und gehe zu dem Häufchen Stoff. Mit eleganten Bewegungen ziehe ich mir das Hemd wieder über und binde die Schleife über der Schulter. Dann zupfe ich das Hemd zurecht. In der Zwischenzeit sind sich die beiden Männer handelseinig und der Fremde kommt auf mich zu.



      „Du wirst mir folgen!“ sagt er nur.
      Don Emiliano ist vorausgegangen und öffnet dem Besucher die Türen. Am Eingang der Schule verabschieden sich die Beiden freundschaftlich und der Mann betritt den Gang draußen ohne sich nach mir umzuschauen. Ich folge ihm, denn ohne ihn würde ich mich sicher im Ort verlaufen.



      Ich versuche mit meinem neuen Herrn Schritt zu halten und dabei immer einen halben Schritt seitlich hinter ihm zu bleiben. Unterwegs begegnen uns Passanten, unter denen sich auch Frauen in Gewändern befinden, die nur einen schmalen Schlitz für die Augenpartie freilassen.



      Ich dagegen trage nur dieses durchsichtige Hemd, das auf einer Schulter mit einer Schleife gesichert ist, die schnell geöffnet werden kann. Dass man Mägde hier in nur leicht verhüllende Stoffe steckt, ist deshalb erklärlich, weil solche Stoffe aus den Trägerinnen Objekte der Begierde machen. Wenn nun Freie Frauen im Gegensatz zu uns verhüllt in die Öffentlichkeit gehen, sehe ich darin eine Schutzmaßnahme für sie. Die Verhüllung lässt den Jäger innehalten. Wer riskiert schon etwas für eine Frau, die sich nachdem ihr Schleier gelüftet wurde, als nicht so begehrenswert erweist. Man käme sich ja wie ein Dummkopf vor. So heißt es im Volksmund, nur ein Trottel nimmt sich eine verhüllte Frau, und dies stimmt definitiv.



      Es gibt aber noch weitere Gründe für die offene Bekleidung der Kajirae. So kann man eine Verwechslung zwischen Freien und Unfreien verhindern. Am wichtigsten empfinde ich aber die eindrückliche, lehrreiche, sowie stimulierende Wirkung auf die Magd selbst. Falls die Herren uns überhaupt ankleiden, kann man nur schwer daran vorbeisehen, dass man schön und begehrenswert ist – allerdings nur als Besitz von jemandem. Dieses Verständnis wiederum erhöht die sexuelle Bereitschaft. Die Kleidung der Kajira wirkt also zweiseitig, nicht nur auf den Betrachter, sondern auch auf die Trägerin.



      Wie stolz und fürstlich die Freien Frauen sind, die uns begegnen! Oft geht eine Magd vor ihnen her und kehrt ihren Weg. Sobald wir eine gewisse Entfernung unterschritten haben, bleibt mein Herr stehen und grüßt, indem er seine rechte Hand in Höhe seines Herzens vor seine Brust hält. Ich gehe dann auf meine Knie und berühre mit meiner Stirn den Boden, wie es mir Uéi beigebracht hat. Die Frau lässt sich meist zu einer freundlichen Bemerkung zu meinem Herrn herab, übersieht mich aber geflissentlich, so erscheint es mir zu Anfang. Dass das ein Irrtum ist, muss ich bei der dritten Begegnung erfahren.



      Wieder beuge ich mich tief zu Boden. Ich lasse mich jedoch von meiner Neugier verleiten, den Kopf eine Wenigkeit zu drehen und sie von unten herauf anzuschauen. Ganz kurz nur, aber sie hat die Bewegung bemerkt. In diesem Moment geht eine Wandlung in ihr vor. Ihr Körper versteift sich, ihre Augen erkalten. Sofort berührt meine Stirn wieder den Boden. Dann versuche ich, mich nicht mehr zu bewegen, zittere aber, weil mich die Furcht übermannt. Ich bedeute nichts, sie aber Macht und Schönheit. Sie verharrt so eine Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt. Mein Herr versucht, sie mit ein wenig Smalltalk abzulenken.



      Insgeheim bin ich ihm unendlich dankbar dafür, was meine Angst in dieser Situation aber nicht verringern kann. Welche Gedanken mögen sich in ihrem Kopf jetzt bilden?



      Plötzlich berührt sie mich mit ihrem Fuß.



      „Auf die Knie!“ bellt sie.



      Ich beeile mich, in die Grundstellung zu gehen. Mein Herr sieht sich bemüßigt einzuwenden, dass er mich gerade erst erworben hat, dass er noch keine Gelegenheit gehabt hat, mir Manieren beizubringen. Er hat recht, das Benehmen einer Magd fällt hier auf ihren Herrn zurück!



      „Beine spreizen!“ befiehlt sie jetzt. „Weiter!“



      Ich versuche verschüchtert eine Grätsche. Mir kommen die Tränen. Ob man vor einem Mann kniet, oder vor einer Frau, macht einen Riesenunterschied.



      „Sie ist neu?“ fragt sie mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme.



      „Jawohl,“ antwortet mein Herr.



      „Das habe ich mir gleich gedacht! Sie ist noch wertlos und dumm! Sehen Sie bloß, wie glanzlos sie ist. Ihre Haltung drückt alles aus, nur keinen Liebreiz! Eine furchtbar minderwertige Ware! Welcher echte Mann erwärmt sich ernsthaft für sie? Ich werde nie begreifen, wieso man sich Mühe mit solchem Gesindel macht. Mir erschließt sich nicht, was Männer an solchem Ramsch finden. Wie sie in ihrer Position zittert! Eine Abreibung täte ihr gut!“



      Inzwischen sind mehrere Passanten stehen geblieben und füllen den Gang. Da taucht ein Mann mit signalrotem Umhang auf. Ich muss vielleicht kurz darauf eingehen: Wie mir Uéi erklärt hat, kann man an Farbe und Muster der Umhänge die Berufe erkennen. Die Umhänge sind gearbeitet wie Anzugjacken, jedoch ohne Ärmel und werden unterhalb des Kinns von einem Knopf gehalten. Ihre Farben sind durchweg unauffällig gehalten. Jetzt jedoch kommt ein Mann mit signalrotem Umhang hinzu, der sofort auffällt. Er redet auf die Leute ein, dass sie weitergehen, den Gang nicht verstopfen sollen. Dann wendet er sich an die Dame und an meinen Herrn, um den Grund des Auflaufes zu erfahren. Schließlich wiegelt er ab und schickt uns weiter.



      Als wir außer Hörweite sind, höre ich meinen Herrn etwas murmeln. Ich hole auf und verstehe:



      „… braucht einen Halsreif und die Peitsche.“



      Mein Herzschlag stockt. Ich mache zwei schnelle Schritte und falle vor meinem Herrn auf die Knie.



      „Darf ich sprechen?“



      „Ja.“



      „Ich entschuldige mich für mein Verhalten eben. Habt Nachsicht mit mir und lasst die Peitsche stecken!“



      Mein Herr lacht und streicht mir mit der Hand über mein Haar.



      „Dich meinte ich gerade nicht. Ich wünschte die Dame gerade in den Halsreif. Sie kann doch sicher tanzen? Wenn nicht, kann man es ihr beibringen! – So nun steh auf. Es ist nicht mehr weit!“



      Bald erreichen wir eine Tür, die er mir öffnet und mich einlässt. Dahinter liegt ein Raum mit mehreren niedrigen Tischen, um die jeweils sechs Hocker gruppiert sind. Durch eine Schwingtüre geht es in den Küchenraum und dahinter befindet sich eine schmale Treppe hoch zu einer kleinen Halle mit Fenster. Draußen ist es dunkel, registriere ich.



      Er wendet sich mir zu und sagt kurz:



      „Grundstellung!“



      Sofort gehe ich auf die Knie und setze mich auf meine Fersen, so wie wir es gelernt haben.



      „Was bis du?“ fragt er mich.



      Ich schaue ihn ängstlich an.



      „Du darfst sprechen,“ sagt er nun mit gefühlvoller Stimme.



      „Ich bin eine Magd,“ antworte ich ihm.



      „Wessen Magd?“ fragt er weiter.



      „Deine Magd, Senor,“ sage ich.



      „Wie heißt du?“



      „Ich bin namenlos, Senor,“ erwidere ich.



      Zwar hieß ich in meinem früheren Leben ‚Ana‘, aber inzwischen weiß ich, dass eine Magd keine Besitzrechte hat. Noch nicht einmal ein Name gehört ihr. Ihr jeweiliger Herr kann sie nennen, wie es ihm beliebt.



      Der Mann nimmt ein Spankästchen in die Hand, öffnet es und entnimmt ihm einen Halsreif. Er öffnet ihn und legt ihn mir an. Während er ihn verschließt, sagt er:



      „Du wirst in Zukunft auf den Namen ‚Rosa‘ hören. Hast du verstanden? Wie heißt du?“



      „Rosa, Senor. Ich bin Rosa,“ sage ich und freue mich, dass er einen richtigen Vornamen gewählt hat.



      „Du wirst mir dienen, wie es deine Bestimmung ist, Rosa. Ich bin der Küchenmeister des Ortsvorstehers. Während meiner Arbeitszeit hilfst du mir in der Küche und im Service. In meiner Freizeit erfreust du mich!“



      „Ja, Senor!“



      „Schau mich an, Rosa. Ich muss noch einmal weg. Muss ich dich in dieser Zeit in ein Gehege stecken?“



      „Nein, Senor.“



      Ich schenke meinem Herrn einen verführerischen Augenaufschlag.



      „Du wirst die Küche säubern und die Gegenstände ordentlich gestellt, bzw. gehängt haben, bis ich wieder zurück bin! Sollte ich dich dann nicht mehr vorfinden, werde ich dich suchen lassen müssen. Letztlich wirst du nicht von hier fliehen können!“



      „Ja, Senor. Ich werde dich nicht enttäuschen!“



      Don Francesco verlässt die Küche durch die Schwingtüre und wenig später höre ich die Tür zum Gang ins Schloss fallen. Ich schaue mich in der Küche um und hebe die Töpfe von der Arbeitsfläche. Bald habe ich die Reinigungsmaterialien entdeckt und beginne die Küchenmöbel abzuwischen, wie man es uns in der Schulküche gezeigt hat.


      *

      Ich betätige Don Marcos Türglocke und wenig später öffnet mir Elinor. Sie knickst und bittet mich herein, dann meldet sie Don Marco mein Kommen.

      „Ah, Don Francesco, was führt Euch zu mir?“

      „Ich habe mich entschlossen, mir bei Don Emiliano eine Küchenhilfe zu besorgen. So habe ich auch in meiner Freizeit etwas Zerstreuung.“

      „Aber klar, Don Francesco, warum denn nicht? Gehen Sie ruhig dorthin! Er hat sicher etwas für Sie.“

      Ich reiche Don Marco die Papiere und sage:

      „Ich habe schon eine Magd erworben. Schauen Sie nur…“

      Don Marco liest sich die Papiere aufmerksam durch und meint dann:

      „Sie wissen, dass Sie eine Kajira erstanden haben? Keine einfache Topf- und Kesselmagd.“

      Ich neige den Kopf und lächele verlegen.

      „Ich konnte mir die Kleine leisten…“


      „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie behalten sie in der Küche und im Service. Sie wird Ihr Bett wärmen. Aber sobald wir Besuch von außerhalb im Ort haben, wird sie deren Begleiterin, wird dem Besuch das Leben in Kak Aute so angenehm gestalten, wie sie es gelernt hat!“
      Nachgebend, weil Don Marco mein direkter Arbeitgeber ist, neige ich den Kopf.



      „Ich werde mit Don Emiliano sprechen und weitere drei Kajiras in mein Haus nehmen. Sie erhalten eine Zusatzausbildung als Escort und eine Gemeinschaftswohnung. Wenn eine von ihnen Gäste begleitet, wird eine andere in Küche und Service eingesetzt. Es können auch je eine in der Küche arbeiten und eine oder zwei andere im Service eingesetzt werden, je nach Höhe des Gastaufkommens. Sie wählen sich daraus ihre Magd für die Nacht.“



      „Okay, Don Marco,“ antworte ich.



      „So, dann möchte ich mir Ihre Erwerbung einmal anschauen,“ meint Don Marco mit einem feinen Lächeln und erhebt sich.



      Auch ich erhebe mich und zusammen begeben wir uns zum Gastraum. Dort kommen die Wachen zu den Essenszeiten zusammen und in einem separaten Teil bewirtet Don Marco mit meiner Hilfe hohe Gäste.



      *



      Lange ist mein neuer Herr nicht fort gewesen. Als er zurückkommt überblickt er kurz mein Arrangement in der Küche. Dann fragt er:



      „Du hattest eine Ausbildung auch in der Küche der Schule?“



      „Ja, Senor.“



      Natürlich kennt er meine Papiere und dort steht, welche Kenntnisse ich habe und wie sie bewertet worden sind. So auch mein Einsatz in der Schulküche.



      „Jeder Koch handhabt es etwas anders. Du wirst mir also assistieren und dir dabei einprägen, wie ich arbeite und wo ich die Lebensmittel lagere. Ich wünsche keine Veränderungen!“



      „Ja, Senor.“



      „Also gut. Dann werden wir Mate-Tee kochen und etwas Gebäck bereitstellen. Wir haben einen Gast.“



      Don Francesco zeigt mir nun, wo alles steht, was gebraucht wird. Während der Tee kocht, bereitet er eine kleine Etagere mit Gebäck und Trockenfrüchten zu. Dann weist er mich an, den Krug frischen Mate-Tee in die Hand zu nehmen und drei Teeschalen in der anderen Hand zu tragen. Er selbst nimmt das Gebäck auf und hält die Schwingtüre zum Gastraum für mich fest. Dankbar schaue ich auf und schlüpfe schnell hindurch. Draußen orientiere ich mich kurz und bleibe verwirrt stehen. Wo ist der Gast? Der Gastraum ist leer.



      „Hier links hinter dem Paravent,“ sagt Don Francesco und ich wende mich schnell dorthin.



      Hinter der dünnen Wand sitzt tatsächlich ein einzelner Gast. Er ist gekleidet wie alle Herren hier. Nur sein Umhang hat eine dunkelrote Farbe mit goldener Paspelierung und ein aus Goldfäden gesticktes Abzeichen über dem Herzen.



      Ich gehe an der dünnen Zwischenwand auf die Knie, als ich den Mann erblicke und halte meine Last etwas von mir weg, damit ich mich nicht an dem Tee verbrühe. Don Francesco macht einen Schritt an mir vorbei, stellt das Gebäck auf den niedrigen Tisch und wendet sich zu mir:



      „Komm näher, Rosa.“



      Ich stehe auf und nähere mich dem Tisch mit dem unbekannten Gast mit niedergeschlagenem Blick. Dann stelle ich Krug und Teeschalen auf den Tisch und gehe wieder auf die Knie. Kurz darauf berührt meine Stirn die Bodenmatten.



      „In Position!“ befiehlt der Gast, während nun Don Francesco ihn bedient und dann sich Tee ausschenkt.



      Ich knie mich sofort aufrecht hin.



      „Hast du eine Ausbildung genossen?“ fragt der Gast nun und ergänzt: „Du darfst sprechen.“



      „Bis zu einem gewissen Grad, Senor,“ antworte ich ihm.



      Zum Einen ist unsere Ausbildung nie zu Ende, zum Anderen hat Don Francesco ihm bestimmt von mir erzählt, da es ihm gefällt, mich dem Gast vorzuführen. Natürlich, ich muss den Besuchern des Gastraumes vorgestellt werden! Aber wer ist dieser Mann? Er scheint etwas Besonderes zu sein, da er hinter der Abtrennung sitzt. Seine Position anhand des Umhangs zu deuten, fällt mir schwer. Farbe und Zeichnung kenne ich noch nicht.



      „Ich gehe davon aus, dass du dich präsentieren kannst.“



      „Ja, Senor.“



      „Bewegung!“



      Ich springe auf und beginne die gelernten Bewegungsfolgen abzuspulen. Ich habe in der Schule gelernt, mich zu präsentieren. Vieles von dem, was ich nun tue, entstammt dem, was die Schule mir beigebracht hat, aber ich schöpfe zu einem guten Teil auch aus spontanen Bewegungen, die mir meine innersten Gefühle vorgeben. Ich habe gelernt die Schalen der Moralvorgaben um meine Gefühle durchlässig werden zu lassen.



      „Großartig,“ staunt der Gast.



      Dieses Lob freut mich sehr und stachelt mich weiter an.



      Zum Abschluss meiner Darbietung und Höhepunkt der Schau muss ich ‚Bodenbewegungen‘ vorführen. Schließlich liege ich auf dem Rücken, keuche und schwitze. Ich drehe mich auf den Bauch und stemme mich hoch, um dem Gast anzusehen. Habe ich mich genügend verausgabt? Ist meine Leistung annehmbar gewesen? Schließlich sinke ich wieder auf den Boden zurück, weil meine Ellenbogen ihren Dienst versagen.



      „Komm her,“ lässt sich der Mann wieder vernehmen.



      Ich krabbele langsam auf Händen und Knien näher. Er füllt eine leere Teeschale mit etwas Gebäck und stellt sie zwischen mich und ihn auf den Boden.



      „Iss!“



      Ich nähere mich der Schale mit meinem Kopf und nehme ein Gebäck mit den Lippen auf, um es zu kauen und zu schlucken. Dann schaue ich wieder zu dem Gast auf.



      „Iss weiter!“



      Also nehme ich ein Gebäckstück nach dem anderen mit den Lippen aus der Schale, bis ich keines mehr mit dem Mund erreichen kann. Dass ich hier auf diese Art zu Essen bekomme hat symbolische Bedeutung, hat man mich in der Schule gelehrt: Ich stärke mich als eine bestimmte Art von Lebewesen, auf eine bestimmte Weise aus der ‚Hand‘ meines Besitzers. Diese letztere Erkenntnis lässt mich erschreckt zu Don Francesco aufschauen. Nicht er, sondern der Gast hat mir Nahrung gewährt! Wem gehöre ich denn nun?



      Der Gast scheint meine Geste deuten zu können. Er sagt:



      „Fürchte dich nicht, Rosa. Dein unmittelbarer Herr ist Don Francesco. Er ist Angestellter meines Hauses. Somit stehe ich über ihm. Meine Anweisungen sind also von höherer Priorität!“



      Eine andere Lehre, die ich aus diesem Vorgang ziehe, ist: Ich bin abhängig von Anderen, was die Artikel des täglichen Bedarfs betrifft, seien es nun Lebensmittel - Art, Menge und Zeitpunkt – wie auch Kleidung und Ort, wo ich meinen Kopf hinlegen darf. Das kenne ich zwar auch aus meinen schlimmen Erfahrungen mit Männern in Haiti. Dort jedoch fühlte ich mich stets als Spielzeug, als Ding, das man hervorholen, benutzen, wegstellen und schließlich wegwerfen wird. Und das, egal wieviel ich an Gefühlen investiert habe. Hier aber fühle ich mich nicht als seelenloses Ding. Hier werde ich als fühlendes Wesen gesehen und als solches geachtet. Hier lebe ich, bin ich nicht seelenlos.



      Der Hausherr nimmt die Schüssel auf und eine Trockenfrucht aus der Etagere. Er hält sie mir hin und sagt:



      „Komm näher.“



      Ich krabbele näher und mache anmutig den Hals lang, um die süße Frucht zu erreichen, doch er zieht die Hand zurück. Nun gehe auch ich ein paar Zentimeter zurück und schaue zu ihm auf.



      „Du hast gelernt zu gehorchen?“ fragt er jetzt.



      „Ja, Senor.“



      „Sofort und ohne Widerrede?“



      „Ja, Senor.“



      Endlich steckt er mir die Frucht in den Mund. Ich genieße sie und kaue sie gründlich durch, dann sehe ich wieder zu ihm auf. Hoffentlich findet er mich reizvoll. Frauen wie ich müssen auf Männer wie ihn reizvoll wirken. Dann werden wir umsorgt, denn niemand schädigt absichtlich sein Eigentum! Es ist wie bei den Besitzern von Autos auf Haiti. Auch die Autos werden gepflegt und immer wieder in Gang gesetzt. Die Männer dort trennen sich ungern von ihnen, die oft älter sind als die Fahrer selbst. Wahrlich, die Männer hier schätzen uns gewiss nicht gering!



      Er nimmt eine zweite Frucht und hält sie mir hin.



      „Du erlaubst Männern, dich zu füttern?“



      „Ja, Senor.“



      „In Position!“



      Sofort setze ich mich auf meine Fersen, spreize die Schenkel, mache den Rücken gerade und lege die Hände auf meine Schenkel. Man kommt sich schrecklich verletzlich vor, wenn man in dieser Position vor Männern kniet. Sie fördert die Erkenntnis zutage, dass man eine Magd, dass man Eigentum ist. So sehr mich dies immer noch erschreckt, so sehr gefällt es mir aber doch. Welche Frau spürt ungern, dass sie begehrenswert ist. Ob ich auch zum Hausherrn gerufen werde, um ihn zu erfreuen? Ich werde mich bestimmt gehörig ins Zeug legen, um ihm zu gefallen! Ich blicke zaghaft zu ihm auf.



      Ich habe einen Wert für diese Männer. Einen Wert, den sie anerkennen und kompromisslos genießen. Das habe ich durch die Wächter in der Schule schon erfahren. Als Magd, als Kajira, habe ich meine Bestimmung gefunden. An diesem entlegenen Ort finde ich zum ersten Mal ein Zuhause in mir selbst. Einem der Wächter in der Schule habe ich einmal gesagt, dass ich glaube ‚für den Halsreif geboren zu sein‘.



      „Du wirst also versuchen, eine gute Magd zu sein, nicht wahr?“



      „Ja, Senor, ganz bestimmt!“



      „Beuge dich zu meinen Füßen!“



      Sofort beuge ich mich vor, gehe auf alle Viere und nähere mich seinen Füßen. Dann beuge ich meinen Kopf seinen Schuhen entgegen und küsse sie inbrünstig. Seit meiner Pubertät gibt es etwas in mir, weswegen ich Männer mit allem geliebt habe, was dazu gehört. Nur das es in meinem alten Leben genutzt worden ist, um mich auszunutzen, als Spielzeug zu missbrauchen. Ich will Männern gefallen! Hier habe ich nicht das Gefühl ausgenutzt zu werden. Hier endlich bekomme ich etwas zurück. In Gegenwart der hiesigen Männer werde ich gefügig, unterwürfig und folgsam – und ich fühle mich wohl dabei!



      Man hat mich in der Schule als ungewöhnlich rege bezeichnet. Das steht dann auch in meinen Papieren. Die Sexualität wird in der alten Heimat zwar auf den Werbeplakaten beschworen, aber das reale Leben ist doch sehr prüde. In der Öffentlichkeit wird der Sex verunglimpft, geleugnet und klein gehalten. Also habe ich begonnen, mich ihrer zu schämen, bis ich darauf angewiesen gewesen bin um überleben zu können. Bis ich mir Freier in den Bars gesucht habe, um essen und irgendwo schlafen zu können.
      Wie eigenartig fühlt sich heute mein früheres Leben an, da erwartet wurde, dass man seine Gefühle verbergen soll. Gefühle, wie die meinen, sind mir wirklich nicht als eine Bedrohung der Gesellschaft vorgekommen. Als welch subtiler und lästiger Feind müssen der westlichen Welt die Natur und die natürlichen Bedürfnisse vorkommen!



      Ich beuge mich also über seine Schuhe und küsse sie, berühre sie mit meinen Lippen und fahre mit meiner Zunge mit leichtem Druck darüber, dass er es durch das Leder wahrnehmen muss. Ich, eine Magd an diesem Ort, beeile mich, ihm zu gefallen. Irgendwie kommt es mir unglaublich erfüllend vor. Damit erweise ich ihm Ehre und Anerkennung. Parallel dazu verleihe ich auf anmutige Weise, voller Freude und Zärtlichkeit, meiner Weiblichkeit Ausdruck. Dieser schlichten Handlung haftet eine tiefgründige Symbolkraft an, die nur jemand nachempfinden kann, der es selbst versucht hat – nicht oberflächlich für Zuschauer gespielt, sondern aus tiefster Seele gewollt.



      „Ich habe Großes mit dir vor, kleine Rosa!“ sagt der Mann nun.



      Ich schaue ihn neugierig furchtsam an. Er redet weiter:



      „Du wirst nicht hinter den Töpfen meiner Küche als Magd meines Küchenmeisters versauern. Du wirst als Kajira Besuchern von außerhalb zugewiesen, sobald sich welche in Kak Aute aufhalten. Du wirst ihnen die Annehmlichkeiten des Ortes näherbringen und ihnen die Annehmlichkeiten deines Dienstes zukommen lassen!“



      „Ja, Senor!“ sage ich, wohl etwas lauter als üblich, mit Freude in den Augen.



      Dieser Mann ist Ortsvorsteher hier in Kak Aute, und er hat mich zu einer wichtigen Person erkoren!



      „Du wirst dieses Amt mit drei weiteren Kajiras teilen, die ich noch bestimmen werde.“



      „Ja, Senor.“



      Meine Antwort fällt diesmal etwas verhaltener aus. Andere Mägde werden mir gleichgestellt! Das lässt natürlich Konkurrenzdenken aufkommen. Die Herren mögen uns als Rivalinnen, je wichtiger unsere Aufgabe ist. Umso intensiver widmen wir uns unserer Aufgabe! Natürlich kann es auch zu Zickenkämpfen untereinander kommen. Leidet dadurch der Dienst, können die Herren sehr ungemütlich werden!



      Ohne Alternative müssen wir dienen: sanftmütig, gefügig, furchtsam, überwältigt. Kajira zu sein ist unter den Mägden eine Auszeichnung! Dies schaffen nur jene, die aus ihrem Herzen heraus, mit voller Überzeugung dienen können. Kajiras fühlen sich wohl in ihrer Rolle. Sie spielen sie nicht. Es ist für sie eine Lebenseinstellung – ihr Leben!



      Beschäftigt die Herren, was in unseren Herzen vor sich geht? Wissen sie, dass wir an die Hand genommen, befehligt und wertgeschätzt werden wollen? Ist ihnen klar, dass wir uns sehnen, Objekte ihrer Begierde zu sein? Ahnen sie, in wie vielen geheimen Träumen sie als unsere Herren auftreten, kompromisslos verlangend? Wir sind für sie geboren. Ohne einander sind Beide auf ewig unvollständig! Mit einem Mal fühle ich mich stark und mächtig, obwohl ich eigentlich klein und schwach bin. Ich habe das Interesse dieser Männer als Kajira geweckt! Ich werde mich bereitwillig meinen zukünftigen Konkurrentinnen stellen. Ich stelle mich ihnen freiwillig, ja, freudig im Kampf um das Recht, vor diesen Männern niederzuknien.



      Ich schaue erneut den Mann an, der hier das Wort führt. Dieser Mann wird sich für mich verwenden, wird mich schützen, sich kümmern, für mich sorgen. Ihm will ich gehören!



      Dann wandert mein Blick zu Don Francesco, seinen Küchenmeister, der mich von Don Emiliano erworben hat. Er steht im Brot dieses Mannes, mir gegenüber. Wird er sich mit der Beschneidung seiner Befugnisse über mich zufrieden geben? Wird er seinen Frust an mir auslassen?



      Der Ortsvorsteher erhebt sich aus seinem Sitz.



      „Dann wäre das geklärt, Don Francesco. In den nächsten Tagen erhalten Sie Unterstützung für ihre Küche und den Service. Von Zeit zu Zeit wird eine der Mägde immer wieder aus ihrem Verantwortungsbereich abgezogen, für die besprochene Aufgabe.“



      „In Ordnung, Don Marco.“



      Er begleitet Don Marco zur Tür des Gastraumes und verabschiedet ihn dort. Dann kommt er zu mir zurück. Ich knie immer noch auf meinem Platz.



      „Auf,“ fordert Don Francesco mich auf. „Wir müssen das Essen für zwanzig Männer vorbereiten!“



      *



      Der Neuzugang in meinem Haus inspiriert mich dazu, dieses Segment weiter auszubauen. Wenn ich an Mexico City zurückdenke, fallen mir die vielen Besuche aus den Staaten ein. Wir bräuchten ebenfalls eine kleine Gruppe Kajiras, die Gäste von außerhalb während ihres Aufenthalts in Kak Aute betreuen. Da sie nicht ständig für diese Aufgabe bereit gestellt werden können, sollte ich sie im Gastraum ‚parken‘.



      Ich gehe also zu Don Emiliano und frage ihn, was er mir anbieten kann. Er dämpft meine Erwartungen etwas:



      „Tut mir leid, Don Marco. Vergleichbar mit 00121 habe ich nur noch eine. Aber ich merke mir ihren Bedarf vor und informiere Sie frühzeitig!“



      „Gut, Don Emiliano. Dann zeigen Sie mir diese Eine.“



      Don Emiliano drückt einen Signalknopf und einige Minuten danach betritt einer seiner Männer das Büro.



      „Franco, holst du bitte 00234 zu mir?“



      „In Ordnung, Don Emiliano,“ antwortet der Mann und schließt die Bürotür hinter sich.



      Der Schulleiter nimmt einen Ordner in die Hand, blättert darin und übergibt mir ein paar Blätter aus einer Einlegetasche.



      „Sie kennen ja die Papiere von 00121. Sie sehen, dass 00234 fast genauso gut abschneidet. Ehrlich gesagt, freut es mich, dass 00121 nicht in einer Küche versauert! Das hätte nicht ihrem Potential entsprochen.“



      Ich lese mir die Unterlagen über 00234 durch und bin sehr angetan von dieser Schülerin. Auch die Präsentation, die sie vorführt ist nach meinem Geschmack. Schnell werde ich mit Don Emiliano handelseinig. Es freut ihn, dass er sie nicht an den örtlichen Auktionator abgeben braucht. Endkunden zahlen einfach mehr.



      Wenig später führe ich 00234 in meine Wohnung und lasse sie von Elinor weiter unterweisen. Sie erhält Einblick in den Bauplan des Höhlensystems, aus dem Kak Aute besteht. In wenigen Tagen soll sie sich in unserem Ort sicher bewegen können.



      Beim Eintritt in meine Wohnung lasse ich 00234 niederknien und schließe einen Halsreif um ihren Hals. Dabei gebe ich ihr den Name ‚Rita‘. Drei Tage später berichtet mir Elinor, dass Rita sich schon leidlich in Kak Aute orientieren kann. Ich bestimme, dass sie sie zu Botengängen durch den Ort senden soll. Ich habe ihr eine Wohnung zugewiesen, in der ich vier Betten unterbringen gelassen habe. Dort soll sie sich in ihrer freien Zeit aufhalten, damit wir wissen, wo sie sich befindet. Nach einer Woche bringe ich sie zu meinem Koch und nehme dafür Rosa mit, damit Elinor nun auch sie unterweist.



      *



      Elinor, die erste Magd des Ortsvorstehers, hat mir anhand der Pläne den Aufbau Kak Autes von der untersten bis zur obersten Ebene gezeigt. Sie hat mit mir verschiedene Wege durchgesprochen, zum Beispiel zum Bäcker oder zum Gemüsehändler. Dann bekomme ich meinen ersten Auftrag. Ich soll beim Bäcker ein paar Tortillas holen.



      Es ist eine Sache, mir die Wege anhand von Plänen einzuprägen, und eine andere, wirklich durch die Gänge zu gehen und sich nicht verlaufen. Ich muss die Abzweigungen zählen und wissen, wann ich rechts oder links abbiegen muss. Ich muss wissen, welche der Treppen ich benutzen darf. Auf dem Hinweg hat es leidlich geklappt, obwohl ich an einer Stelle unsicher wurde. Auf dem Rückweg dagegen habe ich mich heillos verirrt.



      Als ich einen der Wachleute des Ortsvorstehers auf seinem Rundgang entdecke, fällt mir ein Stein vom Herzen. Sobald er auf meiner Höhe ist, gehe ich in die Knie und beuge den Kopf zu Boden. Ich frage den Mann:



      „Darf ich sprechen, Senor?“



      „Ja.“



      „Seien Sie bitte nachsichtig mit einer dummen Magd. Ich bin das erste Mal auf einem Botengang und habe mich heillos verirrt.“



      „In Grundstellung!“



      Sofort setze ich mich auf meine Fersen.



      „Sieh mich an!“



      Ängstlich schaue ich zu ihm auf.



      „Wie heißt du und zu welchem Haus gehörst du?“



      „Ich bin Rosa aus dem Hause Don Marcos.“



      „Oh,“ er grinst von einem Ohrläppchen zum anderen. „Was ist dein jetziges Ziel?“



      „Ich bin auf dem Rückweg zu seiner Ersten Magd Elinor.“



      „Ah, kann ich dir den Weg beschreiben, oder muss ich dich führen?“



      „Habt erbarmen, Senor. Mein Kopf ist vor Furcht ganz leer.“



      „Hm, also steh auf und folge mir!“



      Unverhohlen mustert er mich von Kopf bis Fuß bevor er sich umdreht und geht. Ich folge ihm dichtauf. Die Musterung ist mir gar nicht unangenehm gewesen. Die Männer hier finden nicht bloß einzelne Körperregionen sexuell anregend. Sie starren erstens nicht und schauen auch nicht bevorzugt auf Busen, Gesäß oder Beine. Auch der Hals kann bei ihnen für Erregung sorgen, oder ein Hand- oder Fußgelenk. Ganz sicher auch die Arme. Besonders jedoch gilt das Interesse der Männer hier dem Innenleben der Frau: Wie tickt sie, was denkt sie, welche Empfindungen hat sie in welcher Situation?



      Dies tun sie als Besitzer mit gutem Recht. Ich habe in der Schule gehört, dass viele Männer ihre Magd vor sich knien lassen und ihr zwei oder drei Stunden zuhören, wie sie ihm ihr Herz ausschüttet, sich für ihn transparent macht. Auf diese Weise erfährt man schnell eine ganze Menge über die Frau. Die gesamte Magd wird dem Herrn geoffenbart, nicht nur ihr Körper. Sie kann sich dieser Offenlegung nicht erwehren, weil sie reden muss. Sie kann ‚aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen‘. Sie wird die Pforte zu ihrem Inneren öffnen, weil sie ihrem Herrn vertrauen kann, weil er die Verantwortung für sie hat. Das Verhältnis zu ihrem Herrn wird so immer tiefer, sie kommen sich emotional immer näher. Die Magd fühlt sich mit der Zeit immer stärker zu ihrem Herrn hingezogen.



      Bald haben wir die Wohnung Don Marcos erreicht. Elinor öffnet auf das Gongzeichen und knickst vor dem Wachmann. Dieser weist auf mich und sagt:
      „Tal, Elinor, die Magd hier hat sich verlaufen. Sie hat sich richtig verhalten und darum gebeten zurück gebracht zu werden. Sie ist hoch intelligent!“



      „Vielen Dank, Senor! Komm herein, Rosa! Ach, du hast aber hingefunden,“ sagt sie, knickst noch einmal und die Wachmann dreht sich zum Gehen um, nachdem er die Hand zum Gruß erhoben hat.



      Ich schlüpfe durch die Tür. Trotz meines Missgeschicks bin ich froh über das Lob, höre ich doch gern, dass man mich für aufgeweckt hält. Die Männer hier mögen intelligente Frauen. Wir gäben die besten Mägde ab, hat man in der Schule behauptet. Ihr Hirn wird auf die Probe gestellt, gefordert und genutzt. Zuerst mag sie sich daher als Opfer ihrer Intelligenz fühlen, dann aber, während sie in der Unterwerfung wächst, während sich ihr Herr immer glücklicher mit ihr zeigt, nimmt sie die angenehmen Begleiterscheinungen dieses Umstandes freudig zur Kenntnis. Dank ihres gescheiten Wesens schöpft sie einen Mehrwert aus der kompromisslosen Unterwerfung und genießt die süße Dominanz. Man erwartet naturgemäß von ihr, dass sie sich empfindsamer, genussvoller und sorgfältiger zeigt, sowie auf subtilere Weise dient, als schlichtere Gemüter.



      Es ist interessant, zu erkennen wie uns Mägden unsere Intelligenz die Herren noch gewogener macht. Dann lassen wir uns auf tausend Arten leichter kontrollieren, sei es durch einen kurzen Blick oder eine einfache Geste, denn wir begreifen schneller. Auch sind unsere Körper empfänglicher, was uns noch abhängiger von den Herren macht. Kein Wunder ist es so auch, dass wir unser Ich im Kern besser begreifen und um unsere verborgenen Bedürfnisse wissen.



      Ich übergebe Elinor die Tortillas, die ich habe besorgen müssen. In diesem Moment kommt Don Marco aus dem Büro und verschwindet für wenige Minuten im Bad. Auf dem Rückweg fragt er Elinor, ob ich meinen Auftrag zufriedenstellend gelöst habe. Dass ein Herr sich um solch kleine Dinge kümmert, finde ich bemerkenswert. Elinor berichtet ihm von meinem Ausflug in die Stadt und spart auch nicht aus, dass mich ein Wachmann zurückbrachte, nicht weil sie mich hat suchen lassen, sondern weil ich selbst den Wachmann um Hilfe gebeten habe.



      Während des Berichtes versagen meine Beine ihren Dienst und ich sinke vor dem Hausherrn auf die Knie.



      „Der Wachmann hatte Recht, Rosa!“ bekräftigt er.



      „Senor?“



      Ich schaue zu ihm auf.



      „Du bist intelligent, Rosa. Oder denkst du, nur weil du einen Halsreif trägst, schwindet dein Verstand?“



      „Nein, Senor.“



      „Die Unterwerfung wirkt sich unterschiedlich auf die Frauen aus. Sie wird zarter, schöner,“ meint Don Marco. „Sie versteht sich selbst besser, ihre Reaktionen und Gefühle, und fühlt sich durchdrungen von ihnen. Auch spricht sie zunehmend schneller auf Stimulationen an und ihre Fähigkeit zur Liebe sieht sie stark vergrößert. Aber wenn der Halsreif eines nicht kann, dann ihre Intelligenz vermindern!“



      „Ich verstehe, Senor.“



      Die Männer an diesem Ort, die ihre Männlichkeit nach außen tragen - im Gegensatz zu den Männern der modernen Gesellschaft draußen, die auf Geschlechtslosigkeit wert legt – beherrschen uns vollkommen. Wie wunderbar ihre Macht doch ist! So ist es uns gestattet, hier unsere Weiblichkeit ohne Schranken auszuleben. Unsere Gefühle nicht zurückzuhalten für eine günstigen Zeitpunkt und Ort.



      Ich frage mich, ob den Männern bewusst ist, wieviel mehr dies alles noch einbezieht. Wissen sie, dass wir sie, dass wir unsere Herren brauchen, uns nach ihnen sehnen? Können sie unser Bedürfnis voll erfassen, selbstlos zu dienen und zu lieben?



      Bis zu einem gewissen Grad bin ich bestimmt nach wie vor furchtsam, eitel und egoistisch. Ich mache mir also nichts vor: Hätte man mich gehen lassen, in die Zivilisation zurückgebracht, wäre ich mit absoluter Gewissheit in alte Verhaltensmuster zurück gefallen. Denn schließlich muss ich dann wieder Verantwortung für mich tragen, mich um meine Grundbedürfnisse Nahrung, Kleidung, Wohnung selbst kümmern.



      Umso beruhigender finde ich es, jetzt hier in einem Halsreif zu leben. Ich werde dafür gerne gehorchen und Freude spenden. Die stärksten Ketten bestehen doch immer noch eben gerade nicht aus Metall, sondern aus Verlangen und Sehnsucht. Bei diesen Überlegungen beginne ich eine wachsende Unruhe im Leib zu spüren. Welch ein Glück ist mir zuteil geworden!

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      -3-




      Endlich haben wir in Don Joao einen Mann gefunden, der den Außenhandel von Kak Aute mit Mexico City und darüber hinaus mit unseren Orten in den USA übernehmen will. Als er bei mir seinen Antrittsbesuch macht, ist er in Begleitung seiner 12jährigen Tochter Maria Elena. Ich zeige ihm die Räumlichkeiten, die wir für ihn vorgesehen haben und führe ihn ein wenig im Ort herum. Dabei mache ich ihn mit den Einzelhändlern und dem jungen Don Genaro vertraut, der die eintreffenden Tarns aus Mexico City wartet und frisch betankt.



      Diesem jungen Herrn werde ich in Kürze einen eigenen Tarn kaufen, den er zugunsten Kak Autes in Raten abbezahlen wird. Wir haben uns für ein anderes Modell des Bankwesens entschieden, als es in der westlichen Welt üblich ist. Wie in den islamischen Ländern üblich, wo es verboten ist Zinsen zu verlangen, gibt der Ortsvorsteher im Auftrag der Community keine Kredite für Geschäftseröffnungen, oder weitergehende Investitionen, sondern wir kaufen die nötigen Investitionsgüter nach eingehender Prüfung der Unterlagen und geben sie an den Nutzer ab, nachdem wir einen Aufschlag von meist zwanzig Prozent hinzu gerechnet haben. Diesen Betrag zahlt der Nutzer in machbaren Raten ab. So bleibt letztlich die Community auch Eigentümer, bis der Mann alles abbezahlt hat – oder seine Nachfolger, wenn die Raten so gestreckt sind, dass zu Beginn der Rente des Erstnutzers noch weitere Raten zu zahlen sind.



      Für Rente und andere Sozialleistungen führen unsere Geschäftsleute etwa fünfundzwanzig Prozent der Lohnkosten an die Community, in Person des Ortsvorstehers, Monat für Monat ab, mit denen nicht spekuliert werden darf, sondern dieses Geld bildet das Kapital mit dem ich arbeite.



      Der Außenhändler hält ebenso Kontakt zu der umliegenden Landbevölkerung – in unserem Fall die Pemón – und kauft deren Kunst- und Gebrauchsgegenstände ab, um sie im Ort zum Verkauf zu bringen, aber auch nach Mexico und in die USA zu verkaufen.



      Fünf Jahre besteht nun schon das Handelshaus des Don Joao, als Don Genaro von solch einer Tour in das nahe Pemón-Dorf mit einem sterbenden Mann zurückkommt. Don Joao ist von einer Giftschlange gebissen worden, deren Gift innerhalb drei Minuten durch Atemlähmung zu Tode führt, wenn nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Leider war die Ersthilfe nicht erfolgreich. Entsprechend zerknirscht zeigt sich Don Genaro.



      Nun heißt es für mich, die Angelegenheiten des Don Joao zu regeln und einen neuen Mann in Mexico oder den USA anzuwerben.



      Da ich von Don Joao zum Vermögensverwalter und Vormund für die Senorita Maria Elena bestimmt worden bin, fällt mir ebenso die Aufgabe zu, dem inzwischen 17jährigen Mädchen eine Stütze zu sein. Mit Sorge beobachte ich in der Folgezeit, dass sich die Senorita zu einem kleinen Drachen entwickelt. Ich weise ihr eine eigene kleine Wohnung und eine Magd zu, damit der neue Händler sich im Handelshaus einrichten kann.



      Ein Jahr danach arrangiere ich ein Treffen mit ihr und Don Genaro, der mich um Vermittlung gebeten hat. Es verläuft erwartungsgemäß unterkühlt. Ob die jungen Leute bei privaten Zusammenkünften zusammen finden, habe ich mich gefragt, aber die Senorita lässt ihn genauso zappeln, wie auch andere Verehrer.



      Zwei Jahre danach kommt es zu einem Eklat, als sie zu einem Fest für die Führer der Häuser von Kak Aute hinzu kommt. Gäste aus Alemannia sind ebenfalls anwesend. Senorita Maria Elena inszeniert ihren Auftritt geradezu. Don Genaro, der die Schmach der Abweisung nicht verwunden hat, erteilt ihr eine Lehre, indem er ihr einen Halsreif überreicht und anlegt.



      Ihre Habsucht gepaart mit einer kindlichen Neugier stellt ihr dabei ein Bein. Don Alvaro, ihr aktueller Verehrer, sieht sich gezwungen für die Ehre der Senorita einzustehen und fordert Don Genaro zum Zweikampf heraus. Senorita Maria Elena lässt sich im Zorn dazu hinreißen sich dem Sieger als Preis anzubieten. Ich versuche nun die Wogen zu glätten, aber ich kenne meine Leute. Andererseits denke ich, dass der Senorita eine Lehre sehr nutzen wird. Ihrem Charakter wird es sehr zuträglich sein.



      Und es kommt, wie es kommen muss. Maria Elena wird Don Genaro zugesprochen. Ihre persönliche Magd Lisa übernehme ich, wie auch ihr Vermögen von der Community eingezogen wird. Rosa wird Lisa unter ihre Obhut nehmen.



      *



      Don Genaro führt die Senorita Maria Elena an einer Leine in Richtung seiner Wohnung. Dazu hat er ihr die Hände auf dem Rücken gefesselt und eine Leine von den Handgelenken zwischen der Taille und dem Unterarm hindurch nach vorne geführt. Sie stolpert laut zeternd hinter ihm her, doch er geht nicht langsamer. Passanten bleiben stehen und schauen breit grinsend hinter dem ungleichen Paar her.



      Don Genaro lenkt den Preis im ‚Liebeskrieg‘ jedoch nicht in seine Wohnung, sondern in Richtung Hangar. Dort angekommen, löst er die Fesseln und sagt:



      „Auf die Knie!“



      Die Senorita sinkt spontan auf die Knie, wohl auch weil der Marsch durch den Ort eher einem für sie ungewohnten Dauerlauf gleich gekommen ist und sie noch unter dem Eindruck der Schmach steht, die sie erlitten hat.



      „Du gehst jetzt zu Bett!“ bestimmt Don Genaro. „Denk daran, was ich dir beim Bankett versprochen habe.“



      Er zerrt Maria Elena hoch, wirft sie sich über die Schulter und geht ein paar Schritte bis zu einer Truhe. Die Senorita strampelt verzweifelt.



      „Nein! Nein!“
      Im nächsten Augenblick verschwindet sie kopfüber in der Öllappenkiste. Don Genaro hebt zwei Gurte vom Boden auf, auf denen die Truhe steht und schließt den Deckel. Es fasst zu den Gurtenden an der Wand und schließt die Gurte locker über dem Deckel. So kann sie den Deckel zentimeterweise öffnen, wenn die Luft zu stickig wird.



      „Ich bin müde,“ sagt Don Genaro noch. „Es war ein anstrengender Tag.“



      Dann verlässt er den Hangar, verschließt ihn und geht in seine Wohnung. Früh am nächsten Morgen, nachdem seine Magd Ema ihm das Frühstück bereitet hat, nimmt er etwas davon in einer Schale mit zum Hangar, um dort nach dem Rechten zu sehen.



      Er öffnet die Gurte und klappt die Öllappenkiste auf. Zwischen den Lappen liegt zusammengekrümmt ein Häufchen Elend, dass ihn scheu ansieht.



      „Knie dich hin!“ befiehlt er und sie rappelt sich auf.



      Er nimmt eine süße Trockenfrucht aus der Schale und hält sie ihr hin.



      „Iß,“ sagt er.



      Maria Elena blickt ihn an und lächelt dann.



      „Aber ja,“ antwortet sie.



      Senorita Maria Elena beugt sich vor - und ihre hübschen weißen Zähne graben sich in seine Hand.



      „Aii!“ kreischt er, fährt auf und steckt seine blutende Hand in den Mund.



      Die Senorita klettert behände aus der Truhe, dreht sich um und läuft zu einem Regal an der gegenüberliegenden Wand. Suchend lässt sie ihren Blick schweifen und greift dann zu. Als sie sich umdreht hat sie ein Messer in der Hand. Sie zittert vor Zorn, gepaart mit Angst.



      Don Genaro wirf den Deckel der Truhe zu und setzt sich darauf. Er tut so, als beachte er sie nicht und mustert einen in der Nähe abgestellten Tarn, während sie atemlos das Messer umklammert.



      „Schlange!“ faucht sie. „Ich habe ein Messer.“



      Don Genaro ignoriert sie scheinbar und betrachtet seine Hand. Er stellt fest, dass die Wunde nicht weiter schlimm ist.



      „Ich habe ein Messer!“ wiederholt Maria Elena aufgebracht.



      Er schaut die Senorita an.



      „Was du getan hast, hat normalerweise eine strenge Strafe zur Folge,“ sagt er im ruhigen Ton.



      „Da bringe ich mich lieber gleich um,“ schreit sie.



      Don Genaro zuckt die Achseln.



      „Nein,“ faucht sie, „ich töte dich!“



      „Das ist schon besser,“ nickt er.



      „Ich habe ein Messer!“



      „Das sehe ich,“ antwortet er ihr und rutscht von der Truhe.

      Er geht langsam zu einem Haken und nimmt eine Peitsche in die Hand. Dann wendet er sich ihr wieder zu.



      „Schlange!“ ruft sie aus.



      Sie hebt die Hand mit dem Messer und stürzt sich auf ihn, doch ehe sie ihren Lauf vollenden kann, wickelt sich die Peitschenschnur um ihren Unterarm. Maria Elena schreit auf, sie fällt und das Messer rutscht über den Boden.



      Sofort ist Don Genaro über ihr und fesselt ihr wieder die Hände im Rücken. Dann zieht er sie auf die Beine und stößt sie vor sich her bis sie seine Wohnung erreichen. Dort stößt er sie in den kleinen Käfig zur Disziplinierung von Mägden.



      Statt gegen Mittag in einer Taverne essen zu gehen, lenken ihn seine Schritte in den Gastraum Don Marcos. Er setzt sich und Rita kommt auf ihn zu, knickst und fragt ihn nach seinen Wünschen. Er bestellt sich ein Menü und fragt, wann Don Marco zum Essen kommt.



      „Er ist gerade anwesend, Don Genaro.“



      „Ah,“ macht er freudig. „Melde mich bei ihm an und serviere mein Essen dort, wenn er Zeit für mich hat!“



      Rita verschwindet schnell hinter dem Paravent, kommt kurz darauf zurück, knickst wieder vor Don Genaro und sagt:



      „Der Senor erwartet sie, Don Genaro.“



      Dann begibt sie sich schnell in die Küche zurück. Don Genaro erhebt sich und geht zum Paravent. Sobald er Don Marco erkennt, wünscht er ihm einen guten Appetit.



      „Danke Ihnen, Don Genaro. Na, wie läuft es denn mit ihrer neuen Magd?“ fragt er lächelnd und kommt damit sofort auf den Punkt.



      Don Genaro zeigt auf seine Hand und meint:



      „Es braucht sicher noch einige Zeit, bis sie sich in ihr Schicksal gefunden hat.“



      Don Marco schüttelt kurz den Kopf.



      „Das denke ich auch, Don Genaro. Wie geht es ihr?“



      „Sie hat die erste Nacht ganz gut überstanden. Entsprechend riecht sie jetzt aber auch!“ grinst Don Genaro.



      „Ach, ich entsinne mich: Die Öllappen-Kiste…“



      Auch Don Marco kann ein Grinsen nicht verhehlen.



      „Sie braucht das! Sie soll von ihrer hohen Warte herunter kommen! Donna Martinez, zum Beispiel, ist weit menschlicher…“ setzt er nach.



      „Donna Martinez ist Chefin eines Hauses! Da muss sie moderat sein. Denken Sie nur an die freien Gefährtinnen vieler Männer. Die sind in ihrem Benehmen oft auch nicht anders.“



      „Mein Mündel ist extrem! Eine lehrreiche Lektion tut ihr gut!“



      Rita kommt hinzu und serviert Don Genaro sein Menü. Er gibt ihr eine Silbermünze für den Küchenmeister und widmet sich dann dem Essen.



      „Ein guten Appetit auch Ihnen,“ wünscht Don Marco.



      Nach einigen Bissen sagt Don Genaro:



      „Ihr Küchenmeister ist wirklich gut! – Warum ich zu Ihnen komme: Können Sie mir eine Lehrerin für Maria-Elena empfehlen? Ich werde wenig Zeit haben. Der Beruf, verstehen Sie. Und Ema, meine Magd, möchte ich nicht überfordern…“



      „Hm, ich habe da eine außergewöhnliche Magd, eine kajira. Rosa wird sie genannt. – Essen Sie in Ruhe zu Ende und kommen Sie dann zu meiner Wohnung. Ich werde Elinor informieren.“



      Damit steht Don Marco von seinem Platz auf und klopft Don Genaro zum Abschied leicht auf die Schulter.



      *



      Als die Türglocke ertönt, beeilt sich Ema zur Wohnungstür zu kommen. Sie lässt eine dunkelhäutige Frau in einem Hemd herein, das durch eine Schleife auf der Schulter gehalten wird. Als sie mich auf dem Hocker am Tisch erblickt, geht sie sofort auf die Knie und beugt den Kopf in Richtung Bodenmatten.



      „Wie heißt du?“ frage ich.



      „Ich bin Rosa,“ sagt sie ohne Aufzublicken.



      „In Position! Du darfst mich ansehen!“



      Sie richtet sich auf und setzt sich auf ihre Fersen, dann schaut sie mich aufmerksam an.



      „Hat man dir gesagt, welchen Auftrag du bei mir hast?“



      „Nein, Senor.“



      „Ich habe in einem Nebenraum eine Gefangene. Du wirst dich in der nächsten Zeit um sie kümmern. Ihre Wünsche, so sie welche hat, wirst du mir vortragen und ich entscheide dann.“



      „Ja, Senor.“



      Ich erhebe mich und sage:



      „Steh auf und komm mit!“



      Dann gehe ich in den Nebenraum, in dem der Käfig mit der früheren Senorita steht. Ema hat eine Decke an die Wand neben der Zimmertür gelegt, denn Rosa soll ihre Nächte bei Maria-Elena verbringen.



      *



      Als ich von einem Botengang zurückkomme, ich kann mich inzwischen schon einigermaßen in Kak Aute orientieren, eröffnet mir Elinor, dass ich in der nächsten Zeit meine Anweisungen von Don Genaro, dem Leiter der unserer Fluglinie, erhalte. Ich lasse mir also von ihr den Weg erklären und betätige wenige Minuten später den Türgong. Eine Magd öffnet mir die Tür und fragt nach meinem Begehr. Ich sage ihr, dass man mich zu Don Genaro geschickt hat. Er wüsste Bescheid.



      Dann sehe ich den Herrn, der mich einmal von Haiti hierher gebracht hat, und knie mich sofort unterwürfig nieder. Don Genaro begrüßt mich:



      „Ah, tal –hallo- Rosa, ich habe viel von dir gehört. Du hast dich in letzter Zeit wunderbar entwickelt! Steh auf und folge mir!“



      Er führt mich in eins der Zimmer, die von der Halle abgehen. Dort steht ein geräumiger Käfig in der Größe der Zwinger in Don Emilianos Schule. Nur dass darin eine Matratze liegt und ein Abort steht. Es befindet sich ein Frau darin, die ein bodenlanges Hemd mit Ärmeln trägt! Es handelt sich also um eine Freie, denn eine wie wir würde ein offenherziges Hemd tragen, wie meines, das Arme und Beine sichtbar lässt und auch sonst mehr enthüllt als verhüllt.
      Sie sitzt auf der Matratze und schaut uns neugierig entgegen.



      „Dir ist klar, dass du schnell wieder zurück in die Öllappen-Kiste kommst, wenn du dich weiterhin zickig und überheblich zeigst?“ fragt Don Genaro die Frau beim Eintreten.



      „Ja, Senor,“ sagt sie. Aber der Ton, den sie dabei anschlägt ist wenig unterwürfig. Ironie und Aufmüpfigkeit schwingen mit.



      „Als Magd hat man absolut keine Wahl,“ führt Don Genaro weiter aus. „Sofortige Dienstbarkeit ist gefragt, ohne Widerworte und in exzellenter Ausführung.“



      „Senor?“ fragt sie unsicher.



      „Rosa!“ bellt er.



      „Senor?“ rufe ich erschrocken.



      „Gehorsam!“



      Auf dieses Kommando hin, lasse ich mich auf die Knie und nach vorne fallen. Ich stütze mich mit den Händen ab und drücke die Stirn auf die Bodenmatte.



      „Lecke und küsse!“



      Ich krieche vorwärts ohne aufzuschauen, und beginne seine Schuhe mit Zunge und Lippen zu bearbeiten.



      „Genug!“ sagt er nach einer Weile. „Geh!“



      Ich ziehe mich eilig auf den Platz zurück, wo ich eben zu Boden gegangen bin. Er spricht nun wieder zu der Frau im Käfig:



      „Siehst du?“



      „Jawohl, Senor!“



      Ihre Stimme zittert dabei.



      „Du scheinst seit gestern einen kleinen Teil dessen verstanden zu haben, was es heißt, von Männern gehalten zu werden.“



      „Das stimmt, Senor.“



      „Denke daran, dass du dich in Zukunft vollends in meiner Verwahrung befindest! Wenn auch eher im übertragenen Sinn.“



      „Senor?“



      „Meine Magd ist mir so nah, dass ich deren Haar kämme, deren Fütterung mir Spaß macht. Du aber bist noch nicht soweit, wenn du jemals dahin findest…“



      „Ich will mich bemühen, Senor.“



      Überzeugend klingt das jedoch nicht.



      „Rosa, dies ist Senorita Maria-Elena.“



      Ich schaue mit besorgter Miene auf Don Genaro.



      „Senorita Maria-Elena, dies ist die Magd Rosa. Es heißt, sie sei eine Kajira.“



      „Senorita,“ sage ich.



      „Du musst sie nicht so nennen,“ erklärt Don Genaro mir. Dann spricht er wieder zu der Gefangenen: „Deine Pflege übertrage ich weitgehend ihrer Verantwortung. Abgesehen davon wirst du ihr keinen Ärger bereiten und ihr gehorchen!“



      „Jawohl, Senor!“



      Ich staune.



      „Ihr Frauen…“ murmelte er im Hinausgehen.



      Sicher, wir sind beide Frauen, gehören als solche aber verschiedenen gesellschaftlichen Stufen an, als Unfreie und als Freie. Im übergeordneten Sinn sind wir natürlich gleich und so bezeichnet er uns wohl als bloße Frauen, in Bezug auf seine Männlichkeit. Oder assoziiert er etwas anderes? Sind wir für ihn auf der gleichen gesellschaftlichen Stufe? Da er mir den Halsreif nicht abgenommen hat, muss er die Senorita wohl als Magd betrachten?



      Seit diesem Tag betreue ich die freie Frau und gleich am ersten Abend bringe ich ihr eine einfache Mahlzeit mit Wasser. Ich bringe den Abort nach draußen und leere ihn, sobald ich die Benutzung riechen kann. Wenn ich in den Käfig muss, verriegele ich vorher die Zimmertür. Habe ich den Käfig gereinigt, schicke ich sie wieder hinein:



      „Geh hinein.“



      Sie gehorcht, natürlich ohne sich hinzuknien, denn ich bin kein Mann, sondern nur ihre Wärterin. Ich glaube, sie weiß nicht so recht, wie sie sich mir gegenüber verhalten soll. Ehrlich gesagt, geht es mir ähnlich. Es ist eine ungewöhnliche Situation. Eigentlich hat Don Genaro mir befohlen, sie vor mir niederknien zu lassen, damit sie ihre Position nicht vergisst. Sie gibt sich immer weniger hochnäsig und ichbezogen.



      Ich stelle die Schalen mit ihrem Essen vor sie hin und sage:



      „Knie nieder.“



      Sie tut es.



      „Du darfst essen.“



      Sie beginnt zu speisen. Ja, man muss es wirklich so nennen. An ihren Bewegungen erkennt man feine Manieren. Sie hat eine gewisse Erziehung genossen und ist die vornehme Art gewohnt.



      „Du tust sehr vornehm beim Essen,“ bemerke ich.



      Als Leibeigene mit solchen Manieren wird sie bestimmt den einen oder anderen Herrn für sich vereinnahmen können, obwohl das an ihrem Status nichts ändern wird. Scheu blickt sie zu mir auf.



      „Wie wirke ich? Bin ich hübsch?“



      „Ich denke schon,“ gebe ich zu.



      „Glaubst du, ich bin schön genug, um eine … Magd zu werden?“



      „Schäm dich! Du bist eine freie Frau!“ sage ich entrüstet.



      „Bitte,“ drängt sie.



      „Ich finde schon,“ sage ich. „Iss auf!“



      Schnell ist sie fertig und schiebt das Geschirr und den Becher in meine Richtung.



      „Entspricht diese Kost der euren?“ fragt sie.



      „Deine ist besser,“ sage ich. „Wir sind Mägde.“



      Ich stehe auf und nehme das Geschirr mit. Dann schließe ich die Käfigtür und öffne die Zimmertür.



      „Was Mägde essen, soll sie gesund und gleichzeitig schlank erhalten, wie uns die Herren am liebsten mögen. Mit den Tieren verfährt man genauso,“ sage ich im Hinausgehen.



      „Tieren!“ wiederholt sie schnaubend.



      Hatte sie ihre persönliche Magd bisher nicht schlimmer noch als ein Haustier behandelt? Und meine Begegnungen mit freien Frauen in der Stadt…



      „Klar!“ bekräftige ich. „Wir dürfen den Männern manchmal aus der Hand essen, oder von ihren Tellern, während wir bei Tisch knien, oder auffangen, was sie uns zuwerfen. Gelegentlich erhalten wir aber auch Süßigkeiten. Dies hängt von ihrer jeweiligen Stimmung ab.“



      Ängstlich nickt die Senorita. Ich drehe mich um und will gehen. Bevor ich die Tür schließen kann, sagt sie:



      „Bitte…“



      Ich schaue sie wieder an.



      „Mägde werden ausgebildet, richtig?“ fragt sie.



      „Wir müssen üben,“ entgegne ich. „Dies beugt Verspannungen vor und wirkt sich auf unsere Figur und nicht zuletzt auf unseren Sexualtrieb aus. Nachlässigkeit hierin ist strikt untersagt. Kein Herr ließe sich darauf ein.“



      „Du bist sehr reinlich. Ich fühle mich schmutzig.“



      Ich zucke mit den Achseln.



      „Schau mich doch an! Ich bin schmutzig,“ klagt sie.



      Ich gebe ihr recht. Sie riecht streng nach Öl und ihr langes Hemd weist einige dunkle Flecken auf. Alles in allem gibt sie einen bemitleidenswerten Eindruck ab.



      „Ich stinke bestimmt.“



      „Mir als Magd steht es nicht zu, mich dazu zu äußern,“ sage ich.



      „Dennoch muss ich übel riechen.“



      Sie schaut mich mitleidheischend an. Ich versuche, sie etwas aufzuheitern:



      „Keine Angst! Als Freie musst du dich nicht unter Androhung von Strafe pflegen. Sei dir sicher, dass deine Nachlässigkeit nicht geahndet wird.“



      „Kann schon sein,“ brummt sie. „Ich wünschte, ich wäre eine, die dafür bestraft wird, wenn sie nicht gut auf ihren Körper achtet.“



      „Was??“



      „Ach nichts.“



      Ich bleibe noch kurz in der Tür zu ihrem Gefängnis stehen, weil ich denke, sie möchte vielleicht noch weiterreden, aber es kommt nichts mehr. Dann habe ich die Tür fast geschlossen, als sie mich ruft:



      „Rosa!“



      Also öffne ich den Spalt weiter und stecke den Kopf hindurch.



      „Darf ich dich überhaupt so nennen?“



      „So lautet mein Name.“



      „Heute Mittag…“ beginnt sie verzagt, „hast du die Schuhe eines Mannes geküsst.“



      „Ja?“



      „So etwas habe ich nie getan.“



      „Du bist eine freie Frau.“



      Sie schaut mich bloß an. Ich ergänze also:



      „Für Mägde ist es nichts Ungewöhnliches. Hattest du nie Kontakt mit Mägden?“



      „Ich hatte eine persönliche Magd – Lisa…“



      „Und?“



      „Sie tat es auch, wenn ich mich unzufrieden zeigte…“



      „Na also.“



      „Der Senor war nicht unzufrieden mit dir. Du hast nicht auf diese Art um Verzeihung gebeten…“



      „Diese Geste hat einen hohen Symbolgehalt,“ erkläre ich. „Damit bittet die Magd nicht nur um Verzeihung für eine Verfehlung, sondern die betreffende Frau stellt damit auch klar, in welcher Beziehung sie zu dem jeweiligen Mann steht. Die Bedeutung geht sogar noch tiefer: Unser weibliches Bewusstsein erhält durch solch ein Handlung gegenüber einem besonderen Mann die Gelegenheit, hervorzukehren dass wir uns dem Männlichen andienen und unterwerfen. Damit beschränkt sich diese Geste nicht auf das für alle sichtbare Paar, sondern betrifft tiefenpsychologisch das männliche und weibliche Prinzip allgemein, und damit die Natur des Weiblichen und Männlichen, die natürliche Ordnung.“



      Sie sieht arg verunsichert aus.



      „Rosa…“ sagt sie leise.



      „Ja?“



      „Wo wäschst du dich?“



      „Hier nebenan im Bad.“


      „Könnte ich mich nicht auch dort frisch machen – und mein Gewand säubern?“
      „Sag nur, was du wünschst und ich bringe dir Wasser und nehme dein Gewand und reinige es. Dazu muss ich aber den Senor fragen, ob er dir in der Zeit ein anderes Gewand genehmigt, damit du bedeckt bist.“



      „Oh ja, frag ihn bitte!“ freut sie sich. „Rosa?“



      „Ja?“



      „Ich möchte deine Freundin sein.“



      „Zwischen uns kann es keine Freundschaft geben. Du bist frei, ich bin eine Magd!“



      „Wir unterscheiden uns gar nicht so sehr.“



      Ich muss lachen.



      „Von Freiheit kann bei mir überhaupt keine Rede sein! Will ich auch gar nicht!“



      „So meinte ich das nicht!“



      Ich überlege, komme aber zu keiner vernünftigen Schlussfolgerung. Sie ist und bleibt eine freie Frau, wenn auch hinter Gittern, während ich – welch Ironie – mich vor den Gittern befinde, gebunden durch unsichtbare mentale Fesseln. Ich schließe die Tür und bringe das Geschirr fort, um es zu spülen.



      Später, als Senor Genaro kommt, um von Ema sein Nachtmahl serviert zu bekommen und danach mit ihr im Schlafzimmer die Nacht zu verbringen, spreche ich den Wunsch der Senorita an. Der Senor erlaubt tatsächlich, dass sie sich am nächsten Morgen pflegt. Auch darf sie ein Ta’teera erhalten, ein Mägdehemd wie meines, während ich ihr Gewand reinigen soll. Nach dem Nachtmahl gehe ich ins Zimmer der Senorita, um dort auf meiner Decke zu schlafen.



      Tags darauf erhalte ich von Ema eine Handgelenkfessel aus zwei Ringen und einer Kette dazwischen, das gleiche Modell, das ich zu Beginn meiner Schulzeit in Kak Aute getragen habe. Damit fessele ich die Senorita, nachdem sie sich entkleidet hat.



      „Ich werde das Gewand nachher für dich reinigen,“ sage ich.



      „Nein!“ erwidert sie. „Ich mache es selbst!“



      „Du bist eine freie Frau!“ stelle ich wiederholt fest und frage erstaunt: „Du möchtest arbeiten?“



      „Ja. Weise mich in die Arbeiten einer Magd ein, Rosa.“



      „Wie man seine Hände gebraucht, hat man dich doch sicher gelehrt, oder?“ frage ich.



      Meine Ausbildung in der Schule Don Emilianos hat eine Vielzahl von Tätigkeiten umfasst.



      „Zeige mir, wie eine Magd wäscht,“ bekräftigt sie ihr Verlangen.



      „Gut, ich nehme dein Gewand mit ins Bad. Komm jetzt!“ bestimme ich.



      Nebenan habe ich vorhin unter dem Wasserspeicher ein Feuer entfacht und lasse das Becken nun volllaufen, nachdem ich mit der Senorita das Bad betrete. Ich lasse sie hineinsteigen. Ich will sie reinigen und pflegen, wie es einer freien Frau gebührt, aber sie lässt es nicht zu. Also schaue ich zu.



      „Glaubst du, ich bin jetzt sauber und wohlriechend genug für eine Magd, die ihrem Herrn gefallen will?“ fragt sie nach einiger Zeit.



      Ich nicke und antworte:



      „Sicher! Ich denke, ein Halsreif würde dir gut stehen.“



      Sie lässt ein helles Lachen vernehmen. Ema hat mir erzählt, dass Don Genaro der Senorita auf den letzten Ratsbankett einen solchen Reif angelegt hat.



      Sie schüttelt ihr noch feuchtes Haar.



      „Knie neben dem Becken nieder,“ sage ich. „Binde dein Haar am Hinterkopf, damit es nicht ins Wasser fällt. Das Gewand muss nass gemacht, ausgewrungen, geknetet und auf den Beckenrand geschlagen werden. Immer und immer wieder. Du muss das Gewand mehrmals eintauchen und so behandeln. Das ist nicht einfach, sondern kräftezehrende Arbeit, die Zeit kostet. Fang an!“



      Es dauert einige Zeit. Ich beaufsichtige sie, wie von Don Genaro befohlen, und korrigiere sie gelegentlich. Dann hänge ich ihr Gewand zum Trocknen über das Becken und lasse das Wasser ablaufen. Als ich nun das Becken reinigen will, fällt sie mir wieder in die Arme.



      „Bitte lass mich, Rosa.“



      Also gebe ich ihr die Bürste und den Lappen und beaufsichtige sie auch dabei. Danach bringe ich sie wieder in ihren Käfig zurück, entferne die Handgelenkfessel und lasse sie die Ta’teera anziehen. Dann bringe ich ihr das Essen.



      Tags darauf verwirrt sie mich! Als ich am Morgen außerhalb ihres Käfigs in meiner Decke wach werde, ist die Senorita schon wach. Sie sitzt nackt auf dem Käfigboden.



      „Guten Morgen,“ beginne ich.



      „Guten Morgen, Rosa. Darf ich aufstehen?“



      „Ja. Was ist, wenn Männer dich so sehen?“



      „Das ist mir egal,“ sagt sie.



      „Sei nicht dumm! Kannst du dir nicht denken, was dein Anblick bei Männern auslöst?“



      „Was?“ stellt sie sich dumm.



      „Frag nicht so! Du bist eine freie Frau!“



      „Rosa?“



      „Ja?“



      „Übe mit mir!“



      „Hör auf mit dem Unsinn!“ ermahne ich sie.



      „Ich verstehe überhaupt nichts von alledem… Bitte!“



      „Was soll ich mit dir üben?“



      „Wie man sich als Magd verhält,“ antwortet sie mir.



      Hm, denke ich mir. Ihr Körper kann etwas Bewegung ganz gut gebrauchen. Wann hat unsereins auch schon einmal die Gelegenheit, solch einen Einfluss auf eine freie Frau auszuüben?



      „Steh auf,“ befehle ich ihr also ohne Zögern. „Beine auseinander! Arme in die Hüften stemmen!“



      Voraussehend, dass es nicht einfach für sie wird, gehe ich umso härter mit ihr um. Daraus wird sich ergeben, dass sie ehrgeiziger, eifriger und gefügiger sein würde, als wenn ich mit ihr soft umgehen würde, dessen bin ich mir sicher. Von da an nimmt sie regelmäßig Unterricht bei mir. Ich gefalle mir zunehmend in der Rolle der Lehrerin.



      Einmal fragt sie:



      „Wie bewegt sich eine Magd vor ihrem Herrn?“



      „Du bist eine freie Frau,“ stelle ich zum wiederholten Male fest, „und willst diese Bewegungen erlernen.“



      „Ja.“



      „Du hast den Verstand verloren!“



      „Oder das Herz… Komm schon.“



      Ich mache es ihr vor und erkläre: „So folgen die einzelnen Schritte stets aufeinander.“



      „Ja, ja,“ ruft sie aus und macht große Augen.



      „Sei dir aber bewusst, dass dies alles im Alltag erheblich anders ausfallen kann: Du wärst nackt, im Halsreif. Ein Mann nähme meine Rolle ein – und könnte dich mit einer Peitsche durch die Bewegungen dirigieren. Auch könnten eventuell andere Männer dabei zusehen.“



      Sie wiederholt das, was ich ihr vorgeführt habe und liegt schließlich bäuchlings nach Luft ringend und schwitzend vor mir auf den Bodenmatten.



      „Ich habe verstanden,“ meint sie.



      „Jetzt hast du vielleicht eine Ahnung davon,“ sage ich.



      „Ja,“ flüstert sie. „Danke, Rosa.“



      „Bedauerst du jetzt, dass du es wissen wolltest?“



      „Nein.“



      „Du bist also nicht außer dir und fühlst dich erniedrigt?“



      „Nein.“



      Ich verlasse den Raum und werfe im Hinausgehen noch einen Blick auf die Senorita. Immer noch liegt sie im Ta’teera auf dem Boden des Käfigs.



      In der folgenden Nacht komme ich lange nicht zum Schlafen. Sie will noch mehr über die intimen Übungen der Magd erfahren und ich beschreibe und zeige es ihr ausführlich.



      „Wie abhängig ihr von euren Gefühlen seid,“ keucht sie danach.



      „Stimmt,“ pflichte ich ihr bei. „Wir können uns ihrer nicht erwehren, müssen sie zeitgleich ausleben. Findest du das nicht grauenvoll?“



      „Nein.“



      „Oh,“ mache ich.



      „Was ist, wenn ein Mann mich so erregt, und ich ihm verfalle?“



      „Denk nicht einmal im Traum daran,“ bitte ich sie.



      „Ach, Rosa…“



      „Er würde dich zwangsläufig wie eine Unfreie behandeln, wie sein Eigentum!“



      „Ich müsste ihm dienen? Wie?“



      „Das kann ich nicht einschätzen. Vielleicht fesselt er dich und bringt dich zu Fall. Du müsstest schnell lernen, wie sich Männer an unseresgleichen Befriedigung verschaffen! Ja, du müsstest seinen Wünschen dienen. Ausgiebig und bis an die Grenzen seiner Launen.“



      „Eine Magd muss aber sicher nicht aus reiner Willkür Vergnügen bereiten.“



      Aus meiner persönlichen Sicht ist es viel zu selten, dass sich mir ein Mann nähert. Dafür scheint es zwei Gründe zu geben: Don Francesco hat viel Arbeit und ist oft müde. Es erfreut ihn, wenn ich ihn massiere – und dann ist er schon erschöpft eingeschlafen, so dass ich selbst Hand anlegen muss. Ich weiß, dass ich dafür bestraft werden könnte, wenn man es erfährt. Zum Anderen gewinnt man so mehr Kontrolle über mich. Eine Magd lässt sich auf viele Arten um den Finger wickeln. Eine davon ist der Liebesentzug. Denn einen anderen Herrn kann ICH mir nicht suchen.



      „Das stimmt wohl. Viele Männer verschaffen sich in den Nischen der Tavernen Erleichterung,“ entgegne ich möglichst diplomatisch.



      „Dann wäre es also möglich, den Käfig zu verlassen und trotzdem relativ sicher zu sein?“



      „Ich habe schon oft Botengänge erledigt, ohne behelligt worden zu sein. Ich bin jemandes Eigentum. Das muss von den anderen Senores berücksichtigt werden. Niemand darf sich ungefragt am Besitz eines Anderen vergreifen!“



      In die entstehende Gedankenpause hinein sage ich dann:



      „Schlaf jetzt, es ist schon spät!“



      Ich habe den Eindruck, dass sie noch etwas wissen will, aber sie dreht sich wirklich um und wendet mir ihren Rücken zu. Ich lösche das Licht und bin wenig später eingeschlafen.



      Am nächsten Morgen wache ich auf und sehe sie im Käfig liegen und mich beobachten. Ich stemme mich hoch. Sie begrüßt mich freundlich lächelnd:



      „Guten Morgen, Rosa.“



      „Guten Morgen,“ erwidere ich. „Du schläfst nicht sehr lange?“



      „Vieles geht mir im Kopf herum, Rosa. Meinst du, der Senor lässt mich in den Ort?“



      „Das kann ich nicht sagen. Irgendwann bestimmt.“



      „Lässt du mich aufstehen?“



      „Ja,“ antworte ich und erhebe mich ebenfalls.



      Sie steht auf, macht einen Schritt zur Käfigtür und fasst in die Stäbe.



      „Du bist so freundlich zu mir, Rosa. Du zeigst mir alles, auch wie man sich benimmt.“



      „Wie sich eine Magd verhält,“ korrigiere ich sie.
      „Ja.“



      Sie geht auf die Knie und schaut zu mir auf, ohne dass ich ihr eine Anweisung dazu gegeben habe. Ich schaue auf die Senorita hinab und suche ihren Blick. Sie kniet vor mir – eine freie Frau vor einer Magd! Ich fasse es nicht. Irgendwie tut es mir in der Seele gut. Ihre Augen zeigen einen wässrigen Glanz.



      „Rosa.“



      „Was ist?“



      „Ich flehe…“



      Sie wischt sich eine Träne ab. Ich denke, sie tut es für eine Süßigkeit oder ein Gebäck zum Frühstück. Der Senor wird es ihr sicher gewähren, denn ihr Betragen hat sich deutlich verbessert.



      „Sprich,“ fordere ich sie auf.



      „Ich sehne mich nach etwas Bewegung. Lass mich heraus. Lass mich für ein paar Stunden durch den Ort wandern. Ich habe diese Nacht lange nachgedacht. Ich müsste mich natürlich als Magd kleiden. Bitte, Rosa.“



      „Es gibt keine Fluchtmöglichkeit für dich!“ versuche ich etwaige Gedankengänge zu zerstreuen.



      „Ich weiß.“



      „Und das nimmst du in Kauf?“



      „Ja!“



      „Der Senor wird es bestimmt nicht erlauben,“ vermute ich.



      „Frag ihn in meinem Namen. Bitte, Rosa.“



      „Falls er es erlaubt: Bist du bereit, es bis zum Letzten durchzuziehen?“



      „Ja,“ verspricht sie.



      „Neben der Ta’teera, die du momentan trägst bis dein Gewand trocken ist, musst du seinen Halsreif tragen!“



      „Oh, einen Halsreif,“ sagt sie und fasst sich unwillkürlich an ihren Hals.



      „Es muss sein!“



      „Niemals!“



      Sie versteht die Symbolik und Tragweite sehr gut. Sie ist schließlich eine Freie. Mir als Magd ist beides vertraut. Welch einen drastischen Unterschied ein Halsreif zwischen einer Freien und einer Magd ausmacht!



      „Daran führt kein Weg vorbei!“ bekräftige ich.



      In ihr arbeitet es. Das kann man deutlich sehen. Zwei Seelen liegen im Widerstreit miteinander: Eine will, dass sie sich als das gibt, was sie von Geburt ist. Die Andere will, dass sie danach strebt, wovon sie träumt.



      „Eine Magd ohne Halsreif erregt sofort Aufmerksamkeit und Verdacht,“ ergänze ich. „Ich könnte dich also nie ohne Halsreif nach draußen mitnehmen.“



      „Ich weiß nicht, ob ich den Mut aufbringe, so weit zu gehen,“ gesteht sie mir.



      Ich zucke nur mit den Schultern.



      „Ist es wirklich nötig?“ fragt sie mit ängstlichem Blick.



      „In jedem Fall!“



      Sie wird blass. Ich wende mich zur Tür, um das Frühstück zu holen und Wasser für die Morgentoilette, denn ich denke, die Diskussion ist damit beendet. Dann aber holt sie tief Luft. Es scheint, sie hätte eine mentale Schwelle überschritten.



      „Natürlich,“ höre ich sie leise sprechen. „Das ist es. Ich will einen Halsreif anziehen. Bitte sorge dafür, dass ich einen bekomme!“



      „Und du musst ihn tragen! Du bist dann diejenige die in ihm steckt. Mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen!“



      Ich will auf Nummer Sicher gehen. Falls ich sie draußen nur einen Moment aus den Augen verliere, würde ich zur Verantwortung gezogen werden.



      „Ja.“



      „Es ergibt sich ein angenehmer Nebeneffekt aus dieser Erniedrigung,“ rede ich weiter auf sie ein.



      „Welcher?“



      „Ein Halsreif steht den Frauen gut. Er verschönert den Körper beträchtlich und erhöht die Anziehungskraft, beziehungsweise steigert das Interesse der Männer.“



      „Das hat für mich keine Bedeutung.“



      „Natürlich nicht,“ antworte ich.



      „Trotzdem musst du in Betracht ziehen, dass er den Männern vermittelt, dass du zu den Frauen gehörst, die sie besitzen könnten. Dass du liebevoll und machtlos bist…“



      „Vielleicht zeigt ein Halsreif auch bei Frauen eine besondere Wirkung?“



      „Das tut er! Ohne jeden Zweifel!“ bestätige ich ihr. Bilder steigen in mir auf von meinen Begegnungen mit freien Frauen…



      „Natürlich hat auch so etwas keinerlei Bedeutung für mich,“ behauptet sie und sieht zu Boden.



      „Natürlich,“ wiederhole ich sie.



      Als Freie darf sie ungestraft lügen, wohingegen ich hart bestraft würde, wenn man mich bei einer Lüge ertappt.



      „Bitte, liebe Rosa,“ flötet sie süß. „Bitte reiche mein Gesuch an Don Genaro weiter.“



      Ich schaue ihr in die Augen. Hat es vielleicht mehr damit auf sich, als sie mir sagt?



      „Ich weiß nicht so recht,“ sage ich zögerlich.



      Ich will Don Genaro nicht verärgern.



      „Bitte, Rosa.“



      Schließlich sage ich:



      „Gut, ich frage ihn.“



      Als ich das Zimmer verlasse, ist Don Genaro schon gegangen. Ich versorge die Senorita und lasse sie mittels der Handgelenkfessel kurzzeitig aus ihrem Käfig. Am Abend falle ich vor Don Genaro auf die Knie und berühre die Bodenmatte mit der Stirn.



      „Senor,“ beginne ich, „darf ich sprechen?“



      „Du darfst!“



      Ich formuliere das Gesuch wie Senorita Maria Elena es geäußert hat und rechne schon damit, bestraft zu werden.



      „Sie will ihren Körper entblößen und sich in der Kleidung einer Magd der Öffentlichkeit zeigen,“ formuliert der Senor den Wunsch um.



      „Senor?“



      „Wünschen sich das nicht alle Frauen insgeheim?“



      „Ich weiß es nicht, Senor.“



      „Wünschst du es dir?“



      „Ja, Senor,“ sage ich selbstbewusst. Dann füge ich leise hinzu: „Ich bin aber auch eine Kajira.“



      „Sind das nicht alle Frauen in ihrem Inneren?“



      Ich blicke fröstelnd zu Boden.



      Zwei Tage später hole ich sie aus dem Käfig und binde ihr ein Tuch um die Hüfte. Der Senor hat ihr für den Ausflug nicht einmal eine Ta’teera gewährt. Das Tuch muss ich vorne binden und mit einer Spange sichern, so dass der Blick auf ihre intimen Köstlichkeiten offen bleibt.



      „Ich fürchte mich,“ flüstert sie.



      „Warum?“



      „Ich glaube, ich weiß nicht einmal, wie man richtig geht.“



      „Ach, natürlich weißt du das!“



      „Wie eine Magd geht, meine ich.“



      „Es kommt bloß darauf an, dass du ungezwungen flanierst, hübsch und anmutig dabei aussiehst. So dass man Lebensfreude und das verwundbar weibliche erkennt.“



      „Ich habe Angst,“ wiederholt sie sich.



      „Es wird dir schon nicht schwer fallen.“



      „Es ist so anders.“



      „Ich weiß.“



      „In den Gewändern der Freien müssen wir würdevoll schreiten.“



      Ich frage mich, wie man sich auch sonst in diesen Gewändern bewegen soll. Bei einem hastigen Lauf würde man sich unweigerlich verheddern und stürzen. Wie gewaltig sich diese Kleidung von ihrer jetzigen unterscheidet! Die Magd kann sich zwanglos bewegen. Andererseits ist sie natürlich nicht frei.



      „Glaubst du wirklich, dass es mir nicht schwerfällt?“



      „Aber ja! Deine Bewegungen werden wohl nicht so geschmeidig und ansehnlich wirken, wie die einer Kajira. Ich glaube aber nicht, dass das wichtig ist. Ich werde dich als neue Magd ausgeben! Das macht dich umso verführerischer. Die Männer werden dich im Hinblick auf dein Potential betrachten und nicht als das, was du jetzt bist. Sie überlegen dann, was sie mit dir anstellen und aus dir mit der Zeit noch machen können.“



      „Anstellen und machen?“



      „Genau.“



      Es hat einen Moment den Anschein, als ob sie sich in die hinterste Ecke ihres Käfigs zurückziehen will. Dann aber sagt sie:



      „Alles klar.“



      Ich zeige ihr nun den Halsreif.



      „Schau, dort steht: ‚Ich, Bina, gehöre Don Genaro.‘“



      Sie nimmt den Halsreif und dreht ihn in der Hand.



      „Der Name gefällt mir,“ sagt sie.



      Sie gibt mir den Halsreif zurück. Ich weise sie an, ihr Haar im Nacken anzuheben, dann lege ich ihr den Halsreif an und verschließe ihn.



      „Nun bist du Bina!“ sage ich.



      „Ist Bina schön?“ fragt sie lächelnd und dreht sich etwas vor mir.



      „Bina ist wunderschön,“ beteuere ich.



      Sie strahlt und genießt das Kompliment. Dann errötet sie wie ein Teenager und schaut zu Boden. Ich bin bestimmt etwas zu nachsichtig mit ihr umgegangen. Schließlich ist sie eine Freie Frau, und wie oft kommt es vor, dass sich eine solche in der Obhut einer Magd befindet.



      „Lege deine Hände auf den Rücken!“ sage ich eine Spur zu streng. „Du wirst eine Handfessel und eine Leine bekommen!“



      *



      „Wie frei Mägde sind!“ jauchzt die frühere Senorita Maria Elena.



      Ich erinnere mich an früher. An mein Leben in der westlichen Zivilisation. Dort hat es ein Korsett von moralischen Regeln gegeben. Was hinter verschlossenen Türen geschieht, hat niemand interessiert, solange es nicht bekannt wurde.



      Hier gibt es keine Doppelmoral. Hier dürfen, ja, sollen Mägde ihre Gefühle ausleben. Dem gegenüber stehen die freien Frauen. Sie geben sich distanziert, würdevoll, abgehoben, gefühllos. Sie wollen damit ein Gegenmodell zu uns bilden, zeigen, dass sie besser sind. Sie ahnen vielleicht nicht, dass sie von der Gnade der Männer abhängig sind. Entzieht ihnen ein Gönner seine Gunst, finden sie sich schnell auf der anderen Seite wieder. Dann beginnt für sie eine Entdeckungsreise in ihr Inneres.
      „Ich bin dir zutiefst zu Dank verpflichtet,“ meint sie.



      Ich halte ihre Leine und gehe voraus.



      „Die Idee stammt von dir,“ sage ich. „Ich habe die Bitte nur an den Senor weitergegeben. Hätte ich es nicht getan, hätte die Gefahr bestanden, streng dafür bestraft zu werden.“



      „Ahuu!“ schreit sie plötzlich vor Schmerz auf.



      Sie schaut mich gequält an und hebt einen Fuß an.



      „Deine Fußsohlen haben noch nicht genügend Hornhaut,“ bemerke ich. „Sollen wir eine kleine Pause einlegen?“



      Sie beugt sich hinunter und fährt mit der Hand unter ihrer Fußsohle entlang, dabei schüttelt sie mit dem Kopf.



      „Da kommt jemand,“ sagt sie.



      Wenig später biegt ein Mann um die nächste Ecke und wendet sich in unsere Richtung.



      „Komm, Magd!“ sage ich also laut. „Trödele nicht!“



      Sie atmet hörbar ein und folgt mir mit einem leisen „Ah“. Die Leine spannt sich etwas. Der Mann mustert uns im Vorbeigehen. Wir weichen seinem Blick aus. Wäre er stehen geblieben, hätten wir auf die Knie fallen müssen.



      „Ist mit deinem Fuß alles in Ordnung?“ frage ich.



      „Ja,“ entgegnet sie mir.



      Seit ich die Senorita betreue, ist ein Sinneswandel bei ihr im Gange. Sicher ist ihr bewusst geworden, dass sie voll und ganz der Gnade der Männer unterworfen ist. Dieses Verständnis hat bestimmt einen erheblichen Einfluss auf ihr Selbstbild. Anfangs hat noch Ironie und Frechheit in ihrer Stimme mitgeschwungen, während sie Don Genaro ‚Senor‘ nennt. Zunehmend betont sie diese Anrede nicht mehr mit Zynismus oder Hohn, sondern spricht das Wort ehrlich und respektvoll aus.



      „Ich bin müde,“ lässt sie sich vernehmen, während wir weitergehen.



      Außerdem tut ihr bestimmt ihr Fuß weh. Ich werfe einen Blick in beide Richtungen, dann gehe ich bis zur nächsten Abzweigung mit Treppe und lasse sie sich dort hinsetzen.



      „Sieh mal, wie ich die Beine zusammenhalte und seitlich ausstrecke,“ meint sie stolz. „Ist das nicht anmutig?“



      „Ein Mann, der dich so sieht, könnte versucht sein, deine Beine zu packen und zu spreizen!“ belehre ich sie.



      „Oh?“



      „Knien wäre angemessener!“ erkläre ich, indem ich mich mit geschlossenen Schenkeln auf die Fersen hocke.



      „Soll ich das auch so tun?“ fragt sie.



      Ich bestätige ihr das und sofort ändert sie ihre Sitzhaltung.



      „Da ich die Leine halte, solltest du eine Stufe unter mir knien,“ sage ich.



      Sie macht auch das.



      „So kniest du aber nicht vor Männern?“ fragt sie weiter.



      „Nein, ich bin eine Magd, wie du sie als Freie Frau sicher noch nicht kennengelernt hast.“



      „Eine Kajira…“



      „Du hast bereits von uns gehört?“



      Ich bin überrascht. Freie Frauen haben normalerweise Kontakt zu Hausmägden und Zofen.



      „Mein Vater hatte eine. Sie benahm sich sehr anschmiegsam, beinahe wie ein Haustier. Sie durfte dafür in seinem Zimmer schlafen, wenn er zu Bett ging.“



      „Ah,“ mache ich und lächele wissend in mich hinein.



      „Wie kniest du vor Männern?“ nimmt sie den Faden wieder auf.



      „Ich muss mit gespreizten Beinen vor den Männern niederknien, es sei denn, eine freie Frau ist ebenfalls anwesend.“



      „So vielleicht?“ fragt sie erwartungsvoll und ändert ihre Position.



      „Nein,“ sage ich. „Weiter auseinander!“



      „Oh!“ Sie stöhnt leise und erzittert.



      „Genauso.“



      „Wirklich? Und das vor Männern?“



      Ich nicke. „Eventuell sogar noch offener, wenn der Herr es wünscht.“



      Sie zieht zischend die Luft ein. Eines ihrer Knie ist über die Kante der Treppenstufe gerutscht.



      „Wie du dich dabei fühlen musst…“



      „Oh ja!“



      „Wie verletzlich du so bist!“ staunt sie.



      „Ja.“



      „Wie aufregend.“



      „So sind wir uns ständig bewusst, dass wir Mägde sind – und welcher Art wir angehören.“



      „Aha.“



      „Der Mann selbst bleibt aber auch nicht unberührt davon,“ versichere ich ihr.



      Nach einer Weile, in der wir jede unseren Gedanken nachhängen, sagt sie:



      „Rosa?“



      „Ja?“



      „Gefällt es dir, dich so den Männern zu zeigen?“



      Warum muss sie als freie Frau diesen Angelegenheiten so erschöpfend nachgehen? Was versteht eine wie sie schon davon?



      „Bitte, sag es mir!“



      Ich gebe nach und antworte:



      „Ja, ich genieße es. Ich finde es sexuell anregend und halte es für richtig so.“



      „Du musst dich dabei ungemein weiblich fühlen.“



      Ich bestätige ihre Vermutung.



      „Es ist aber durchaus richtig, sich als Frau weiblich fühlen zu dürfen. Ich finde daran nichts Falsches.“



      „Ich bin eine Frau,“ erwidert sie. „Und will mich auch ungemein weiblich fühlen können.“



      „Aber du bist eine Freie Frau!“ rufe ich ihr ins Gedächtnis. „Eines der beiden Geschlechter ist dominant, das Andere eben nicht. Doch jedes sollte ehrlich zu sich selbst sein und seine Rolle in der Gesellschaft leben!“



      „Ich möchte meine Gefühle ausleben können! Gefühle, von denen ich früher nichts wusste. Ehrlich zu mir selbst sein und zwar von Grund auf!“



      „Sieh dich vor! Du bist eine Freie Frau!“ warne ich. „Freiheit ist kostbar!“



      „Ich hatte genug davon,“ platzt sie heraus. „Ich weiß, wie sie sich anfühlt. Ich steckte in einem Korsett aus Moral. Jetzt will ich etwas anderes: Die andere Art von Freiheit! Die Freiheit der Gefühle!“



      „Ich bin eine Magd und habe keine Liebe gefunden,“ halte ich dagegen.



      „Ich denke, du bist eine waschechte Kajira, Rosa,“ sagt sie leise.



      „Ja,“ antworte ich. „Das war ich schon, bevor ich hierher kam.“



      „Du genießt es, eine Kajira zu sein,“ lächelt sie.



      „Ja,“ gestehe ich ihr. „Ich liebe es, eine Kajira zu sein. Ich bin Don Emiliano und meiner Lehrerin Uéi sehr dankbar, mich eingewiesen zu haben.“



      Sie schaut auf ihre Knie. Die Beine hält sie sehr weit gespreizt. Einer ihrer reizenden Schenkel ragt unter dem Tuch hervor, dass ich ihr um die Hüfte gebunden habe. Nimmt man einer freien Frau ihr Gewand, bleibt eben dies übrig! Sie sind doch, ebenso wie wir, nichts weiter als Leibeigene! Nur eben auf andere Art.



      „Mägde, wie die die ich verkörpere, müssen aber nicht so knien, oder?“



      „Nein,“ gebe ich zu. „Man sieht in dir wohl keine Kajira.“



      Mir ist, als ziehe sie nun nur widerwillig die Knie zusammen.



      „Andererseits kann jede Magd diese Haltung annehmen, etwa um den Zorn des Herrn zu mildern, um Interesse zu wecken, oder um ihm ‚schöne Augen zu machen‘. Damit er milde gestimmt ist und sich ihren weiblichen Bedürfnissen widmet. Nicht umsonst heißt es hier ‚schöne Schenkel machen‘.“



      „Achso.“



      „Wirklich verlangt wird diese Stellung aber nur von Kajiras.“



      „Ich verstehe.“



      „Mach deinen Rücken gerade und nimm den Kopf hoch, Blick gesenkt,“ kritisiere ich.



      Sofort korrigiert sie ihre Haltung.



      „Bin ich schön?“ will sie wieder einmal wissen. „Ich meine, wirklich schön.“



      „Ja, du bist wirklich schön! Eitel, und das nicht zu wenig!“



      „Aber Mägde dürfen doch eitel sein, oder?“



      „Mag sein. Aber du bist keine Magd.“



      „Wer weiß…“ Sie lächelt.



      Wie nervend freie Frauen sein können. Ich schaue zur Seite.



      „Ich bin angezogen wie eine niedere Magd, stimmt’s?“ redet sie weiter.



      „Ja, das bist du.“



      Ich will das Gespräch für’s Erste beenden und frage:



      „Bist du ausgeruht?“



      „Ja.“



      „Dann steh auf! Wir wollen weiter.“



      Als sie steht, ziehe ich an der Leine, die ich in lockeren Schlingen in der Hand halte.



      „Ich werde dir den Basar zeigen.“



      Eine Männerstimme unterbricht uns:



      „Trödelt ihr Mägde etwa?“



      „Nein, Senor!“ rufe ich. „Wir brechen gerade auf! Los, faule Bina!“



      Ich lasse die Leine knallen, was die Senorita erschreckt.



      „Weiß sie nicht, wie sie zu reagieren hat?“ fragt der Mann und fügt zur Senorita gewandt hinzu:



      „Wie sagt man?“



      „Ja, Herrin!“ antwortet sie.



      „Sie ist den Halsreif noch nicht gewöhnt,“ entschuldige ich mich.



      „Geh nicht leichtfertig mit ihr um,“ mahnt er mich. „So erzieht man keine Mägde.“



      „Ja, Senor,“ erwidere ich.



      Ich beeile mich, mit der Senorita weiter zu kommen. Am Eingang der großen Halle mit den vielen kleinen Läden bleibe ich stehen und lasse sie zu mir aufschließen. Staunend blickt sich die Senorita um.



      „Warst du noch nie im Basar?“ frage ich.



      „Nein, solche Botengänge sind unter der Würde einer Freien Frau. Lisa ist für mich einkaufen gegangen.“



      „Pass auf – nicht umdrehen!“ sage ich. „Hinter uns steht ein Mann und schaut zu uns herüber. Er wird uns sicher gerade bewerten.“



      „Sieh nicht hin!“ sage ich nachdrücklicher, denn sie versucht den Beobachter zu entdecken. Ich hätte wohl besser nichts gesagt.



      „Ich mache einen Test: Ich werde dich sichern und mich kurz entfernen,“ rede ich weiter.



      „Sichern?“ fragt sie und zieht die Stirne kraus.



      „Ja, an einem der Ringe dort. Ich lasse dich aber nicht lange allein.“



      „Sagst du mir, was du vorhast?“



      „Nein, Bina!“



      „Na gut, Herrin.“ Sie lächelt.



      Auf dem Weg zur Wand mit den Ringen kommen wir an einem Zierspringbrunnen vorbei.



      „Darf ich etwas trinken, Rosa?“ fragt sie.



      Zwar klingt die Bitte nicht gerade überzeugend, aber ich erlaube es ihr. Dort angekommen sagt sie:



      „Ich kann keinen Becher benutzen und auch nicht mit den Händen schöpfen. Du hast mir die Arme auf den Rücken gebunden! Hilfst du mir?“



      Dann flüstert sie: „Wer ist es denn?“



      „Der da.“ Verstohlen zeige ich auf den Mann. Er trägt einen signalroten Umhang mit silberner Paspelierung und einem silbernen Abzeichen auf der linken Brustseite.



      Sie errötet und blickt zu Boden. „Er sieht gut aus,“ flüstert sie.



      „Denk daran, dass du einen Halsreif trägst!“



      Sie wird doch nicht vergessen haben, wie sich eine Magd zu benehmen hat?



      „Na, hilfst du mir nun?“ fragt sie laut.



      „Nein!“ sage ich. Was denkt sie sich bloß dabei?



      Sie wirkt überrascht, beugt sich dann aber doch nach vorn, um aus dem Strahl des Springbrunnens zu trinken.



      „Oh,“ ruft sie, als ich sie mit der Leine weiter ziehe.



      Ich entdecke einen Ring und ziehe energisch an der Leine.



      „Au,“ ruft plötzlich jemand.



      Das hat nach einer Frau geklungen. Ich schaue mich nach der Senorita um und sehe zuerst nur bauschige, reich verzierte Stoffe.



      Mein Herzschlag scheint auszusetzen.
      Meine Schutzbefohlene ist in ihrem Eifer, den Mann in Rot in der Menge zu beobachten mit einer freien Frau zusammengestoßen.



      „Eine Magd!“ ruft die Gestalt in dem Gewand entgeistert. „Ich bin von einer Magd berührt worden!“



      Die Senorita steht schwankend und fassungslos da. Sie begreift die Situation noch nicht vollständig. Ich bin sofort auf die Knie gefallen.



      „Dreckige Sklavin!“ tönt es erbost aus dem Stoff.



      Diese Behauptung ist streng genommen nicht korrekt, denn momentan ist die Senorita auf jeden Fall wohl sauberer als diese freie Frau. Sie hatte ausgiebig gebadet, bevor wir losgegangen sind. Zwar mag man Leibeigene in unhygienischer Umgebung unterbringen, zumeist als Bestrafung, aber davon abgesehen bestehen die Senores auf hohe Reinlichkeit. Der Herr achtet penibel darauf. Dass sich diese Frau nun derart ausdrückt, rührt eher daher, dass sie höchst empört ist.



      „Ich bin nicht dreckig!“ ruft mein Schützling – ein dummer Fehler, sicher!



      „Ungeschicktes Pack!“ schimpft die Beleidigte und ruft den Umstehenden zu: „Seht, sie steht aufrecht! Sie steht aufrecht!“



      „Knie nieder!“ dränge ich die Senorita leise. „Knie sofort nieder und beuge deinen Kopf zu Boden!“



      „Tollpatschige, bornierte, Halsreiftragende Hündin!“



      „Du bist genauso schuld am Zusammenstoß wie ich!“ erwidert die Senorita.



      ‚Wehe!‘ schreit es in mir. ‚Sie hat alles vergessen!‘



      Ist ihr nicht bewusst, dass sie einen Halsreif mit Leine trägt? Dass sie nur ein Tuch um die Hüften gebunden hat? Sie führt sich auf wie eine Freie.



      Dann, plötzlich geht ein Ruck durch ihren Körper. ‚Bina‘ scheint sich endlich schlagartig bewusst zu werden, in welcher Situation sie sich befindet. Sie sinkt zeitlupenartig auf die Knie.



      „Man bringe mir eine Rute!“ schreit die freie Frau.



      Die Senorita blickt erschrocken auf.



      „Bitte um Vergebung,“ flüstere ich ihr zu.



      „Es war doch nicht mein Fehler,“ antwortet sie mir flüsternd.



      „Eine Rute!“ verlangt die Freie.



      „Ihr seid wohl zu gleichen Teilen schuld. Das ändert aber nichts daran, dass sie eine Freie ist. Entschuldige dich bei ihr!“ flüstere ich zurück.



      „Sie entschuldigt sich aber auch nicht bei mir,“ hält sie mir entgegen.



      Ein Junge bringt die gewünschte Rute aus dem nächstliegenden Laden. Die Freie nimmt sie in die Hand.



      „Bitte endlich um Vergebung!“ dränge ich die Senorita leise.



      „Verzeihung,“ ruft meine Schutzbefohlene unverhofft. „Verzeihung!“



      „Senora –Herrin-!“ wispere ich kaum hörbar. Am liebsten wäre ich im Boden versickert.



      „Verzeihung, Senora!“ berichtigt sie sich.



      „Du bittest um Verzeihung?“ fragt die Freie mit spöttischem Tonfall.



      „Ja, Senora,“ bekräftigt die Senorita.



      „Aber sicher doch,“ spottet die Freie. „Du wirst mich gleich noch inniger um Verzeihung bitten!“



      „Bitte, Senora!“ werfe ich dazwischen. „Ich trage die Verantwortung für sie. Es ist meine Schuld. Ich habe nicht gut genug auf sie achtgegeben.“



      Die Freie schaut finster auf mich herab.



      „Ich bin schuld,“ wiederhole ich. „Schlag mich, nicht sie.“



      Mir ist entsetzlich zumute bei dem Gedanken daran, die Senorita würde verprügelt. Sie ist nicht dazu geschaffen, sondern frei.



      „SIE war es aber, die mir im Weg stand,“ antwortet mir die Freie. „SIE war es, die sich erdreistete, das Wort gegen mich zu erheben, und SIE war es, die nicht achtgab, wohin sie ging.“



      „Senora, bitte,“ flehe ich.



      „Sei still, Magd!“ Sie hebt die Rute drohend.



      „Ja, Senora,“ sage ich noch, bevor ich schweige.



      Dann widmet sie sich meiner Schutzbefohlenen.



      „Die dumme Magd bittet also um Verzeihung?“ beginnt sie süßlich säuselnd.



      „Ja, Senora,“ antwortet die Senorita zitternd.



      „Dann wollen wir mal sehen!“



      Inzwischen hat sich eine Traube Zuschauer um uns gebildet. Ich sehe noch, wie sie ausholt, schließe aber schnell die Augen.



      „Warte!“ höre ich plötzlich die Stimme eines Mannes. „Zeichne sie nicht. Sie besitzt vielleicht einen Wert auf der Auktion.“



      Die Freie dreht sich zu dem Mann um, nach wie vor wütend, nimmt dann aber den Arm herunter.



      „Du bist wütend,“ sagt er zu der aufgelösten Frau, „ aber dies könnte eine Wertminderung nach sich ziehen.“



      „Sie besitzt keinerlei Wert!“ behauptet die Freie.



      Der Mann dreht sich zu mir um.



      „Sie trägt ihren Halsreif noch nicht lange?“



      „Nein, Senor,“ bestätige ich dankbar.



      Dann schaut er meine ‚Magd‘ an.



      „Je schneller du lernst mit dem Halsreif zu leben, desto besser für dich, du zartes Täubchen.“



      Die Senorita nickt ängstlich.



      „Welche Entschädigung erhalte ich?“ fragt die Freie, die Rute fest in der Hand.



      „Auf den Bauch, Magd!“ bellt der Mann die Senorita an.



      Sie gehorcht unverzüglich, und auch ich hätte mich beinahe flach ausgestreckt, obwohl ich nicht angesprochen bin. Seine Stimme klingt so herrisch wie die von Don Emilianos Wachen. Er spricht in einem Tonfall, dem sich eine wie wir instinktiv fügt. Selbst die Freie macht einen Schritt rückwärts.



      „Zu ihren Schuhen, Mägdchen!“ befiehlt der Mann. „Und bitte sie um Verzeihung, wie es sich gehört!“



      Die Senorita robbt sofort entsetzt nach vorn, mit auf dem Rücken gebundenen Armen, und küsst das Schuhwerk der Freien.



      „Verzeihung, ich bitte dich, Senora! Bitte sehe mir das Vergehen nach, wunderbare Herrin!“



      „Genug!“ sagt diese nach einer Weile.



      Sie reicht die Rute wieder dem Jungen, der sie ihr eben gebracht hat. Der Mann schaut auf die Senorita herunter. Ich halte nach wie vor die Leine.



      „Wenn du weiterleben willst, dann beeile dich, deinen Halsreif richtig kennenzulernen, kleines Täubchen,“ sagt der Mann. „Hast du mich verstanden?“



      Die Senorita, immer noch unter Schock, nickt sehr entschieden mit dem Kopf.



      „Ich danke dir, Senora,“ sagt der Mann zu der Freien.



      „Nicht der Rede wert,“ erwidert sie mit leicht zittriger Stimme.



      „Du bist mindestens genauso hübsch wie gnädig,“ raspelt der Mann weiter Süßholz.



      Sie fasst sich verlegen an den Schleier und rückt ihn gerade.



      „Ein schöner Tag heute,“ plänkelt er weiter. „Darf ich mir das Recht herausnehmen, Sie zu begleiten? In den hydroponischen Gärten blühen gerade die Kirschen.“



      „Oh, sehr gerne!“ sagt die Freie etwas atemlos.



      Darauf bietet er ihr seinen Arm an, den sie zögerlich erfasst. Beide verlassen die Szene und auch die Menge zerstreut sich.



      Mich hat dieses Wesen der Männer, die ich hier in Kak Aute kennen gelernt habe, zuerst ziemlich verwirrt. Diese uns gegenüber so kompromisslosen Männer werden schwach, wenn es um Blumen im Besonderen, Natur im Allgemeinen geht! Denkbar scheint es mir zu sein, dass sie sich in einem Umfeld, das ihnen ihre natürlichen Rechte der Virilität und Herrschaft zusichert, leisten können, voll und ganz Mann zu sein, statt kultureller und politischer Männlein. Sie sind eben auch komplexe Charaktere, die sich eine Schwäche leisten. Die andere Seite ihres Wesens macht sie zu Naturfreunden.



      Gleichzeitig kommt es mir schon seltsam vor, dass diese großen Naturfreunde – andersherum betrachtet – nicht lange fackeln, wenn es darum geht, eine Frau zu ihren Füßen zu halten. Doch auch hier bricht der Wesenszug des Naturfreundes durch. Ihm käme es nie in den Sinn, die Frau zu ihrem Spielzeug zu degradieren. Ihr Respekt gegenüber der Natur wirkt sich auch in der Zweierbeziehung aus: Im Respekt vor den Gefühlen der Frau, in der Achtung vor ihrem Dienst, in der Verantwortung für ihr Wohl.



      Oder geht es tiefer? Nehmen sie den Krieg wahr, der unterschwellig zwischen den Geschlechtern tobt? Beziehen sie gleichzeitig mit ein, dass wir uns wünschen, bezwungen, erobert und kleingemacht zu werden? Lange habe ich nicht gebraucht, bis ich für mich herausgefunden habe, dass dieser Gegensatz im Charakter nur scheinbar ein Paradox ist. Der Hang, über die Natur beschützend die Hand zu halten und die gleichzeitige Unterwerfung der Frauen, all dies hängt in Wirklichkeit zusammen!



      Sie zwingen uns nicht nur deshalb vor ihre Füße, weil sie uns kennen, dass wir erobert werden wollen, und dass sie uns als Gegenspieler kennen, sondern letztlich an ihrer Verbundenheit mit der Natur, die sie um keine Handbreit aufgeben wollen. Darum zwingen sie uns vor ihre Füße, wohin wir auch gehören! Männer, die zu schwach sind, verachten wir, denn sie leugnen nicht nur ihre Männlichkeit, sondern verhindern auch, dass wir unsere Bestimmung finden. Wir wollen nur, dass wir besessen werden, unseren Herren aufwarten und lieben. Ist das zuviel verlangt?



      „Sie sind weg,“ flüstere ich der Senorita zu. „Steh auf!“



      Sie kommt auf die Knie hoch. Bauch und Brust mit kleinen Schürfwunden übersäht. Sie schwankt ein wenig und zittert.



      „Ich wäre beinahe geschlagen worden!“ sagt sie entsetzt.



      „Du trägst einen Halsreif und bist wie eine Magd angezogen,“ halte ich ihr vor Augen.



      „Ich hätte mit der Rute geschlagen werden können!“ wiederholt sie, immer noch im Erlebnis gefangen.



      „Natürlich! Ich bin überrascht, dass es nicht passiert ist,“ erwidere ich.



      „Warum?“



      „Weil dich die Rute nicht sichtbar gezeichnet hätte! Nicht von den schwachen Händen einer Frau. Sicher, du hättest Striemen davongetragen, die aber nach ein oder zwei Tagen verschwunden wären.“



      „Und wieso wurde ich dann verschont?“



      „Er befürchtete wohl, dass sie nicht weiß, wie man eine Magd richtig schlägt. In ihrer Rage hätte sie einfach drauflos schlagen können und dich vielleicht im Auge verletzten können. Das hätte deinen Wert beträchtlich gedrückt.“



      Sie erschauert. Ihr läuft es wohl eiskalt den Rücken herunter.
      „Eigentlich gehe ich aber davon aus,“ rede ich weiter, „dass er gemerkt hat, dass du keine wirkliche Magd bist, sondern etwas anderes, etwa eine Gefangene, was ja auch stimmt. Dann ist er eingeschritten, um dir die Herabsetzung zu ersparen.“



      „Das hältst du für wahrscheinlich?“



      „Ja. Denk mal an deine Vergangenheit als Freie. Hätten die Leute um uns etwas dagegen, wenn du eine Magd bestrafst?“



      „Nein,“ sagt sie. „Wenn sich eine Magd Fehltritte leistet, wird sie gemaßregelt. Das weiß jeder!“



      „Deshalb ist es sehr unwahrscheinlich, dass jemand einschreitet.“



      „Stimmt. Es käme ihnen normal vor. Sie würden stehenbleiben, die Magd verspotten und ihr raten, sich durch die Erfahrung, geschlagen zu werden, belehren zu lassen.“



      Ich will langsam weiter und frage sie:



      „Bist du imstande, aufzustehen?“



      „Ja.“



      Eine Männerstimme in unserer Nähe sagt:



      „Es wäre verdient gewesen!“



      Erschrocken blicken wir beide noch im Knien auf. Die Senorita hält den Atem an und duckt sich. Es ist der Mann mit dem signalroten Umhang. Er gehört zur Wache von Kak Aute und untersteht Don Marco, zu dessen Haus ich gehöre.



      „Heb den Kopf hoch, Magd!“ befiehlt er.



      Sie gehorcht und hält sich betont gerade. Man sieht ihr die Angst an. Ohne Eile umkreist er uns und sieht sie sich von allen Seiten genau an. Als er wieder vor ihr steht, sagt er zu mir:



      „Ein hübsches Gesicht, geschmeidige Kurven, wunderschönes Haar. Alles in allem gut gepflegt!“



      „Ja, Senor,“ antworte ich.



      „Du hättest ausgepeitscht werden müssen!“ richtet er sich wieder an die Senorita.



      „Sicher, Herr,“ stimmt sie zu.



      Ich bin verblüfft. Zum ersten Mal höre ich, wie sie einen Mann ohne Vorbedingungen und ohne ironischen Unterton ‚Herr‘ nennt.



      „Und wieso ist es nicht passiert?“



      „Ich weiß es nicht, Senor.“ Sie wirkt zerknirscht.



      Er sieht mich an.



      „Ich auch nicht, Senor,“ sage ich.



      „Du hattest großes Glück,“ sagt er zu ihr.



      „Ja, Senor.“



      „Ich selbst wäre nicht so nachsichtig gewesen.“



      „Ja, Senor.“



      Er gehört wohl zu der Sorte, die sich keinen Zwang antun.



      „Wurde sie bereits in die Peitsche eingewiesen?“ fragt er mich.



      „Nein, Senor,“ gebe ich zu.



      „Dann trägt sie ihren Halsreif wirklich erst kurze Zeit.“



      „Ja, Senor.“



      „Sie hätte beinahe die Freie Frau umgelaufen. Sie ist also offensichtlich dumm.“



      „Nein, Senor. Sie muss bloß noch eine Menge lernen.“



      „Dann hat es nichts mit Stumpfsinn zu tun?“



      „Nein, Senor,“ beteuere ich.



      „Sie ist also mehr oder weniger intelligent.“



      Er scheint Interesse an ihr zu haben.



      „Ja, Senor. Sehr intelligent, würde ich behaupten.“



      „Na, wunderbar,“ freut er sich.



      Er schaut mich an und schnippt mit den Fingern.



      „Halsreif!“



      Geschult, wie ich bin, springe ich sofort auf und stelle mich dicht, ja, schon fast unangenehm nahe vor ihm auf. Mit den Händen hebe ich die Haare im Nacken hoch und hebe das Kinn. Er hakt seine Finger in den Halsreif und dreht ihn bis er die Aufschrift lesen kann. Dabei nehme ich seinen Geruch wahr und mir wird ganz warm zwischen den Beinen. So muss ich verharren, bis er mich wieder loslässt.



      „So so, du gehörst zum Haus des Don Marco und bist Rosa. Du kamst mir gleich bekannt vor!“



      Mir wird weich in den Knien. Ich habe das Gefühl, dass meine Beine aus Gummi bestehen müssen.



      „Ja, Senor. Ich diene im Gastraum.“



      Er lässt mich los, woraufhin ich auf der Stelle auf die Knie sinke.



      Dann schaut er zur Senorita und schnippt abermals. Unsicher erhebt sie sich und kommt näher. Dass sie ihm dann aber derart dicht auf den Leib rückt… Es kommt mir vor, als will sie mich übertreffen. Ihr Kinn schiebt sie kokett vor. Er schiebt seine Finger unter ihren Halsreif und zwingt sie noch näher an sich, sklavisch nahe, was sie mit einem erschreckten Schnaufen quittiert. Er hat sie fest im Griff. Ich verkrampfe mich in der Anspannung. Sie ist eine freie Frau. Welches Gefühlschaos muss jetzt in ihr toben…



      Sie, eine freie Frau, bisher höchst distanziert, muss sich halbnackt und wirklich hautnah einem angekleideten, maskulinen Mann präsentieren!



      „Bina,“ liest er. „Aus dem Hause Don Genaros.“



      „Da sie dir überantwortet wurde,“ sagt er zu mir, „muss sie sich wohl irgendwie in Verwahrung befinden, bis über sie entschieden wird.“



      Ich schweige.



      Er lässt das Halsband der Senorita los und ermahnt sie:



      „Rühr dich nicht von der Stelle!“



      „Ja, Senor,“ versichert sie.



      „Mägdelippen!“ befiehlt er nun



      Sie schaut ihn verständnislos an.



      „Mach einen Kussmund!“ präzisiert er.



      Sie gehorcht zwangsweise.



      „Schließe die Augen!“



      Auch das tut sie. So steht sie nun vor ihm.



      „Ich finde ihre Lippen reizend,“ sagt er nachdenklich.



      „Bitte, bitte, Senor,“ sage ich.



      „Bina, ich werde dich jetzt küssen,“ kündigt er an.



      „Herr,“ rufe ich verängstigt.



      Er steht noch eine Weile da und spannt sie auf die Folter. Sie hält die Lippen befehlsgemäß gespitzt und die Augen geschlossen. Als sie ihr Kinn noch weiter anhebt und den Hals lang macht, um ihm ihre Lippen darzubieten, bin ich genauso überrascht wie empört. Wie schamlos von ihr als freier Frau! Sie bietet sich ihm geradezu an. Kann es sein, dass die Senorita zur Magd mutiert?



      Dann schließt er sie mit einem kehligen Lachen in die Arme und kostet im wahrsten Sinne des Wortes von ihren Lippen. Es dauert vielleicht drei Minuten, dann lässt er von ihr ab, und die Senorita sinkt auf der Stelle auf die Knie. Sie schaut mit weit aufgerissenen Augen geradeaus und scheint sichtlich erschüttert. Dann beginnt sie zu zittern und ich befürchte schon, dass sie auf dem Steinfußboden zusammenbricht. Er geht neben ihr in die Hocke und befühlt ihren Unterleib.



      „Sie trägt keinen Eisengürtel,“ stellt er fest.



      „Sie hat keine Pille...“ erkläre ich schnell. „Bitte, Senor, ich flehe dich an: Tu es nicht!“



      Er steht wieder auf.



      „Keine Sorge,“ beruhigt er mich.



      „Dürfen wir gehen?“ frage ich schnell.



      „Sie ist noch sehr naiv,“ redet er weiter. Wir sind also noch nicht entlassen.



      „Ja, Senor.“



      „Schade,“ bedauert er.



      „Ja, Senor,“ pflichte ich ihm bei.



      „Seid ihr regelmäßig hier?“



      „Dies ist das erste Mal.“



      „Sehen wir uns wieder?“



      „Ich weiß nicht, ob man uns wieder Freigang gibt,“ erkläre ich.



      „Und wenn?“



      „Dann vielleicht, Senor.“



      „Dann treffen wir uns vielleicht wieder.“



      „Ja, Senor, vielleicht.“



      „Ihr dürft gehen.“



      „Danke, Senor.“



      Wir drehen uns zum Ausgang der Halle.



      „Stopp!“



      Wir halten ein.



      „Bleibt genauso stehen!“ befiehlt er. „Nicht niederknien!“



      Wir bleiben stehen, wie er es verlangt, mit dem Rücken zu ihm.



      „Wann wird sie veräußert?“ fragt er.



      „Ich weiß es nicht, Senor,“ antworte ich.



      „Ist natürlich nicht so wichtig,“ rechtfertigt er sich sofort.



      „Gut, Senor.“



      „Geht!“



      „Ja, Senor.“



      Ich ziehe die Senorita schnell hinter mir her. Nachdem wir um die nächste Gangbiegung außerhalb der Halle gebogen sind. Schaue ich mich um. Die Senorita bleibt ebenfalls stehen und fragt:



      „Glaubst du, wir sehen ihn wieder?“



      „Davon ist auszugehen! Aber auch, wenn wir keinen Ausgang mehr erhalten! Er weiß, wo du lebst. Er braucht Don Genaro nur einen Besuch abzustatten.“



      „Er hat mich einfach geküsst!“



      „Ärgere dich nicht darüber. Er hielt dich für eine Magd und wusste nicht, dass du eine Freie bist.“



      „Glaubst du, er mag mich?“



      „Es ist möglich, dass er sich für dich interessiert.“



      „Interessiert?“



      „Ja.“



      „In Bezug auf was?“



      „Auf eine Magd!“ betone ich.



      Sie stöhnt auf.



      „Aber die halbe Männerwelt mag dich so sehen,“ füge ich hinzu. „Und dass du ihnen gehörst.“



      „Findest du wirklich?“



      Und nach einem Atemzug: „Nie zuvor bin ich geküsst worden!“



      Die Senorita wirkt nachdenklich.



      „Ich hätte nie gedacht, dass ein Kuss so intensiv sein kann…“ sinniert sie.
      „Was Männern in der Welt der Freien verwehrt bleibt, holen sie sich bei den Mägden,“ sage ich. „Hier kann ihre natürliche Dominanz unbeschwert und losgelöst von künstlichen Beschränkungen und Hemmungen aufblühen.“



      Sie schüttelt sich.



      „Können sie nur in einer solchen Umgebung echte Männer sein?“



      Ich bestätige es ihr und ergänze: „So können auch wir nur in solcher Umgebung echte Frauen sein!“



      Ich ziehe sie weiter, denn wir müssen bald zurück sein, wenn wir nicht eine Suche auslösen wollen. Denn dann würden wir unweigerlich streng bestraft.



      *



      Als ich mich an diesem Abend wieder in ihrem Zimmer schlafen legen will, verwickelt mich die Senorita wieder in ein Gespräch.



      „Du wirst mich doch wieder mit nach draußen nehmen, nicht wahr?“



      „Ich kann den Senor wieder darum bitten.“



      „Erinnerst du dich an den Mann aus der Wache dieses Ortes?“



      „Ja, was ist mit ihm?“



      „Er war so herrisch, so kompromisslos, so besitzergreifend…“



      „Es war ein Mann.“



      „Ich fühlte mich unwohl, verängstigt, schwach.“



      „Es ist vorbei. Du bist jetzt hier. Hinter den Gitterstäben bist du sicher,“ sage ich.



      Sofort scheint sie entspannter zu atmen.



      „Da er mich geküsst hat,“ beginnt sie nach einer Weile wieder. „Glaubst du, er mag mich?“



      „Eventuell interessiert er sich für dich als Magd.“



      Sie lächelt teils schüchtern, teils stolz.



      „Mochtest du ihn?“ frage ich.



      „Überhaupt nicht!“ weist sie diese Möglichkeit von sich. „Ist dir nicht aufgefallen, wie er mich erniedrigte? Wie er mich von allen Seiten anstarrte wie auf einem Präsentierteller – so als sei ich eine Magd.“



      „Er hielt dich für eine!“



      „Mich?“



      „Wen sonst?“



      „Dann rief er mich zu sich, um meinen Halsreif zu lesen. Mit einem einfachen Fingerschnippen! Als sei ich eine gehorsame Hündin!“



      „Er wollte eben die Besitzverhältnisse klären.“



      „Deinen hat er zuerst gelesen.“



      „Ich hielt ja die Leine. Aber dass er sich ausschließlich für dich interessierte, zeigte er mehr als eindeutig.“



      „Oh,“ macht sie, um nach einer Gedankenpause hinzu zu fügen: „Ich hasse ihn. Dieses arrogante Ekel. Ich hasse ihn.“



      „Sag bloß.“



      „Ja,“ beteuert sie. „Ja.“



      „Wenn du eine Magd wärst, hätte es keinerlei Bewandtnis, ob du ihn magst oder nicht. Du müsstest ihm in jedem Fall bis zur Perfektion dienen, mit deinem Äußeren, deinem Tun und in deinen Gedanken. Ganzheitlich! Und falls er etwas zu bemängeln hätte, würde dich streng bestrafen.“



      Wieder entsteht eine kurze Pause. Ich will mich schon zur Wand drehen, da redet sie weiter.



      „Rosa?“



      „Ja?“



      „Warum hast du mich gefragt, ob ich ihn mochte?“



      „Ich dachte…“



      „Das ist doch absurd!“



      „Mir fiel nur dies und das auf…“



      „Zum Beispiel?“



      Sie schaut mich herausfordernd an.



      „Wie du die Beine vor ihm gespreizt hast.“



      „Habe ich nicht!“



      „Hast du doch! Und je länger er dich musterte, hast du sie noch weiter geöffnet.“



      „Wirklich?“



      „Ja. So etwas kann aber auch unbewusst geschehen. Oft ergreifen die Gefühle von einem Besitz und hinterher kann man sich nicht erinnern, weil man so etwas für undenkbar hält.“



      Sie drückt die Finger auf ihre Lippen, als hätte sie Angst, sie könne etwas Bestimmtes sagen.



      „Das gleiche gilt für eine Magd,“ rede ich weiter, „die – auf dem Bauch liegend – ihr Hinterteil in die Höhe streckt, um beim Herrn lüsterne Gedanken zu wecken, um so vielleicht einer Bestrafung zu entgehen.“



      „Oh.“



      „Um seinen Zorn zu bändigen, ihn sanft zu stimmen. Solche Dinge eben,“ ergänze ich.



      .

      .

      .



      -4-




      Don Genaro gefällt die Entwicklung, die mit der Senorita vor sich geht, und so erlaubt er ihr einige Tage später einen weiteren Ausflug unter meiner Aufsicht. Ob der Wächter in der Zwischenzeit bei dem Senor vorstellig geworden ist, weiß ich nicht. Wenn doch, ob Don Genaro die Senorita veräußern würde, weiß ich auch nicht recht.



      Ich habe inzwischen herausgefunden, wie der Senor und die Senorita zueinander stehen. Er hat um sie gefreit und sie hat ihn brüsk abgewiesen. Dann hat er sie im Liebeskrieg gewonnen. Nun ist sie ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er hätte sie in die Schule Don Emilianos stecken und ausbilden lassen können. Dann wäre sie bald eine gehorsame Magd und er könne sich an ihrem Dienst erfreuen. Stattdessen hält er sie gefangen. Wie ich es verstehe, will er ihr eine Lehre für die Zurückweisung erteilen und auch Don Marco, ihr Ziehvater und mein Hausherr, teilt diese Ansicht.



      In der Gefangenschaft verliert sie allmählich alle Dünkel einer Freien Frau. Sie ist darin ihre eigene Lehrmeisterin. Ich fungiere allenfalls als Demonstrationsobjekt, Beispiel und ‚Spiegel‘ für sie. Gleichzeitig hat man sie meiner Fürsorge anheim gestellt und sie mir unterstellt.



      Wir gehen also ungefähr eine Woche später wieder durch den Ort und sind bald wieder auf dem Basar. Ich führe sie zu dem Ring an der Wand und befehle ihr, sich nieder zu knien. Dann binde ich die Leine daran fest. Es gibt im Ort überall Stellen, wo Tiere und Mägde nicht hin dürfen, oder wohin ein Herr seine Magd nicht mitnehmen will. Dafür sind die Ringe gedacht.



      „Siehst du ihn irgendwo?“ fragt die Senorita.



      „Er wird bestimmt bald hier sein. Es ist die gleiche Tageszeit,“ versichere ich ihr.



      „Findest du die Ta’teera schön?“ fragt sie weiter.



      „Ja.“



      Wir haben dieses Mal das Gleiche an, ein oberschenkellanges Hemd, das über der linken Schulter durch eine Schleife gehalten wird.



      „Glaubst du, ich gefalle ihm so?“



      „Ja.“



      „Hoffentlich,“ überlegt sie besorgt.



      „Mit dem Halsreif kann jede Frau genauso gut nackt sein,“ entgegne ich ihr.



      „Oh – solange ich knie, finde ich ihn nicht!“



      Sie schaut vorwurfsvoll zu mir auf.



      „Dir steht es nicht zu, jemand zu finden! Du wirst gefunden, falls dich irgendwer für interessant hält!“



      Ich binde sie nahe an den Ring.



      „Bitte, Rosa!“ fleht sie. „Gib mir mehr Spielraum. Ich will den Boden mit den Lippen berühren können!“



      „Oh, soweit bist du schon?“



      „Ja,“ ruft sie entschieden und trotzig.



      Ich lasse ihr mehr Leine.



      „Danke, Rosa,“ sagt sie. „Vielen Dank.“



      „Ich bin gleich wieder da,“ verspreche ich ihr.



      „Siehst du ihn?“



      „Nein. Nicht aufstehen!“



      Dass Mägde aufstehen wäre vollkommen unüblich. Meist knien, sitzen oder liegen sie vor dem Ring.



      „Ja, Herrin,“ sagt sie.



      Wie selbstverständlich, wie schnell und zwanglos ihr dieser Ausdruck über die Lippen kommt… Nun gut, er gehört sozusagen zu ihrer Tarnung. Sie scheint mir in ihrem Innersten kein schlechter Mensch zu sein. Was ich über sie in Erfahrung gebracht habe, aus der Zeit vor ihrer Gefangennahme, ist wohl anerzogen gewesen. Wenn ein junger Mensch erfährt, dass Andere vor ihr kuschen, dann kann das schnell zu Kopfe steigen. Wenn nun Ihr Vater damals ihr nicht Einhalt geboten hat und keine moralische Normen vermittelt hat – sicher weil er als alleinerziehender Vater und vollzeit Berufstätiger (ein Selbständiger arbeitet ‚selbst‘ und ‚ständig‘) wenig Zeit für sie gehabt hat – dann entwickeln sich eben diese Wesenszüge, die sie nun zunehmend verliert.
      Ihre Magd, die ihr als Kammerzofe gedient hat, ist zwischen die Fronten dieses Geschlechterkampfes geraten. An ihr hat die Freie Frau Senorita Maria Elena nach Herzenslust ihre Eitelkeit ausgelassen. Sie hat vormals die Arroganz der Senorita zu spüren bekommen. Die Freie lässt sich an der Unglücklichen aus und ist ungestraft damit durchgekommen. Die Zofe der Senorita hat dabei als Musterexemplar ihrer Art herhalten müssen, die sie vordergründig verachtet – tief in ihrem Innern jedoch beneidet hat, wie sich allmählich herausstellt.



      Ich entferne mich nun, um im Basar etwas einzukaufen, sehe aber unseren Bekannten aus der Wache aus der Menge treten und auf die Senorita zugehen.



      Sie muss ihn fast gleichzeitig mit mir erkannt haben, denn sie senkt den Blick und nimmt sofort eine betont possierliche Haltung an. Sie will bestimmt gespielt überrascht den Kopf heben und ihn anstrahlen. Seit einigen Tagen erlaubt ihr Don Genaro die Pille. Wer weiß schließlich schon, was alles in den Gängen und Hallen Kak Autes geschehen kann.



      Der Wächter hat die Senorita jetzt erreicht. Ich beobachte, wie sie ihn schüchtern von unten herauf anschaut und denke, dass sie zu seinen Füßen authentisch wie eine Magd ausschaut. Da sie nun die Pille regelmäßig nimmt, muss ich mir keine Sorgen machen, wenn ich sie allein am Ring zurücklasse.



      Dennoch wird es unter den Besitzern als Dreistigkeit oder Beleidigung aufgefasst, wenn ein Anderer als ihr Herr sie nötigt oder gar besteigt, ohne dass sie ihm angeboten wird. Außer vielleicht, dass ein freier Mann eine Magd bei einer Tat erwischt und sie zur Strafe nötigt oder besteigt, etwa weil sie einen Mangel an Respekt gezeigt hat. Die Männer hier verfügen über Mittel, uns zu zeigen, dass wir Mägde sind, und eines davon ist der Geschlechtsverkehr. Dies weiß der Wächter, denn er muss die Einhaltung der Regeln durchsetzen, die sich die Gemeinschaft gibt. Dies ist sein Beruf, und auch er selbst darf sich nicht darüber hinweg setzen.



      In meiner Heimat Haiti habe ich, obwohl ich von Natur aus eine Magd – ja, eine Kajira bin - als frei gegolten, von Rechts wegen. Hier erst kann ich Ich sein.



      Ich drehe mich schnell um und gehe meinen Besorgungen nach. Im Gedränge auf dem Basar spüre ich einen leichten Schmerz. Jemand hat mich unverhofft gezwickt.



      „Au,“ rufe ich.



      Ein Mann lacht derb. Man beschwert sich als Magd natürlich nicht über solche kleinen ‚Aufmerksamkeiten‘, sondern muss sie in Kauf nehmen. Ein Zwicken, eine Berührung, ein erzwungener Kuss, etwa seitlich auf den Hals, während man kurz festgehalten wird, wird unter den Besitzern toleriert. Im Grunde handelt es sich dabei um Schmeicheleien. Eine Magd, die keine Reaktionen dieser Art herauf beschwört, ist von nur geringem Interesse und darf damit rechnen, dass ihr Herr sie bald an einen Auktionator weiter reicht.



      Bald habe ich den kleinen Rucksack voll und kehre zur Senorita zurück. Dann führe ich sie zur Wohnung Don Genaros und sperre sie wieder in ihren Käfig, um danach ihr Essen zu bereiten. Sie ist auf dem Rückweg auffallend still.



      Sie fragt nach Don Genaro und als dieser endlich von der Arbeit kommt, lässt er sich die Senorita vorführen. Sie geht vor ihm auf die Knie und krabbelt näher, um dann seine Schuhe zu liebkosen. Dabei flüstert sie unaufhörlich:



      „Gnade, Senor. Ich bitte vielmals um Verzeihung. Bitte erweist mir eure Gnade, Senor.“



      Er sagt nur:



      „Halsreif!“



      Dabei schaut er mich an, doch ich zucke mit den Schultern, und gehe nun auch auf die Knie. Die Senorita macht ihren Rücken kerzengerade und hebt ihre Haare an. Don Genaro dreht den Halsreif etwas und entfernt einen Anhänger. Dann liest er laut vor, was darauf steht:



      „Die Magd Bina hat mir, Don Ernesto, Hauptmann der Wache in Kak Aute, den nötigen Respekt vermissen lassen. So sah ich mich gezwungen, sie auf der Stelle zu bestrafen.“



      Ich habe das Gefühl, mein Herzschlag setzt aus. Ist die Senorita in frühere Verhaltensmuster zurück gefallen? Zeigt meine Ausbildung nicht die nötigen Früchte? Werde ich nun gemeinsam mit der Senorita bestraft? Dass der Mann zur Wache gehört, das erkennt man an der Farbe des Umhangs. Die Wache hat bisher noch keinen Hauptmann gehabt, beziehungsweise Don Marco selbst hat bisher als Befehlshaber der Wache fungiert. Der Wechsel muss sich ganz kurz nachdem ich die Ausbildung der Senorita übernommen habe, geschehen sein. Daher das silberne Abzeichen am Umhang!



      „Du bittest um Gnade?“ fragt Don Genaro streng. „Hol die Peitsche!“



      Zitternd steht die Senorita auf und geht zur Wand, wo die Peitsche hängt. Sie nimmt sie in die Hand und nähert sich Don Genaro. Vor ihm geht sie auf die Knie und reicht ihm das Züchtigungsinstrument mit gesenktem Kopf. Er nimmt ihr die Peitsche aus der Hand und rollt sie sauber auf. So sie in der Hand haltend, streckt er den Arm aus und hält ihr die Peitsche etwa eine Handspanne vor das Gesicht.



      „Küss die Peitsche, Bina! Du bist doch Bina?“



      „Ja, Senor, ich bin Bina! Deine Magd Bina dankt ihrem Senor! Vielen Dank, Senor!“



      Sie beugt sich der Hand mit der Peitsche entgegen und küsst sie innig. Ich habe den Eindruck als tut sie dies mit fast hypnotischer Faszination, liebevoll und zärtlich. Ich sehe ihre Zunge hervorblitzen. Damit fährt sie über das Leder, sanft, sinnlich und liebkosend. Immer und immer wieder.



      Dann zieht Don Genaro die Peitsche weg. Die Senorita schaut zu ihm auf.



      „Du hast deine Lektion gelernt? Du wirst den Männern, ganz gleich, wer es ist, nie wieder den Respekt vermissen lassen? Du wirst dich stets der Peitsche erinnern, denn sie könnte dich auch schmerzhaft beißen!“



      Während er spricht, nickt sie mehrfach und Tränen stehen in ihren Augen. Nachdem er geendet hat, flüstert sie nur:



      „Ja, Senor, ja!“



      „Dann geh wieder in deinen Käfig zurück!“



      So schnell ist sie noch nie in ihrem Käfig gewesen, wie dieses Mal!



      Am Abend, bevor wir einschlafen, schüttet mir die Senorita ihr Herz aus.



      „Rosa?“



      „Ja.“



      „Ich war heute auf dem Plaza de Isla Gorea angekettet, als der Senor zu mir trat.“



      „Ja.“



      „Er hat mich angesprochen, aber dann hat er sich verärgert gezeigt und mir befohlen die Augen zu schließen.“



      „Oh?“



      „Ja, er hat mir meine Verfehlung vorgeworfen und gefragt, ob ich Feuer habe. Ich verstand nicht, und habe gefragt: ‚Herr?‘“



      „Und?“



      „Ich saß auf meinen Fersen, die Beine weit gespreizt. Nun sollte ich mich hintenüber beugen. Ich fürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren, dann aber spürte ich seine Arme in meinem Rücken…“



      „Was passierte dann?“



      „Er legte mich sanft ab. Dann spürte ich seine Finger zwischen meinen Beinen. Er spreizte meine Knospe. Mir wurde ganz anders. Ich versuchte zu flüchten, aber die Leine hielt mich.“



      „War er mit seiner Inspektion zufrieden?“



      „Ich denke… Er lachte kurz und hob mich an. Mit dem Rücken an der Wand, die Beine in der Luft, spürte ich etwas in mich eindringen…“



      „Oh.“



      „Ich hielt die Augen weisungsgemäß fest verschlossen.“



      „Du wirst deine Gefühle beobachtet haben.“



      „Ich umklammerte ihn mit Armen und Beinen. Er entrückte mich meiner selbst. Dann ließ er ab von mir. Er setzte mich hin und schrieb eine Notiz, die er am Halsreif befestigte.“



      „Und was fühlst du im Nachhinein?“



      „Ich habe davon geträumt…“



      „Du bist eine Freie Frau! Das geziemt sich nicht!“



      „Ich hatte keine andere Wahl!“



      „Du hättest ihm Respekt zollen müssen, wie es einer Magd gebührt. Er hielt dich für eine!“



      „Ich habe mich in meiner Sehnsucht vergessen.“



      Sie schaut mich an.



      „Du hast deine Rolle nicht gut genug gespielt! Welche Sehnsucht meinst du? Wünschst du dir rücksichtsvolles Werben, handzahmes Gebaren, laue Wärme? Männer wollen Stürme und Feuer, schwindelerregende Höhen und abgründige Tiefen. Sie wollen dich lachend und weinend, Hingabe ohne Vorbehalte.“



      „Ich habe es erfahren.“



      „Es ist der ewige Kampf der Geschlechter. Dominanz und Unterwerfung, Besitzer und Eigentum, Herr und Leibeigene, die Freude der kompromisslosen Eroberung.“



      „Davon habe ich geträumt!“



      „Schäm dich, du bist eine Freie!“



      „Ich will aber eine Magd sein! Was habe ich falsch gemacht?“



      „Du sagst es mir ja nicht! Mir scheint, dass du sein Missfallen erregt hast, frech gewesen bist, dich vergessen und wie eine Freie benommen hast. Dafür hast du die Lektion erhalten.“



      „Ich liebe ihn! Warum hat er mich mit der Notiz an Don Genaro zurück geschickt?“



      „Er ist als dein Besitzer auf dem Halsreif vermerkt. Niemand darf sich grundlos am Besitz eines anderen vergreifen!

      Vielleicht entdeckte er eine Seite an dir, die er nicht mochte? Man kann Mägden gewisse Angewohnheiten mit der Peitsche austreiben! Oft reicht schon die bloße Androhung. Vielleicht wollte er die Zeit und Mühen nicht aufbringen, dich zu belehren.“



      „Sehen meine Haare nicht schön aus? Habe ich keine schöne Figur? Er hätte bei Don Genaro für mich bieten sollen!“



      „Du bist sehr auf Äußerlichkeiten geprägt.“



      „Was meinst du damit?“
      „Denkst du nicht an deine Persönlichkeit, deinen Charakter und dein inneres Wesen? Meinst du, Männer wollen eine leere Hülle?“



      „Sie betrachten Mägde nicht als Gegenstände, als Spielzeuge?“



      „Du denkst, die Männer hier finden sich nur einen Moment lang mit etwas ab, das wie eine Frau aussieht, sich so bewegt und spricht, aber innerlich hohl ist, keine Gefühle und kein Bewusstsein hat?“



      „Nein.“



      „Würden sie Frauen als bloße Objekte ansehen, könnten sie sich Puppen machen, aber die Vorstellung ist absurd!“



      „Werde ich ihn je wiedersehen?“



      „Ich weiß es nicht.“



      „Was soll ich tun?“



      „Du hast wenig Spielraum. Vielleicht lässt Don Genaro dich wieder frei, wenn dieses Jahr herum ist. Dann kannst du hoffen, dass Don Ernesto um dich wirbt…“



      „Ich will eine Magd sein.“



      „Dann darfst du dir keine Nachlässigkeiten mehr erlauben! Vielleicht darfst du Don Genaro bald dienen. Du wirst dich aber damit abfinden müssen, dass Ema die Erste in seinem Haushalt ist!“



      „Das will ich!“



      „Schlaf jetzt!“



      „Ja, Herrin!“



      Ich drehe mich um und bin bald eingeschlafen. Die Senorita wird wohl noch einige Zeit wach liegen.



      *



      Ema hat uns am nächsten Morgen einen Berg Wäsche gegeben. Während wir damit beschäftigt sind, sagt die Senorita:



      „Ich bin eine freie Frau, gefangen gehalten von Don Genaro, der mich im Liebeskrieg gewonnen hat.“



      „Richtig,“ antworte ich.



      „Was aber, wenn die freie Frau nicht der wahren Frau entspricht?“



      „Das tut sie so oder so nicht!“



      „Ich bin verärgert,“ bekennt sie.



      „Du hast letzte Nacht nicht schlafen können?“



      „Ich habe lange gegrübelt. Ich schäme und ich ärgere mich über mich.“



      „Freiheit für Frauen ist ein gesellschaftliches Modell,“ erläutere ich, „ mit einer bestimmten Geschichte, relevant für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort. Die wahre Frau, die du gerade angesprochen hast, steht auf biologischem Boden, bezogen auf die Spezies und ihre Wesensart, sowie die Notwendigkeiten, die für ihre Verwirklichung gebraucht werden.“



      „Ich war frei,“ stellt sie fest. „Jetzt will ich Liebe. Aber ich habe auch Angst davor.“



      „Verständlich.“



      „Sie macht uns abhängig. Rosa?“



      „Ja?“



      „Ich will eine Magd sein! Ohne Vorbedingungen!“



      „Schlag es dir aus dem Kopf!“



      „Denkst du, nur weil ich nicht offiziell unterworfen wurde, bleibe ich frei?“



      „Das tue ich,“ erwidere ich.



      „Seit du mich unterrichtest, habe ich mich da nicht sehr verändert?“



      „Das hast du, allerdings!“ gebe ich zu.



      „Lass mich heute Abend den Senor bedienen, Rosa. Bitte!“



      „Na gut. Ich spreche das mit Ema ab.“



      *



      Ich, die frühere Senorita Maria Elena, Tochter des reichen Außenhandelskaufmannes Don Joao, habe mich in den letzten Monaten unter der Anleitung der Kajira Rosa, aus dem Haus meines Ziehvaters Don Marco, in der Gefangenschaft bei Don Genaro, des Chefs der Flugbereitschaft in Kak Aute –Haus im Himmel-, allmählich zu einer sexuell lebhaften Magd entwickelt, zu einer weiblich fühlenden Frau.



      Heute soll ich Don Genaro aufwarten. Ich zittere vor Aufregung. Don Genaro habe ich in den vergangenen Jahren als Freie Frau – wie auch andere Verehrer – am langen Arm verhungern lassen. Ich habe mir Geschenke machen lassen, die bewirken sollen, dass ich den Verehrern meine Gunst erweise und mir einen Freien Gefährten wähle. Doch ich habe mit ihren Gefühlen gespielt und meine Position benutzt, die Männer gegeneinander auszuspielen und mir immer neue, immer teurere Geschenke machen zu lassen, damit sie meine Gunst weiter behalten.



      Schließlich hat Don Genaro es geschafft, einen Zweikampf zu gewinnen, zu dessen Preis ich mich selbst ausgelobt habe. Das Ergebnis ist nun, dass ich seit einem halben Jahr die Gefangene Don Genaros bin und mir eine Kajira zugeteilt wurde, die für mein Wohl verantwortlich ist und der ich gleichzeitig gehorchen muss. Im Zusammensein mit ihr habe ich das Leben der Mägde von deren Seite zu sehen kennen gelernt und habe allmählich vom Verhalten einer Freien Frau Abstand gewonnen.



      Nun also soll ich, auf meinen Wunsch hin, Don Genaro aufwarten. Ema, die Erste Magd Don Genaros, und Kajira Rosa haben mich gebadet und angekleidet. Auch hat man den Schlafraum ein wenig umgeräumt und dem Anlass entsprechend dekoriert.



      Kajira Rosa öffnet die Tür zum Schlafraum und lässt mich eintreten. Hinter mir schließt sich die Tür wieder. Ich trage edle Seide, dem Gewand einer Freien Frau nicht unähnlich, jedoch leicht und halbdurchsichtig. Ein ebenso leichter und durchsichtiger Schleier bedeckt meinen Kopf.



      Ich sehe Don Genaro schon beim Eintreten. Er hat es sich auf dem Bett gemütlich gemacht, den Betthimmel an die Pfosten gebunden.



      „Komm näher!“ fordert er mich auf.



      Von meinem Standort aus links neben dem Bett sind auf einem niedrigen Tisch allerlei Früchte, Gebäck und Getränke bereit gestellt. Leise Musik ertönt aus einer Anlage rechts an der Wand. Ich nähere mich Don Genaro, der bequeme Hauskleidung trägt und knie vor ihm nieder, zu Boden schauend.



      „Halt die Schenkel geschlossen!“ weist er mich an.



      Ich tue wie befohlen.



      „Du darfst servieren,“ sagt er dann.



      „Ja, Senor,“ erwidere ich.



      Daraufhin beginne ich, eine flache Schale mit dem Angebot des Tisches zu füllen. Ich führe die Schale an meine Lippen, wie Rosa es mir vorgemacht hat, dann reiche ich sie ihm mit gesenktem Kopf.



      Er beginnt zu speisen, und lässt mich hungrig zuschauen. Ich traue mich nicht, um einen Bissen zu betteln; er hat mir das Sprechen nicht erlaubt.



      „Ich bin stolz darauf, was du inzwischen gelernt hast, Bina,“ lobt er mich.



      Damit ist klar, dass ab jetzt wohl die Senorita Maria Elena der Vergangenheit angehört. Ich bin die niedere Magd Bina, die noch unter der Kajira Rosa und seiner Ersten Magd Ema rangiert.



      Auf eine Geste hin, reiche ich ihm ein Tuch, mit dem er seine Lippen abtupft. Ich fühle eine große Leere in meinem Magen. Dann weist er auf eine kleine Schale mit Wasser. Ich reiche sie ihm und er taucht seine Finger hinein, um sie dann mit dem Tuch abzutrocknen. Dann stelle ich die Schalen auf den Tisch zurück und lege das Tuch, sorgsam gefaltet daneben.



      Ich meine zu fühlen, wie seine Augen auf mir ruhen, schaue aber nicht hoch. Dass ich eine Magd bin, spüre ich nun besonders deutlich, und es macht mir nichts aus. Schließlich suche ich den Blick Don Genaros.



      „Du darfst sprechen,“ sagt er sanft.



      „Ich bin hungrig, Senor,“ wage ich leise zu sagen.



      „Bettelt Bina um Nahrung?“



      „Ja, Senor, Bina fleht um Nahrung.“



      Er antwortet nicht, sondern beobachtet mich weiter. Ich senke den Kopf.



      „Steh auf,“ sagt er endlich. „Stell dich dort auf, mit dem Gesicht zu mir.“



      Er weist auf eine Stelle, etwa einen Schritt hinter mir.



      „Nimm den Schleier ab!“



      Ich gehorche und lasse die Seide über den Rücken fallen.



      „Bina ist hungrig?“ fragt er.



      „Ja, Senor.“



      „Bina möchte gefüttert werden?“



      „Ja, Senor.“



      „Ich werde deine darstellerische Leistung begutachten!“



      „Senor?“



      „Zieh dein Gewand aus!“



      Ich öffne die Spange und lasse die Seide zu Boden gleiten.



      „Weißt du, wie man tanzt?“



      „Nein, Senor.“



      Als Freie Frau hält man Abstand und daher habe ich nie gelernt in den Armen eines Mannes zur Musik über den Boden zu schweben.



      „Du hast doch sicher bei Rosa etwas beobachten können.“



      Das stimmt allerdings. Rosa hat mir mehrmals verschiedene Schritte und schamlose Bewegungen gezeigt. Ich habe sie insgeheim fasziniert und sehnsuchtsvoll beobachtet.

      „Nur flüchtig, Senor,“ sage ich also.



      „Bina, du wirst jetzt für mich tanzen!“



      Mein Herz schlägt heftig. Ich beuge die Knie ein wenig, hebe den Brustkorb an und werfe die Arme hoch. Don Genaro erhebt sich und geht zu einer Truhe, die er öffnet und eine Peitsche herausnimmt. Meine Augen werden groß. Ich konzentriere mich und versuche meine Bewegungen der Musik anzugleichen. Ich werde mir schmerzlich der Tatsache bewusst, dass meine Bemühungen mehr als unzureichend sind. Vermag ich mehr als nur zappeln, zucken und mit meinem Körper Gnade gewinnen?