2.12. .★. Metamorphose

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      2.12. .★. Metamorphose

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      . ★.— 2. Dezember —. ★.

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      Metamorphose

      ╚══════════ . ★ . ══════════╝

      von
      @threestripes

      —. ★ .—

      I saw her sitting in the rain
      raindrops falling on her
      she didn´t seem to care
      she sat there and smiled at me

      „The rain, the park and other things“
      The Cowsills

      —. ★ .—

      Ich glaube nicht an Schicksal, denn wenn es dieses gäbe, stähle es uns die Eigenständigkeit. Das beruhigende Gefühl, unseren Lebensweg selbst beeinflussen zu können, in bestimmte Bahnen zu lenken – schlicht: sich frei entfalten zu können. Ich habe den Gedanken immer gehasst, aufgrund eines göttlichen Plans, bestimmter Sternenkonstellationen oder vielleicht wegen festgelegten Regeln der Quantenphysik auf meine vorher ohnehin festgelegte Bestimmung zuzutrudeln.

      An Zufälle glaube ich aber auch nicht. Diese seltsame Art von Magnetismus, die einen wie ein Sog zu einem unbekannten Menschen hinzieht, als ob man seelenverwandt wäre. Oder die Zielsicherheit, mit der man immer wieder in die gleichen dämlichen Fallen tappt. Jeder, der das erlebt hat, weiß, wovon ich rede.

      In diesem Sinne bin ich ... ja, was eigentlich? Ein doppelter Agnostiker, ein glaubender Atheist, hoffnungsloser Romantiker oder fatalistischer Optimist? Und stets, auch während ich mir über diese Fragen den Kopf zermartere, rumort dieser eine bezeichnende Sinnspruch in meinem Gehirn umher, den ich aus einer uralten bayerischen Vorabendserie aufgeschnappt habe. Der mich über all die Jahre immer begleitet hat und mich – auch ob meiner eigenen Unzulänglichkeiten – niemals daran gehindert hat böse auf die Nase zu fallen. Freiheit?? Die gibt es nicht! Es gibt nur Wahrheit, und die ist grausam genug!

      —. ★ .—

      Kapitel 1
      Samstag, 06. Juli 2019, 14:15 Uhr

      Eine Schreibtischlampe aus den 60er-Jahren hatte ich ergattert, in knalligem gelb und weiß, eine Elvis-Presley-Weihnachtsplatte und ein Campari-Blechschild aus den 70ern. Des Weiteren, als Jackpot, zwei kurze glänzende Sporthosen aus den frühen 80er-Jahren in weiß-blau und rot-weiß, beide in Originalverpackung und eine Trainingsjacke in hellblau mit dem gelben Aufdruck „München 1972“. Die olympischen Ringe waren leider schon etwas verwaschen und rissig, der Zustand war trotzdem vielversprechend.

      Der Flohmarkt-Besuch hatte sich mehr als gelohnt, in mir tobte bereits der innere Kampf: Vor allem das Blechschild, die Hosen und die Jacke würden beim Weiterverkauf auf den einschlägigen Internetplattformen ordentlich Cash bringen, aber so wie ich mich kannte, würde ich Trottel ohnehin alles behalten.

      Mit einem leichten Grinsen im Gesicht schlenderte ich durch einen kleinen Park zu meinem Auto zurück, die beiden Hertie-Plastiktüten, in denen sich meine Schätze befanden, raschelten bei jedem Schritt, kleine Kieselsteine knirschten unter meinen Flip-Flops.

      Ja, Euer Ehren, ich gestehe: Ich bin ein unverbesserlicher, ein besessener Retro-Fuzzi und laut Paragraph 20 StGB nur vermindert schuldfähig. Ich lache leise vor mich hin. Ich denke in Bildern, was soll ich machen, ich sehe mich jetzt gerade in einem Gerichtssaal, stehe von der Anklagebank auf und beginne mit meinem Schlussplädoyer. Insofern der Beklagte, also ich, aufgrund einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln. Verstehen Sie Herr Richter?! Wir reden hier von Schwachsinn.

      „Den Eindruck hab ich allerdings auch,“ dringt es spöttisch-weiblich an mein Ohr. Ich zucke zusammen, gleichzeitig spüre ich, wie mein Gesicht die Färbung einer überreifen Tomate annimmt. Hab ich etwa laut gesprochen? Kann gar nicht sein. Ich suche nach der Person zu der Stimme, weiblich, kess, herausfordernd und ein bisschen mitleidig, und drehe mich wahrscheinlich grade wie ein Brummkreisel um meine eigene Achse. Dann fällt der nächste verbale Schuss. Hast du denn deine Tabletten heute nicht genommen?

      Jetzt habe ich sie gefunden. Sitzend auf einer Parkbank, rechts von mir unter einem Baum im Halbschatten. Sie betrachtet mich aufmerksam, ohne ein Lächeln im Gesicht, wartet auf eine Reaktion von mir. Und dann steht auf einmal die Zeit still und dieses Lied aus dem Jahr 1967 schießt mir ins Hirn: I saw her sitting in the rain, raindrops falling on her...

      Sie ist nicht die Art von Frau, die man gemeinhin als Granate bezeichnen würde. Sie ist nett, lieb, süß und hübsch, aber auf eine seltsam beängstigende Weise. Sie wirkt so unschuldig, offen und aufrichtig, fast wie ein Kind. Ich fühle mich zu ihr hingezogen ohne zu wissen warum, wider besseren Wissens. Eine Stimme in mir schreit: Geh weg, lauf, renn, es hat keinen Sinn. Vermutlich ist sie Ende 30, trägt eine wilde dunkelblond-gelockte Mähne, die ihr bis über die Schultern reicht, dazu ein weißes, eng anliegendes Top, selbst abgeschnittene, ziemlich kurze Jeans-Shorts und dunkelbraune Ledersandalen mit dünnen Riemchen.

      „Hallo, ist jemand zuhause?“ Sie zieht ihre Worte in jener Art von lautem Singsang in die Länge, die man gemeinhin benutzt, wenn man durch eine geschlossene Tür ruft.
      „Es regnet doch gar nicht.“
      Das ist meine Replik darauf?! Noch dämlicher kann man kaum sein.
      „Was?“
      „Wie?“
      „Wenn du mir sagst, in welcher Parallelwelt du grade bist, nehme ich den nächsten Bus und komme nach, okay?“
      Auch das „Okay“ zieht sie in die Länge, mit langem iiiii am Schluss und ich hasse mich für mein unsouveränes Auftreten. Ernüchtert nehme ich einen neuen Anlauf:
      „Darf ich mich setzen? Dann erkläre ich's dir, also das mit dem Regen.“
      Sie hat genickt. Ja? Ich soll mich also zu ihr setzen?
      „Und den Rest erzählst du auch?“ Jetzt lächelt sie milde und fürsorglich und ich könnte kotzen, spätestens jetzt fängt sie an, mich systematisch zu verhexen. Die Schreie in meinem Kopf werden lauter: Lauf, Forrest, lauf...
      „Das hat mich mein letzter Therapeut auch gefragt.“

      Mit einem tiefen Seufzen nehme ich neben ihr auf der Bank Platz, meine beiden Tüten immer noch in den Händen und erzähle Simone, soviel konnte ich in der Kürze der Zeit herausfinden, was es mit diesem Lied auf sich hat, dass sie mich an dieses Flowergirl erinnert und dass eigentlich nur noch Blumen in ihrem Haar fehlen würden.
      Sie lässt sich von mir das komplette Lied rezitieren und ich bete den Text herunter wie eine Maschine, während sie süffisant grinst.
      „Also sind die beiden in deinem Song, während sie im Park bei strömendem Regen spazieren gegangen sind, irgendwann im Gebüsch verschwunden. Und haben sich geliebt?“
      „Wie meinst du das?“
      Ich merke, dass ich wieder rot werde.
      „Na, später in dem Lied heißt es doch dann „She had made me happy“. Das ist doch ganz eindeutig, oder?!“
      Ich gestehe mir selbst ein, dass ich mir bis dato noch gar keine Gedanken darüber gemacht habe.
      Sie legt nach: „Jetzt stellt sich mir die logische Frage, ob du mit mir auch gerne im Gebüsch verschwinden würdest.“

      Ich stehe wortlos auf, setze meinen Weg fort, ärgere mich über mich selbst und würdige sie keines weiteren Blickes. Schließlich hat sie mir gerade eines meiner Lieblingslieder kaputtanalysiert. Schritte ertönen hinter mir im Kies. Simone folgt mir?
      „Hey, jetzt lass dich doch nicht so schnell aus dem Konzept bringen.“
      Ich beschließe, dass ich zu alt bin für solch dämliche Spielchen. Die kann mich mal.

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      Fragen sind niemals indiskret, nur Antworten sind es zuweilen.
      - Oscar Wilde -
      Kapitel 2

      Eine halbe Stunde später sitzen wir irgendwo in der Maxvorstadt vor einer Kaffeebar unter einem Sonnenschirm, Simone trinkt Caipirinha – um diese Uhrzeit?! Ich begnüge mich mit einem sommerlich-leichten Campari Soda. Die heiße Luft steht in den Straßen, geschwängert von Autoabgasen, sommerlich-blumigen Parfums und diversen, nicht näher identifizierbaren, kulinarischen Gerüchen mit ziemlich widerlichem Bratfettanteil. Ich fühle mich wohl.

      „Weißt du“, unterbreche ich das Schweigen, „es gab mal ein Mädchen, dass ich fast jeden Tag sah, wenn ich im Schulbus saß. Sie ist immer zu Fuß in die gleiche Richtung gegangen. Ich war auf dem Gymi, sie vermutlich Realschule, die schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite war. Die hatte so eine Mähne wie du, einen Rastafari-Rucksack auf dem Rücken, in diesen ganz typischen Farben.“
      „Warum fällt dir das grade jetzt ein?“
      „Ich frage mich, ob du das Mädchen warst.“
      „Wie hieß sie denn?“
      „Ich habe keinen blassen Schimmer, Simone, ich habe sie nie angesprochen. Mann, ich war erst 13.“
      Ihr Gesichtsausdruck ist ernst, fast besorgt, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
      „Deine Gegenwart spielt oft mit der Vergangenheit, oder? Geht es bei dir um verpasste Chancen? Das mit deinem Liedtext von dem Blumenmädchen im Regen ist doch so was ähnliches. Warum denkst du noch an sie?“

      Irgendwie fühle ich mich ertappt. „Ihre Jeans warum so verflucht eng. Immer Levi´s 501, und ich hab sogar ein Lied über sie geschrieben, als ich angefangen habe, Gitarre zu spielen. Ich fühle mich grade irgendwie ziemlich alt.“ Ich lächle gequält dabei. Wahrscheinlich verliert sich mein Blick grade irgendwo in den Häuserzeilen gegenüber, ich weigere mich, sich anzusehen.

      Statt eines weiteren Kommentars schnappt sich Simone meine Taschen und packt den Inhalt aus. Nach eingehender Betrachtung der Stücke, insbesondere der Elvis-Platte, lehnt sie sich mit verschränkten Armen zurück und verkündet mit einem Grinsen:
      „Die rote Sporthose nehm ich.“
      „50 Euro und sie gehört dir, die ist noch in Originalverpackung.“
      „Du verstehst mich nicht richtig. Wenn du sie wiederhaben willst, müssen wir ein neues Date ausmachen. Wo wohnst du? Wie erreiche ich dich? Sag an.“
      Und sie zückte ihr Mobiltelefon, notiert sich meine Adresse und Telefonnummer, die ich ihr mit gespieltem Widerwillen diktiere.
      „Na dann bis die Tage…“, sagt Simone ohne besondere Gefühlsregung im Gesicht, steht auf, lässt ihr Mobiltelefon in die Gesäßtasche ihrer Shorts gleiten, die Packung mit der Sporthose klemmt sie sich unter den Arm und geht.

      Die geht einfach??? Das ist jetzt nicht wahr? Und ich bezahle den Caipi, oder was? Ich merke, wie ein sonderbarer Zorn in mir hochkocht, ich merke auch, dass der Zorn mir selbst gilt. Sie ist bestimmt schon zehn Meter von mir entfernt, als ich ihr hinterherrufe:
      „Was soll das heißen, bis die Tage? Wann soll das denn sein?“
      Ich klinge garstig, gut so, aber Simones einzige Reaktion ist ihr linker Arm, der mir zuwinkt.
      Sie dreht sich nicht mal mehr um dabei.
      „Wer bist du überhaupt?! Was willst du von mir?!“
      Ich blaffe ihr nach, um meinem Zorn Luft zu machen. Die anderen Gäste sehen mich entgeistert an. Oder mitleidig? Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt, ist es mir auch egal.

      Ich stürze den Rest meines Camparis die Kehle hinunter, aus Trotz den Rest ihres Cocktails gleich noch hinterher, bezahle am Tresen im Café und packe meine sieben Flohmarkt-Sachen zusammen.
      Erst als ich etliche Straßen weiter die Türe meines Wagens aufschließe, mich in den 50 Jahre alten Ledersitz fallen lasse und dieses unnachahmliche Bouquet verschiedenster Gerüche aus Benzin, Öl, Zigarillos, längst verblasster italienischer Strandluft und patiniertem Leder einatme, komme ich wieder zur Ruhe.

      Mit einem Klack verschwindet die Kassette im Autoradio, Celentano singt „Soli“. Grob übersetzt: „Es ist zwecklos, hier zu klingeln, euch wird ohnehin niemand öffnen.“ Irgendwie hat Adriano recht, aber während er sich in dem Lied mit seiner Lieben – wahrscheinlich für ein ganzes Wochenende – auf ein munteres tête-à-tête zurückgezogen hat, fahre ich in meinem uralten Alfa Romeo allein nach Hause.

      Der Motor röhrt sonor, ich gebe Gas und fahre über etliche Umwege dahin, wo der Adresse nach mein Heim sein sollte. Aber ist es das auch? Hätte ich Simone heute gerne bei mir gehabt? Mit einem kräftig, gegen die Windschutzscheibe gebrüllten „Nein!“ schüttele ich den Kopf und verbanne diesen Gedanken aus meinem Hirn. Doch etwas Anderes bohrt in mir weiter:
      Wer ist diese Frau? Warum ausgerechnet ich?

      Erst nach dem dritten Glas Rotwein gegen 17 Uhr und reichlich Parmaschinken mit Brot treten diese Fragen allmählich in den Hintergrund. Vielleicht belüge ich mich aber auch nur selbst. Die Nachttischlampe vom Flohmarkt funktioniert nicht, aber ich verspüre nicht die geringste Lust, an der Elektrik herumzufummeln.

      Irgendwann gegen 22 Uhr dämmere ich total betrunken auf der Couch weg, während die erste Staffel der italienischen Fernsehserie „Allein gegen die Mafia“ aus dem Jahr 1984 auf meinem Computer vor sich hindudelt. Als in einer Folge mehrere Schüsse fallen, schrecke ich abrupt aus dem Halbschlaf auf, wanke wie gerädert ins Bett und falle in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

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      Fragen sind niemals indiskret, nur Antworten sind es zuweilen.
      - Oscar Wilde -
      Kapitel 3
      Sonntag, 17. November 2019, 8:34 Uhr

      Kaffeemotiviert sitze ich vor dem Computer und bearbeite Fotos. Wieder mal habe ich mich breitschlagen lassen und eine Fotoserie für ein BDSM-Pärchen geschossen. Noch vor etlichen Jahren habe ich nebenher gutes Geld damit verdient, man sagt mir wohl nach, dass ich ein gutes Fetisch-Auge und ein feines Gespür für diese sehr speziellen Momente hätte.

      Normalerweise mache ich solche Jobs nicht mehr, aber das Paar war viel zu süß, um diesem Job zu widerstehen. Sophie17 und ihr Ehemann HerrMann hatten mich angeschrieben und mich gebeten, eine Porträtserie bei ihnen zu Hause für ihre silberne Hochzeit machen zu lassen. Womit ich nicht gerechnet hatte, die beiden, Anfang 50, waren vor der Kamera wie verspielte Kinder, ihre Augen glühten förmlich vor Liebe füreinander, und wir haben sehr schnell einvernehmlich beschlossen, für die Serie alles BDSM außen vor zu lassen und einfach nur schöne Fotos zu machen.

      Das Highlight war eine ungeplante Serie von Bildern, in der sie ihr komplettes Arsenal an Einhorn-Devotionalien für die Kamera aufbaute und der Gesichtsausdruck von HerrMann, natürlich gespielt, immer entsetzter wurde. Ich kann mich an kein Shooting erinnern, bei dem alle Beteiligten so gelacht haben, wie an diesem Tag.

      Wie ein dämlich grinsendes Kind sitze ich vor dem Monitor und freue mich über die wirklich schönen Motive, als ich jäh von schrillem Telefonklingeln aus meinem Mikrokosmos verjagt werde. Die Nummer auf dem Display ist mir unbekannt, trotzdem gehe ich ran.
      „Wer stört?“
      „Was machst du grade so?“
      Die Stimme ist leise und weich, in meinen Ohren klingt sie wie Donnerhall, mein Puls rast schlagartig Richtung Herzinsuffizienz.
      „Du wagst es nicht ernsthaft, nach so langer Zeit bei mir anzurufen und mich lapidar zu fragen, was ich grade so mache??? Bist du eigentlich noch ganz dicht???“
      Wahrscheinlich hätte ich Simones Stimme auch erkannt, wenn sie nur geatmet hätte. Sie jedoch lässt sich nicht beirren, wirkt gelassen und freundlich, etwas zu sinnlich für meine Begriffe.
      „Ich bin zufällig ganz in der Nähe.“
      Erzähl keinen Bullshit. Ich habe so lange gebraucht, um nicht mehr ständig an dich denken zu müssen und just in diesem Moment bist du zufällig in der Gegend?!
      Mein Alter Ego sagt aber ganz was anderes, und ich hasse es...
      „Tu dir keinen Zwang an.“

      Ich lege ohne einen weiteren Kommentar auf, ziehe mir in Windeseile Jeans, irgendeinen Pullover mit Kapuze, den man heute Hoodie nennt über, und fliege förmlich die Treppenstufen aus dem dritten Stock nach unten.

      Ich habe mir vorgenommen, wie ein Türsteher unten auf der Straße auf Simone zu warten, um dann einfach zu sehen, was passiert. Was ich bei diesem ausgeklügelten Plan nicht bedacht habe, vor der Haustüre ist es mittlerweile bitterkalt, ich friere und habe meine Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Mit anderen Worten, das Bild des martialischen Türstehers ist so nicht haltbar, andererseits will ich nicht in die Wohnung zurücklaufen und eine Jacke holen.

      Während ich mir noch vorstelle, wie sich Reinhold Messner auf dem Nanga Parbat die Zehen abfriert, knallt das Geräusch eines rasant herannahenden Motorrades an mein Ohr. Wenige Sekunden später steigt eine weibliche Person souverän von einer Rennmaschine ab, die schwarz-weiße Lederkombi an ihrem Körper schmiegt sich unverschämt eng an ihre Rundungen an, dass es mir schier den Atem raubt. Ich komme mir vor wie der letzte Volltrottel.

      „Hast du eventuell einen Kaffee für mich?“ Ich sehe die Bewegungen ihres Mundes nicht, sie hat noch ihren Motorradhelm auf, durch den ihre Stimme ungewöhnlich kehlig und dumpf klingt. Ihre Augen starren mich durchdringend an, ich merke, wie sich eine leichte Erektion bei mir ... aber vernachlässigbar. Na bravo, das läuft ja echt gut.

      Ohne Worte, dafür mit einer ausladenden Armbewegung deute ich Simone an, mir zu folgen.
      Erst als wir im Flur meiner Wohnung stehen, zieht sie sich den Helm vom Kopf. Ihr Haar ergießt sich förmlich über ihre Schultern und ich hätte sie gerne geküsst. Stattdessen eile ich kommentarlos in die Küche und bereite ihr einen Kaffee zu.

      „Bitte ins Wohnzimmer, setz dich“, plärre ich, ohne eine Antwort zu erwarten.
      Als ich zu ihr stoße, mit einer Kaffeetasse in der Hand, sitzt sie auf der Couch und ich muss lachen. Ruckartig bewegt sich ihr Arm alibiartig irgendwohin, erstmals scheint Simone sich ertappt zu fühlen.

      „Ähm, du hast grade an deinem Daumen genuckelt, kann das sein?“ Ich grinse, froh, irgendetwas Menschliches an ihr entdeckt zu haben.
      Simone blickt mich finster an, nimmt mir wortlos die Tasse ab, bedient sich an der Zuckerdose auf dem Couchtisch und genehmigt sich schweigend den ersten Schluck. Lange dröhnt das Schweigen im Raum, aber ich halte ihrem Blick stand, warte auf eine Reaktion.

      Nach einer gefühlten Ewigkeit beginnt sie leise zu sprechen und das Bild, wie sie da so sitzt auf meinem Sofa in ihrer Motorradkluft, dick eingepackt, aber doch nackt, sexy auch, werde ich niemals vergessen.
      „Bis in die Grundschulzeit habe ich am Daumen genuckelt. Meine Eltern kamen deswegen auf die glorreiche Idee, mir einen Überzieher aus Leder über den Daumen zu binden. Geholfen hat es nichts, außer dass mich der Geruch von Leder antörnt.“
      „Hast du deswegen deinen Motorradführerschein gemacht?“ Ich grinse dabei, aber ihr ernsthafter Gesichtsausdruck lehrt mich, dass dieser Satz unpassend war.
      „Auf meinem Moped fühle ich mich stark und frei. Wenn ich an meinem Daumen lutsche, bin ich unfrei und schwach. Das ist auch etwas, das ich nicht kontrollieren kann, es passiert einfach so. Dann hasse ich mich selbst.“

      Simones Offenheit macht mich verlegen. Das hätte ich so von ihr nicht erwartet. Der Zorn auf sie ist verflogen, ich wage einen mutigen Vorstoß.
      „Das ist doch nix Schlimmes, hast du jemals drüber nachgedacht, ob du vielleicht etwas Kleines, Kindliches in dir trägst? Dass das ein ureigener Teil von dir selbst ist? Ich hab das in manchen meiner Foto-Sessions erlebt. Vielleicht bist du ja eine Little und weißt es nicht?“
      Ihre Augen sind weit aufgerissen, ob aus Selbsterkenntnis oder Wut ist mir bis heute nicht klar. Ich lege nach: „Witzigerweise gibt es mittlerweile sogar Schnuller für Erwachsene. Vielleicht ist das ja etwas, das dir bisher gefehlt hat, das in dir wohnt?“

      „Was?“ Simones einzige Reaktion.
      „Vielleicht bist du ja jemand ganz anderes, als du vorgibst zu sein?“
      „Wer bist du eigentlich, dass du dich hier als Psychiater aufspielen darfst?“
      Sie schreit mir das ins Gesicht, was für ein kolossaler Ausbruch aus dem Nichts. Ihre flache Hand trifft mich mit voller Wucht im Gesicht. Und dann noch ein Schlag und noch einer, es scheint mir, als ob sich der Schmerz unzähliger Jahre mit einem Mal explosionsartig Bahn bricht. Ich greife in blinder Reaktion Simones Handgelenke und versuche sie fürsorglich zu umarmen, was in eine, zunächst sinnlose, Rangelei ausartet. Dann plötzlich bricht ihre Gegenwehr wie ein Kartenhaus in sich zusammen und Simone vergräbt wimmernd und heulend ihr Gesicht an meiner Schulter. Ich habe wieder eine Erektion, fühle mich schuldig und weiß nicht, was ich tun soll, wie ich sie beruhigen soll. Dann küsst sie mich, fast verzweifelt, mit einem schier unbändigen Hunger und einer meiner letzten klaren Gedanken ist: Um die Uhrzeit?

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      - Oscar Wilde -
      Kapitel 4
      Irgendwann

      Aufwachen nach so einem Sonntag ist nicht schön. Zumal ich geahnt hatte, dass Simone bereits über alle Berge war. Jesus Christus war dieses Stelldichein intensiv. Ich war um 2:13 Uhr aufgewacht, aber Simone lag nicht mehr neben mir im Bett. Dafür die Sporthose, die sie mir „fast“ ordnungsgemäß wieder zurückgebracht hatte, leider fehlte die Originalverpackung. Deutliche Spuren im Schrittbereich ließen darauf schließen, dass Frau Simone die Shorts eindeutig sexuell missbraucht hatte. Der Geruch: betörend, anregend.

      Mein Rücken brannte die Tage drauf ziemlich deftig bei allen möglichen Alltagsbewegungen. Ich erinnere mich dumpf, dass sie mir im Laufe das Nachtmittags ziemlich böse selbigen zerkratzt hatte. Ich mutmaßte, dass das entweder aus Lust geschah oder sie wollte mich ganz bewusst verletzen, ehrlich gesagt war mir das auch herzlich egal. Auf die vereinzelten kleinen Blutflecken, die sich in jenen Tagen an meinen Hemden abzeichneten, weil wieder mal eine Wunde aufgerissen war, hatte mich nie jemand angesprochen.

      Etwas später ließ ich meine Kontakte spielen. Ein befreundeter Polizist hatte mir anhand des Motorradkennzeichens Simones Adresse ermittelt. Und natürlich hatte ich einige Tage danach bei ihr geklingelt. Überraschenderweise hatte sie sogar geöffnet.

      Simone war ein Messie, ihre Bude glich einer Müllhalde und ich wäre gerne schreiend davongerannt. Stattdessen hatte ich versucht, innerhalb weniger Stunden eine gewissen Grundordnung in ihr Chaos zu bringen. Kistenweise habe ich leere Weinflaschen zum Altglascontainer geschleppt, während sie mehr schlecht als recht mit dem Staubsauger Spinnweben von den Wänden entfernt hat. Die Szene wirkte absurd, und ich kam mir sehr unbeholfen vor. Zum erneuten Sex kam es nicht mehr. Ehrlich gesagt war ich froh, als ich wieder nach Hause fahren konnte. Ihr letzter Satz war: „Wir hören uns am ersten Advent bei dir zuhause die Elvis-Platte an, okay?“ Und wir haben uns wohl beide aus ganz unterschiedlichen Gründen für das geschämt, was sie sagte. Auch weil ich wusste, dass ich nicht stark genug war, um ihr Leben mit ihr zusammen in Ordnung zu bringen. Zuhause angekommen stopfte ich meine Klamotten sofort in die Waschmaschine, der üble Geruch in ihrer Wohnung lag mir noch tagelang in der Nase.

      Gemeldet hat sie sich bei mir seitdem nicht mehr. Wahrscheinlich hatte sie das Gefühl, dass ich sie enttarnt hatte. Sie tat mir so leid.

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      Kapitel 5
      Montag, 02. Dezember 2019, 14:10 Uhr

      „Na, meine Damen und Herren, wie wirkt diese Geschichte auf sie?“
      Der Dozent für forensische Psychiatrie stand breitbeinig, abwartend, mit verschränkten Armen vor seinen Studenten, aber Antworten kamen zunächst keine.
      Er hob erneut an: „Wo finden wir das Krankhafte in diesem Fall?!“
      Eine Stimme aus dem Hintergrund des Hörsaals: „Elvis zu Weihnachten ist echt bitter.“
      Es folgte lautes Gelächter.
      „Und was noch?“ Der Professor ließ sich nicht beirren.
      Eine Studentin aus der zweiten Bank: „Man müsste beide getrennt voneinander zu einem Gespräch bewegen,“
      „Negativ. Einer der beiden ist tot“, war die nüchterne Antwort des Dozenten.
      Eine männliche Stimme aus dem Kurs versuchte Licht in das Dunkel zu bringen: „Er ist die Lusche in dem Spiel. Sie hat ihn nur benutzt und damit kam er nicht klar. Meine Diagnose ist, er ist submissiv, sie dominant und das hat ihn völlig aus der Bahn geworfen.“
      „Was auch immer Sie mutmaßen, ich hätte gerne von jedem von Ihnen ein psychologisches Dossier zu diesem Fall. Bis nächste Woche. Viel Erfolg.“

      Als er wenige Stunden später vor seinem Schallplattenspieler saß und „Blue Christmas“ von Elvis Presley lausche, heulte er wie ein kleines Kind.


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      Wenn euch die Geschichte gefallen hat, dann freut sich der Autor über eure Likes und Kommentare!
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      - Oscar Wilde -