Höher - weiter - schneller

      Höher - weiter - schneller

      Diese Denkweise beschäftigt mich immer wieder. Sicherlich gibt es so einige Bereiche im Leben, in welchen das Motto "höher - weiter - schneller" erstrebenswert sei kann, es seine Existenzberechtigung hat. Vielleicht im Sport oder in anderen Bereichen, die mit Training, Ehrgeiz und persönlichem Erfolg zu tun haben.
      Aber BDSM???
      Als ich erstmals in meinem Leben begann, mich in den unendlichen Weiten des www über BDSM zu informieren und auch sehr schnell auf das GD-Forum stieß, hatte ich nur meinen kleinen, begrenzten Erfahrungsschatz aus einer mehrjährigen BDSM-Beziehung und einer späteren Spielbeziehung. Alles sehr begrenzt und sehr individuell.
      Gerade war ich dabei, BDSM mit meinem Mann für uns neu zu entdecken. Und je mehr ich mich informierte, las und austauschte, umso mehr Begehrlichkeiten wurden geweckt. Vieles klang sehr interessant, faszinierend ... und am liebsten hätte ich alles gehabt, ausprobiert und zwar sofort. Endlich konnte ich wieder zu meiner Neigung stehen und es fühlte sich an, als sei eine Staumauer gebrochen. Alles was lange Zeit gut weggesperrt war, brach auf einmal und unaufhaltsam heraus. Angefeuert durch immer neue Ideen, riss es mich einfach mit. Und machte mich teilweise traurig, frustriert, unzufrieden. Denn nicht alles, was ich plötzlich und ganz schnell und sofort haben oder umsetzen wollte, stieß auf Gegenliebe. Abwartendes und zögerndes Verhalten fasste ich als Ablehnung auf. Und immer mehr machte sich das Gefühl breit, dass alle anderen alles haben, ihre Neigungen ohne Einschränkungen ausleben können ... Ja, ich weiß, dass dem nicht so ist ;). Aber zwischen Wissen und Empfinden ist manchmal eine Diskrepanz. Und das musste und muss ich mir immer wieder bewusst machen. Was man in Foren (egal welcher Art) liest, ist ja immer nur ein Ausschnitt dessen, was ein anderer bereit ist, von sich preiszugeben. Eine Art Präsentation, die man auch wieder nur durch seine persönliche Wahrnehmung gefiltert aufnimmt.
      "Höher - weiter - schneller" ... alle waren in ihrer Erfahrung so viel weiter... so fühlte es sich oft an. Ich wollte "Verpasstes" nachholen, Erfahrungen aufholen ... Eigentlich ein legitimer Wunsch. Nur muss ich dabei aufpassen, dass ich nicht vergesse, dass Beziehung viel dringender Entwicklung als Training oder Ehrgeiz benötigt. Natürlich kann ich im BDSM auch Praktiken und/oder Verhaltensweisen trainieren und üben, besser werden. Aber z.B. das Vertrauen, was es für manches braucht, kann sich nur entwickeln und Entwicklung braucht Zeit.
      Für mich kristallisiert sich immer mehr heraus, dass es gut und richtig ist, Wünsche zu haben, diese zu äußern, kreativ und experimentierfreudig zu sein, aber allem seine Zeit zu geben. Wenn wir unsere Ideen und Wünsche auf einem gemeinsamen Beet als Samenkörner ausstreuen und sich die ersten zarten Pflänzchen bilden, dann wachsen sie nicht schneller, wenn ich daran ziehe... Die Wahrscheinlichkeit, sie so zu zerstören ist immens hoch. Gebe ich ihnen aber Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit, ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus ihnen kräftige, widerstandsfähige Pflanzen werden um einiges größer. Und daran versuche ich mich immer wieder zu erinnern, wenn das "höher - weiter - schneller" Gefühl mal wieder zu stark wird.
      "This world is just illusion..."
      ich habe eine neue Drohne - höher und weiter und schneller... Klar..wieso sonst eine neue kaufen

      Im BDSM? Ja, durchaus, gegebenenfalls. ABER, der Kopf muss mitkommen. Vorstellungen, seien sie noch so extrem, müssen erstmal angetastet und dann abgeglichen werden. Es beginnt alles zwischen den Ohren, nicht den Beinen. Ich nehme mal das Beispiel masochistisch heraus. Sub mag sich vorstellen, inspiriert durch www und Artikel und Foren und was weiß ich, das ist mein Ding, ich bin super masochistisch. Sucht und findet den Sadisten, der es ihr schon zeigen wird... dann kommt die Realität, stimmt die noch mit der eigentlichen Vorstellung überein? Vielleicht war es zu viel Schmerz, zu hoch gegriffen, zu schnell eingewilligt in Spiele, die das Kopfkino wollte, der Körper aber nicht. Enttäuschung.Grenzen vorher nicht abgesteckt, die Messlatte zu hoch angesetzt. Lieber in kleinen Schritten hoch hinaus, bis man (Frau) Grenzen gefunden hat.
      Ich bin schon lange der Meinung, dass Sex und BDSM kein Sport sind bei dem es darum geht möglichst viele Medaillen zu gewinnen und andere alt aussehen zu lassen.
      Mit Schuld an dieser viel praktizierten Suche nach den nächsten größeren Kick sind leider auch die diversen Communities, die es erlauben dem eigentlich intimen eine (Fach-)Öffentlichkeit zu geben und es bewerten und mit Likes bewundern zu lassen. Und je öfter man noch und noch einen draufsetzt, desto schneller steigt das Like-Konto und auch der Druck auf andere es noch besser, höher, schneller zu machen.
      Es entsteht ein Gruppendruck, denn wenn man schon dabei sei und sich darstellen will, möchte man doch auf gar keinen Fall abgegähnt werden.

      Da hilft dann tatsächlich nur eine gewissen Abgeklärtheit und Entspanntheit und der erkläte Wille sein Intimleben nicht von außen steuern zu lassen. Communities sind schön, unterhaltsam, lehrreich und helfen auch sicher Menschen beim Zusammenfinden. Aber die Bilder, die sie im Kopf erzeugen sind keine die in der alltäglichen Realität entstanden sind und sollten auf keinen Fall das Maß der Dinge werden und die Meßlatte, die höher gelegt werden muss, um vor anderen zu glänzen.

      Daher denke ich auch man sollte das Gras lieber wachsen lassen. Je langsamer desto besser. Abgedroschen aber immer wieder wahr: Der Weg ist das Ziel. Und wenn man sein Ding gefunden hat, sollte man sich auch die intime Zeit nehmen es zusammen zu genießen ohne es sich seblst schlecht zu reden, nur weil irgendwer behauptet das ganze noch mit einem dreifachen Salto zu kombinieren uns alles andere sei Mist.

      Ich finde viel wichtiger als neues ausprobieren zu wollen, ist getanes wieder tun zu wollen und es dann nicht höher-weiter-schneller, sondern besser zu machen.
      Vielen lieben Dank @Promise für Deine Worte, auch ich finde mich schon etwas darin wieder.

      Befinde mich mit meinem Herrn ja noch am Anfang unserer gemeinsamen Reise. Ginge es nach mir würde ich das Motto: "Höher-Schneller-Weiter" tatsächlich wörtlich nehmen oder gar in die Tat umsetzten. Musste mich eines besseren belehren lassen, werde von meinem Herrn ausgebremst. Vielleicht bin ich ihm auch dankbar dafür, er möchte nicht, das unser zartes Pflänzchen verdörrt oder dgl. Er weiß aufgrind seiner Erfahrung was er tut, auch wenn das meiner Ungeduld nicht gefällt.