12.12. ❅ You better watch out

      12.12. ❅ You better watch out

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      ❅ 12. Dezember ❅

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      You better watch out

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      von @Der Hamburger DOM



      Ein beschwingter Frauenhintern swingte an mir vorbei. „You better watch out, you better not cry… You better not na, na…telling you why. Santa Claus is coming to town!”, sang Nina mit Frank Sinatra im Duett – gut gelaunt und fast textsicher.
      Bekleidet war besagter Hintern nur mit einem knallroten Spitzentanga, der mehr verlockte als verdeckte. Die Beine darunter steckten in schwarzen Halterlosen und endeten in feuerroten Heels. Die grade wieder singend an mir vorbeiwirbelten: „Feliz Navidad. Nanana-nana… Feliz Navidad…”.
      Darüber trug Nina ihr schwarzes Korsett, was sie beim Baumschmücken etwas, aber ihre Stimmung gar nicht beeinträchtigte. Und es ließ ihre Brüste frei, ihre bildschönen Brüste. Es gibt Anblicke, die sich einfach nicht abnutzen. Um den Hals ihr schwarzes Halsband, das ich ihr vorhin angelegt und abgeschlossen hatte. Dazu an beiden Handgelenken die schwarzen Ledermanschetten, auf den Nägeln sattroter Nagellack. Und blutroter Lippenstift, abgestimmt auf die lustige kleine Weihnachtsmannmütze, die kokett schief auf ihrem blonden Schopf saß.

      Heute war Heiligabend und ich durfte mir was wünschen. Also hatte ich das Programm und den Dresscode bestimmt. Es ist schön, ein Dom zu sein.

      Aber Nina war nicht die einzige Augenweide an diesem Fest der Liebe. Denn nun öffnete sich die Tür von Sibylles Zimmer. Sie hatte heute noch arbeiten müssen, war erst vor einer halben Stunde nach Hause gekommen und dann gleich in ihr Zimmer verschwunden, sich umziehen.
      Jetzt betrat sie schüchtern das Wohnzimmer. Gekleidet in einem feinmaschigen, schwarzen Netz-Bodystocking, durch den ihre dunklen Brustwarzen gut sichtbar waren. Darunter trug sie nur einen winzigen, schwarzen Tanga, der deutlich weniger bedeckte, als der Bodystock an der Stelle freiließ. Dazu an ihren kleinen Füßen schwarze Pumps und über ihren schwarzen Haaren ein Haarreifen mit einem Stoff-Rentiergeweih.
      Meine Vorgabe „sexy Christmas-Outfit” hatte sie damit mühelos erfüllt. Und obwohl Nina und ich ihren Körper doch inzwischen in- und auswendig kannten, wirkte sie jetzt grade so unsicher, dass man sie einfach lieb haben musste und in den Arm nehmen wollte.

      Nina war auch schon im Begriff, sich auf sie zu stürzen, meinte dann aber: „Oh, Augenblick!”, griff zum Tablet und wählte auf ihrer Weihnachts-Playlist das Offensichtliche: „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer, had a very shiny nose…” hörten wir also, als Nina Sibylle umschlang und küsste: „Ohhh, du bist so ein süüüßes sexy Rentier!”

      Ich war auf der Couch sitzengeblieben und als Nina Sibylle endlich freigab, stellte sie sich vor mich, lächelte scheu und hielt dabei verlegen ihr Halsband in den Händen.
      Ich betrachtete sie glücklich, diese kleine, anmutige Frau mit der schönen, cappuccino-braunen Haut, und sagte ihr, was ich dachte: „Du bist wunderschön. Knie dich hin.” Und legte ein Kissen zwischen meine Füße. Unserm üblichen Ritual folgend, legte ich ihr das Halsband um, ließ das Schloss einrasten. Griff danach mit dem Mittelfinger in den O-Ring des Halsbandes, schaute ihr tief in ihre dunklen Augen und sagte: „Jetzt bist du meins”. Sie erwiderte: „Ich bin ganz deins”, dann zog ich sie zu mir heran und nahm mir einen Kuss von ihr. Wobei uns Nina lächelnd beobachtete.

      Dann durfte Sibylle wieder aufstehen und Nina helfen, den Baum zu schmücken. Unsern ersten eigenen Weihnachtsbaum.
      Während Nina mit ihren Eltern viele nette Weihnachtsfeste gefeiert hatte, waren Sibylles und meine Erinnerungen deutlich gemischter. Sibylle hatte früher ein paar schöne Heilige Abende bei ihren Großeltern erlebt, aber die Weihnachten mit ihrer kranken Mutter waren immer traurig. Und ich hatte gute Erinnerungen an die Familienweihnachten in meiner Kindheit, in den letzten Jahren aber waren die Feiertage bei meiner Mutter eine eher zähe Angelegenheit gewesen. Deshalb hatten wir uns entschlossen, dieses Jahr zusammen zu feiern. Als unsere eigene, kleine BDSM-Familie.

      Wobei wir das mit BDSM nicht übertreiben wollten. Wir waren uns einig: Das sollte heute keine Session werden. Sondern ein erotisches Weihnachtsfest. Also hatte ich einen Tannenbaum besorgt und die Mädels den Weihnachtsschmuck. Im Backofen bräunten sich die Zimtsterne. Und Nina versorgte uns mit Weihnachtsmusik sowie Eggnog, einer Art mondänen Eierlikör.
      Schon jetzt, bei den Vorbereitungen, knisterte die Erotik. Ich hatte die Heizung hochgedreht, damit meine beiden leichtbekleideten Weihnachtsengel nicht frieren. Ich selber trug eine lange, schwarze Hose und ein schwarzes Oberhemd. Aber nicht nur deswegen wurde mir warm. Der Anblick dieser beiden so unterschiedlichen Frauen, die ausgelassen rumalberten und mitsangen: „All I want for Christmas is youuu…” und mir dabei Luftküsse zuwarfen… Eigentlich saß ich auf der Couch, um Lebkuchenbrezeln und Zuckerringe mit Anhängern zu versehen, leider konnte ich mich einfach nicht konzentrieren. Zumal die beiden es inzwischen darauf abgesehen hatten, mich abzulenken.
      Also nahm ich mir einen abgeschnittenen Tannenzweig und pikste jeden frechen, halbnackten Po, der zu provokant vor mir rumwedelte. Kleine Gemeinheiten erhalten die Herrschaft.

      Als nächstes Lied begann „Jingle Bell Rock” aus Glee, worauf Nina rief: „Ahhh, Weihnachtsglocken!”, ihren Oberkörper schüttelte und mich herausfordernd anlachte.
      Als guter Dom war ich natürlich vorbereitet, jeden Überschwang einzubremsen. „Kommst du wohl her!”, beorderte ich den Frechdachs heran und griff nach den Nippelklammern, die ich unter dem Kissen neben mir versteckt hatte.
      Als ich die Klammer anlegte, schloss Nina wie üblich die Augen, nahm den Kopf in den Nacken und atmete tief ein. Ich weiß immer nicht, ob aus Schmerz oder Genuss. An die Klammern hängte ich noch je eine spiegelnde Christbaumkugel, links rot und rechts grün – so wie in der christlichen Seefahrt. „Jetzt ist Schluss mit dem Gewackel. Wehe, die Kugeln gehen kaputt!”, sagte ich grinsend und drohte mit der Birkenrute, die ich extra für heute Abend besorgt hatte.

      Sibylle mit ihrem zierlichen Körper hatte nicht so viel zum Wackeln, aber Strafen sollte man gerecht verteilen. Auch sie bekam Nippelklammern verpasst, die allerdings nicht so schmerzhaft zudrückten und mit kleinen Glöckchen versehen waren. Jetzt hatte auch sie ein paar Weihnachtsglocken – die gut zu ihrem Rentiergeweih passten.

      Einen Eggnog, ein paar Fotos und einen Song („Jamaican Drummer Boy”) später nahm ich meinen beiden Süßen ihre Klammern erstmal wieder ab. Und verwöhnte ihre schmerzenden Nippel mit meinem Mund. Bald danach war der Baum auch soweit fertiggeschmückt und wir betrachteten stolz unser Werk.

      „So, dann mal alle kleinen Kinder bis zur Bescherung raus aus dem Weihnachtszimmer!” Nina und Sibylle verschwanden lachend in die Küche und ich machte die Wohnzimmertür zu.
      Die Wohnung war so geschnitten, dass das Schlafzimmer von Nina und mir direkt vom Wohnzimmer abging. Was jetzt sehr praktisch war: Ich holte aus den Tiefen meines Kleiderschranks unsere Spieltasche und zwei der Weihnachtsgeschenke. Wenn es schon eine BDSM-Weihnacht ist, dann sollte man es dem Baum auch ansehen. Also nahm ich eine glänzende Stahlkette aus der Tasche und drapierte sie nahe des Stamms über ein paar Äste. Dann noch ein paar Vorhängeschlösser, mit denen ich sonst meine beiden Subbis um- oder anschließe. Und auch mit den Handschellen dekorierte ich den Baum, etwas weiter hinten und ein bisschen versteckt.
      Danach befreite ich die beiden Geschenke von ihrer Verpackung, umknotete sie jeweils mit einem roten Geschenkband und hängte sie tief in den Baum. Unauffällig und erst auf den zweiten Blick zu entdecken, hingen dort jetzt, wie zwei gedrungene, silberne Tannenzapfen, zwei Metall-Plugs. Ein großer mit einem roten, glitzernden Stein in der Endplatte für Nina. Und ein mittlerer mit schwarzem Stein für Sibylle – sie hatte noch nicht so viel Erfahrung mit sowas.
      Während ich in der Tasche nach weiteren glänzenden Spielsachen kramte, mit denen man den Baum einschlägig dekorieren könnte, klingelte die Türglocke. Ich stellte die Tasche ins Schlafzimmer, machte die Tür zu und ging in den Flur, zur Wechselsprechanlage.
      „Hallo?”
      „Hallo Konrad, hier ist Britta. Und Klaus. Wir wollen bei euch auf einen kleinen Überraschungsbesuch reinschneien.”
      Britta und Klaus? Welche Britta und Klaus? Ich stand völlig auf dem Schlauch.
      Mein verwirrtes Schweigen wurde von der weiblichen Stimme beantwortet: „Klaus und Britta Hoffmann. Die Eltern von Nina.”
      Ach. Du. Schande! Ninas Eltern! Erschrocken schaute ich zur Küchentür, aus der Nina und Sibylle inzwischen neugierig lugten, dann fasste ich mich und sagte der Wechselsprechanlage: „Äh…wow! Was für eine Überraschung! Ja, kommt doch bitte hoch.” Ich drückte den Türöffner. Und öffnete aus Gewohnheit schon die Wohnungstür.
      „Wer…” begann Nina.
      „Deine Eltern!”
      „Waaas?! Warum hast du sie reingelassen?”
      „Was sollt’ ich denn tun? Sagen, dass ich nicht da bin?!”
      Nina schaute Sibylle entsetzt an. „Wir müssen uns umziehen. Wir müssen uns verstecken!” Beide rannten – beziehungsweise stöckelten – quer über den Flur. „Nicht wieder ins Badezimmer!” rief ich noch. Zu spät – sie hatten schon die Tür abgeschlossen. Ich dagegen flitzte ins Wohnzimmer, packte die Verpackung der beiden Plugs und überlegte panisch, wohin ich sie verschwinden lassen könnte, da hörte ich auch schon „Hallo? Nina? Konrad?” Ich warf und trat die beiden Kartons schnell unter das Sofa und ging zur Wohnungstür.

      Es folgte der Austausch von Begrüßungsfloskeln („Was für eine schöne Überraschung!” … „Ich hoffe, wir stören nicht.” … „Ach, überhaupt nicht, kommt doch rein!”), dann geleitete ich die zwei ins Wohnzimmer.
      „Oh, was für ein schöner Baum!”, sagte Britta Hoffmann. Warum hab ich die beiden bloß ins Wohnzimmer geführt?! Während die zwei den Baum inspizierten, sprang mein Blick nervös zu der Kette, den Handschellen, den Plugs.
      „Mensch, ihr habt’s aber ganz schön warm hier. Da wird die Tanne bald Nadeln verlieren.” Noch schienen sie nichts Verdächtiges entdeckt zu haben. Und waren, wie ich sie kennen gelernt hatte: Ninas Mutter war herzlich, ihr Vater pragmatisch.
      „Wo ist Nina denn?”, fragte Britta. „Heute ist ja das erste Weihnachten, das wir ohne unser Kind feiern!”
      „Äh, ich glaube, sie ist noch im Bad. Aber setzt euch doch erstmal. Kann ich euch was anbieten?”
      „Oh, nein danke!”, lehnte Nina Mutter ab, während sie sich setzten. „Wir wollen euch gar nicht lange aufhalten. Wir wollten eigentlich nur ein paar Geschenke vorbeibringen und dann weiter, nach Hause.”

      Ich saß ihnen gegenüber auf dem Sessel, sah zwischen ihren Füßen unter dem Sofa die Verpackungen der Sexspielzeuge („Deep Pleasure”) und versuchte, sie mit Smalltalk vom Weihnachtsbaum abzulenken. Die beiden würden nicht wieder gehen, ohne Nina gesehen zu haben. Die versteckte sich grade in einem sexy Outfit im Bad, wo natürlich keine Anziehsachen von ihr lagerten. Die Wohnzimmertür zum Flur stand offen und selbst wenn Nina es unentdeckt in Sibylles Zimmer schaffen würde: Sibylles Sachen wären viel zu klein für sie. Und den Schlüssel zu ihrem Halsband trug ich an einer Kette um den Hals.
      „Wir dachten uns gestern, wir entfliehen mal dem Vorweihnachtstrubel und sind spontan für eine Übernachtung an die Ostsee gefahren. Ein Hotel zu finden, war nicht so einfach, die meisten haben jetzt zu. Ist keine Saison über Weihnachten.” Auch Klaus Hoffmann konnte Smalltalk.

      Während ich mir noch den Kopf zermarterte, wie ich die Situation lösen könnte, öffnete sich die Badezimmertür.
      Heraus spazierte Nina: unterhalb ihrer Arme und oberhalb ihren nackten Beinen hatte sie sich ein großes Badetuch um den Körper gewickelt. Ein kleines Handtuch hatte sie um den Hals gebunden und ein weiteres trug sie als Turban um die Haare. Dazu war sie weiterhin perfekt geschminkt, mit knallrotem Lippenstift. Allerdings fehlten die Manschetten jetzt.
      „Mama! Papa! Was macht ihr denn hier?!”, schauspielerte sie.
      Die Hoffmann standen auf, um ihr Kind zu begrüßen. „Überraschung! Wir wollten euch nur einen schönen Heiligabend wünschen und ein paar Geschenke abgeben.”
      „Setzt euch doch, ich zieh mir nur schnell etwas an.”
      „Nein, lass mal gut sein. Das lohnt sich nicht, wir sind in ein paar Minuten wieder weg”, wehrte Britta ab und schob Nina auf die Couch, zwischen sich und ihren Mann.
      Die Hoffmanns quasselten ein paar Minuten ausgelassen durcheinander, während ich hinter Ninas Füßen die Plug-Verpackungen und zwischen ihren Beinen unter dem Handtuch ihren feuerroten Slip sehen konnte.

      „Gleich wollen wir aber wirklich wieder! Ich würde nur gerne vorher noch mal schnell euer Bad benutzen. Das war doch im Flur links?”, fragte Ninas Mutter und war schon auf dem Weg.
      „Äh…ja…aber…vielleicht…”, stotterte ich, fand aber keine Begründung, um sie aufzuhalten.
      Britta verschwand im Bad und ich erwartete einen Schrei der Überraschung, wenn sie dort auf ein sexy Rentier trifft.
      Aber nix geschah.
      Der Duschvorhang war undurchsichtig. Sibylle wird in die Dusche gestiegen sein.
      Ninas Mutter kam auch schon zurück und schüttelte ihre Hände: „Im Bad sind keine Handtücher mehr.” Dann sah sie Nina fragend an: „Warum hast du denn ein Handtuch um den Hals?”
      „Ich hab ein bisschen Halsschmerzen…”
      „Oh Kind!” Britta setzte sich schon wieder zu ihr aufs Sofa. „Da musst du am besten mit Salbei gurgeln. Zu Hause hätte ich welchen da...”
      Als Musik lief grade von Ninas Playlist U2: „Christmas (Baby please come home)”.
      Und es klingelte. Nina und ich sahen uns fragend an, dann stand ich auf, ließ Nina in der Überfürsorge ihrer Mutter zurück und öffnete die Wohnungstür.

      „Ü-BER-FALL!!!”
      Im Treppenhaus standen drei alte Kumpels, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte und grinsten über beide Ohren.
      „Jungs! Was macht ihr denn hier?”
      „Wir waren ma wieder auf’m Weihnachtsmarkt, wie jeden 24. Und da du ja nie auf die E-Mail reagierst, dachten wir uns: da geh’n wa dieses Jahr ma rum! Und bringen den Umtrunk zu dir.”
      Alle drei trugen rote Weihnachtsmannmützen, dadrunter glühten ihre bärtigen Gesichter glühweinrot.
      „Äh…ist grade gaaanz schlecht bei mir, ich hab…”
      „Konraaad! Mach dich ma locker. Nur ‘ne kleine Runde! Wir sind auch gleich wieder weg.” Eine Thermoskanne und zwei Flaschen schwenkend schoben sie sich in die Wohnung. Wie in der Flens-Werbung grüßten sie die Hoffmanns durch die offene Wohnzimmertür „Moin”, „Moin”, „Moin” und steuerten zielstrebig die Küche an.

      „Boah, is aber warm hier drinnen!”
      „Das ist bestimmt der Backofen. Ich mach den mal aus. Und nehm die Kekse raus, die müssten fertig sein.” Kaum hatte ich das heiße Blech abgestellt, bekam ich auch schon einen Becher Glühwein in die Hand gedrückt. „Auf die Band von Weihnachten!”
      „Auf die Band!”, antwortete ich und nahm einen tüchtigen Schluck. Und merkte: Der Glühwein hatte einen tüchtigen Schuss. Ich sah in die Runde, in die altbekannten Gesichter und fragte mich: Wo hatten wir uns damals eigentlich kennengelernt? Ach ja, im Verein: wir hatten mal zusammen Sport gemacht.
      Ich müsste mich mal wieder loseisen und zurück zu den Hoffmanns, aber so schnell wollte man mich nicht gehen lassen. Ein Klopfen an der Wohnungstür war schließlich der willkommene Anlass.

      Als ich die Tür öffnete, wartete dahinter ein Mann in altertümlichen Klamotten, so mit Rüschenhemd, Kniebundhose und weißer Perücke und machte eine formvollendete Verbeugung. „François Aldonse Donatien Louis de Sade, à votre service.”
      Vermutlich ein Schauspieler. Oder ein Bekloppter. Jedenfalls schien er nur Französisch zu sprechen.
      Während ich mit meinen dürftigen Schulkenntnissen rauszukriegen versuchte, was der komische Vogel wollte, sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich die Badezimmertür vorsichtig öffnete und dann Sibylle, in ihrem Bodystock, mit dem Geweih auf dem Kopf und ihren Schuhen in der Hand, den Flur runterschlich. Als sie an der Küchentür vorbeikam, gab es großes Gejohle, worauf Sibylle blitzschnell in ihr Zimmer verschwand.
      „Pardon, Monsieur…”, begann ich erneut.
      „Monsieur? Je suis un Marquis!”
      Ein Schrei aus Sibylles Zimmer. Ich ließ den Marquis stehen und rannte den Flur runter. Als ich in ihr Zimmer stürmte, lief ich fast in ein Geweih.

      „Konrad, was ist das?!” Ängstlich drückte sich Sibylle neben mir an die Wand.
      „Ein…ein…Rentier?”
      Vor uns stand ein ausgewachsenes Rentier. Nackt, bis auf sein Zaumzeug und ein Halsband mit zwei Glocken. Und so groß, dass sein Geweih an die Deckenlampe stieß, als es den Kopf hob.
      „Aber wie ist das hier reingekommen?”
      „Vielleicht durch das Fenster?” Das einzige Fenster stand einen Spalt weit offen.
      Da das Rentier freundlich und sehr entspannt aussah, schob ich mich langsam an ihm vorbei zum Fenster. Streichelte ihm dabei vorsichtig über den Rücken, was es zu mögen schien. Aus dem Flur hörte ich die Türglocke klingeln. Als ich das Fenster schloss, warf ich einen Blick nach draußen. In der Abenddämmerung stand auf der regennassen Straße eine Art Pferdeschlitten, aber ohne Pferde. Es klingelte noch mal.
      „Ist das gefährlich?”
      „Ich glaube nicht. Schau mal, du kannst es sogar streicheln.” Es klingelte wieder und zwar energisch.
      „Sei einfach vorsichtig und erschreck es nicht. Ich bin gleich wieder da”, sagte ich und ließ die beiden Geweihträger alleine. Der Marquis stand inzwischen im Flur und hatte wohl die Tür hinter sich geschlossen. Er wollte wieder mit mir ins Gespräch kommen, aber ich wehrte ihn mit einem „Un moment!” ab und öffnete die Wohnungstür.

      Vor mir stand ein weißhaariger Herr im Anzug.
      „Ich wünsche Ihnen einen guten Heiligen Abend, Herr Bauer. Mein Name ist Frank-Walter Steinmeier, amtierender Bundespräsident. Um die Bürgernähe zu verbessern, habe ich beschlossen, beginnend mit diesem Jahr, die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten in der Wohnung eines Mitbürgers aufzuzeichnen. Für dieses Jahr ist unsere Wahl auf Sie gefallen.”
      „Aha. Na…dann…kommen Sie mal rein”, sagte ich etwas überrumpelt und gab die Tür frei.
      Steinmeier folgten zwei kantige Typen in Anzügen, bestimmt Personenschützer, die den Marquis misstrauisch musterten; dann eine hektische Aufnahmeleiterin und ein abgeklärtes Kamerateam. Wie von selbst fanden sie ins Wohnzimmer, wo sie von Familie Hoffmann mit großem Hallo empfangen wurden. Dass ein Hoffmann nur in Handtücher gekleidet war, wurde höflich übersehen. Während Steinmeier ein paar staatstragende Worte zur Begrüßung fand und Britta Hoffmann ein Autogramm haben wollte, baute die Kamera-Crew schon mit geübten Griffen ihre Technik auf. Und blockierten dabei mit einem Scheinwerferstativ die Tür zum Schlafzimmer – Ninas Fluchtweg.
      Nina hatte das auch bemerkt und sah mich mit einem flehenden Tu-doch-was!-Blick an. Ich sprach bereits den einen Kameratechniker an, aber er ignorierte mich genauso routiniert, wie die überflüssigen Anweisungen seiner Aufnahmeleiterin. Es klingelte schon wieder. Ich wollte schon das Stativ selber verrücken, als mir der eine Bodyguard zurief, dass ich dringend mal zur Eingangstür kommen sollte.

      „Herr Bauer? Sind Sie zu Hause? Hier ist die Polizei!”, hörte ich durch die Tür. Ich beeilte mich, zu öffnen.
      Vor mir hatte ich ein junges Polizistenpärchen (die sind ja inzwischen alle jünger als ich).
      Der junge Polizist kam gleich zur Sache: „Guten Abend, Herr Bauer. Unten vorm Haus steht ein großer, unbeleuchteter Schlitten auf der Straße und behindert den Verkehr. Können Sie uns dazu vielleicht was sagen?”
      „Äh, nein, ich nicht. Aber komm’se mal mit.” Ich führte die beiden Uniformträger in Sibylles Zimmer und ließ sie verdutzt direkt vorm Rentier stehen, das von Sibylle den Nacken gekrault bekam: „Bitte schön! Viel Spaß bei der Vernehmung!”
      Ich wollte zurück ins Wohnzimmer, Nina retten, wurde aber von den Jungs abgefangen und in die Küche umgeleitet.

      Ihre Jacken hatten sie inzwischen abgelegt, sie trugen alle alberne Weihnachts-Pullover. Schon hatte ich ein Schnapsglas mit einer blutroten Flüssigkeit in der Hand. „Viva, Las Vegas!”
      „Wie war Lars Wegers?!”, antwortete ich und stürzte den Inhalt runter. Eine scharfe Gemeinheit, die wie ein Mexikaner mit Zimt schmeckte. Was zum Duft der Zimtsterne passte.
      Ich kannte die Jungs gar nicht vom Sport, fiel mir auf: das waren Kommilitonen, wir hatten zusammen studiert. Von Ninas Playlist rockte Elvis: „Here comes Santa Claus”, da spazierte eine ältere Frau in meine Küche, keine Ahnung, wer die reingelassen hatte. Ihr etwas alternativer Kleidungsstil erinnerte mich an meine Mutter.
      „Moin! Wer bist du denn?”, begrüßte sie einer der Kumpels launig.
      „Guten Abend, ich bin Alice.”
      „Alice?! Who the Fuck is Alice?!”, riefen die Jungs wie aus einem Mund.
      Die Frau lachte darüber herzhaft: „Den hab ich ja noch NIE gehört!” Und bekam schon ein Glas gereicht.
      Ich nutzte die Ablenkung, um mich geschmeidig abzusetzen.

      Im Flur diskutierte Steinmeier, der auf seinen Einsatz wartete, mit dem Marquis auf Französisch über Sozialismus.
      Ich wollte grade die Wohnungstür zudrücken, aber im Türrahmen stand ein kleiner, dicker Weihnachtsmann, mit falschem Bart und seinem Sack in der Hand. „Ho-ho-ho! Von drauß’ vom Walde komm…”
      „Entschuldigung”, unterbrach ich ihn resolut, „Ich denke, wir haben schon genug Weihnachtsbesuch, und was auch immer…Sie wollen…”
      Während ich den Weihnachtsmann abwimmeln wollte, hatte ich ins Wohnzimmer geschaut. Die Kamera-Crew testete grade ihre Kameras. Auf einem Monitor sah ich, wie in den Weihnachtsbaum gezoomt wurde. Immer größer wurde ein Paar Handschellen auf dem Bildschirm – den glücklicherweise bis jetzt noch niemand zu beachten schien.
      „Augenblick!”, ließ ich den falschen Weihnachtsmann stehen.

      Jemand hatte die Wachskerzen an unserm Weihnachtsbaum angezündet und zusammen mit den ganzen Scheinwerfern wurde es immer wärmer im Wohnzimmer. Das inzwischen recht voll war – auch das junge Polizistenpärchen war hier gelandet. Die Aufnahmeleiterin diktierte der Polizistin aufgebracht eine Beschwerde in den Block, die Personenschützer und der junge Polizist zeigten sich gegenseitig ihre Bizeps und ihre Pistolen. Ninas Vater schaute sich das Ganze interessiert an, während Ninas Mutter immer noch auf ihre Tochter einredete und Nina mich hilfesuchend ansah.

      „Jo, wir sind ready”, sagte da der eine Kameramann unaufgeregt, worauf die Aufnahmeleiterin aufgeregt nach dem Herrn Bundespräsidenten rief.
      Steinmeier stellte sich vor den Baum und begann seine Rede: „Sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich habe dieses Jahr die Ehre, meine Weihnachtsansprache im Wohnzimmer der Familie Bauer aufzeichnen zu dürfen.” Dabei zeigte er auf das Sofa. Das Bild auf dem Monitor sprang von ihm auf die zweite Kamera, die zeigte, wie die Hoffmanns auf dem Sofa wegen der Ansage irritiert aus der Wäsche guckten. Beziehungsweise aus den Handtüchern.
      Während Steinmeier fortfuhr, fiel mir auf, dass er als einziger nicht schwitzte. Nach Jahrzehnten als Berufspolitiker konnte er wohl jede Temperatur im Anzug ertragen.

      Ein spitzer Schrei, wieder aus Sibylles Zimmer. Die Aufnahmeleiterin fluchte und rief „Cut!”
      Ich war schon auf dem Weg zu Sibylle, musste im Flur aber einer Mareike oder so ausweichen, die behauptete, wir hätten uns letztes Jahr auf der Betriebsweihnachtsfeier kennengelernt. Und Alice klopfte an die Badezimmertür: „Hallo? Ist hier besetzt?”.

      Sibylle stand empört neben dem Rentier und kniff die Beine zusammen. „Rudolph hat mein Höschen gefressen!”
      „Na…das ist aber nicht so gut für seinen Magen”, war das Einzige, was mir dazu einfiel, während das Rentier tiefenentspannt kaute. Jemand hatte den beiden Lametta ins Geweih gehängt.
      Hinter mir hörte ich schwere Schritte, weil grade ein Trupp Feuerwehrmänner in Schutzausrüstung die Wohnung betrat.

      Da wurde ich aber schon von einem der Jungs in die Küche gezogen. Die Kumpels hatten inzwischen den Eggnog entdeckt, den sie zusammen mit dem Marquis tranken. Über ihren Bierbäuchen spannten sich bescheuerte Weihnachts-T-Shirts, auf einem stand „I saw Mommy kissing Santa Claus”, darunter ein Bild von einer nackten Frau, die vor einem grinsenden Weihnachtsmann kniet. Inzwischen war mir klar, dass wir uns aus dem Stadion, von der Nordtribüne, kannten. Trotz meines Protests bekam auch ich einen Punsch verpasst, der Toast war diesmal „Vive la Révolution!” Was besonders der Marquis gut fand.

      Vor der Küchentür im Flur keiften sich jetzt Alice und der kleine Weihnachtsmann an: Der Weihnachtsmann hatte seinen falschen Bart runtergezogen, war eigentlich eine Frau und nannte Alice eine Sexistin. Die konterte: „Es hat wohl kaum jemand mehr für die Gleichberechtigung getan als ich! Aber ein Weihnachtsmann ist nun mal ein WeihnachtsMANN! Da bin ich ganz traditionell!”

      Ich schob mich an ihnen vorbei und fragte den einen Feuerwehrmann, was sie hier machen.
      „Brandsicherheitswache. Weihnachten ist die Hochsaison der Wohnungsbrände”, erklärte er knapp und nickte zu unserm Weihnachtsbaum.
      Ich schaute ins Wohnzimmer, wo Steinmeier routiniert seine Rede vortrug. Auf dem Monitor war er im Portrait – und immer noch kein Schweißtropfen zu sehen. Es wurde auf die andere Kamera geschaltet, der Bildschirm zeigte ein Stillleben: eine brennende Kerze des Weihnachtsbaums in Großaufnahme. Langsam wurde die Tiefenschärfe der Einstellung veränderte, die Kerze wurde unscharf und eine Art gedrungener, silberner Tannenzapfen weiter hinten wurde scharf und deutlich der Fokus der Aufnahme. Ich hustete erschrocken.

      Aber das war die letzte Einstellung, der Take war gut und die Rede damit im Kasten.
      Das Kamerateam fing an, sein Equipment abzubauen. Die Personenschützer sagten Steinmeier, dass sie Dienstschluss hätten und er wünschte ihnen einen schönen Feierabend. Die Aufnahmeleiterin rauchte zur Entspannung im Treppenhaus Gras, zusammen mit dem Marquis und dem jungen Polizisten. Mareike (oder so ähnlich) flirtete mit einem Feuerwehrmann, Steinmeier bedankte sich bei einem anderen Feuerwehrmann für seinen Dienst an der Gesellschaft, während der Truppführer der Polizistin die Brandschutzvorschriften für Heiligabend erklärte. Die Hoffmanns konnten endlich das Sofa verlassen, Britta knöpfte ihre Bluse weit auf, weil ihr so warm war und Klaus hatte sein Hemd durchgeschwitzt, blieb aber ansonsten cool.

      Alice teilte uns mit, dass es im Bad keine Handtücher gab, worauf Nina ihr das Handtuch von ihrem Kopf in die Hand drückte. Dann fragte Nina mich: „Hast DU die alle eingeladen?”
      „ICH? Bist du verrückt?”
      Da tippte mir der Nachbar, der unter uns wohnt, auf die Schulter, wünschte mir frohe Weihnachten und ermahnte mich, dass im Treppenhaus doch bitte nicht geraucht wird. Durch die offene Tür am Ende des Flurs sah ich in Sibylles Zimmer, wie sie mit dem Rentier knutschte. Ninas Vater und der kleine Weihnachtsmann begrüßten sich denkbar knapp: „Klaus” - „Santa Claus”. Die Aufnahmeleiterin rüttelte an der Klinke der Badezimmertür: „Ist da wer drin?!” In der Küche ging Glas zu Bruch.
      Und jemand hatte die Musik wieder angestellt, es ging los mit „Sexy Santa” von Kiki, damit lief der Abend endgültig aus dem Ruder. Der junge Polizist ließ die Hüften kreisen und begann, unter dem Johlen der umstehenden Frauen, sich auszuziehen, was ich für eine einfallslose Idee hielt: bestätigt doch nur das Klischee, dass alle gutaussehenden, uniformierten Polizisten in Wirklichkeit Stripper sind.
      Einer von den Kumpels warf die Zimtsterne unters Volk. Durch die offenstehende Wohnungstür kam grade irgendwer in einem Schneemannkostüm und zog eine Wasserspur hinter sich her. Mareike oder wie die hieß erzählte mir anzüglich davon, dass wir doch bei der letzten Weihnachtsfeier geknutscht hätten. Das war mir völlig entfallen – und grade viel zu Vanilla. Wenn sie jetzt auch noch anfängt „Last Christmas” zu singen, dann schmeiß ich sie raus!
      Ninas Mutter beschäftigte sich intensiv mit dem Marquis, ich wusste gar nicht, dass sie so gut Französisch kann. Ein bärtiger, langhaariger Typ in Sandalen erklärte der Polizistin, das hier wäre seine Geburtstagsparty, worauf sie seine Personalien aufnahm. Ein großer, brauner, fünfzackiger Stern, anscheinend aus Pappe gebastelt, schob sich durch die Wohnung – jemand hatte sich als Zimtstern verkleidet.
      Nina nutzte das Handtuch von ihrem Hals, um Eggnog aufzuwischen. Dass sie darunter ein abgeschlossenes Halsband trug, fiel inzwischen nicht weiter auf.

      Ich wurde wieder von den Jungs eingefangen und in die Küche verbracht. Die drei Kumpels trugen jetzt nur noch ihre Stiefel, ihre Weihnachtsmannmützen sowie unterhalb ihrer Plauzen Boxershorts mit Weihnachtsmotiven (Mistelzweige, Tannenbäume und gekreuzte Zuckerstangen). Und sahen damit noch mehr wie gemütliche Zwerge aus. Ich war mir inzwischen fast sicher, dass ich sie noch aus der Schulzeit kannte. Auf dem Küchentisch brannten vier Lichter: Tia Maria mit Wodka – flambiert. Meine alte Nemesis.
      Da zischte auch schon ein Kohlendioxid-Feuerlöscher, mit dem Gas löschte der eine Feuerwehrmann die vier brennenden Schnapsgläser und nickte uns beflissen zu: „Keine Ursache”.
      Na, dann konnten wir das jetzt auch gleich trinken: „Nich schnacken, Kopp in’n Nacken!” Mit dem Geschmack des warmen, süßen Alkohols im Mund wurde mir ganz anders, zumal damit Erinnerungen an wüste Besäufnisse hochkamen. Mit einem plötzlichen Satz war ich aus der Küche, keine Chance für die Jungs, mich aufzuhalten.

      Ins Bad konnte ich aber nicht, Nina horchte grade an der Tür und meinte entnervt: „Da drin scheint jemand zu duschen!” Steinmeier, der Marquis und der Nachbar von unten gaben im Flur wie drei alte, weise Männer dem bärtigen Typ in Sandalen sehr unterschiedliche Lebensweisheiten mit auf den Weg („Gemeinschaft!” - „Liberté!” - „Treppenhaus fegen!”). Im Wohnzimmer wurde inzwischen zu „Merry Christmas Everyone” getwistet.

      In der offenen Wohnungstür stand eine kleine, eiförmige Gestalt und stellte sich auf Englisch als Humpty Dumpty vor.
      „Well, great, whatever! Come aboard, make yourself at home, get an Eggnog!”, begrüßte ich ihn.
      „EGGNOG?!”, rief er mir empört hinterher, aber ich flitzte schon in Sibylles Zimmer, es hatte da mal wieder einen Schrei gegeben.

      Nina und Sibylle redeten auf das Rentier ein, das sich einen Zipfel von Ninas Badetuch geschnappt hatte und gar nicht dran dachte, das Maul wieder zu öffnen. Stattdessen schwang es mit einer kraftvollen Bewegung seinen Hals, riss Nina damit das Handtuch vom Leib und holte nebenbei mit seinem Geweih die Deckenlampe runter.
      Nina schlug die Hände vor ihre nackten Brüste und sah mich entsetzt an: „Konrad, tu doch was!”
      Rudolph ließ sich das Tuch aber nicht nehmen, störrisch wie ein Maultier, das Rentier! „Ich hol dir ein neues Handtuch!”, ließ ich Nina stehen.

      Vor der geschlossenen Badezimmertür stand aber bereits die Polizistin und klopfte: „Aufmachen, Polizei!” In der Küche saß Humpty Dumpty auf dem Küchentisch, trank mit den Kumpels und lachte sich kugelig.

      Ich wollte Nina ein Hemd oder so aus dem Schlafzimmer holen, kam aber nur bis zum Wohnzimmer: „Rockin’ around the Christmas Tree” von Mel und Kim Wilde begann und der junge, halbnackte Polizist startete augenblicklich eine Polonaise. Nachdem diese alle Leute im Wohnzimmer eingesammelt hatte, drohte sie sich im Kreis zu drehen. Der Truppführer der Feuerwehr erkannte die Gefahr, setzte sich an die Spitze der Schlange und übernahm die Führung: den Flur runter, direkt in Sibylles Zimmer. Dort packte er die überraschte Nina mit beiden Händen um ihr Korsett, schob sie wie eine Galionsfigur mit blankem Busen vor sich her und sang dazu auch noch: „I’m dreaming of a TIGHT Christmas…!” Heee, Herr Feuerwehrmann! Das ist meine Sub!

      Die Polonaise umrundete das Rentier und Sibylle, mäanderte dann durch die Küche (wo sie die Jungs aufsammelte), ins Wohnzimmer und wieder in den Flur. Um endlich etwas Ruhe in den Abend zu bringen, hatte ich einen Geistesblitz: Ich leitete den Tanzwurm durch die Wohnungstür ins Treppenhaus. Aber noch bevor die letzten Glieder die Wohnung verlassen hatten, quetschte der Truppführer schon wieder Nina durch die Tür, die Schlange kam zurück und hatte im Haus noch ein paar Nachbarn eingesammelt. Und Steinmeier schaffte es, selbst in einer Polonaise noch würdevoll auszusehen.

      Mit dem nächsten Lied („Merry X-Mas Everybody”) löste sich die Schlange auf und ich versprach Nina, dass wir nächstes Jahr zu Weihnachten gaaanz weit weg fahren. Jemand hüpfte in einem Latex-Osterhasenkostüm durch die Wohnung und wurde von allen gemobbt. Dann sollte ich doch mal ganz schnell kommen, im Wohnzimmer würde es schneien.
      Doch statt einer schneeträchtigen Wolke sah ich dort nur etwas weißes Pulver über den Weihnachtsbaum gepudert, was der junge Polizist zu schnupfen versuchte. Ein genüsslich lächelnder Marquis versohlte einer über die Couch gelegten, hysterisch lachenden Alice das nackte Hinterteil – mit meiner Rute! Ninas Mutter beschwichtigte ihre fast nackte Tochter, dass sie nun wirklich gleich fahren werden, während mich ihr Vater fragte, wo ich denn den Ständer her habe für den Tannenbaum.

      „YOU BETTER WATCH OUT! SANTA CLAUS IS COMING TO TOWN!” brüllte da der junge Polizist und sprang mit Anlauf und nur mit einer Weihnachtsmannmütze bekleidet in den Tannenbaum, worauf beide krachend umstürzten.

      „So, jetzt reicht’s! Jetzt hab ich die Faxen dicke!” Es reichte. Ich hatte die Faxen dicke.
      „Liebe Freunde, es ist wundervoll, dass ihr alle heute Abend den Weg hierher gefunden habt. Aber es wäre noch schöner, wenn ihr jetzt auch wieder den Weg raus findet!”, teilte ich der Meute mit, während die Feuerwehr hinter mir den Entstehungsbrand am Weihnachtsbaum löschte.

      Von Entschlossenheit gepackt drängte ich die Leute zur Wohnungstür und ließ mich auf keine Diskussionen ein. Schnatternd, grummelnd, quatschend setzte sich die verschwitzte Menge langsam in Bewegung.
      „Qui, qui, qui – non! Et au revoir!”, fertigte ich den Marquis ab, während ich ihn vor mir herschob.
      Steinmeier bedankte sich; von Leuten wie uns würde unsere Gemeinschaft leben und schwafelte etwas von Verdienstkreuz, aber ich wehrte ab, dass ich das als Hanseat eh nicht annehmen würde.
      Die Polizistin versuchte, ihren Kollegen in Handschellen aus der Wohnung zu manövrieren. „Ich bin der König von Mallorca…”, gröhlte der junge Polizist, nackt, bis auf seine Dienstmütze. „Falsche Playlist!”, herrschte ihn seine Kollegin entnervt an, „Und jetzt komm!”
      Schwierigkeiten machte der große Zimtstern: Seine Spannweite war größer als der Türrahmen, ich musste ihn mit einer Zacke voraus quer durch die Tür schieben. Die Aufnahmeleiterin sah jetzt wirklich müde aus, sie ging wort- und widerstandslos. Der Papst wünschte mir zum Abschied noch Urbi et Orbi, dann ging ich durch Glasscherben, Lametta, Eierschalen und Zimtsternzacken den Flur runter.

      Sibylle saß allein in ihrem Zimmer auf dem Boden, hielt das Halsband des Rentieres in ihren Händen und sagte mit traurigen Augen: „Er hat noch nicht mal Tschüss gesagt.”
      „Aber du hast doch schon ein Halsband”, versuchte ich sie zu trösten, aber sie sah mich nur zweifelnd an. Sie muss ihn wirklich geliebt haben.
      Ich schloss das Fenster, die dunkle Straße unten vor dem Haus war leer. Und strich hilflos Sibylle über den Kopf.

      Die Kumpels bekam ich aus der Küche mit der festen Zusage, dem unzerbrechlichen Versprechen, dem heiligen Schwur, nächstes Jahr wieder mit zum Weihnachtsmarkt zu kommen (und mit dem Hinweis, dass kein Alkohol mehr da ist). Und Ninas Eltern wollten sich jetzt eh wieder auf den Weg machen.

      Endlich waren alle, die hier nicht wohnten, gegangen (außer dem Schneemann, der war geschmolzen) und ich drückte die Tür ins Schloss. Ufff. Ich atmete erstmal tief durch. Alles drehte sich.
      „Wenn jetzt alle anderen weg sind, können wir ja endlich richtig loslegen!” Neben mir stand eine ziemlich zerfetete Nina und bot mir mit einem irren Lächeln ein Glas an: „Willst du noch Eggnog?”
      Mir wurde plötzlich übel. Glücklicherweise war das Bad jetzt frei.

      ❅❅❅❅❅
      Ruhe. Dunkelheit. Mir ist schlecht.
      Ich blinzle in eine unscharfe Lichtquelle. Etwas Tageslicht fällt durch den Vorhang. Gut so. Das bedeutet, dass die Nacht überstanden ist. Ich hab Kopfschmerzen.
      Als Nina das Schlafzimmer betritt, drehe ich den Kopf und alles dreht sich mit.
      „Heyyy, mein Herr und Meister”, sagt sie sanft mit einem feinen Lächeln, „wie geht’s dir?”
      „Ich hab einen furchtbaren Kater”, erwidere ich matt.
      „Na, du hast ja gestern auch alles durcheinander getrunken. Es wurde doch ein bisschen wilder, als wir geplant hatten.”
      „In der Wohnung ist bestimmt noch voll das Chaos.”
      „Och, das war doch gar nicht schlimm. Sibylle und ich haben das meiste schon aufgeräumt. Und? Was denkst du über unsern ersten Weihnachtsabend?”
      Denken fällt mir grade schwer, aber ein Fazit habe ich: „Nie wieder Eggnog!”


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      Fenja schrieb:

      Vielen Dank für diese "etwas andere" Weihnachtsgeschichte und das du uns an deiner verrückten Phantasie hast teilhaben lassen.

      Verrückt?! Und wieso Fantasie? Ich hab eigentlich nur zusammengeschrieben, was so die letzten 2-3 Weihnachtsfeste passiert ist.

      :geschenk:

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Der Hamburger DOM ()

      Vorneweg, you made my day - ich habe mich köstlich amüsiert.

      Der Hamburger DOM schrieb:


      In der Wohnung unter Konrad Bauer.
      (Da fällt mir ein: Ich muss noch das Treppenhaus fegen. :fegen: )
      Ich fürchte Herr Bauer ist mittlerweile verzogen, nur so zur Sicherheit ;-).
      The fool doth think he is wise, but the wise man knows himself to be a fool.

      William Shakespeare - As You Like It