23.12. ✵ Manchmal, aber nur manchmal …​

      23.12. ✵ Manchmal, aber nur manchmal …​

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      ✵ 23. Dezember ✵

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      Manchmal, aber nur manchmal …

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      von @Herzel


      … lohnt es sich, brav zu sein

      Das scharrende Geräusch der Kunststoffrollen des Bürostuhls auf dem Linoleumboden ihres kleinen Büros ließ ihr einen unangenehmen Schauer über den Rücken fahren. Wie sehr sie dieses Geräusch verabscheute.
      Doch sie hatte es mal wieder bis zum Ende ihres stressigen Arbeitstages geschafft, auch wenn sie - wie jeden Tag - die Letzte war, um ihren Feierabend einzuläuten. Viel mehr als das sogar, ihren Urlaubsbeginn einzuläuten. Zwei lange Wochen ohne den fahlen Geruch von Papier und Druckerschwärze. Leider zwei Wochen.

      Das lange Sitzen hatte ihrem Rücken zugesetzt, die Muskeln steif und unnachgiebig. Auch das gutgemeinte Strecken und Recken konnte ihrer zusammengesackten Fehlhaltung beim Arbeiten nichts mehr entgegensetzen. Bewusst langsam drehte sie die malträtierten Gelenke, gab etwas Druck auf die verkrampften Muskeln in ihrem unteren Rücken. Gut, dass noch kein Kollege es bisher für nötig gehalten hatte, mit ihr Überstunden zu leisten. So konnte sie sich zumindest Zeit lassen und sich auf die kommenden Tage vorbereiten.
      Der kleine Tischkalender auf der Schreibtischplatte zeigte fast schon fröhlich den 23. Dezember an. Drecksteil.

      Während dieser für sie so alltäglichen Tätigkeit wanderten ihre Augen lose durch den kleinen drei mal drei Meter Raum, nahmen kaum die Aktenschränke voller Ordner oder ihren mittlerweile aufgeräumten Schreibtisch wahr. Ihr Blick glitt auf das von Eisblumen verzierte Fenster und sie begann unbewusst, zu zittern, obwohl ihr Minuten zuvor noch der Schweiß auf der Stirn gestanden hatte. Die Heizung hatte sie die Stunden zuvor auf Hochtouren laufen lassen, so dass es mittlerweile weit über zwanzig Grad in ihrem schnuckeligen Kabuff hatte. Sie wollte gar nicht daran denken, was die Kälte ihren verspannten Muskeln noch antun würde.

      Resigniert schlang sie den dicken, senffarbenen Wollschal um ihren Hals und stopfte ihn unter den Reißverschluss ihres dicken Daunenwintermantels. Gekrönt wurde ihr Michelinmännchen-Look noch von einer schlichten, schwarzen Mütze, welche ein unechter Pelzbommel zierte. Ein frustriertes Seufzen glitt über ihre Lippen. Sie wollte nicht nach Hause gehen, nicht in die leere Wohnung, in der sie eh niemand erwartete und in der sie alleine essen musste. Es lohnte sich nicht, für eine einzelne Person zu kochen. Zumindest redete sie sich das ein. Eigentlich vermisste sie es viel mehr, jemanden mit ihren Kochkünsten beglücken und zufriedenstellen zu können. Das unbewusste Seufzen, wenn der Geschmack den Gaumen kitzelte oder den gierigen Blick, wenn sie die letzten Soßenreste in der Pfanne zusammenkratzte, damit ihr Gegenüber noch etwas hatte, was er mit einer Scheibe Brot auftunken konnte. Sie konnte selbst ihr Lieblingsgericht nicht genießen, wenn sie nicht das strahlende Funkeln in den Augen ihres Gegenübers sehen konnte.

      Beherzt gab sie sich einen Ruck, löschte das Licht der alten Leuchtstoffröhren und begab sich schnellen Schrittes nach draußen. Das leise Klacken ihrer Absätze hallte auf dem Natursteinboden wider und füllte die gespenstische Stille um sie herum.
      Draußen vor dem Bürogebäude inmitten der Altstadt erwartete sie eine beißende Kälte. Der bitterkalte Wind peitschte um ihre Nase. Sofort begannen ihre Wangen, sich unter der kühlen Abendluft zu röten und kleine Rauchwölkchen bildeten sich aus ihrer Atemluft. Unangenehm kroch die vermaledeite Kälte auch ihre Beine hoch, welche nur durch eine dünne Nylonschicht von der Außenwelt getrennt wurden. Noch weiter als eh schon, vergrub sie ihr Gesicht in der dicken Wolle um ihren Hals. Die schwere Handtasche hatte sie geschultert und vergrub ihre nackten Finger in den Innentaschen des Mantels. Ihre gesamte Körpersprache schrie Lasst mich in Ruhe. Einfach schnell nach Hause, eine Dosensuppe erhitzen und dann konnte der Fernseher sich um die Beschäftigung ihrer Gedanken kümmern.

      Ihre Beine trugen sie wie von selbst den altbekannten Weg, vorbei an den festlich beleuchteten, kitschig in grün und rot dekorierten Schaufenstern und den Menschenmassen, die sich noch von Geschäft zu Geschäft schoben. Der süß-würzige Duft von gebrannten Mandeln und Glühwein lag in der Luft. Die Stadt hatte sich wieder nicht lumpen lassen und etliche Buden, in denen es die feinsten Köstlichkeiten zu kaufen gab, über den gesamten Stadtplatz verteilt. Auf dem Grill brutzelten Rostbratwürste, die länger waren, als die dafür bestimmten Semmeln, aus übergroßen Töpfen dampfte der Glühwein, in vereinzelten Kupferkesseln bekamen Mandeln, Cashew-Nüsse und vieles mehr ihre dicke Zuckerschicht verpasst und hier und da boten Händler Türschmuck aus immergrünen Tannenzweigen und Krippenfiguren zum Kauf an. Aus extra aufgestellten Lautsprecherboxen drangen unaufdringlich aufdringlich alte Weihnachtslieder und das stetige Schnattern von den fröhlichen Menschen hallte durch die Altstadt. Zum Kotzen.

      Sie wollte nicht hier sein. Diese übertriebene Fröhlichkeit ging ihr gehörig auf den Keks und noch andere unaussprechliche Dinge. Am liebsten hätte sie geschrien und die ganzen Leute dazu verdonnert, ihre Klappe zu halten und endlich nach Hause zu ihren ach so glücklichen Familien zu gehen. Doch sie blieb stumm und bahnte sich nur ihren Weg durch die schmalen Gassen, um schnellstmöglich die Tür hinter sich schließen und den ganzen Weihnachtsquatsch ausblenden zu können. Sie hasste Weihnachten nicht, definitiv war sie kein Grinch. Sie hasste es, alleine zu sein, mit niemandem diese festliche Stimmung teilen zu können. Im Moment hasste sie ihr Leben.

      Ihre Füße schmerzten wegen der hohen Absätze, aber sie hatte sich nicht getraut, flache Schuhe anzuziehen. Das hätte er nicht gewollt. Selbst jetzt befolgte sie noch alle seine kleinen Regeln und Aufgaben. Selbst jetzt, obwohl er sie seit Wochen allein gelassen hatte. Als hätte er ihre Aufgaben in der letzten Zeit kontrolliert oder überhaupt einen Gedanken daran verschwendet. Die Vorweihnachtszeit sei stressig, hatte er gesagt. Er habe jetzt keine Zeit für sie oder ein Treffen. Nicht einmal für ein längeres Telefonat. Tübingen, Tokio oder Timbuktu, es war ihr so egal, wo er sich gerade wieder herumtrieb. Alles war wichtiger als sie. Sie schnaubte unbewusst und beschleunigte ihren Schritt nur noch umso mehr.

      Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte sie mit halb abgefrorenen Fingern den Schlüssel in ihre Wohnungstüre stecken und die Kälte, aber auch diese grässliche Feststimmung aussperren.
      Die Wärme ihrer Wohnung brachte ihre Finger dazu, zu kribbeln, wie unter dem Tanz von abertausenden Ameisen. Mürrisch rupfte sie den Schal von ihrem Hals, ungeachtet dessen, dass sie sich so ihre komplette Frisur ruinierte. Wer sollte sie auch heute noch sehen? Nicht einmal den Pizzaboten wollte sie heute noch auf ihrer Türmatte haben. Der Daunenmantel landete neben dem Schal auf einem Haken ihrer Garderobe und die Mütze segelte unachtsam oben drauf. Die mörderischen High Heels kickte sie von ihren Füßen, ohne darauf zu achten, in welchem Eck sie landeten. Der kühle Fliesenboden fühlte sich gut unter ihren Sohlen an.
      Kreativität ist Intelligenz die Spaß hat *Albert Einstein
      Ihr erster Weg führte sie in ihr kleines Badezimmer. Ihre Finger zupften das störrische Haargummi aus der eh schon ruinierten Frisur und ihre sanften Naturlocken fielen ungeordnet auf ihre Schultern herab. Sie drehte den Wasserhahn auf kalt und wartete einige Sekunden, bevor das Wasser wirklich eisig heraussprudelte. Am liebsten hätte sie ihr gesamtes Gesicht unter den Wasserstrom gehalten, aber stattdessen spritzte sie sich mit einer stetigen Bewegung das kühle Nass in das Gesicht. Ihr Mascara hielt dieser Prozedur nicht stand und so bahnten sich kleine, schwarze Rinnsale den Weg über ihre Wangen. Das war Zeichen genug für sie, zu dem Abschminkpad zu greifen und sich diese ganze Maskerade vom Gesicht zu wischen. Im Spiegel blickte ihr ein stoisch dreinblickendes Gesicht entgegen. Unter den Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet, die Wangen waren fahl und ihre Mundwinkel hingen nach unten. Sie zwang sich zu einem unnatürlichen Lächeln, doch selbst sie konnte den Anblick dieser Fratze nicht ertragen. Ihr Gesicht wollte so gar nicht zu dem feinen Bürozwirn passen, den sie immer noch trug. Der graue Bleistiftrock umarmte ihre Kurven wie eine zweite Haut und betonte ihren kleinen Po auf die vorteilhafteste Weise. Die blütenweiße Bluse hatte sie so weit zugeknöpft, dass sie nicht zu viel zeigte, aber auch nicht so weit, als dass sie prüde wirken würde. Die schwarzen Nylonstrümpfe verliehen ihren Beinen einen sinnlichen Schimmer und schützten sie untertags zumindest etwas vor dem Winter. Alles in allem passend für ihre Arbeit, aber hier in ihren vier Wänden wirkte sie deplatziert und unangemessen aufgetüddelt. Eine weite Jogginghose und ein unförmiges T-Shirt oder ein Pullover würden mehr zu ihrem Elend passen.

      Langsam schlurfte sie aus dem Bad in ihre Küche, angelte sich eine x-beliebige Dosensuppe aus dem Vorratsschrank und öffnete diese. Sie wühlte in ihrer Schublade nach einem sauberen Topf, dessen Größe nicht übertrieben überdimensional war, doch sie konnte keinen finden. Schnaubend vor Wut öffnete sie den Geschirrspüler, um einen passenden Topf dann eben per Hand abzuspülen. Das arme Kochgeschirr musste einiges ihrer Wut auf sich selbst, ihren Sir und die Welt verkraften, bevor es mit der Dosensuppe gefüllt auf der Herdplatte stand und langsam erwärmt wurde. Unbeeindruckt schaute sie der rötlichen Flüssigkeit beim Erhitzen zu, ließ ihre Gedanken schweifen.
      Wie lange war es nun her, dass sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte? Reichten fünf Wochen überhaupt noch? Seine Stimme hatte sie zuletzt vor acht Tagen gehört und dort auch nur bei einem gehetzten, dazwischengeschobenen Telefonat, auf welches er überhaupt keine Lust zu haben schien. Sie konnte es nicht leugnen, Nachrichten bekam sie täglich von ihm. Aber meist waren es nur eine oder zwei über den kompletten Tag verteilt. Er antwortete ihr kaum, las zwar ihre Nachrichten, aber ließ von sich kein Sterbenswörtchen hören. Ihre Gespräche waren kaum mehr als das tägliche Befinden und wie viel oder wenig sie geschlafen hatten. Keine Aufgabe, keine Kontrolle dieser, kein kleines bisschen Kink. Sie war gefrustet. Wie viel würde sie gerade für ein Orgasmusverbot oder eine kleine Kleidungsvorschrift geben. Oder allgemein für seine ungeteilte Aufmerksamkeit…

      Mittlerweile warf die dicke Tomatensuppe Blasen und verbreitete einen kaum einladenden Geruch in ihren Räumlichkeiten. Vorsichtig steckte sie einen Löffel in die brodelnde Suppe und kostete diese. Angewidert verzog sie ihr Gesicht. Salz, Pfeffer oder allgemein Würze schien den lieben Fertiggerichtherstellern wohl ein Fremdwort zu sein. Oregano, Basilikum, Majoran, etwas Knoblauch und vielleicht etwas Chili würden diesem Gebräu, bei dem sie mittlerweile wirklich das Vorhandensein von echten Tomaten anzweifelte, nicht schaden. Doch sie war zu faul, jetzt noch etwas daran zu ändern. Selbst für die Verwendung eines Suppentellers reichte ihre Motivation nicht mehr. So stellte sie den Topf samt Inhalt und Esslöffel auf einen Korkuntersetzer und balancierte diesen auf einer Hand in Richtung ihres Wohnzimmers. Mit der anderen Hand schaltete sie das Licht in der Küche noch aus und zog die Türe zu, nicht dass ihre Bettwäsche noch nach diesem Tomatenunfall riechen würde.
      Mit der Hüfte stieß sie die Zimmertüre zum Wohnzimmer auf und ging blindlings hinein, stellte den Topf samt Untersetzer auf den niedrigen Couchtisch, warf sich auf das Kanapee und angelte nach dem Lichtschalter. Ihre Hand tastete an der rauen Tapete entlang, fand jedoch nicht, was sie in erster Linie suchte. Sie wollte ihren Blick gerade heben, als sie einen leichten Windhauch nahe an ihrem rechten Ohr spürte.

      Als sie herumwirbeln wollte, war es schon zu spät. Irgendetwas blockierte ihre Sicht. Es war stockfinster um sie herum, der Stoff so dicht, dass nicht einmal etwas Licht durchschien. Sie öffnete ihren Mund, um zu schreien, doch im Bruchteil eines Augenblicks füllte ein Gummiball den Zwischenraum zwischen ihren Zähnen. Ihr Atem beschleunigte sich und ihr Herz raste. Der unbekannte Angreifer fing geschickt ihre wild rudernden und um sich schlagenden Arme ein, band diese mit einem rauen Seil hinter ihrem Rücken zusammen und zwang sie somit, still zu halten. Ein tiefes Knurren drang aus ihrer Kehle. Für das ungeschulte Ohr klang es wohl bösartig und gefährlich, doch vor denjenigen, die sie kannten, konnte sie die Angst darin nicht verbergen. Der Speichel sammelte sich in ihrer Mundhöhle und sie versuchte verzweifelt, diesen zu schlucken.

      Die unbekannte Hand zog ihren Kopf an den Haaren in den Nacken. Es war klug von ihm gewesen, sie zu knebeln, denn wenn sie gekonnt hätte, sie hätte nach dem Angreifer gebissen. Sanft strich diese Hand an ihrem Hals entlang. Sie stutzte. Das wollte so gar nicht in die Situation passen. Welcher Einbrecher war zärtlich, während er sein Opfer vergewaltigte? Wieder spürte sie den leichten Hauch seiner Finger auf ihrer Haut, verheißungsvoll, prickelnd. Als dieser Reiz erneut fort war, wollte sie am liebsten gequält aufstöhnen.

      Ein ganz neues Gefühl war es, als sich nicht mehr seine Hand an ihrem Hals befand, sondern etwas Kühles, Breites, Größeres. Erst als dieses Etwas sich als Ring um ihren Hals schloss, begann sie, zu begreifen. Sie spürte die Enge, die das lederne Band um ihre Kehle legte, sog den Geruch ein und hörte das leise Klicken des Verschlusses. Sie schluckte hart.
      „Shhirr?“, fragte sie durch den Ballknebel stark verzerrt.

      Sie versuchte, ihre Wahrnehmungen zu intensivieren, schickte alle Anstrengung und Kapazität der freien Gehirnzellen zur Verfügung und Unterstützung der Nase. Angestrengt schnupperte sie, versuchte, seinen Geruch zu erhaschen, doch der widerliche Fertigfraßgeruch hatte das gesamte Wohnzimmer verpestet. So wartete sie, die Nerven zum Zerreißen gespannt, ob und wie er sich ihr zu erkennen geben würde.
      Eine Ewigkeit schien zu vergehen, er bewegte sich nicht. Sie fragte sich, ob er überhaupt atmete, so leise war es. Doch dann spürte sie seinen festen Griff in ihrem Nacken, der sie zwang, den Kopf wieder zu heben. Vermutlich würde sie ihm gerade direkt in die Augen sehen, wenn dieser elendige Stofffetzen nicht ihre Sicht blockieren würde. Sie kannte diesen Griff nur allzu gut und genauso sehr liebte sie ihn. Auch wenn er sich ihr noch nicht offiziell zu erkennen gegeben hatte, so wusste sie nun doch, dass hinter ihr kein raubender, vergewaltigender Einbrecher oder ein einbrechender Vergewaltiger stand. Aber ihren Verstand würde er sicherlich heute wieder rauben.

      Sie spürte den sanften Hauch eines Kusses auf ihrer Stirn, bevor sie die starken Arme von der Couch zwangen. Mit Nachdruck forderte er sie wortlos dazu auf, sich auf den weichen Flokati-Teppich vor ihrem Lümmelsofa zu knien. Sie konnte die Richtung, in die sie blicken sollte, nur erahnen, doch sie befolgte gewissenhaft seine unausgesprochenen Befehle. Viel zu sehr hatte er sie überrumpelt, als dass sie sich nun noch gewehrt hätte. Für freche Antworten war ihr Mund zu voll und nach ihm greifen konnte sie Dank des Hanfseiles auch nicht. Er hatte ihrem ganzen Unsinn in wenigen Augenblicken Einhalt geboten und sie dazu gezwungen, sich ihm hinzugeben, ohne ihre sonst so alltäglichen Versuche, ihn zu necken und aus der Reserve zu locken. Heute spielten sie komplett und ausschließlich nach seinen Regeln, Wünschen und Verlangen.

      Sie atmete, soweit es mit dem Ballknebel möglich war, tief durch, versuchte mit einer kleinen, unauffälligen Bewegung ihre mittlerweile schmerzenden Schultern etwas zu entspannen und straffte ihre Haltung, damit er keinen Makel an ihr fand. Sie wusste, wie wichtig ihm Perfektion war. Ihm war es natürlich aufgefallen, dass sie ihre Schultern leicht kreisen hatte lassen. Mit geschickten Fingern löste er die Seile, die ihre Hände zusammengehalten hatten, doch er hielt weiterhin ihre Handgelenke fest in seinem Griff. Ein wohliger Schauer lief über ihren Rücken. Sie liebte es so sehr, seine Nähe, Wärme und Stärke zu spüren. Er gab ihr Halt, ohne dabei Einbußen in seinem Plan zu machen. Sie war noch immer bewegungslos und hoffnungslos ausgeliefert, aber er erlaubte ihr, die geschundenen Muskeln zu lockern.

      Mit einer gekonnten Bewegung drehte er ihre Arme so auf ihren Rücken, dass sie gezwungen war, aufzustehen. Wo er solche Griffe immer lernte, wollte sie gar nicht wissen. Heute konnte sie ihn dafür nur halbherzig verfluchen, zu groß wurde die Vorfreude in ihrem Inneren. Er führte sie an ihren Armen entlang, wie an einer Leine aus dem Wohnzimmer hinaus, ließ die Tomatensuppe Tomatensuppe sein und ging mit ihr hin zu ihrem Schlafzimmer. Sie kannte den Weg auch mit verbundenen Augen und geknebeltem Mund auswendig.
      Kreativität ist Intelligenz die Spaß hat *Albert Einstein
      Als sie gerade so im Zimmer stand, ließ er ihre Handgelenke los und strich neben ihr vorbei. Nur ein Hauch von einer Berührung und doch stand ihre Haut in Flammen. Etwas verwirrt blieb sie stehen. Er hatte noch keinen Ton mit ihr gesprochen, ihr auch keine weitere Aufgabe per Berührungen mitgeteilt. So befolgte sie einfach den vermuteten Befehl, stehenzubleiben und sich nicht zu rühren. Ihre Sinne arbeiteten wieder auf Hochtouren, versuchte sie doch herauszufinden, was er geplant hatte. Zigtausend mögliche Varianten und Ideen schossen durch ihren messerscharfen Verstand und ihr Geist begann gerade, einzelne Szenarien zu zerdenken, als sie das leise Klicken eines Feuerzeuges im anderen Ende des Zimmers vernahm. Sie horchte auf. Aufs Neue machten ihre Gehirnzellen Sonderschichten. Irgendwas mit Feuer. Vielleicht Kerzen? Oder Räucherstäbchen? Oder ein Stövchen für eine Teekanne? Gut, das Letzte war eher Quatsch. Oder wollte er sie mit dem offensichtlichen Geräusch nur verwirren?

      So in Gedanken versunken, bemerkte sie die Bewegungen im Raum nicht. Umso mehr blendete sie das gedämpfte Licht der im Raum verteilten Kerzen, als mit einem Ruck die Augenbinde entfernt wurde. Sie musste stark blinzeln, um sich an die plötzliche Helligkeit zu gewöhnen. Im kompletten Zimmer waren kleine und größere Stumpenkerzen verteilt. Auf ihrer Kommode, dem Fensterbrett, den Nachtkästchen, aber auch zwei sehr große Exemplare rechts und links auf dem Boden vor dem Bett. Verlegen lächelte sie, war sie es doch so gar nicht gewohnt, dass er eine solche Atmosphäre für sie beide schuf. Der Ballknebel machte aus dieser unschuldigen Geste fast eine Grimasse. Gut, dass er hinter ihr stand und dies nicht sehen konnte.

      Mit leisen, aber großen Schritten ging er um sie herum, an ihr vorbei und setzte sich auf das Bett. Unter seinem Gewicht gab die Matratze leicht nach und quietschte etwas.
      Er gab ihr die Zeit, ihn nun auch sehen zu können. Ließ es zu, dass ihr Blick ihn musterte. Er trug ein dunkelblaues Hemd, das sich elegant an seinen wohltrainierten Körper schmiegte. Dazu eine schwarze Jeans mit dem geliebten braunen Ledergürtel, den sie ihrer Meinung nach viel zu selten spüren durfte. Diesen Wunsch hatte sie mehrmals geäußert, wenn sie sich selbst wieder Strafen eingebrockt hatte, doch er hatte wohl etwas gegen bewusst erzeugte Strafen, denn meist war ihre Kehrseite leer ausgegangen. Das war Strafe, mehr, als ihr Schmerzen zuzufügen. Seine ganze Erscheinung strahlte an diesem Abend Dominanz aus.

      Sie schluckte hart und verfluchte sich, dass sie sich an diesem Tag an all seine Regeln gehalten hatte. Wie gerne würde sie doch diesen Gürtel als Teil ihrer Strafe auf ihrer nackten Haut spüren. Vielleicht konnte sie ihn noch anderweitig provozieren?
      Er benötigte keine Worte, um ihr zu befehlen, sich für ihn auszuziehen. Langsam, denn er mochte ihren Anblick genießen. Knopf für Knopf öffnete sie die Bluse, ihre Hände zitterten vor Aufregung. Langsam für ihn, auch wenn es sie quälte. Mit einer fließenden Bewegung landete der dünne Stoff auf dem Boden und offenbarte einen dünnen, roten Spitzen-BH, welcher ebenfalls seinen Weg zum Boden fand. Sie öffnete den Reißverschluss des Bleistiftrockes und schob diesen mit graziös wiegenden Bewegungen ihrer Hüfte von eben jenen. So stand sie nun vor ihm, nackt, wie Gott sie schuf, die schmalen Beine in halterlosen Strümpfen, der Mund noch immer geknebelt. Sie atmete stockend. Die kühle Raumluft hatte ihre Brustwarzen hart werden lassen und der leichte Lufthauch quälte ihre nasse Spalte. Sie hatte sich an alle seine Regeln gehalten, bis hin dazu, auch im Büro ohne Slip zu sein.

      Er stand auf, umrundete sie. Gemächlich, aber mit der Präzision einer tödlichen Raubkatze. Sie versuchte, ihn mit ihrem Blick zu folgen, ohne den Kopf zu drehen. Sie spürte seine Präsenz hinter ihr, der Atem stoßweise, ihre Haut kribbelte unter seinem Blick, wie wenn darauf tausende kleine Ameisen ihre kuriosen Tänze vollführen würden. Die Gänsehaut breitete sich auf jedem einzelnen Quadratzentimeter ihres Körpers aus und ließ sie gleichermaßen Feuer wie Eis spüren.

      Sie spürte sein sanftes Atmen nahe dem rechten Ohr, hörte seine gleichmäßigen Atemzüge und roch endlich seinen berauschenden Eigengeruch. Scheiß auf Marihuana, Koks und LSD. Dieser Geruch war Droge genug für sie.
      Seine Hand glitt von ihrer Schulter an ihrem linken Arm hinab, nahm ihre Hand auf und führte diese in den Nacken. Die Wärme seiner Haut hinterließ eine fast brennende Spur. Die gleiche Prozedur erfuhr der rechter Arm. Bestimmt schob er einen Fuß zwischen ihre Beine und zwang sie, diese weiter zu spreizen. Sie spürte etwas Weiches an ihren Knöcheln, eine Art Manschette. Doch diese Manschette schien schwerer zu sein, als die, die sie bisher kannte. Ein leichtes Klirren, nein Klirren war falsch, mehr ein einzelner, metallischer Ton. Schon zierte ihren zweiten Knöchel eine Manschette. Kleine Bewegungen machten ihr klar, dass sie aus dieser Lage nicht herauskam. Ihre Beine waren nun endgültig auch gefesselt und wurden erbarmungslos an Ort und Stelle gehalten. Eine Spreizstange war das Mittel seiner Wahl gewesen.

      So stand sie nun da, bewegungslos, ausgeliefert, mit nichts in ihrem Blickfeld als das leere, durch Kerzen erleuchtete Zimmer und mit dem Wissen, dass er hinter ihr stand.
      Es vergingen wieder unzählige Augenblicke. Augenblicke, in denen ihre Gedanken rasten. Was hatte er nur vor? Wieso sprach er nicht? Wieso war er überhaupt hier? Womit hatte sie seine Anwesenheit und Aufmerksamkeit verdient? Wollte er sie quälen? Wollte er sie schlagen? Vielleicht mit dem — Zack!

      Mitten in ihre Gedanken hinein traf das kühle Leder des Gürtels ihre blanken Pobacken. Ein wohliger, heißer Schmerz breitete sich in ihrer Kehrseite aus und ließ sie leise gegen das Gummi in ihrem Mund stöhnen.
      Immer und immer wieder knallte das kalte Leder auf ihre Haut, färbte das Hinterteil langsam, aber sicher rot. Sie spürte die Hitze, die von ihrer Haut ausging, spürte den kalten Luftzug, wenn er zu einem neuen Schlag ausholte, spürte die glatte Oberfläche des Leders, bevor der scharfe und doch dumpfe Schmerz Oberhand gewonnen hatte. Sie mochte schreien, mochte wimmern, mochte um mehr betteln, mochte mehr spüren, doch sie blieb stumm. Nur ab und an entfuhr ihr ein leises Stöhnen, das fast vollständig von dem Ballknebel gedämpft wurde.
      Der Moment hielt sie gefangen. Der Kopf voll von Gedanken und doch erschreckend leer. Nur an ihrem rasselnden Atem hörte man ihre Anstrengung, ihr Leiden. Doch mit jedem Schlag nahm ihre Anspannung ab, fiel etwas Last von ihren Schultern. Langsam leerte sich ihr Kopf und die Gedanken verschwanden und machten einer wohligen Stille Platz.

      Zwanzig oder mehr Schläge waren es bisher gewesen, sie hatte aufgehört, zu zählen, zu sehr genoss sie die Qual, der er sie aussetzte.
      Er nahm sie in den Arm, gab ihr die Nähe und den Halt, den sie jetzt so bitterlich benötigte. Sie ließ sich an seine starke Brust fallen und die Tränen begannen, zu fließen. So verharrten sie, bis sie aufgehört hatte, zu schluchzen. Vorsichtig entfernte er den Knebel aus ihrem Mund und hob ihren Kopf mit zwei Fingern an.
      Er blickte ihr tief in die Augen. Seine Pupillen waren stark geweitet vor Lust und das von einem leichten Grau durchzogene Braun seiner Iriden funkelte nun dunkler, verruchter als sonst. „Manchmal ist es doch ganz schön, brav zu sein, nicht wahr?“



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